30.12.1974

Planeten, Propheten und Profite

Fast jeder zweite erwachsene Bundesbürger hält es für möglich, daß sein Leben durch die Gestirne beeinflußt wird. Davon profitieren rund 500 organisierte und ungezählte andere Sterndeuter. Astrologie ist ein Millionengeschäft. Zu denen, die dabei draufzahlen, gehören Rentner und Industrielle, Kaufleute, Filmstars und Politiker. Krisenzeiten sind Boomzeiten für die Astrologie. Sie ist eine „quicklebendige Branche“, meint die „FAZ“.
Den Deutschen drohen "sorgenvolle Zeiten". Das sogenannte Sonnen-Jahr 1975 wird den Bundesbürgern "nur geringe materielle Vorteile bringen". "Die Kosten steigen ebenso wie die Ausgaben." Es ist mit "Bränden und Explosionen zu rechnen". Wirtschaftliche Krisen und fast 1,5 Millionen Arbeitslose sind zu erwarten.
Es kann "zu Streiks, Demonstrationen oder Gewaltaktionen kommen Auf Bundeskanzler Helmut Schmidt sind "Angriffe denkbar", auch "dürfte er Autorität einbüßen". Für Willy Brandt besteht "kaum Aussicht, daß er wieder stärker zum Zuge kommt".
Franz Josef Strauß dürfte auch 1975 eine "beharrliche konsequente Haltung" zeigen. Doch "ein Russenangriff oder sonstige Kriegsgefahren sind für die Bundesrepublik nicht zu erwarten". Im Juli wird es "Regen im Übermaß" geben, und auch im August bleibt es im Küstengebiet "unfreundlich".
Ein rundum mieses Jahr 1975 prognostizieren Deutschlands Astrologen, die Sterndeuter von Beruf oder aus Passion, die Könner in der Kunst, mit Sonne, Mond und Planeten, mit Widder, Stier und Steinbock, mit Aszendenten, Konjunktionen und Trigonen Vergangenheit und Zukunft zu berechnen.
Sie tun das für Politiker und Manager, für Künstler und Hausfrauen, für Kinder und Greise, für Verliebte und Verlobte. Astrologen geben Tips für die Börse und den Totalisator, sie berechnen die "Sternstunde" für Investitionen, Produktionsstopps oder Betriebsausflüge und prognostizieren Politikern den Wahlausgang.
Die Astrologen sind die Medizinmänner der modernen Gesellschaft. Sie selbst fühlen sich als Vertreter einer jahrtausendealten "Wissenschaft", als Propheten "kosmischer Botschaften". Sie sind in vier untereinander zerstrittenen Vereinen organisiert (Gesamtmitgliederzahl: rund 500), und sie veranstalten Akademien und Schulungsabende.
Ihre Anhängerschaft ist groß. Eine vom SPIEGEL in Auftrag gegebene und vom Wiesbadener Institut für Absatzforschung durchgeführte Meinungsumfrage ergab: 45 Prozent (rund 18 Millionen) der Bundesbürger von 14 bis 65 Jahren sind überzeugt davon oder halten für möglich, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Stand der Sterne und dem menschlichen Schicksal gibt <siehe Seite 64).
Diesen Glauben lassen sich die Deutschen auch etwas kosten. So zwischen 30 bis 50 Millionen Mark geben sie nach Schätzungen aus: für Charakter. und Schicksalsanalysen, für Tierkreisbücher, für astrologische Unternehmensberatungen -- als "Betriebsausgaben" von der Steuer absetzbar -, für astrologische Zeitschriften, Kalender, Fachbücher und Tabellen.
Über 150 000 Exemplare werden Woche für Woche von den beiden astrologischen Blättern "Das neue Zeitalter" (die meisten Leser hat diese Wochenzeitung im überalterten West-Berlin und in Bayern) und "Neue Weltschau" gedruckt. In mehr als 300 000 Exemplaren werden alljährlich die vier großen astrologischen Kalender vertrieben:
* der "Huter" -- "Ihr Lebensberater und Wegweiser" -, Auflage: 130 000 Exemplare;
* der "Lorcher" -- "Er erweitert Ihr kosmologisches Wissen" -- er erscheint seit 1919;
* der "Neue" -- "eine wichtige Hilfe, zielsicher den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu finden" -- und
* der "Buchela" -- "Die Seherin von Bonn enthüllt unser Schicksal" -- zum Preis von fünf Mark.
Kalenderleser haben, laut "Lorcher"-Chefredakteur Alexander von Prónay, ein Durchschnittsalter von 60 Jahren, und rund 95 Prozent haben nur Volksschulbildung.
Das für gehobene Ansprüche bestimmte "Handbuch der Astrologie" von dem Münchner Astrologen Herbert A. Löhlein, zu dessen Klientel hauptsächlich Künstler gehören, erscheint als Taschenbuch im Goldmann-Verlag bereits in der zweiten Auflage.
"Liebe, Ehe und die Sterne", "ein "astrologischer Ratgeber" des Hollywood-Astrologen Carroll Righter -- er berät unter anderen Marlene Dietrich und Hildegard Knef-, erreichte in kurzer Zeit eine Auflage von fast 30 000 Exemplaren. Und das 430-Seiten-Werk der US-Astrologin Linda Goodman, "Astrologie -- sonnenklar", schaffte in der deutschen Übersetzung eine Auflage von 80 000.
