18.11.1974

Vatikan intim

Die Manager des Papstes Paul / 4. Fortsetzung

Der Vatikan, der nach außen energisch soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte verteidigt, übt nach innen noch immer autoritären Regierungsstil, Iuquisition, Verwendung öffentlicher Gelder ohne öffentliche Kontrolle. Hans Küng in seinem Buch Christ sein.

Papst Paul trieb Image-Pflege. Er beklagte "den Mangel Unserer Geldquellen", pries Unsere heilige Armut" und dozierte: "Die Kirche muß arm sein und nicht nur das; die Kirche muß arm erscheinen."

Siebzehn Monate nach seiner Papstwahl demonstrierte Paul die Armut an seiner eigenen Person: Er legte die juwelenbesetzte Tiara -- die traditionelle dreistufige päpstliche Krone, ein Geschenk der Mailänder Katholiken -- auf dem Hochaltar von Sankt Peter nieder, um sie den Armen der Welt zu stiften.

Die Geste, grandios zelebriert, begeisterte zunächst viele. Aber die päpstliche Aktion kam den Armen kaum zugute. Francis Kardinal Spellman, damaliger Erzbischof von New York und das bislang größte Finanzgenie der US-Katholiken, nahm sich der Tiara an, fand angeblich keinen Käufer und reihte sie schließlich in seine eigene Andenkensammlung ein. Heute kann sie besichtigt werden im "National Shrine", einem Nationalheiligtum der amerikanischen Katholiken in Washington.

Paul aber mußte seine Kirche weiter gegen den Vorwurf unangemessenen Wohlstands in Schutz nehmen. Er beschied seine Kritiker, es könne leicht nachgewiesen werden, daß es mit den "sagenhaften Reichtümern. die eine gewisse öffentliche Meinung ihr zuteilt". nicht weit her sei. Oft reichten sie nicht "für die Deckung der bescheidenen und legitimen Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens".

Um der Kirche das Odium einer "Wirtschaftsmacht. von bequemem Wohlstand geprägt, mit Finanzspekulationen befaßt und unempfindsam gegegenüber den sozial schwachen Schichten" (Paul VI.), zu nehmen, versprach der Papst seiner Herde auch für den Finanzbereich "nicht schüchterne Reformen".

Im Jahr 1968 verteilte Paul tatsächlich die Zuständigkeiten im vatikanischen Finanzbereich neu. Aber statt sie für Außenstehende durchsichtiger zu machen, zentralisierte er sie lediglich,

So gibt es seit der Kurienreform im Vatikan erstmals ein zentrales Finanzministerium: die "Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls", kurz Wirtschaftspräfektur genannt. Sie schlägt dem Papst einen jährlichen Haushaltsplan für die über 60 vatikanischen Ämter und Institutionen von koordiniert und kontrolliert die Investitionen und Transaktionen vatikanischer Gelder und hält die Gesamt-Bilanz im Auge. Inoffiziellen Angaben zufolge verbraucht der Vatikan zur Zeit jährlich 100 Millionen Mark. davon 40 Millionen Mark für Gehälter.

Präsident und damit Chef dieses Bilanz- und Finanzministeriums ist Egidio Kardinal Vagnozzi. 68. Der freundliche, aber ungemein verschwiegene Römer qualifizierte sich für diesen Posten zwischen 1959 und 1967 als Apostolischer Delegat in Washington. Hier befreundete er sich mit dem New Yorker Kardinal Spellman, der Vagnozzi mit der amerikanischen Hochfinanz in Kontakt brachte.

Dem Präsidenten zur Seite stehen zwei Kardinäle (darunter der Kölner Joseph Höffner) und eine Reihe vom Papst ernannter Laienberater. meist aus der italienischen Finanzwelt.

Das eigentlich mächtige Finanz-Zentrum des Heiligen Stuhls jedoch ist eine andere Behörde, die weitgehend selbständig arbeitet: die "Verwaltung der Güter des Apostolischen Stuhls". Sie wacht über die Einnahmen und Ausgaben des Heiligen Stuhls als der Zentralregierung der Kirche. Ihrem Präsidenten. Kardinalstaatssekretär Villot. assistieren die vier konservativen Kardinäle Felici, Seper, Baggio und Tabera.

