25.11.1974

WISSENSCHAFTBart ab

Was ist und zu welchem Ende studiert man Psychologie? Eine Gedenkschrift auf Ernst August Dölle, eine einzigartige Figur des deutschen Geisteslebens, gibt Auskunft.
Unbill prägte ihn früh -- das Trauma, ein bezechtes Faktotum in Vaters Garten pissen zu sehen; ein mißglückter Fallschirmabsprung aus einem Weltkrieg-I-Beobachtungsballon vor Verdun; die verpatzte Katharsis seiner Psychoanalyse, die darin gipfelte, daß er der ewig strickenden und im Ofen stochernden Analytikerin "den Schürhaken einige Male schneidig über das Gesäß zog.
Aus den heimischen Heide-Wäldern, die ihm "Einheit von Werden und Gewordensein, Ausgleich in der Dialektik von Natur und Geschichte, Sinnbild von Leben und Tod" waren, verschlug es den steifen Pastorensohn nach dem frohsinnigen Konstanz. Und daß er sich 1933 nicht nur des Kinn-, sondern auch des Lippenbartes entledigte. wurde "noch bis 1945 als eine dem Hochschullehrer nicht angemessene Form politischen Demonstrierens" mißdeutet.
Trotz kläglicher Umstände. und obwohl die Summe seines Schaffens nur in einem kaum zugänglichen Nachlaß auf schwer lesbaren Sütterlin-Zetteln enthalten ist, gewann er unbedingte Autorität: "Ernst August Dölle hätte das anders gesagt, gilt derzeit an bundesdeutschen Psychologie-Instituten als Argument. das jeden Einwand sticht.
Den Menschen und Forscher Dölle hat nun erstmals ein Freundeskreis öffentlich gewürdigt. Den anderthalb Dutzend Psychologen. angestiftet von dem Marburger Professor Theo Herrmann, gelang mit der in diesem Monat erschienenen Gedenkschrift gleich zweierlei: das Inbild eines deutschen Professors zu zeichnen und den Zustand ihrer Wissenschaft darzulegen*.
Ernst August Dölle, ein Phänomen. vergleichbar nur dem geheimnisumwitterten Diplomaten Edmund F. Friedemann Dräcker. hat zwar nie gelebt. Doch gibt es Dölles samt ihrem akademischen Klüngel noch allenthalben: verquast und selbstgefällig. schnell mit deni Denken fertig und aus fremden Stilblüten Honig saugend.
"Mag es immer schwieriger werden, die Psychologie zu definieren, wird
* Theo W. Herrmann (Hrsg.): "Dichotomie und Duplizität. Grundfragen psychologischer Erkenntnis -- Ernst August Dölle zum Gedächtnis. Verlag Hans Huber, Stuttgart; 24S Seiten; 29 Mark.
selbst bisweilen die Frage nicht unterdrückt, ob unsere Wissenschaft überhaupt möglich sei", so hebt der Herausgeber listig an -- aus dummerhaften Anekdoten, aus angestrengtem Jargon. grotesken Formel- und Tabellensystemen, eitlen Selbstzitaten und dem irrwitzig gelehrten Beiwerk von Fußnoten und Literaturangaben fließt dann doch ein Opus zusammen, das den Instituts- und Lehrbetrieb treffend schildert -- als traurig stimmende Posse.
Wie wird man Ordinarius? Man hat eine Idee: Im Fall des gehörgeschädigten Dölle ist es die Theorie, es müsse analog zur Farbmischung im Auge eine Tonmischung im Ohr geben und damit sei auch gleich der "Optozentrismus der abendländischen Kultur", laut Dölle-Schiiler Kurt Hermann Stapf "bis heute für die Philosophie und auch für die Psychologie ein Unglück", erledigt. Um diesen Nonsens-Einfall jedenfalls webte das Autoren-Team. mit Freud und Marx, Lorenz, Heidegger und Habermas im Hinterkopf. das Konvolut. das es in wortreicher Dürftigkeit mit jeder Dissertation aufnehmen kann.
"Die eigentliche Aufgabe der Wissenschaftstheorie", so beruft sich etwa ein Walter Wegbauer auf Walter Wegbauer, "besteht wohl in der Präzisierung einschlägiger Begriffe, wobei natürlich ein exakter Präzisierungsbegriff vorauszusetzen ist." Der Regensburger Adolf Vukovich extemporiert Dölle ganz dementsprechend:
"Vieles, was man sagen könnte. wird nicht ausgesprochen."
"Vieles, was ausgesprochen wird. trifft nicht zu."
* Mutmaßliche Aufnahme seines Ballonabsprungs 1917 vor Verdun.
* "Das Wenige, was zutrifft, ist meistens weder neu noch wissenswert." Dölle wußte Rat. Ähnlich wie die Kollegen von der Medizin, die ob des Mangels an Mitteilenswürdigem ins Latein retirierten, entwickelte er eine Fachsprache mit der Maßgabe, "plausibel im Inhalt und dunkel in der Aussageweise" zu sein.
Dölles Ruf sank, berichtet Vukovich, als er sich "innerhalb einer Viertelstunde gleich dreimal an der vulgärpsychologischen "Abgewöhnung" vergriff" -- dabei hatte ihm "mit dem nahezu unübersetzbaren "Desensitizing", mit der latinisierten "Desensitivierung", mit der schon gefährlich alltagsnahen "Desensibilisierung" oder mit dem präzisen Begriffsnamen .Counter conditioning" eine stattliche Auswahl vernünftiger Ausdrücke zu Gebote" gestanden. Die Schüler haben das schlimme Beispiel beherzigt. "Psychologie", so definiert Stapf mit Dölle, "ist methodal die reflexive Intentionalität der Seele in ihrem lauschend-vernehmenden Modus und materialiter das Insgesamt der Noemata der reflexiven Intentionalität als lauschend Vernommenes."
Wie hatte es schon in dem biographischen Beitrag über "Ernst August Dölle und der Wald" geheißen? "Es geht hier um geheime Entsprechungen zwischen Mann und Volk, Person und geschichtlichem Raum, die zu entschleiern man sich hüten sollte."

DER SPIEGEL 48/1974
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