Die Halb-Millionen-Marke überschreiten die "Tierkreisbücher" zum Beispiel die des Münchner Heyne-Verlages, der seine zwölf Tierkreis-Taschenbücher in einer Gesamtauflage von 600 000 Stück auf den Markt bringt.
Etwa fünf Millionen "Stern"-Leser verfolgen regelmäßig ihr "Horoskop". "Wenn Horoskope nicht auf der obersten Stufe des Leser-Interesses stehen würden, wären sie schon längst aus den Zeitungen und Zeitschriften geflogen". glaubt Lutz Böhme, Herausgeber von "text intern" und Kenner des bundesdeutschen Blätter- und Werbemarktes.
Als Massenkonsum-Artikel wird Astrologie in jüngster Zeit auch in Form von Computer-Horoskopen geliefert. Ohne astrologische Kenntnisse kann diese Horoskope für 15 bis 150 Mark jeder vertreiben, der genug Geld hat, um die nicht ganz billigen Programme -- meist kommen sie aus Amerika -- zu kaufen.
An der billigeren elektronischen Konkurrenz lassen die astrologischen Handwerker jedoch kein gutes Haar. "Lorcher"-Chef Prónay: Computer "können nicht menschlich empfindende Ratgeber werden, mit denen man Schicksalsfragen besprechen könnte".
Tatsächlich ist die Astrologie keine sterbende, sondern eine "quicklebendige Branche", schrieb die "FAZ" in ihrem Wirtschaftsteil. Und die Erfahrung, daß schlechte Zeiten in der Wirtschaft gute Zeiten für die Prognostik sind, wird durch die gegenwärtige Hochkonjunktur in der Sterndeuterei bestätigt. Denn, so einst der Schriftsteller Ludwig Reiners. in "nachtschwarzer Zeit" wünschen "sich die Menschen nichts sehnlicher als die Erhellung der Zukunft"
Und außerdem haben auch die Astrologen die Marktlücke in der von rationalen Zwängen beherrschten Gesellschaft entdeckt: die Irrationalität. "Es überrascht immer wieder", urteilt der Personalberater Ludwig Kroeber-Keneth, "wie viele nichtkalkulatorische Momente in dieser angeblich so rechnerischen Gesellschaft eingeschlossen sind."
Wenn "Manager, Unternehmensleiter, höhere Beamte in verantwortlicher Position, Politiker" sich bei den Astrologen Rat holen, dann können diese doch keine "weltfremden Sonderlinge", keine "Sektierer voll missionarischen Eifers" sein, triumphiert Prónay.
"Das Spektrum meiner Klientel". sagt der Münchner Top-Astrologe Wolfgang Döbereiner, "reicht von der Hausfrau bis zum Großunternehmer."
Und man glaubt es dem 46jährigen. Sein Büro in der Fürstenrieder Straße 35 ist modisch eingerichtet. Nichts deutet darauf hin, daß hier ein Sterndeuter residiert. Horoskope läßt er meist von freien Mitarbeitern berechnen, und die Analysen spricht der Meister in ein Diktiergerät.
Döbereiners Spezialität sind Wetterprognosen für Baufirmen, Filmproduzenten und Segelflieger. Alfred Wurm, der Direktor der Münchner Modewoche, sucht Döbereiners Rat. Auch Brauereien fragen den Berufs-Astrologen nach den Wetteraussichten für das Münchner Oktoberfest.
Horoskope für Brauer, Flieger und Pferde.
Eine "Hamburger Brauerei" und einen Bremer Kaffeeimporteur zählt Karsten Kröncke, 31, in Freiburg zu seinen Kunden. Dem Bremer Kaufmann rechnet Kröncke die besten Tage für den Kaffeekauf aus. Neben Bier und Börse prognostiziert er auch Politik. 1984, so las er in den Sternen. droht ein dritter Weltkrieg.
Künstler gehören zu Herbert A. Löhleins Klienten: die Sängerin Daliah Lavi und die Schauspielerin Cornelia Froboess. Löhlein kennt aber auch das genaue Horoskop von Versandhaus-Chef Josef Neckermann: "Die Übereinstimmung der "Großhandels-Konstellation' in den Beziehungen zwischen Sonne/Merkur/Pluto ist frappierend" -- also zwischen Sonne und jenen Planeten, deren Namensgeber der Gott der Kaufleute und Diebe sowie der Gott des Reichtums sind.
Für Leute aus allen Schichten der bundesdeutschen Gesellschaft liest Lorcher"-Chefredakteur Prónay in Castrop-Rauxel aus den Sternen. Dafür verlangt der ehemalige Lehrer -- er ist auch verantwortlicher Redakteur des astrologischen Magazins "urania" -- 250 bis 500 Mark. Carl Zuckmayer fühlte sich nach der Lektüre seines Horoskops in Prónays "Lorcher" "zutiefst ermutigt und gestärkt".
Spezialisiert hat sich Pronay auf astrologische Partnerschaftsvergleiche. Aus den Horoskopen ersieht er, ob zwei Menschen zusammenpassen oder nicht.
An die 60 Prozent der Kunden, die der Berliner Karl-Heinz Titius berät, sind Unternehmer. Es gibt welche, "die zahlen Tausende im Jahr". Den Rat, den er einem Klienten gab, brachte diesem sechs Millionen Mark Gewinn ein, laut Titius. Auch ein Botschafter gehört zu seiner Klientel.
