02.12.1974

„Ein solches Buch wird nicht geklaut“

Bei der Pariser „YMCA-Press“ hat Alexander Solschenizyn die Studie eines russischen Literaturwissenschaftlers „D“ veröffentlicht, in der nachgewiesen werden soll, daß Sowjet-Autor Michail Scholochow seinen Roman „Der stille Don“ nicht allein geschrieben habe. Als wahrer Urheber des Werks, für das Scholochow 1965 den Nobelpreis erhielt, wird ein im Bürgerkrieg umgekommener Schriftsteller namens Fjodor D. Krjukow, Sohn eines Kosakenoffiziers, namhaft gemacht. Scholochow hat darauf bisher öffentlich nicht reagiert. Als erster prominenter Sowjet-Literat äußerte sich jetzt, in einem Interview mit SPIEGEL-Korrespondent Norbert Kuchinke in Moskau, der Romancier und Dramatiker Konstantin Simonow, 59 (Tage und Nächte), zu der Affäre.
SPIEGEL: Herr Simonow' Alexander Solschenizyn und ein nicht namentlich genannter russischer Literaturwissenschaftler behaupten in dem Buch "Der Hauptstrom des "Stillen Don"', Michail Scholochow habe den Roman "Der stille Don" nicht selbst geschrieben. zumindest nicht in allen Teilen.
SIMONOW: Diese Vorwürfe sind Scholochow schon in den zwanziger Jahren gemacht worden. Nichts daran ist wahr. Solschenizyn mit seinen anonymen Helfern hat den Leichnam dieser Lüge galvanisiert. Als Schriftsteller müßte er wissen, daß das eine Lüge ist -- ein Roman wie der "Stille Don" wird nicht geklaut, sondern geschrieben.
SPIEGEL: Kennen Sie das Buch "Der Hauptstrom des "Stillen Don"'?
SIMONOW. Ja. Ich war gerade in Paris, als es auf den Markt kam. Es ist kein qualifiziertes Buch und beweist nichts.
SPIEGEL: Was sollte Solschenizyn für ein Interesse daran haben, Scholochow des Plagiats zu bezichtigen?
SIMONOW: Sein Haß gegen alles Sowjetische ist anscheinend stärker als. sein Verstand. Er will im Grunde genommen beweisen, daß so ein ehrliches Buch über den Bürgerkrieg wie "Der stille Don" nicht von einem sowjetischen Schriftsteller und zudem noch "Zugereisten" wie Scholochow geschrieben werden konnte, sondern eben nur von einem Weißgardisten und gebürtigen Kosaken wie Krjukow oder einem anderen.
SPIEGEL: Ist Ihnen ein Kosaken-Schriftsteller wie Krjukow von vornherein suspekt?
SIMONOW: Nein, nein, nein, ich habe nichts gegen Krjukow. Er war ein interessanter Schriftsteller um die Jahrhundertwende, aber zweitrangig. Wer seine Werke liest, wird verstehen und erkennen, daß er den "Stillen Don" keinesfalls geschrieben haben kann.
SPIEGEL: Wenn das Gerücht. daß Scholochow den "Stillen Don" nicht oder nur teilweise geschrieben habe, aber immer wieder auftaucht -- kann dann nicht doch etwas Wahres dran sein?
SIMONOW: Ein Dichter wie Scholochow hat schon immer Neider gehabt. Die neue Attacke ist bewußt zu diesem Zeitpunkt gestartet worden. Solschenizyn möchte sich mit Krach in Szene setzen und die Geburtstagsfeierlichkeiten (zu Scholochows 70. Geburtstag am 24. Mai 1975 -- D. Red.) stören.
SPIEGEL: Haben Sie denn Beweise, daß Scholochow der alleinige Autor des "Stillen Don" ist?
SIMONOW: Nein. Juristische Beweise habe ich nicht. Aber vor dem "Stillen Don" hat Scholochow schon als 20jähriger Erzählungen verfaßt, einige davon sind sehr stark. Ein klarer Weg der literarischen Entwicklung ist bei Scholochow deutlich sichtbar.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß der dritte und der vierte Band des "Stillen Don" schwächer sind als der erste und der zweite Band?
SIMONOW. Das kann man so nicht sagen. Mir gefallen am besten der erste und vierte Band. Letztlich ist das Geschmacksache.
SPIEGEL: Man sagt, vom "Stillen Don" seien keinerlei Manuskripte' keinerlei Notizbücher, keine Urschrift vorhanden.
SIMONOW: Ich glaube, es gehört sich nicht, einen Schriftsteller zu fragen, wo und in welchem Zustand sich seine Skizzen zu seinem Roman befinden. Ich würde mir nie erlauben, eine solche Frage etwa an Heinrich Böll oder Anna Seghers zu richten.

DER SPIEGEL 49/1974
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