90 Millionen Dollar vom Diktator Mussolini.

Die Güterverwaltung entstand mit der Kurienreform von 1968 aus zwei ehemals getrennten vatikanischen Finanzorganen: der Besitzverwaltung des Heiligen Stuhls und der Sonderverwaltung. seit der Reform "Ordentliche Abteilung" und "Außerordentliche Abteilung" genannt.

Die Ordentliche Abteilung ist zuständig für die Kosten der "Kirchenregierung" und für die Gebäude außerhalb des Vatikans. So zahlt sie etwa die Ausgaben für die kurialen Ämter und die rund 2500 Gehälter der im Dienst der Kurie Tätigen.

Die Gehälter der etwa 500 Angestellten des Vatikanstaates zahlt dagegen das Gouvernatorat. Diese Verwaltung des Staatsgebildes Vatikanstadt (Größe: 0,44 Quadratkilometer) hat eigene Einkünfte aus Münzen, Briefmarken. Benzin (der Vatikan kauft es für etwa 90 Lire pro Liter und verkauft es an seine Angestellten für 180 Lire; der Durchschnittspreis in Italien dagegen beträgt 300 Lire für Super), Eintrittsgeldern für Museen und dem Supermarkt "Anona". Das Gouvernatorat hat auch für die Erhaltung und Pflege der Gebäude innerhalb des Vatikans zu sorgen.

Sowohl mit dem Gouvernatorat wie mit der Ordentlichen Abteilung der Güterverwaltung arbeitet das "Institut für die Werke der Religion" zusammen, hinter dessen frommem Namen sich die Vatikanbank verbirgt.

Dieses von Papst Pius XII. im Jahr 1942 gegründete Institut ist zwar den Statuten nach vom Vatikanstaat wie vom Heiligen Stuhl juristisch unabhängig und verwaltet seine Gewinne und Verluste selbständig. Aber sein Aufsichtsrat besteht aus fünf Kurienkardinälen (darunter Villot), und sein Präsident ist der amerikanische Kurienbischof Paul Marcinkus (Spitzname: Gorilla). Die Beteiligungen und Bilanzen des Instituts sind geheim.

Aktien, Schatzanweisungen und sonstige Wertpapiere des Heiligen Stuhls werden von der Außerordentlichen Abteilung verwaltet, die 1929 gegründet wurde mit dem Auftrag, jenes Geld anzulegen und zu vermehren, das Italiens Diktator Mussolini dem Vatikan als Entschädigung für den 1870 konfiszierten Kirchenstaat vermacht hatte: 1,75 Milliarden Lire (90 Millionen Dollar zum damaligen Wechselkurs) samt der Zusage steuerfreuer Gewinne.

An die Spitze des geheimnisvollen Sonderministeriums setzte Papst Pius XI. den Ingenieur und Bankier Bernardino Nogara. Er entwickelte sieh zur Geheimwaffe des Vatikans und -- wie es ein Kardinal ausdrückte -- zum "besten Geschöpf, das der Vatikan seit unserem Herrn Jesus Christus finden konnte".

Als Verwalter der vatikanischen Gelder war Nogara nur dem Papst Rechenschaft schuldig. Es gelang ihm, aus dem kleinsten Staat der Welt einen der größten Geschäftspartner der Welt zu machen. Als er 1958 starb, hinterließ er den Kirchenfürsten sein Erfolgsrezept: "Vergrößert eure Gesellschaft." "Schamlose und unersättliche Grundstücksspekulationen".

Der italienische Finanzminister Preti schätzte 1967, daß der Kirchenstaat italienische Aktien im Wert von rund 100 Milliarden Lire (damals 666 Millionen Mark) besitze und daran jährlich etwa drei bis vier Milliarden Lire (20 bis 26 Millionen Mark) Dividenden verdiene.

Selbst wenn die Zahlen stimmten -- Kenner der vatikanischen Finanzsituation halten Pretis Schätzung für eine kurienfreundliche Untertreibung

wären die Effekten des Vatikans in Italien damit noch längst nicht auf dem Tisch. Denn außer Aktien besitzt der Vatikan zahlreiche Staatspapiere und Obligationen, die nicht auf den Namen des Besitzers ausgestellt sind und sich weitgehend der Kontrolle entziehen (von Mussolini erhielt der Vatikan eine Milliarde Lire in staatlichen Schatzanweisungen zu fünf Prozent).