Ein japanisches Unternehmen beauftragte Titius, eine Firma in Liberia astrologisch zu begutachten, bei der die Japaner einsteigen wollten. Der Astrologe riet ab, und die Japaner wurden wirklich vor Schaden bewahrt -- sagt Titius.
Pferdehoroskope, die sie Rennstallbesitzern erstellt, sind die Spezialität von Eleonore Münch aus Kappelrodeck am Westrand des Schwarzwaldes.
Der Hamburger Astrologe Udo Rudolph, Repräsentant der sogenannten Hamburger Schule, die auch bislang "unentdeckten" Planeten unseres Sonnensystems, "Transneptune" genannt, einen Einfluß auf Charakter und Schicksal beimißt, veranstaltet regelmäßig Lehrgänge im Horoskopieren.
Mehr als 100 Kunden -- "darunter vielen Deutschen" -- sagt der Züricher Astrologe Fridolin Nauer, wann die Sterne eine Hausse oder Baisse an den Börsen in New York, Zürich und Frankfurt signalisieren. 100 Mark Anzahlung und ein Erfolgshonorar von zehn Prozent verlangt der Schweizer dafür (siehe Seite 68).
Hausastrologe des Verlegers Axel Springer ist nach dem Tode der Hamburgerin Ina Hetzel der Kasseler Sterndeuter Hans Genuit. Frau Hetzel hatte auch den günstigsten Zeitpunkt für den Start der Tageszeitung "Bild" ermittelt; Springers Fachleute hatten das Nachsehen. Daß der Verleger auch heute noch astrologischen Rat sucht, bestreitet sein Sekretär Claus Dieter Nagel.
Nur "ein halbes Dutzend wirklich großer Firmen" und "eigentlich nur Spitzenkräfte" folgen dem Rat des Astrologen Genuit. Alljährlich veröffentlicht er in "Bild am Sonntag" ein "großes Jahreshoroskop".
Astrologen und besonders jene "Handvoll Spitzenkönner" (Genuit) nennen die Namen ihrer Kunden nicht. "Ich fühle mich wie ein Arzt der Schweigepflicht unterworfen", sagt der Münchner Astrologe Döbereiner.
Wie geheim es dabei zugeht, erlebte zum Beispiel Günter Hansen, der bis 1969 Personalchef der Münchner Miederfirma Triumph International war. An Hansens Einstellungsverhandlungen mit der Unternehmensleitung nahm eine ihm unbekannte ältere Dame teil. Erst sehr viel später erfuhr er, daß es sich dabei um die Berliner Astrologin Ursula Kardos gehandelt hatte. "Etwa 20 Prozent meiner Kunden suchen sich ihr Personal nach den Tierkreiszeichen aus"" versicherte vor zwei Jahren der Königsteiner Personalvermittler Dr. Peter Schulz dem Hamburger "manager magazin".
Bislang unwidersprochen behauptete dasselbe Blatt auch, daß der Freiburger Astrologe Walter Boer dem jetzigen Krupp-Aufsichtsratsvorsitzenden Berthold Beitz ein Horoskop erstellte. Auch die Sterne des Wuppertaler Lackfabrikanten Dr.-Ing. Kurt Herberts, des Rastatter Verlegers Erich Pabel, des "Handelsblatt"-Herausgebers Dr. Friedrich Vogel und des Quelle-Chefs Gustav Schickedanz würden von Astrologen beobachtet.
Daß bei solchen Horoskopen immer etwas dran ist, zeigte eine Prognose, die die Astrologin Eleonore Münch für VW-Chef Leiding 1972 stellte. Sie sagte damals voraus, er werde im Herbst auf "größere Hindernisse" stoßen. Die Prognose bewahrheitete sich -- endgültig freilich erst nach zwei Jahren, nämlich in diesem Winter.
Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Nestle GmbH, Dr. Rudolf Bossle, hat sogar selber ein astrologisches Buch verfaßt, das demnächst erscheint. Titel: "Charakterzüge der 12 Sternzeichen".
Doch die meisten der astrologiegläubigen Unternehmer und Manager ziehen lieber einen "Fachastrologen" zu Rate, wenn es darum geht, Charakter und Fähigkeiten eines Bewerbers aus den Sternen zu lesen. Daß die Astrologen dabei Hoffnungen zerstören, Menschen ruinieren können, stört sie nicht weiter, oder sie glauben es nicht.
Astrologe Döbereiner ist vielmehr davon überzeugt, daß er mit einem negativen Gutachten dem abgelehnten Bewerber nur einen Gefallen getan habe: "Der Mann wäre bei dieser Firma nicht glücklich geworden."
Schicksal zu spielen, ist das Geschäft der Astrologen, seit die Priester-Astronomen Babylons begonnen hatten, Kriege und Seuchen, Naturkatastrophen und schlechte Ernten als von den Göttern verhängte Geschicke aus den Sternen zu lesen.
Die religiöse Astrologie der Babylonier wurde unter dem Einfluß der griechischen Philosophie in eine Lehre von den kosmischen Gesetzmäßigkeiten und ihren kausalen Einflüssen auf das irdische Geschehen verwandelt. Die Sterndeutung galt fortan als "Königin der Wissenschaften" und wurde sogar an den Philosophenschulen gelehrt.
