02.12.1974

TV-SERIEN

Mieser Eindruck

"Derrick", Krimi-Serie von Herbert Reinecker. ZDF.

Am Krimi, man weiß es, wird zuallerletzt gespart werden: Die Verbrecherjäger, von Keller bis "K 1", sind die tragenden Pfeiler der deutschen Fernseh-Unterhaltung. Zeigt eine dieser Stützen Ermüdungserscheinungen, muß gleich eine neue her; für Cannon, den funken Fettwanst, übernimmt Kojak, der kahle.

Derlei Ablösungen wirken manchmal erfrischend, wenn auch zumeist nur kurzfristig. Der Wechsel dagegen, den das ZDF seit kurzem angebahnt hat, erscheint eher überflüssig: "Derrick" ist schon am Beginn seines Serienlebens so morsch wie "Der Kommissar", den er doch ersetzen sollte, am Ende des seinen.

Was nicht alles war uns versprochen worden! Derrick werde ein ganz anderer Spürhund-Typ sein, interessant angefressen von der "Melancholie und dem Zynismus eines Humphrey Bogart" -- so Derrick-Darsteller Horst Tappert; die neue Serie werde vor allem "Wege ins Verbrechen auf zeichnen", psychologische und soziale Unter- und Hintergründe also -- so "Derrick"-Autor Herbert Reinecker, der überdies wissen ließ, er habe die ersten drei "Derrick"-Folgen "mit wahrer Lust heruntergeschrieben".

Was diese ersten drei sehen ließen, war vor allem ein Tappert, der, stets ii la mode betucht, von Bogart soviel hat wie Peter Alexander von Peter Lorre; war etwa ebensoviel an Sozio-Psycho-Hintergründigkeit, wie in den -- von Reinecker mit spürbarer Unlust heruntergeschriebenen -- letzten "Kommisssar"-Folgen vorkam.

Ob Mädchenmord eines Triebtäters ("Waldweg"), ob Gattinnenmord eines Haltlosen ("Johanna"), ob fahrlässige Mädchentötung eines Enthemmten ("Stiftungsfest", letzten Sonntag) -- Reineckers plot ist zumeist von der Raffinesse einer Lotto-Ausspielung' seine Charakterzeichnung kann es mit der Subtilität von "Was bin ich?" aufnehmen, sein Dialog ist so originell wie der Wetterbericht.

Solche Dürftigkeit kann von routinierten Regisseuren und Schauspielern (beim "Stiftungsfest": Helmut Käutner, Siegfried Lowitz) momentweise überspielt werden. Sie ist jedoch tödlich für den einzigen neuen Einfall, den der notorische Frauenkiller Reinecker in sein "Kommissar"-Kontrastprogramm eingebracht hat -- die Idee, den Zuschauer gleich am Anfang wissen zu lassen, wer der Täter ist.

In diesem Fall nämlich müßte, damit die Sache spannend bleibt, der Detektiv, der weniger weiß als der Zuschauer, eine besonders interessante Figur machen, müßten Täterpsyche, Tat-Vorgeschichte und Tat-Aufklärung an sich von außergewöhnlichem Reiz sein.

All das ist bei "Derrick" nicht der Fall. Der klassischen Wer-war's?-Spannung beraubt, tappert dieser Dressman von einem deutschen Oberinspektor ziemlich ratlos durch die Klischees und Ungereimtheiten ziemlich stereotyp konstruierter Fälle, langweilt den Zuschauer, der es längst besser weiß, mit der Verfolgung falscher Spuren, schnauzt mal barsch, guckt mal streng, hat aber insgesamt wenig zu sagen und zu fragen.

Derrick-Gehilfe (im "Stiftungsfest"): "Was machen wir 'n jetzt?"

Derrick: "'n ziemlich miesen Eindruck."

Zur Auflösung des Rätsels, das ohnehin nur für ihn eines ist, wird Derrick kaum gebraucht. Irgendwann verlieren die Täter die Nerven, machen einen Fehler oder gehen in sich. Derrick -- eine Nebenrolle. Daß die Serie nach ihm betitelt ist, das ist ungefähr so, wie wenn der "Hamlet" nicht Hamlet, sondern "Fortinbras" hieße.

Daß der Start der Serie "schwach" war, wird mittlerweile auch im Kreis der "Derrick"-Macher zugegeben. Drei Folgen sind gesendet, acht weitere schon produziert. Nun ist man "dabei, Team-Initiative zu entwickeln, damit aus diesem Derrick eine Figur wird, die in Zukunft mehr bringt" -- so Theodor Grädler, Regisseur mehrerer noch ungesendeter "Derrick" -Folgen.

Eine von ihnen, "Panik", handelt -- wovon wohl? -- von einem Mädchenmord. Rolf Becker

* Horst Tappert (r.) als Derrick und Siegfried Lo-Witz in der Folge "Stiftungsfest"


DER SPIEGEL 49/1974
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