Vermutlich übertrieben sind dagegen die Schätzungen, die im Anschluß an Pretis Untertreibung durch die Presse gingen: Aktienbesitz und sonstige Vermögenswerte des Vatikans veranschlagte der englische "Economist" auf 22 Milliarden Mark. das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" gar auf 40 bis 60 Milliarden. Und der amerikanische Wirtschaftsjournalist Nino Lo Bello, langjähriger Rom-Korrespondent verschiedener US-Wirtschaftsblätter und Verfasser eines Buches über "Die Milliarden des Vatikan . mutmaßt noch heute, der Vatikan besitze verkäufliches Vermögen im Wert der Gold- und Devisenreserven Frankreichs (22 Milliarden Mark).

Als der SPIEGEL 1970 Teile des Lo-Bello-Buches abdruckte (SPIEGEL 21 bis 23 1970), reagierten die geistlichen Finanziers mit der längsten Erklärung. die sie je über die Finanisituation des Heiligen Stuhls abgaben. Unter der Überschrift "Klarstellungen" führten sie im "Osservatore Romano" unter anderern aus, daß der Vatikan

* weit weniger als 70 bis 80 Milliarden Lire Produktivkapital besitze (damals 400 bis 450 Millionen Mark)

* "keine Mehrheitsbeteiligungen in einer Gesellschaft" besitze, "was sich auf sämtliche Aktienanlagen jedweder Art bezieht".

Zugegeben wurde lediglich, daß der Vatikan Einlagen bei amerikanischen und Schweizer Flanken habe. Aber dies sei "vollkommen normal, wenn man an seinen internationalen Charakter und hauptsächlich an die karitativen Missionen und die Hilfe denkt, die er in der ganzen Welt leistet". Flüssige Einlagen bei italienischen Banken reichten gerade "für die in Italien notwendigen Verwaltungsarbeiten".

Auf solche "Klarstellungen" ließ die Kurie von da an regelmäßig Klagen über die Armut des Heiligen Stuhls folgen. Kardinalstaatssekretär Villot mahnte die Kurienbeamten mehrmals öffentlich zu "höchster Sparsamkeit". Villot-Begründung: "Die Einkünfte des Heiligen Stuhls schrumpfen immer mehr, während die Ausgaben besorgniserregend wachsen." Diese Situation soll sich 1972 derart zugespitzt haben, daß der Vatikan angeblich gezwungen war, in Italien Immobilien zu verkaufen, um seine Gehälter auszahlen zu können.

Auch Papst Paul weigerte sich entschieden, die Mittel für den Haushaltsplan 1973 zu erhöhen oder Nachtragshaushalte zu genehmigen. Und im Haushaltsplan 1974 soll nur die Päpstliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, deren Tätigkeit Paul größte Bedeutung beimißt, von Ausgabenkürzungen verschont geblieben sein.

Aber solange der Vatikan nicht bereit ist, ein Budget zu veröffentlichen, können "Klarstellungen" wie Klagen nicht überzeugen. Daß dies auch in Zukunft so bleibt, deuten die päpstlichen Richtlinien für die Bischöfe vom Juni 1973 an. Darin empfiehlt. der Vatikan den Oberhirten der 2192 Diözesen, die ihr Kirchenvermögen eigenständig verwalten, was er für seinen Bereich stets praktizierte: die Bilanzen nur zu veröffentlichen, "sofern die Klugheit nicht davon abrät". Den Papst jedenfalls hielt sie bislang davon ab.

Der Turiner Kardinal Michele Pellegrino, sozial engagiert wie selten ein Kirchenführer, weiß auch, warum. Drei Jahre nach dem vatikanischen Finanz-Dementi kann er immer noch behaupten: "Die Verflechtung mit politischer und wirtschaftlicher Macht hindert die Kirche oft daran, mit der erforderlichen Offenheit zu reden." Insider Pellegrino sieht die Kirche in "schamlose und unersättliche Grundstücksspekulationen" verwickelt. Nach der Mailänder Tageszeitung "Il Giorno" besitzt der Vatikan allein in Rom über 5000 Hektar Land, in Italien gehören der Kirche etwa 250 000 Hektar Boden.