Die Bibel der Astrologen, die "Tetrabiblos" (die "Vier Bücher"), schrieb der hellenisierte Ägypter Ptolemaios (100 bis 160), der zugleich als berühmtester Astronom des Altertums das geozentrische Weltsystem ausbaute.
Noch 1971 rühmten die englischen Astrologen Derek und Julia Parker den Ägypter: Ptolemaios "formulierte die Prinzipien der kosmischen Einflüsse, die heute noch den Kern der astrologischen Praxis bilden
Ptolemaios benutzte die Lehren der qualitativen griechischen Physik, um das Verhältnis von Tierkreiszeichen und Planeten zu systematisieren. Nach dieser Zuordnung der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft zu den vier Urqualitäten feucht, warm, trocken und kalt sprach er Sonne, Mond und den fünf damals bekannten Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn Tierkreiszeichen zu, in denen sie stärker oder schwächer wirken, die Herrschaft ausüben oder in "Erhöhung", im "Fall" oder im "Exil" stehen. Aus den Urqualitäten leitete er auch das Geschlecht der Planeten und ihre Wirkungsweise ab, so galten ihm etwa warm und feucht als "zeugend und wirkend", trocken und kalt als "vernichtend und leidend".
Freilich, bei aller Systematik vermochte Ptolemaios nicht, die Sterndeutung vom mythisch-magischen Weltbild der Vielgötterei zu lösen. Die Namen der Planeten, aber auch von Sonne und Mond, waren, wenngleich bis zu den Griechen in wechselnder Bedeutung -- für die Babylonier galten beispielsweise noch im Gegensatz zu den Griechen die Venus als Übeltäter und der Saturn als Wohltäter -, immer aus einer Mythologie abgeleitet.
Noch immer operiert die Astrologie mit den Beschreibungen griechischrömischer Götter als Grundfiguren der Planetendeutung. So werden in einem 1971 erschienenen Handbuch als mögliche negative Eigenschaften des Mars in einem Geburtshoroskop eben die Eigenschaften des alten Kriegsgottes aus der griechisch-römischen Mythenwelt angeführt: aggressiv, jähzornig, brutal, tollkühn, ohne Voraussicht, egoistisch, streitsüchtig, zu voreilig, grob, angeberisch.
Steht ein großer Weltbrand bevor?
Geändert hat sich seit Ptolemaios also kaum etwas. Wie eh und je ist Mars ein Miesling, Saturn ein Unheilsbote, verheißt die Venus Liebe und "schenkt Jupiter die Fülle".
Auch das Weltbild der modernen Astronomie und Physik konnte den naiven Sternenglauben nicht zerstören. Noch immer berechnen die Astrologen das Horoskop (Stundenschau) -- die für den Augenblick der Geburt auf Erde und Geburtsort bezogene Himmmelskarte -- so, als drehten sich Sonne und Planeten um die Erde. Auch die Physik der Quanten vermochte keineswegs Feuriges und Wässriges, Luftiges und Erdiges aus den astrologischen Sterndeutungen zu vertreiben.
Und die Tierkreiszeichen, nicht identisch mit den Sternbildern gleichen Namens, werden noch immer wie ein Kranz um die scheinbare Sonnenbahn gelegt. In welchem Zeichen die Sonne zur Zeit der Geburt sich dann befindet. gehört zu den wichtigsten Urteilskriterien der Astrologie.
Was die moderne Astrologie -- jenes mit Psychologie und Mathematik angereicherte Sammelsurium mythischer Vorstellungen, magischer Reste und antiker Himmelskunde -- hervorbringt, sind denn auch nebulose, vieldeutige, widersprüchliche, sehr oft banale, auf jeden Fall immer orphische Sprüche.
Das gilt nicht nur für die astrologischen Lebenshilfen, die jeden Tag in Boulevardblättern verabreicht werden -- "Rauschen Sie kräftig heran, und der Tag wird gut" -, sondern auch für die Jahreshoroskope der vier großen astrologischen Kalender Deutschlands. In der Tat ist das, was der "Buchela", der "Huter", der "Lorcher" und der "Neue" über 1975 verkünden, teils widersprüchlich, teils umwerfend banal.
So bekundet der "Buchela" zwar einerseits seine Zuversicht, daß im Jahre 1975 der "große Weltbrand" nicht ausbrechen werde, doch weiß er andererseits und an anderer Stelle über eine Menge Ungemach zu berichten, das nicht nur fernen Ländern. sondern auch Europa bevorsteht.
So wird China im kommenden Jahr "Inselgebiete annektieren" und die Sowjet-Union sich gar in zwei europäischen Ländern, nämlich Jugoslawien und Albanien, "festsetzen". Auch Skandinavien ist vor den Sowjets keineswegs sicher. "Im gegebenen Moment" werden sie, prognostiziert "Buchela", von nordischem Öl und Erz "Besitz ergreifen".
