09.12.1974

Geld und Grund

Der erfolgreichste Fußballklub der letzten zehn Jahre, der FC Bayern München, siegt immer seltener. Präsident Neudecker bangt um den Profit.
Vor einem Jahr belehrte Wilhelm Neudecker Kritiker, "die das Gras wachsen hören". Im "Bayernkurier" seines Duzfreundes Franz Josef Strauß schrieb der Vorsitzende des FC Bayern München: "Nur wer verantwortungsbewußt von morgens bis abends ... das Schicksal eines Vereins steuert, kann mit dem Erfolg seiner Bemühungen rechnen."
Letzten Montag rechnete Neudecker für seinen Klub mit dem Schlimmsten. Er kündigte seinem Trainer Udo Lattek, legte in seinem Büro den Telephonhörer neben den Apparat und verließ am Dienstag München. Weiter bergoben wollte er bei Kitzbühel "in Ruhe" darüber nachdenken, warum es mit dem FC Bayern so bergab geht.
Denn der sieggewohnte Klub verlernte das Siegen. In den ersten 15 von 34 Spielen dieser zwölften Bundesligasaison gewann Neudeckers Mannschaft nur sechsmal, verlor jedoch sieben Spiele, fast so oft wie insgesamt in den beiden Spielzeiten zuvor. Die Bayern erkämpften in neun Jahren zwei Europacupsiege, vier Deutsche Meisterschaften und viermal den deutschen Pokal. Seit Jahren stellten sie die halbe Nationalmannschaft. Doch in fünf Bundesligaspielen hintereinander bis Ende November vermochten sie keinen Sieg mehr zu erringen. Sogar in München, wo sie fast fünf Jahre unbesiegt geblieben waren, verloren sie zweimal.
"Wir müssen auch in der nächsten Saison wieder in einem der europäischen Pokalwettbewerbe dabeisein", forderte Neudecker, 61, von Trainer Udo Lattek, 39, und Klubmanager Robert Schwan, 53, denn nun wird das Geld knapp. Zum Bundesliga-Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen zahlten nur noch 20 000 Zuschauer Eintritt.
Die Bayern, bei denen die Bundesliga am teuersten (Höchstpreis: 30 Mark) ist, benötigen einen Schnitt von 35 000 Zuschauern pro Spiel, um die Betriebskosten (rund 700 000 Mark monatlich) aufzubringen. Seit 1966 war der Umsatz von rund vier Millionen Mark bis 1973 auf fast zwölf Millionen Mark gestiegen; etwa 350 000 Mark blieben als Reingewinn. In diesem Jahr können nur Profite aus weiteren Europacupspielen die Verluste aus den Bundesliga-Spielen auffangen.
Neudecker, einst Maurer und SPD-Mitglied, später Bauunternehmer, nunmehr Makler und längst zur CSU übergetreten, weil er "nicht eines Tages seinen FC Bayern als Dynamo Bayern München unter Führung eines kommunistischen Politruks" erleben möchte, legte den Bayern-Gewinn (Klubvermögen: 14 Millionen Mark) geschickt in Immobilien an.
Das rund 70 000 Quadratmeter große, als Trainingszentrum genutzte, Gelände an der Säbener Straße besitzt der Klub in Erbpacht. Ein 50 000 Quadratmeter großes Grundstück am Schliersee ist Klubeigentum. Dort soll eines Tages gleichsam als Vereins-Walhall ein Freizeitpark für die 8300 Klubmitglieder entstehen und mit Büsten von Neudecker und den Nationalspielern bestückt werden.
"Verrückt wie ich bin", hatte Neudecker 1962 die Klubleitung übernommen, weil ihm versichert worden war, da hätte er "nur ein bißchen zu repräsentieren". Das gefiel dem Aufsteiger. der als Bauleiter beim Wiederaufbau der Münchner Frauenkirche tätig gewesen war und "dort jeden verarbeiteten Balken und Stein kennt". Orden und öffentliche Ehrungen genoß er ebenso als sichtbaren "Lohn für Tüchtigkeit" wie "Geld und Grund".
Wohl wissend, daß es um seine Fußballfachkenntnisse nicht sonderlich gut bestellt war, legte er sich einen Fußball-Manager zu, den einstigen Gemüsehändler und Versicherungsdirektor Robert Schwan. Vor Mißmanagement schützte die Verpflichtung den Klub nicht, auch weil Neudecker bis in die Mannschaftsaufstellung hineinregierte. Schwan "sollte von morgens bis abends" bei der Mannschaft und dem Trainer sein. Denn am Trainer, dem Jugoslawen Zlatko Cajkovski, hatte Neudecker "Sprunghaftigkeit" auszusetzen.
Ebenso wie Cajkovski mußte auch dessen Nachfolger und Landsmann Branko Zebec den Verein verlassen. obschon er einmal mit dem FC Bayern Deutscher Meister und einmal Pokalsieger geworden war. Zebec erwies sich laut Neudecker als zu "eigensinnig". Nun empfahl Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer einen jungen Sportlehrer, den Assistenten von Bundestrainer Schön: Udo Lattek.
