11.11.1974

„Gebt die Junta dem Volk!“

Mutter Pattakos, heute fast hundert, Analphabetin, aber beweglich wie eine Bergziege, ahnte es schon vor vier Jahren: Was ihr Stelio da in Athen tue, werde nicht gut enden, vertraute sie im Sommer 1970 in dem kargen Bergdorf Aghia Paraskevi an den Südhängen des Ida-Gebirges auf Kreta dem SPiEGEL an.
Sie hat recht behalten -- es steht nicht gut um Stylianos Pattakos, den glatzköpfigen Ex-Innenminister der Ex-Diktatur. Zusammen mit seinem Boß Papadopaulos, dem früheren Koordinationsminister Makarezos, Sicherheitschef Ladas und dem Führer des militärischen Geheimdienstes, Roufogalis, sitzt der einst so mächtige Panzergeneral Pattakos, der in seiner Amtszeit Tausende Landsleute auf die KZ-Insel Jaros verschickte, selbst verbannt in einem Drittklasse-Hotel auf der Insel Kea.
Insulaner, Ausflügler und ausländische Journalisten begucken die einst so gefürchteten Obristen wie Affen im Käfig. Vor der Insel ankert ein Zerstörer, seine Geschützrohre auf das Hotel gerichtet -- bei einem Befreiungsversuch hat er Befehl, das Gebäude zusammenzuschießen. "Wenn ich nicht wüßte, was sie gewesen sind, könnte ich
* Beim Auftritt des Zentrums-Führers Mavros.
Mitleid mit ihnen haben", philosophiert ein Ortsbewohner.
Auf den Plätzen Athens, Salonikis oder Heraklions verspüren die Massen kein Mitleid mit ihren einstigen Peinigern. "Gebt die Junta dem Volk!" skandieren sie auf Versammlungen. Was sie mit den Obristen zu tun gedächten, zeigen sie auf Plakaten: Da hängen die Herrscher von gestern an Galgen.
Schlimm ist es schon für Papadopoulos und seine Kumpane, wenn sie die -- unzensierten -- Zeitungen aufschlagen oder abends fernsehen: Alle "alten Kräfte", deren restlose Ausrottung erklärtes Hauptziel der Junta gewesen war, sind wieder da. Fast nahtlos knüpft Griechenlands politische Szene im November 1974 dort an, wo der Obristenputsch vom April 1967 sie so abrupt unterbrach. Es scheint, als hätte es die sieben Jahre Diktatur nie gegeben.
Geputscht hatten die Obristen damals, um eine angeblich "kommunistische Bedrohung" abzuwenden -- genauer, zwei Tage vor einer geplanten Massenveranstaltung des Linken Georgios Papandreou in Saloniki.
Jetzt versetzt sein Sohn Andreas Papandreou, in seinen Parolen linker denn je, hunderttausend auf dem weiten Aristotelous-Platz in Saloniki in hysterische Verzückung. Die Gefolgsleute des Führers der "Panhellenischen Sozialistischen Bewegung" (Pasok) suchen ihrem Idol die Hände zu küssen, und er läßt"s geschehen wie ein Metropolit der Orthodoxen Kirche.
Vor Ämtern und Kasernen, die bis zum Juli das Phönix-Emblem der Diktatur schmückte, schwenken skandierende Jugendliche rote Fahnen mit Hammer und Sichel -- Alptraum der "christlich-hellenischen" Offiziere, die das Abendland vor den Roten retten wollten.
Ohnmächtig müssen die Herren von gestern auch hinnehmen, daß der neue Verteidigungsminister Evangelos Averoff, für sie Symbol des "abgewirtschafteten" hellenischen Systems der 60er Jahre, Generäle in Pension schickte; daß er ihrem letzten Meister, dem General Joannidis, eine Pistole vor die Brust hielt, als der maulend ins Ministerzimmer stürzte; daß Premier Karamanlis sie nun verantwortlich macht für das Zypern-Desaster.
Und erstmals seit es eine griechische Armee gibt, wird sie am kommenden Sonntag wohl tatenlos zusehen müssen, wie das Volk wählt, ohne daß sie das Ergebnis beeinflussen kann, Die Soldaten werden nicht, wie in der Vergangenheit, in geschlossenen Reihen zur Wahl in der Kaserne anrücken, ausgestattet mit bereits angekreuzten Stimmzetteln, die sich, da die Uniformierten das Ergebnis unter sich auszählten, dann oft noch wundersam vermehrten.
So gibt man der einzigen Partei, die für die Junta-Vergangenheit eintritt, der "Nationaldemokratischen Union" des ehemaligen Verteidigungsministers Garoufalias, auch nur Chancen auf höchstens drei Prozent der Stimmen. Seine Verwandtschaft muß es schon heute büßen: Die Brauerei Fix, in die Garoufalias eingeheiratet hat, beklagt dramatischen Umsatzrückgang. Niemand will mehr "Junta"-Bier trinken.