Furchtlosigkeit im Umgang mit Widersprüchen beweisen auch die astrologischen Wirtschafts-Prognosen. Daß der Schicksalsplanet Saturn 1975 von Jupiter "freundlich angestrahlt" wird, ermutigt den "Buchela" einerseits zu der Voraussage, es werde auf dem Arbeitsmarkt Veränderungen geben, "die günstiger sind, als allgemein angenommen wurde". Andererseits jedoch meint er, es müsse 1975 "mit Nervosität am Arbeitsmarkt" gerechnet werden und es sei sogar eine Währungs- und Wirtschaftskrise "unausbleiblich" -- dies freilich nur dann, "wenn im Frühjahrshoroskop Pluto der Sonne-Jupiter-Konjunktion gegenübersteht und zugleich einen Quadrataspekt zu Mond und Saturn aufweist und sich an der Schnittpunktachse von Saturn/Neptun befindet".
Was immer nun gilt -- ob der freundlich strahlende Jupiter oder die vertrackte Pluto-Sonne-Jupiter-Mond-Saturn-Konstellation -, sicher ist: "Buchela" wird am Ende recht haben; entweder wird es 1975, wie vorausgesagt, eine Wirtschaftskrise gegeben haben, oder aber, wie ebenfalls vorausgesagt, das Gegenteil, nämlich eine "günstigere" Entwicklung des Arbeitsmarktes. Die Ähnlichkeit mit jenem prophetischen Hahn, bei dessen Krähen sich das Wetter ändert oder nicht, ist unverkennbar.
Schlimmes steht auch der deutschen Seele bevor: Laut "Huter" fordern nämlich in England "politische Gruppen" die Absetzung der Königin Elizabeth. und "Buchela" kommt gar zu der bedrückenden Prognose: "Möglicherweise zieht die Königin hieraus ihre Konsequenzen -- was einmal aus astrologischen Gründen zu befürchten ist ("Im Weltjahreshoroskop steht Saturn als Mahner und Schicksalskünder im Zenit"), zum anderen auch aus menschlichen:,. Denn es wird schwer für sie (die Queen) sein, sich diesen völlig veränderten Verhältnissen anzupassen."
Etwas zuversichtlicher ist in diesem Punkt der "Lorcher". Er hat aus dem "für den Frühlingsbeginn in Bonn, am 21. März 1975, 5.58 Uhr Weltzeit" gestellten Horoskop die Erkenntnis gewonnen, daß in Großbritannien (und Frankreich) "die Staatsspitze ihre Stellung ausbauen können" wird. Freilich: Was dann kommt, ist ziemlich unsicher, denn der Ausbau der englischen Staatsspitze "muß", laut "Lorchers" Sterndeutung, "keine Stärkung der Demokratie bedeuten".
So ist denn auch eine der sichersten astrologischen Prognosen die, daß die Zukunft unsicher ist. Kostbarste Erkenntnis des "Buchela"-Kalenders: "Wir leben in einer widerspruchsvollen Zeit."
Kein Wunder, daß für Arthur Schopenhauer die Astrologie "einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der Menschen liefert", indem sie "den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien"
Astrologie erfülle in der Gegenwart "das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz", behauptet hingegen der angesehene Münchner Psychoanalytiker Fritz Riemann, der, wie einige andere seiner Kollegen, auch die Astrologie zu Rate zieht und dabei "verblüffende Übereinstimmungen" zwischen astrologischen und psychologischen Charakter- und Schicksalsanalysen entdeckt hat. "Vielleicht", so glaubt Riemann, "ist das Horoskop und seine Deutung ein Bild dessen, wie man von Gott gedacht ist."
Daß Gottes Wille in den Sternen steht, ist auch Glaube vieler Christen. So galt bis in die Neuzeit hinein der Stern von Betlehem als himmlisches Zeichen für die Gottessohnschaft des Jesus von Nazareth.
Politik mit Horoskopen.
Mit diesem Jahrtausendthema der Astrologie hat sich der berühmte Astronom und Astrologe Johannes Kepler (1571 bis 1630) befaßt.
1606 behandelte er in einer kleinen Schrift eine Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn vom Oktober 1604, wobei ein "neuer Stern", eine Nova, auftrat, die zwei Jahre später verschwand. Außerdem trat auch Mars noch zu dieser großen Konjunktion im Feuerzeichen Schütze hinzu.
Eine ähnliche Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn hatte im Jahre 7 vor Christus dreimal in der zweiten Hälfte des Tierkreiszeichens Fische stattgefunden, also nahe dem Frühlingspunkt der Tag- und Nachtgleiche, dem Anfang des Feuerzeichens Widder.
Kepler vermutete nun, daß diese Konjunktion des Jahres 7 ebenso wie die des Jahres 1604 mit einem neuen Stern verbunden gewesen sei und die biblischen Weisen aus dem Morgenland bewogen habe, nach Betlehem zu ziehen und Jesus von Nazaret, dem neugeborenen "König der Juden", zu huldigen.
Wie die heidnischen Weisen aus dem Morgenland haben auch Päpste, christliche Kaiser und Könige dem Glauben an die Macht der Gestirne ihren Tribut gezollt. Den Sternenglauben mit dem Christenglauben in Einklang zu bringen, bemühte sich sogar der bedeutendste Lehrer der katholischen Kirche, Thomas von Aquin.
Thomas war überzeugt, daß Gestirnbewegungen Veränderungen irdischer Naturvorgänge verursachten. Daher hielt er astrologische Prognosen für erlaubt, soweit sie sich auf kausal notwendige Ereignisse -- wie Finsternisse, Seuchen und Naturkatastrophen -- bezogen.
