11.11.1974

HOCHSCHULEN

Lieber Graf Anton

Die Oldenburger Universität darf nicht, wie es die Hochschulgremien wünschen, nach Carl von Ossietzky benannt werden.

Professor Joist Grolle, Hochschulminister in Niedersachsen, bekundet immer wieder seinen Respekt vor einem Nobelpreisträger. "Die scharfsichtigen Artikel", die der Pazifist Carl von Ossietzky einst für die "Weltbühne" verfaßt hat, gehören für ihn "bis heute zu den eindrucksvollsten Zeugnissen demokratischer Publizistik".

Doch der Historiker Grolle, der -- bis zur Berufung zum Staatssekretär seines Vorgängers Peter von Oertzen -- in Oldenburg Geschichte lehrte, hat als Politiker Schwierigkeiten in Oldenburg. Er verwehrt, was die Organe der dortigen Universität "in seltener Einmütigkeit" fordern, wie Rektor Rainer Krüger konstatiert: Die neue Hochschule darf sich nicht "Carl-von-Ossietzky-Universität" nennen, sie soll, so will es der sozialdemokratische Minister, schlicht "Universität Oldenburg" heißen.

So heißt sie denn auch erst einmal, laut Dienstsiegel. Weil die Namensgebung ein "einvernehmliches Zusammenwirken von Staat und Hochschule" voraussetzt, konnte das Ministerium seine Zustimmung zum Paragraphen I der Universitäts-"Grundordnung" versagen. Darin wollte sich die Hochschule nach dem Pazifisten nennen, den die Nazis im niedersächsischen KZ Esterwegen so quälten, daß er die Folgen nicht überlebte.

Trotz des Minister-Verdikts prangt nun auf dem blauen Grund des Bibliotheksturms, sehr akkurat, in weißen Kunststoff-Lettern der Name Ossietzky -- ein Werk von Studenten, die, der offenen Sympathie aller Hochschulgruppen gewiß, nicht bei Nacht und Nebel, sondern gleichsam öffentlich, auf die Leiter gestiegen waren.

Rektor Krüger denkt gar nicht daran, die Aufschrift entfernen zu lassen, wertet die Aktion der Studenten als eine berechtigte "Kundgebung der Enttäuschung". Grolle seinerseits sieht keinen Grund, auf den Hausherrn Krüger einzuwirken, solange die Universität nicht ihren Briefkopf ändert.

Im Wahlkreis des Ministers, den er im Sommer an die CDU verlor, wiederholt sich, was sich ähnlich schon mit umgekehrtem Vorzeichen in Nordrhein-Westfalen abgespielt hat. In "Düsseldorf durfte die neugegründete Universität nicht nach Heine genannt werden; dort freilich waren es staatliche und städtische Stellen, die den Namen wollten, und die Hochschule wehrte sich.

Das Argument aber, das der damalige Düsseldorfer Rektor Alwin Diemer gegen die Pro-Heine-Aktion artikulierte -- eine Namensgebung sei ein "alter Zopf" -, wird heute von Grolle in Niedersachsen aufgegriffen: Einer Hochschule "einen besonderen Namen zu geben". sagt er, sei "Rückfall in ein Traditionsritual von vorgestern".

Dabei leugnet Grolle durchaus nicht, daß seine Haltung, trotz aller Sympathie für Ossietzky, gegen den Uni-Namen zu votieren, den Vorwurf provoziert, "daß ich auf zwei Ebenen argumentiere" -- wie er denn auch noch immer bedauert, daß es keine Heine-Universität gibt.

Aber Düsseldorf ist weit, und in der Oldenburger Provinz, wo, wie Grolle meint, eine nach Ossietzky benannte Uni "im günstigsten Falle Kopfschütteln, im ungünstigsten Fall Aggressionen hervorrufen würde", glaubt sich der Minister einig mit der Mehrheit der Bürger. Und da hat er wohl recht.

Von den 3111 Lesern jedenfalls, die sich an einer Umfrage der lokalen "Nordwest-Zeitung" ("NWZ") beteiligten, sprachen sich über 3000 gegen den Namen Ossietzky aus.

Die meisten waren überhaupt dagegen, die Hochschule nach einer Person zu benennen, und wenn schon, dann hätten sie doch lieber eine "Graf-Anton-Günther-Universität" gehabt -- nach einem Oldenburger Potentaten des 17. Jahrhunderts, der sich als Pferdezüchter einen Namen machte.


DER SPIEGEL 46/1974
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