Fest steht auch, daß der Vatikan in fast jeden Sektor der Wirtschaft eingedrungen und an zahlreichen Gesellschaften beteiligt ist, die sich unter anderem mit Liegenschaften, Plastik, Elektronik. Stahlverarbeitung. Zement, Textilien, Chemikalien, Lebensmitteln, Dynamit. Toilettenpapier, Autoreifen, Gas, Teer. Gasöfen, Koks, Trinkwasser befassen.

Daß der Vatikan sein Investitionsprogramm nicht durch religiöse Rücksichten hemmen ließ, gehört noch zum Vermächtnis Nogaras. Obwohl der Papst den Gebrauch der Antibaby-Pille verurteilt, stellt das vom Vatikan mitfinanzierte "Istituto Farmacologico Serono2 -- so ermittelte Lo Bello jüngst -- die Antibaby-Pille "Luteolas" her, die in italienischen Apotheken für 1200 Lire (4,80 Mark) zu haben ist. Langjähriger Vorstandvorsitzender des "Serono" war Prinz Giulio Pacelli, ein Neffe von Papst Pius XII.

Nach der kühlen Geschäftslogik der Kurie ist es unvermeidlich, daß der Vatikan auch aus weniger harmlosen Unternehmungen Profite zieht. So stellt etwa das italienische Chemiefaser-Unternehmen Snia Viscosa in Mailand, an dem der Heilige Stuhl laut Lo Bellos jüngsten Informationen weniger direkt als indirekt (über die Cisa Viscosa und die Saici) beteiligt ist, unter anderem Munition für militärische Waffen her, vom Kleinkalibergeschoß bis zu Mörsergranaten, Raketen, Raketengeschossen für die Panzerabwehr und, in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Rockwell International Corporation, den Raketenfesttreibstoff "Flexadyne".

Haftbefehl gegen den

Vatikan-Mittelsmann Sindona.

Seit 1969/70 spielt Amerika in den Finanzdispositionen des Heiligen Stuhls eine besondere Rolle. Die Geld-Geistlichen animierten damals ihre Laien-Finanziers, denen sie ihre Geschäfte anvertrauten, vatikanisches Geld aus italienischen Beteiligungen herauszuziehen und außerhalb Italiens zu investieren, vornehmlich in den USA und Kanada. Der Grund: Sie wollten in Italien aus dem Gerede kommen und mißtrauten überdies der Entwicklung der italienischen Wirtschaft.

Der Vatikan erwarb Aktien von Celanese, Chase Manhattan, Colgate, Dan River, General Foods, Merck, Procter & Gamble, Exxon, Unilever, Westhinghouse. Er ist beteiligt an Firmen wie Goodyear tire & Rubber Company, Firestone, US Rubber, Baltimore & Ohio Railroad. Rock Island Line, Missouri Pacific Railroad und der Erle-Line.

Den größten Teil der päpstlichen Geschäfte erledigen die Chase Manhattan Bank. die First National City Bank und die Continental Illinois Bank. In einer Untersuchung des amerikanisehen Katholizismus schätzt Kurien-Kenner Lo Bello das Kapital, das der Vatikan in den USA und Kanada inve-

* Verwaltungsgebäude der Snia Viscosa in Rom.

stiert hat, auf mittlerweile zwei Milliarden Dollar.

Zum Mittelsmann für die amerikanischen Geschäfte erkor sich der Vatikan vor allem den Rechtsanwalt Michele Sindona, 53. Der gebürtige Sizilianer und spätere Mailänder Finanzier übernahm jene Rolle, die einst Bernardino Nogara spielte. Als Sindona 1972 sein Hauptquartier in New York City aufschlug, hatte er bereits Vatikangelder in Liegenschaften und Aktien untergebracht. An mehreren Sindona-Banken besaß der Vatikan Beteiligungen.

