17.03.1975

REEDERSeewolf vom Rhein

Ein Reeder, der sich mit einem Großkartell der deutschen Hochseefischerei angelegt hatte, mußte einen Teil seiner Flotte verkaufen.
Der Chef der Nordatlantischen Hochseefischerei GmbH, Wilfried Hilgert, 41, ließ aus seinem Firmenhauptquartier zu Porz am Rhein SOS rufen: "Wenn man mich an der deutschen Nordseeküste weiter boykottiert und meinen Schiffen nicht die gleichen Chancen wie anderen Reedereien einräumt, werde ich mich aus dem Fischereigeschäft ganz zurückziehen."
Der Notruf des Reeders kündigt das Ende eines Kampfes an, zu dem der Rheinländer das Hochseefischerei-Kartoll Seefisch-Absatz-Gesellschaft (SAG) herausgefordert hatte und den er kaum gewinnen konnte: In der SAG haben die Großen der Nährmittelbranche das Sagen, Unilever über seine "Nordsee Deutsche Hochseefischerei GmbH", Oetker über die "Hanseatische Hochseefischerei AG" und Jacobs Kaffee über die "Nordstern AG".
Auf dem Seefischmarkt Cuxhaven verärgerte Hilgert die Kartellbrüder. als er die von der SAG festgesetzten Mindestpreise für Frischfisch um bis zu 15 Prozent unterbot. Appelle wie "Ohne unsere stabilisierende Tätigkeit würden die Auktionspreise an den Tagen von Marktüberhängen völlig zusammenbrechen" beachtete er nicht.
Gegen die aus 40 Trawlern bestehende Konkurrenzarmada kreuzte Hilgert mit ganzen zwei gleichwertigen Schiffen auf. Und obgleich er die SAG-Preise unterlief, florierte das Geschäft. Während auf den Frischfisch-Auktionen immer wieder Kartellware stehenblieb, die oberhalb des Mindestpreises nicht loszuschlagen war und deshalb mit kräftigen Preisabschlägen an Fischmehl-Fabriken oder Exportländer verramscht wurde, setzte der Außenseiter seine Fänge meist auf Anhieb ab.
Seinen einträglichen Fischzug hatte Hilgert im Herbst 1969 angetreten, als er für 2,1 Millionen Mark die in Konkurs geratene Glückstädter Heringsfischerei GmbH kaufte. Im Frühjahr 1973 -- seine aus fünf Loggern bestehende Flotte war längst saniert -- zog der am Rhein bereits als "Seewolf" und "Matjesfürst" gefeierte Unternehmer einen weiteren Havaristen an Land: die bis dahin linientreu im SAG-Kartell mitdampfende Nordatlantische Hochseefischerei GmbH in Cuxhaven.
Um seine Cuxhavener Schiffe aus dem Kartell-Geleitzug abdrehen zu lassen, vercharterte Hilgert die Trawler kurzerhand an seine Glückstädter Reederei, die -- weil sie vornehmlich Salzheringe vertrieb mit der SAG nichts mehr zu tun hatte.
Der Krach mit der Unilever-Tochter "Nordsee", die vor Hilgerts Einstieg die Schiffe der "Nordatlantischen Hochseefischerei GmbH" gechartert hatte, ließ nicht lange auf sich warten. Die Bosse lasteten Hilgert verschiedene Dockarbeiten an und stellten ihm selbst das Begräbnis eines "Nordsee"-Funkers in Rechnung, der "auf Ihrem Schiff eingesetzt war". Zudem verwickelten sie ihn in eine Kette von Prozessen, die erst Ende vergangenen Jahres mit einem Vergleich endeten.
Weniger fein waren die Methoden, mit denen unbekannte Täter, nach Ansicht von Hilgert "zum Teil gesteuert", den Reeder vom Cuxhavener Markt zu vertreiben versuchten. So wurden Hilgerts moderne Hecktrawler "Teutonia" und "Saxonia" häufig so mangelhaft gelöscht, daß "in den Fischräumen bis zu 50 Zentner Frischfisch liegenblieben".
Als der Reeder sich außerdem über umfangreiche Fischdiebstähle beklagte und das für den Fischmarkt zuständige Niedersächsische Ernährungsministerium alarmierte, belehrten ihn die Ministerialbeamten bündig, "daß es in allen Fischereihafenbetrieben durchaus üblich ist, daß die Löscharbeiter sich ab und zu eine Mahlzeit Fisch filetieren und mitnehmen
Da der Außenseiter keine Anstalten machte, sich wieder ins Binnenland zurückzuziehen, schlichen sich unbekannte Täter an Bord der "Teutonia" und versuchten, das Schiff durch ein geöffnetes Flutventil auf den Hafengrund zu setzen. Sachschaden des Sabotageaktes, bei dem der Trawler backbords auf die Kaimauer kippte und dadurch vor dem völligen Absaufen bewahrt wurde: rund 600 000 Mark.
Verbittert durch die unerwartete Härte des Küstengefechts, sah sich Hilgert Anfang dieses Jahres schließlich gezwungen, seine Cuxhavener Frischfisch-Piraten "Teutonia" und "Saxonia" an die SAG-Partnerin "Nordsee" zu verkaufen. Die Flagge streichen mußten auch zwei Heringslogger, die der Reeder an dänische Konkurrenten auslieferte.
Zwar versuchte Hilgert inzwischen noch einmal, den Kartellbrüdern zehn Großkutter vor die Pier zu setzen. Aber diesmal -- die Verträge mit einer polnischen Werft waren bereits ausgehandelt -- spielte die Bundesregierung nicht mit. Subventionen für Kutterneubauten gewährt sie nämlich nur einzelnen Kutterfischern, nicht aber Kutter-Reedereien.
Mehr Glück haben die vereinigten Hochseereeder, die mit der Bundesregierung jetzt über eine "Erneuerung der Frischfischflotte" verhandeln. Insgesamt wollen sie 20 moderne Fischdampfer (Trawler) auf Kiel legen.
Was Hilgert nicht mehr in Anspruch nehmen kann, scheint den Reedern auf Anhieb zu gelingen: Mindestens 15 Prozent der Neubaukosten sollen in Form von verlorenen Zuschüssen aus der Staatskasse bezahlt werden.

DER SPIEGEL 12/1975
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