Von ihm erwartete Neudecker nur. daß er Muskeln, Waden und Sehnen der Spieler in besten Zustand versetzte und obendrein die siegbringende Spieltaktik austüftelte. Neben dem Pfeife schmauchenden Manager Robert Schwan, der sich kleidete wie ein "Endtwen" (so Sportjournalist Horst Vetten), saß Lattek meist stumm auf der Trainerbank. "Weder vorher noch hinterher hat der mir mal richtig gesagt, was ich machen soll und ob ich gut war", berichtete Spieler Erwin Hadewicz. Er gehört zu jenen rund 50 Spielern, die in der Neudecker-Ära angekauft und wieder abgestoßen worden sind.
"Ich habe dem Lattek jeden Spieler gekauft, den er haben wollte", murrte Neudecker. "Oft mußte ich hinterher durchsetzen, daß sie aufgestellt wurden." So geschah es auch mit dem schwedischen Nationalspieler Conny Torstensson. Er fiel Lattek und Schwan ("Ich kenne nur zwei intelligente Leute, Schwan am Vormittag und Schwan am Nachmittag") beim Europacupspiel in Atvidaberg nicht nur wegen seiner drei Tore gegen Bayern, sondern auch wegen seiner "verrückten roten Schuhe" auf.
Neudecker kaufte Torstensson für 580 000 Mark. Doch in der Bundesliga wurde er wenig eingesetzt. Vor einem Spiel in Essen rief Neudecker im Hotel bei Lattek an und fragte: "Spielt der Torstensson?" Lattek antwortete zaghaft: "Nein, ich dachte ..." Neudecker unterbrach: "Ich wünsche, daß er morgen spielt." Torstensson spielte.
"Die Einkaufspolitik der Bayern ist katastrophal". urteilte Eintracht Frankfurts erfolgreicher Trainer Dietrich Weise. "Schon deshalb würde ich bei dem Verein nie Trainer werden." Allein in den letzten fünf Jahren zahlten die Bayern schätzungsweise zehn Millionen Mark für 22 Spieler, von denen aber nur zwei einen Stammplatz bekamen: die späteren Nationalspieler Paul Breitner und Uli Hoeneß. Der Kölner Jupp Kapellmann (880 000 Mark) und der Duisburger Klaus Wunder (800 000 Mark) sind die bislang teuersten Spieler, die jemals in der Bundesrepublik gekauft wurden, beide von den Bayern. Vom vereinseigenen Nachwuchs rückte nie einer nach.
Nicht einmal Trainer Udo Lattek wußte stets, wer zum täglichen Training bei ihm erscheinen würde. Eines Tages tummelte sich ein bärtiger Athlet im weinroten Trainingsanzug unter den 20 Spielern. Der Neue hieß Frank-Michael Schonert und kam von Göttingen 05, einem Klub der 2. Bundesliga. "Herr Schwan hat mich eingeladen". verriet er. Schwan hatte sogar einen
* V. l. n. r.: Hadewicz, Ivangean, Robl, Modick, Segler, Kapellmann, Gersdorff. Nur Kapellmann und Robl sind noch heim FC Bayern.
Kaufvertrag über 330 000 Mark mit Göttingen 05 abgeschlossen. Lattek mochte sich nach dem ersten Training nicht entscheiden, ob Schonert brauchbar sei. Schwan löste den Vertrag wegen "Verletzungsanfälligkeit" Schonerts.
Auch die Stars der Bayern-Equipe bereiteten jüngst Sorgen. Weltmeister Paul Breitner ("Trainer Lattek besitzt als einziger in der Bundesliga keine Vollmacht") wechselte zu Real Madrid, weil er mit Neudecker Differenzen hatte. "Das hat zu 50 Prozent Bayerns Niedergang ausgemacht" urteilte Torwart Wilfried Woyke von Fortuna Düsseldorf. In 34 Spielen der Saison 1972/73 nahmen die Bayern nur 29 Gegentore hin; jetzt, ohne Breitner. in 15 Spielen schon 35 Gegentreffer.
Nationalspieler Hoeneß, auch Mitglied der Weltmeister-Elf 1974, reiste nach Frankfurt zur Autogrammstunde (Gage: 3000 Mark) und schwänzte das Training. Als Neudecker feststellte. daß weder Schwan noch Lattek davon wußten, bestrafte er Hoeneß für ein Spiel in Bochum mit einem Auftrittsverbot. Bayern verlor 0:3.
Lattek, dem Neudecker einige Wochen zuvor noch einen neuen Vertrag bis 1976 gewährt hatte, sollte nun fristlos entlassen werden, verlangte aber Beschäftigung bis 1975. Neudecker gab nach. Nach der Sitzung verhängte der Präsident Redeverbot.
Verständlich: Denn auch internationale Spielevermittler stellen bereits eine Bayern-Baisse fest. Spitzengagen von 100 000 Mark pro Spiel sind nicht mehr zu erzielen. Sogar Neudecker monierte: "Früher gewannen wir die meisten Spiele im Ausland, heute verlieren wir sie." Vermittler wie der Ex-Gatte Caterina Valentes, Eric van Aro, urteilen: "Die Bayern würden in Südamerika am liebsten vor- und nachmittags spielen. ohne Rücksicht auf Kraft und Leistung."

DER SPIEGEL 50/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 50/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geld und Grund