21.10.1974

GESTORBENJosef Krips

Josef Krips, 72. Als Fünfjähriger dirigierte der Wiener Arztsohn, auf einem Stuhl stehend, seine vier Geschwister -- Hausmusik zur Freude der Eltern, die den Knaben bald darauf im Kirchenchor singen ließen und ihn später aufs Wiener Konservatorium schickten. 18jährig begann Krips -- unter Felix Weingartner -- seine professionelle Dirigentenlaufbahn. Bereits mit 24 Jahren war er Deutschlands jüngster Generalmusikdirektor in Karlsruhe und kehrte 1933 nach Wien zurück -- als Erster Dirigent der Staatsoper. 1938 wechselte Krips für ein Jahr als Gastdirigent nach Belgrad. Bei seiner Rückkehr hatten die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Krips durfte "aus rassischen Gründen" nicht mehr arbeiten. Nach Kriegsende widmete sich der Österreicher dem Wiederaufbau des Wiener Musiklebens und "seinem Gott, ja, Abgott Mozart" ("Frankfurter Allgemeine") und war in den folgenden Jahren nacheinander Chefdirigent der Symphonieorchester in London, Buffalo, San Francisco und -- wieder -- Wien. Er galt nie als genialer Pult-Star, eher als Kapellmeister mit stilistisch sicherem Geschmack, von erlesener musikalischer Qualität. Am vorletzten Wochenende starb Krips in einer Genfer Klinik an Lungenkrebs.
Oskar Schindler, 66. Nach Ende des Polenfeldzuges übernahm der damals 32jährige Sudetendeutsche eine Fabrik bei Krakau, die Wehrmachtsbedarf lieferte und schon bald für "kriegswichtig" erklärt wurde. Als Wehrmacht-Lieferant bekam und nutzte Schindler die Möglichkeiten, polnische Juden aus dem Krakauer Getto als Zwangsarbeiter anzufordern. Als die Gettos ab 1942 aufgelöst wurden und den Juden der Abtransport ins KZ drohte, erreichte Schindler nach zähen Verhandlungen die Sondererlaubnis, seine Arbeiter in einem eigenen Barackenlager unterzubringen. Sooft es möglich war, forderte er weitere Zwangsarbeiter an; 1944 lebten mehr als 1100 Juden in Schindlers Baracken. Bald darauf wurde der Betrieb ins Sudetenland verlegt; die jüdischen Arbeiter kamen ins KZ. Durch Bestechung gelangte Schindler erneut in den Besitz einer Genehmigung für ein eigenes Barackenlager; er durfte seine Arbeiter aus dem KZ zurückholen. Bei Kriegsende schlug er sich mit ihnen in die amerikanisch besetzte Zone durch und ging als Farmer nach Argentinien. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück. Er erhielt Einladungen nach Israel, wurde dort als "Gerechter aus den Völkern" geehrt und mit dem Friedenspreis der Martin-Buber-Gesellschaft ausgezeichnet; in den USA wurden Straßen nach ihm benannt. In Frankfurt, wo er zuletzt wohnte, und auch anderswo in der Bundesrepublik, blieb er bis zuletzt fast unbekannt. Schindler starb am Mittwoch vorletzter Woche an Herzversagen.

DER SPIEGEL 43/1974
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