Abseits der isolierten Junta-Jünger ist die hellenische Vorwahl-Landschaft chaotisch wie je. 47 Parteien werben um die sechs Millionen Wähler, und halbherzig klang der Trost, den die Athener Zeitung "Ta Nea" ihren Lesern spendete: "Lieber 47 Parteien als 47 Panzer in der Stadion-Straße."
Die meisten der Parteien haben ohnedies kaum Chancen, gewählt zu werden. Stimmen bringt diesmal am ehesten der Nachweis von Widerstand gegen die Obristen. Der ehemalige Heidelberger Professor Mangakis, heute Kandidat der "Zentrumsunion -- Neue Kräfte" des zurückgetretenen Außenministers Mayros, von der Junta gefoltert, zieht ebenso Tausende zu seiner Kundgebung wie der frühere Leutnant Panagoulis, der einst Papadopoulos in die Luft zu sprengen versucht hatte und dafür zum Tode verurteilt worden war.
Die Verlegerin Heleni Vlachou, die ihre Zeitungen aus Protest gegen die Junta einstellte, kommt über einen Ehren-Sitz ins Parlament. Die Schauspielerin Melina Mercouri ("Sonntags nie") wird am kommenden Sonntag in Piräus mit Sicherheit gewählt. Andere Frauen -- insgesamt nur 34 von 1426 Kandidaten -- haben es im Männerland Hellas schwerer. Doch unermüdlich trotz eines Beinbruchs kämpft beispielsweise die Sozialanwältin und Widerständlerin Agni Roussopoulou in hauptstädtischen Tavernen um Stimmen für die Zentrumsunion.
Premier Karamanlis, der Mann mit der längsten Amtszeit eines hellenischen Regierungschefs in diesem Jahrhundert (acht Jahre), Retter des Vaterlandes in der Stunde des Zusammenbruchs der Junta, hat stets vollen Platz: ob in seiner Heimat Mazedonien, wo 150 000 einander in Saloniki fast zertrampelten, ob in Larissa, wo Spruchbänder verkündeten: "Alexander der Große. Karamanlis und Aristoteles, die drei großen Mazedonier, die Griechenlands Ruhm mehrten."
Die Wähler schreien sich heiser, winken sich müde, halten Karamanlis-Bilder wie Ikonen hoch, fallen von Bäumen, puffen und trampeln einander, um dem Verehrten nahezukommen.
Sicher scheint, daß Karamanlis die Wahl gewinnen wird. Die Flüsterparole "Karamanlis oder die Panzer", die andeuten soll, daß beim Wahlsieg eines Linken ein neuer Putsch drohe, verfehlt nicht ihre Wirkung. Der Premier selbst läßt keinerlei Zweifel an seiner Siegeszuversicht. "Ich werde nicht nur die Mehrheit, sondern eine große Mehrheit bekommen", sagt er zum SPIEGEL. "Und ich brauche sie, um unsere schwierigen Probleme zu lösen."
SPIEGEL: Welche sind die schwierigsten?
KARAMANLIS: Zypern, die Wirtschaft, die Festigung der Demokratie. Auf Zypern muß eine Lösung gefunden werden, die dem Verhältnis der Volksgruppen entspricht -- ein Fünftel Türken, vier Fünftel Griechen -- sonst wird es keinen Frieden geben.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Wirtschaft sanieren?
KARAMANLIS: Durch einen möglichst raschen Anschluß an die EG.
SPIEGEL: Wie sehen Ihre Demokratie-Vorstellungen aus, haben Sie ein Vorbild in Europa?
KARAMANLIS: Wenn, dann eher Frankreich als England. Wir wollen, wie die Franzosen, eine starke Exekutive, aber auch eine Kontrolle durch ein funktionierendes Parlament.
SPIEGEL: Eine Demokratie mit oder ohne König?
KARAMANLIS: Das wird das Volk entscheiden, schon sehr bald.
Der Premier, 67, meidet in seinem Athener Amtssitz. dem Alten Schloß, die Räume seines Vorgängers Papadopoulos. Sein Gedächtnis wird als phänomal geschildert. Für seine Mitarbeiter ist er zuweilen schwierig: Er pflegt seine -- tatsächliche -- Schwerhörigkeit zuweilen zu nutzen, um zu überhören, was er nicht hören will.
Ebenso schwierig ist es abzuschätzen. inwieweit der einstmals gestandene Autokrat Karamanlis, der in den 50er Jahren Wahlen gekonnt fälschen ließ. tatsächlich sein demokratisches Gewissen geschärft hat. Scheitert er. wird das Athen von 1974, auch in dieser Hinsicht, dem vom 1967 gleich, drohen neue Putschabenteuer.
Das Gegenstück zu Karamanlis in seinem blauen Blazer ist jener Mann, der, für viele überraschend, in
wenigen Wahlkampfwochen zum Spitzenkonkurrenten für den Premier wurde und der nun in Lederjacke mit offenem Hemdkragen Volkstribun spielt: Andreas Papandreou, 55.