Obwohl der Papst Sindona eine Kommission von 18 amerikanischen Geschäftsleuten zur Seite stellte, die den Meister beraten sollten -- darunter John 5. Bugas. Vizepräsident der Ford Motor Company. Martin R. Gainsbrugh, Hauptgeschäftsführer des US National Industrial Conference Board, und Vermont C. Royster, Senior-Vizepräsident und Herausgeber des "Wall Street Journal" -, ließ sich Sindona nur wenig in die Karten blicken.

Um so härter traf es die Geldmanager des Vatikans. als Sindonas italoamerikanisches Finanzimperium nun zusammenbrach. Vergangenen Monat erließ die Mailänder Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den -- außer Landes weilenden und deshalb nicht greifbaren -- "mysteriösen Michele" ("Newsweek"). Grund: betrügerische Manipulationen in Sindonas Mailänder "Banca Unione". Damit gerät auch die Verbindung Vatikan-Sindona im nachhinein ins Zwielicht.

Der Vatikan trennt sich von anstößigen Aktien.

Der Sizilianer hatte seine Karriere vor rund 30 Jahren als Steuerberater in Messina begonnen "Wie viele Süditaliener", schreibt die Zeitung "Il Giornale d'Italia" über den Dr. jur. Sindona, "sah er im Gesetz nicht Befehl oder Ordnung. sondern ein Hindernis. das es zu überwinden galt."

Messina wurde dem ehrgeizigen Advokaten schon bald zu eng. Er siedelte nach Mailand über. Dort avancierte er vom Steuerberater und Bilanzprüfer kleiner Firmen zum Investment-Bankier großen Stils. Meist mit dem Kapital anonymer Geldgeher erwarb er Dutzende von Firmen und etliche Banken in mehreren Ländern, zumal in Italien, der Schweiz und den USA.

In Mailand nahm Sindona auch Verbindung zur "Finanza Cattolica" auf: zu katholischen Banken und zu (ien Mitarbeitern des Instituts für die Werke der Religion. Der Vatikan schätzte die Diskretion und das Geschick des Publicity-scheuen Geschäftsmannes -- daß Sindona unseriös operierte, ahnte damals kaum jemand.

Am ersten Geldinstitut, dessen Kontrollmehrheit Michele Sindona erwarb -- der "Banca Privata Finanziaria"

beteiligte sich der Vatikan mit etwa 10 Prozent. Ein etwa ebenso großes Paket besaß das Institut für die Werke der Religion an der renommierten Mailänder Banca Unione, die ebenfalls unter Sindonas Kontrolle geriet.

Ende der sechziger Jahre, so betonen Branchenkenner in Rom, unternahm das Institut keine größere Transaktion, ohne sich der weitreichenden Verbindungen Sindonas zu bedienen. Zwei Umstände begünstigten diese Entwicklung:

Papst Johannes XXIII. und die Kurie wollten -- angesichts der vielen Vorwürfe gegen den Aktienbesitz des Vatikans in Italien -- wenigstens jene Beteiligungen loswerden, die besonders Anstoß erregten, beispielsweise an der "Società Generale Immobiliare"

Italiens größter Liegenschafts- und Baugesellschaft. Der Vatikan behielt selbst vermutlich nur einen Anteil von fünf Prozent.

Außerdem verstand sich der Millionär Sindona, der inzwischen immer mehr in den USA investierte, offenbar glänzend mit dem US-Bischof Marcinkus und dessen Stab. Der Bischof einst über den Bankier: "Sindona ist ein äußerst kluger Freund der Kirche."

So wurde denn Sindona zum Großabnehmer vatikanischer Aktienpakete. Sein verschachteltes internationales Banken- und Firmenimperium gewann an Macht und Ansehen. 1972 wurde der Wert der von Sindona kontrollierten Aktiva auf fast 25 Milliarden Mark geschätzt, wovon über eine Milliarde Mark (angeblich) ihm selbst gehörten. Zu Sindonas Klienten und Gönnern zählen einflußreiche Christdemokraten in Rom.