Zufällige Vorgänge in der Natur und Ereignisse, die von Vernunft und freiem Willen des Menschen abhängen, lassen sich laut Thomas jedoch nicht voraussagen. Aber er glaubte an Einwirkungen der körperlichen Gestirne auf den menschlichen Leib und die organisch mit ihm verbundenen Kräfte oder Triebe.
Erstaunlich freilich ist, daß noch bis in die Gegenwart hinein die Stellungnahme vieler katholischer Gelehrter und Theologen zur Astrologie von Thomas beeinflußt blieb. So urteilte der 1968 verstorbene Innsbrucker Jesuitenpater Hugo Rahner, ein Bruder Karl Rahners, in seinem Buch "Griechische Mythen in christlicher Deutung": "An Sonne und Mond liest der Christ wie an "himmlischen Buchstaben" den Text von der Schönheit Gottes, und was sich an den kosmischen Gestirnen begibt, ist ihm göttliche Andeutung dessen, was sich im Mysterium des menschgewordenen Logos enthüllt und vollendet hat."
Das Bündnis zwischen Kirche und Astrologie, zwischen Glauben und Aberglauben, war bis in die Neuzeit hinein auch deshalb so eng, weil beide, Kirche und Astrologie, am Weltbild des Ptolemaios festhielten -- im Mittelpunkt steht die Erde.
Mit kirchlichem Segen wurde das Zeitalter der Renaissance und Reformation zur eigentlichen Blütezeit der Astrologie. Der berühmte Humanist Acneas Sylvius Piccolomini, als Papst Pius II., lobte die Prophezeiungen des Astrologen Blasius von Cremona. Paul II. bekannte sich in seiner Krönungsrede zur Wahrheit solcher Voraussagen. Sixtus IV. und der berüchtigte Alexander VI. ließen sich von Kurienastrologen die Daten für Empfänge und politische Aktionen berechnen.
Unter Papst Julius II. malte Raffael die "Disputa" im Vatikan, die nach Deutung des Giorgio Vasari die Versöhnung der Astrologie mit Religion und Philosophie darstellte.
Papst Leo X., der den Astrologie-Gegner Luther (Luther: "Es ist ein Dreck mit ihrer Kunst!") als Ketzer bannte, gab 1520 der von ihm begründeten Päpstlichen Universität in Rom einen Lehrstuhl für Astrologie. Paul III. der den Jesuitenorden 1540 bestätigte und 1544 das große Reformkonzil von Trient einberief ließ die Daten seiner Konsistorien von Astrologen bestimmen und machte den Astrologen Lucas Gauricus zum Bischof.
Denn geschickt verstanden es die Astrologen, ganz im Sinne ihrer Auftraggeber, Horoskope nicht nur zum Nutzen der Frommen, sondern auch zum Schaden religiöser oder politischer Gegner zu verwenden. So fälschte Gauricus das Geburtsdatum Martin Luthers auf den Tag einer großen "Unheilskonstellation" um: Er stellte es auf den 22. Oktober 1484, 1 Uhr 10 Minuten morgens -aber Luther wurde am 10. November 1483 gegen Mitternacht geboren.
In dieser gefälschten Geburts-Himmelskarte befand sich der Übeltäter Mars im eigenen Feuerzeichen Widder. und Sonne. Venus, Jupiter, Merkur und Saturn standen gemeinsam in unheilverkündender großer Konjunktion im zweiten Marszeichen Skorpion und im neunten Haus beisammen, dem Haus der Religion. Gauricus folgerte nach alter astrologischer Deutungskunst: Luther sei vom Dämon gesandt, er werde scheitern und zur Hölle fahren.
Ebenfalls ein Horoskop-Fälscher war vermutlich Giovanni Battista Senno, der italienische Astrologe Wallensteins, der in Friedrich Schillers Wallenstein-Drama unter dem Namen Seni vorkommt. Der Feldherr war so sehr vom Sternenglauben beherrscht, daß der Kurfürst von Bayern ein Jahr vor Wallensteins Ermordung die Frage stellte, was denn von einem General zu erwarten sei, der "seine actiones und der Catholischen Religon wohlfahrt mehrer auf die betriegliche Astrologia, alß auf daß verthrauen zu Gott fundieret??"
Während bei Schiller der Italiener den Feldherrn davor warnt, mit den Schweden zu verhandeln und den Kaiser im Stich zu lassen, dürfte in Wirklichkeit Senno ein Verräter gewesen sein. Jedenfalls behauptet der Astrologie-Historiker Wilhelm Knappich, daß die Akten des Wallenstein-Archivs in Sagan unwiderleglich beweisen, daß Senno im Dienste Wiens gestanden und Wallenstein durch erfolgverheißende Prognosen in die Irre geführt habe. Auch der Wallenstein-Biograph Golo Mann zählt Senno, "die junge Sumpfblüte aus Padua", zu den Verrätern in Wallensteins Umgebung.
Doch der Fall Wallenstein ist auch der immer wieder zitierte Paradefall der modernen Astrologie.
Kepler, der sein Haushaltsgeld mit Hilfe der Astrologie, dem "närrischen Töchterlin der Astronomie", aufbesserte. hatte im Jahre 1608 ein erstes Horoskop des damals noch unbekannten böhmischen Edelmanns Wallenstein aufgestellt und ihm prophezeit, er werde sich von einer Rotte Unzufriedener zum Haupt- und Rädelsführer machen lassen.