Der Linke Professor aus Berkeley mit amerikanischer Frau hat zwar den Vorteil eines legendären Vaters -- des "Alten" Georgios Papandreou, der 1964 die absolute Mehrheit gewann, dann von König und Armee gestürzt wurde und dessen Begräbnis im Jahr 1968 zur größten Demonstration gegen die Junta wurde.
In den Jahren des Exils konnte Sohn Andreas sich freilich nur wenig profilieren. Aber sein Name und seine demagogische Beredsamkeit -- eine Kunst, die viele Griechen mehr als alles andere schätzen -, seine Show im Proletarier-Look und seine radikalen linken Thesen gegen Obristen, Kapitalisten, Nato und Amerikaner reißen viele Hellenen, die nach sieben Obristen-Jahren rechter Töne müde sind, zu beispiellosen Begeisterungsstürmen hin. Papandreou ruft ihnen zu, was sie hören wollen-daß alle Amerikaner, nicht nur deren Regierung, Imperialisten seien, daß Onassis und Co. aus Griechenland zu verschwinden hätten, daß die Wirtschaft zu sozialisieren sei und die Krone ihren Platz im Museum habe.
Die Zuhörer stört es nicht, daß seine Parolen schwerlich in Taten umzusetzen sind, und er selbst weiß, daß er jetzt kaum in die Lage kommen wird, dies tun zu müssen: Er will diesmal nur starker Zweiter werden, sein Ziel sind die nächsten Wahlen, und die erwartet er, so Papandreou zum SPIEGEL, dann "bald, in spätestens einem Jahr".
SPIEGEL: Welche Vorbilder haben Sie, mit welcher anderen Partei ließe sich Ihre "Pasok" vergleichen?
PAPANDREOU: Mit den italienischen Sozialisten, nicht aber mit mitteleuropäischen Sozialdemokraten. Wir gehören nicht zu Westeuropa, wir sind ein mediterranes Land und ein Entwicklungsland. Wir können von Jugoslawien lernen, aber auch von Ländern jenseits des Meeres -- von Algerien etwa.
SPIEGEL: Wer unterstützt Sie, von wem bekommen Sie Geld?
PAPANDREOU: Von unserer Basis. Wir haben die stärkste Organisation in Griechenland aufgebaut.
SPIEGEL: Sie bekommen nichts vom Ausland?
PAPANDREOU: Etwas von den italienischen Sozialisten, ein wenig aus Skandinavien, nichts mehr von den deutschen Sozialdemokraten, die haben ihre Unterstützung schon vor einem Jahr eingestellt.
Geld aus dem Ausland bekommen auch die Kommunisten, die zum erstenmal seit fast vier Jahrzehnten an einer Wahl teilnehmen dürfen. Sie nennen sich Vereinigte Linke, sind aber hoffnungslos zerstritten zwischen KP Ausland (moskautreu) und KP Inland (mit Verbindungen nach Rumänien und Jugoslawien) sowie der ehemaligen Eda des Linken-Führers Iliou.
Ihr und Papandreous Reservoir könnte eine Masse sein, die hei diesen Wahlen noch nicht zu mobilisieren ist -- die Jugend. Denn am 17. November wählen nur jene, die bereits 21 geworden sind, erst danach soll das Wahlalter auf 18 herabgesetzt werden.
Selbst unter den Twens können aber viele nicht wählen: Sie haben kein Wahlbuch, sind nicht in Wahllisten eingetragen, da sie unter den Obristen so etwas nicht für nötig hielten und die hellenische Bürokratie dafür ein Jahr Zeit benötigt.
Wie immer die Wahlen ausgehen, Pattakos und seine Kameraden auf Kea können ihrem Schicksal wohl nicht mehr entgehen. Die Regierung Karamanlis, der viele ungeduldige Griechen allzu große Nachsicht mit den Diktatoren von gestern vorwarfen, hat die Obristen per Verfassungsakt der Justiz überantwortet. Eine Richterversammlung, einmalig in der Geschichte hellenischen Rechtswesens, beschloß vorletzte Woche, insgesamt 65 Offiziere wegen Hochverrats und Aufstands anzuklagen. Nur vier von 88 Richtern stimmten dagegen. Bei Schuldspruch kann für diese Anklagepunkte Todesstrafe verhängt werden. Den letzten Junta-Chef Joannidis will die Regierung noch knapp vor dem Urnengang verhaften lassen.
Die Verbannten auf Kea reagierten verstört auf den für sie fatalen Richterspruch. Sie kamen nicht zum Essen und igelten sich in ihren Zimmern ein.
Nur Geheimdienstler Roufogalis ließ sich in der Öffentlichkeit sehen -- beim Zeitungskauf. Wütend knurrte er einen Neugierigen an: "Es kann auch noch einmal anders kommen."

DER SPIEGEL 46/1974
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