In einer zweiten Horoskop-Deutung von 1625 verwies Kepler noch einmal auf diese Prognose und prophezeite zudem dem Feldherrn für das Jahr 1634 "allerley grausame, erschreckliche Verwührungen mit seiner Person".
Tatsächlich wurde Wallenstein am 25. Februar 1634 ermordet. Über diese Bestätigung der Keplerschen Voraussage jubeln die Astrologen bis auf den heutigen Tag.
Auch Kepler bat die Astrologie zur politischen Manipulation benutzt. So habe er. gestand der Astronom in einem Brief, absichtlich im Bruder-Streit zwischen Kaiser Rudolf II. und Erzherzog Matthias "dem Kaiser ein langes Leben und günstige Situationen, dem Erzherzog aber Böses vorausgesagt. während seine Berechnungen eigentlich das Gegenteil ergeben hätten". Der Grund: Kepler wollte den Erzherzog, für den das Horoskop bestimmt war, nicht noch angriffslustiger machen.
Mit Horoskopen Politik zu machen. ist sogar im 20. Jahrhundert noch nicht aus der Mode gekommen. Walter Schellenberg. der letzte Chef des NS-Geheimdienstes, berichtet in seinen Memoiren, er habe von einem "der namhaftesten Astrologen Deutschlands" ein Horoskop Hitlers anfertigen lassen, um Himmler durch ein ungünstiges Führer-Horoskop zu geheimen Friedensverhandlungen mit den Alliierten zu bewegen.
Der Astrologe, so Schellenberg, habe "die Geschehnisse vom 20. Juli 1944, eine Erkrankung Hitlers im November 1944 und seinen Tod im April 1945" vorausgesagt. Doch Himmler reagierte völlig anders, als Schellenberg erwartet hatte. Der "Reichsführer SS", der "mit mystischen Prophezeiungen liebäugelte" (Schellenberg), ergab sich fortan "dem fatalistischen Glauben, daß Hitlers Erkrankung und Tod ja ohnehin einen Wechsel der politischen Führung zur Folge haben werde".
Nicht nur Himmler, auch Hitler und Goebbels waren bis zu einem gewissen Grade astrologiegläubig. Den Anlaß dazu gab der Schweizer Astrologe Karl Ernst Krafft, der -- ein Bewunderer Hitlers -- am 2. November 1939 einen Brief an die Reichskanzlei geschrieben hatte, in dem er Hitler vor einem Attentat zwischen dem 7. und 10. November warnte.
Nachdem auf einer NS-Kundgebung am Abend des 8. November im Münchner Bürgerbräukeller die Bombe des Schreiners Georg Elser explodiert war -- Hitler hatte die Veranstaltung vorzeitig verlassen -, erinnerte sich einer von Hitlers Adjutanten an Kraffts Brief und legte ihn Hitler vor.
Daraufhin, so berichtet Astrologe Löhlein, "sprach Hitler mit Goebbels, der sich die weitere Mitarbeit von Krafft sicherte". Krafft sollte fortan Hitlers Horoskop überwachen und jedes zu erwartende bemerkenswerte Ereignis Goebbels mitteilen.
Reizvoll wird die Krafft-Geschichte freilich erst durch die Tatsache, daß Louis de Wohl, ein angeblich in Ungarn geborener Astrologe, seit 1940 im Forschungsbüro der britischen Armee arbeitete und im Auftrag der Regierung berechnen sollte, welche Warnungen oder Ratschläge der Hitler-Astrologe Krafft dem Führer wohl erteilen würde. Dazu de Wohl: "Für mich handelte es sich nicht darum, die britische Regierung von der Astrologie zu überzeugen ... Es war nicht nur möglich, sondern auch sehr notwendig, zu kontrollieren, welche Ratschläge Hitler voraussichtlich von Krafft erhalten würde."
Allerdings, nach dem spektakulären England-Flug des Führer-Stellvertreters Rudolf Heß am 10. Mai 1941 fielen Deutschlands Astrologen bei den NS-Herren in Ungnade, denn Heß stand im Ruf, sich von Astrologen die günstigste Zeit für seinen Flug errechnet haben zu lassen.
Astrologie sei eine "Deutungskunst", meint "Lorcher"-Chefredakteur Prónay. Wie sehr sie es ist, hat der von Astrologen oft verwünschte Textil-Direktor und erfolgreiche Schriftsteller Ludwig Reiners eindrucksvoll belegt.
In seinem Buch "Steht es in den Sternen?" berichtet Reiners von dem Versuch, das Horoskop eines unbekannten Mannes durch zwei Astrologen deuten zu lassen. Der eine Sterndeuter entnahm dem Horoskop, es müsse sich um einen syphilitischen, humorlosen. trunksüchtigen Kapitän handeln, der mit seinem Schiff untergehen werde. Der andere war der Ansicht, es handele sich um einen rechthaberischen, epileptischen Neger, der von wilden Tieren zerrissen wird. Astrologen sind unblamierbar.
Tatsächlich hatte Reiners den beiden Astrologen das Horoskop Johann Wolfgang von Goethes vorgelegt. Doch der Astrologe blieb unbeeindruckt: "Hätten Sie mir gesagt. daß es sich um das Horoskop eines Frankfurter Patriziersohnes handelt, der es zum thüringischen Minister bringt, so hätte ich Bescheid gewußt
Daß "Astrologen unblamierbar sind", so der Kulturhistoriker Aby Warburg. gilt noch immer: Im Dezember 1973 prophezeite Springer-Astrologe Genuit in "Bild am Sonntag" den Deutschen, der Sommer 1974 werde "heiß und trocken" werden. Er war dann der verregnetste seit 100 Jahren.
Was die Fußball-Weltmeisterschaft anging, entdeckte Genuit in den "maßgeblichen Horoskopen" keine Einflüsse, die auf einen Endsieg der deutschen Elf deuteten.
Ein peinlicher Irrtum passierte dem Astrologen offenkundig auch bei Brandt und Pompidou, denen Genuit für 1974 "gute politische Zusammenarbeit" prophezeite. Der eine stürzte, der andere starb.
Die einzige Bedrohung für Brandts Kanzlerlaufbahn, die Genuit Ende 1973 in den Sternen entdeckte, war gesundheitlicher Art: "Mars in 12 12" Zwillinge steht in exakter Opposition zur Venus 12 43" im Horoskop von Brandt". woraus Genuit auf "starke Gefährdung der Atemwege" schloß. Zwar stimmte diese Erkenntnis für die Vergangenheit, nämlich für 72/73, aber eben nicht für 74. Der Verdacht liegt nahe, daß sieh Genuit im Fall Brandt -- statt auf Zwillinge und Venus -~ lieber auf die alte Bauernregel verlassen hat, daß Schnupfen immer wieder kommt, und damit diesmal Pech hatte.
Dem damaligen Bundesfinanzminister Schmidt riet Genuit, aus astralen Gründen "lieber abzubauen". Herz und Kreislauf seien bedroht. Schmidt indes wurde Kanzler, und von Beschwerden am Herzen hat man, bislang, nichts gehört. Mag allerdings sein, daß Schmidt gleichwohl "bedroht" ist. Wann ist man das nicht?
Prinz Charles werde 1974 "viele Flirts" haben, meinte Genuit und prophezeite damit freilich einen Gang der Dinge, der auch ohne horoskopische Anstrengungen zu ermitteln gewesen wäre. Ebenfalls billig zu haben waren wohl auch Genuit-Erkenntnisse wie die, daß dem Staate Israel 1974 "ein schweres Jahr" bevorstehe, oder die, daß dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl "sich mehrende Gegner" ins Haus stünden.
Gleichwohl bescheinigte "Bild am Sonntag" in der Ausgabe vom 8. Dezember 1974 dem Astrologen Genuit, wie "richtig" er mit seinen Prognosen für 1974 "lag". Habe doch der international bekannte Astrologe vor einem Jahr prophezeit:
* "Brandt wird nicht Bundespräsident, sondern Scheel" -- was seit Oktober 1973 feststand.
* "Große Streiks bleiben uns erspart" -- was angesichts der Wirtschaftslage zu erwarten war.
* "US-Präsident Nixons Stellung ist in höchster Gefahr" -- der Watergate-Fall spitzte sich bereits im November 1973 zu.
Doch wer wollte schon so hart mit den Astrologen umgehen, besonders dann, wenn sie sich ja doch nie eindeutig festlegen.
So prophezeit der "Lorcher" den Bundesrepublikanern denn auch für das Jahr 1975
* keineswegs "sorgenvolle Zeiten", wohl aber "eher sorgenvolle";
* auch keineswegs, daß ein Regierungswechsel in Bonn zu erwarten ist, wohl aber, daß er "nicht auszuschließen" sei, und
* keineswegs, daß "radikale Studenten sich mit der Arbeitnehmerschaft solidarisieren" werden, sondern daß sie das "können".
Unentbehrlich ist den Astrologen das schwammige Vokabular ("eher", "mehr". "könnte", "müßte". "dürfte") schon deswegen, weil die Sterne offenkundig extrem vieldeutig sind. Zudem haben fast jeder Astrologe und jede Astrologen-Schule eigene Rezepte für die Sterndeutung: die "Hamburger Schule" andere als der "Lorcher" und der andere als der "Huter".
So sagt denn auch der "Lorcher" zum Beispiel der DDR "erhebliche Belastungen" voraus, während der "Huter" offenbar etwas ganz anderes in den DDR-Sternen gelesen hat, nämlich: "erfolgreiche Entwicklung", "industriellen und handelspolitischen Aufstieg" und sogar, "daß die DDR über geheime Waffen verfügt, die eine ungeheure militärische Schlagkraft haben".
Wiederum ganz anders haben es die "Buchela"-Deuter gesehen. Sie beobachteten, im Gegensatz zu den optimistischen "Huter"-Kollegen" am deutsch-demokratischen Himmel "Verlusttendenzen", sogar solche, die dadurch entstehen könnten, "daß Militärpersonen zur Unterstützung außerhalb des Landes kämpfen müssen".
Indes, so unverkennbar die Vorzüge astrologischer Schummer-Sprache sind, so unzweifelbar beruht die Attraktion der Sterndeutung am Ende doch, wie der britische Historiker Arnold Toynbee schrieb, einzig und allein darauf, daß sie Fritz und Franz in Aussicht stellt, "den Gewinner des heutigen Derbys vorauszubestimmen". Bislang hat das noch nie funktioniert.

DER SPIEGEL 53/1974
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