Sindonas Fall begann, als Anfang 1974 die von ihm kontrollierte New Yorker "Franklin National Bank" (Sindonas Anteil: 21 Prozent) ins Schleudern geriet. Das Geldinstitut verlor bei Devisenspekulationen über 60 Millionen Dollar. Folge: Unter den Kunden und Partnern der italienischen Sindona-Gesellschaften keimte Mißtrauen.

Zwar gelang es dem gewieften Taktiker, seine beiden Mailänder Banken, die Unione und die Finanziaria, zu fusionieren: Das neue Institut, die "Banca PrivataItaliana" (Vatikanbeteiligung nunmehr insgesamt 20 Prozent) zählte zu den bedeutendsten Privatbanken Italiens. Doch den Vertrauensschwund unter seinen Klienten konnte Sindona nicht aufhalten, immer mehr Kunden zogen Gelder ab.

Um einen Zusammenbruch mit weitreichenden Folgen für die italienische Wirtschaft zu verhindern, starteten römische Staatsbanken daher eine Rettungsaktion: Die Banca di Roma gewährte großzügige Kredite.

Beamte dieser Staatsbank prüften die Akten der Banca Privata und ihrer Vorgängerin, der Banca Unione. Ergebnis: Die Manager der Banca Unione (Vatikanbeteiligung 10 Prozent) hatten zwischen 1970 und 1972 Bücher gefälscht, dubiose Kredite an ausländische Sindona-Gesellschaften gegeben und die Gewinne unrechtmäßig verteilt.

Italiens Presse spricht -- mit Blick auf die christdemokratischen Spezis des Michele Sindona und das Rettungsmanöver, das den italienischen Staat fast 100 Milliarden Lire (400 Millionen Mark) kosten dürfte -- von einem "Skandal des Regimes".

Unterdes spitzte sich die Situation bei der Banca PrivataItaliana bedrohlich zu. Gegen die Manager und Ex-Manager des Instituts ermittelten Staatsanwälte. Ende September schloß die Bank ihre Schalter, das Liquidationsverfahren begann. Gegen Sindona erging Haftbefehl. Mehreren Verdächtigen, darunter einem Top-Manager des Instituts für die Werke der Religion, der in Sindonas Banken mitmischte, wurde der Paß entzogen. Ob der Vatikan bei der Pleite der Banca PrivataItaliana hohe Summen verlor, ist ungewiß. Ein Angestellter der Bank zum SPIEGEL in Rom: "Bisher weiß keiner von uns, ob der Vatikan seine Aktien an dem Unternehmen nicht rechtzeitig abgestoßen hat."

Daß der Vatikan beim Sindona-Krach insgesamt Geld verlor, gilt indes als sicher -- wieviel, bleibt freilich römisches Geheimnis.

Wenn im Vatikan vermutlich auch niemand mit Sindonas zwielichtigen Manipulationen gerechnet hat, so ist es doch nicht das erstemal, daß vatikanische Finanzaktionen ins Zwielicht gerieten. Das war erst im März vergangenen Jahres der Fall, als an der American Stock Exchange (Amex) in New York ein Block von 714 000 Papieren des kalifornischen Unternehmens Vetco Offshore Industries (eine Spezialfirma für Ölbohranlagen) für insgesamt 16,8 Millionen Dollar losgeschlagen wurde -- der größte einzelne Aktienverkauf in der Geschichte der Amex.

Als Vorbesitzer der meisten Papiere (427 000) wurde der Vatikan ermittelt, der damit 16 Prozent der Vetco-Anteile besessen hatte. Das brachte den Vatikan mit der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde in Konflikt. Denn nach amerikanischem Gesetz müssen Aktionäre, die mindestens zehn Prozent Aktienkapital eines Unternehmens besitzen und die Papiere aufgrund ihres Insider-Wissens mit Gewinn verkaufen, diese Gewinne an das Unternehmen zurückzahlen.

Von den Bischöfen ein

Handgeld von fünf Millionen Mark.

Der Vatikan hatte jedoch weder die Vetco-Geschäftsführung noch die Börsenaufsichtsbehörde über die Höhe seines Aktienbesitzes unterrichtet, wie es nach amerikanischem Bundesgesetz erforderlich war.

Zusammengekauft hatte das Paket der Investment-Berater Eisenberger aus Los Angeles. Hinter ihm steckte unter anderem eine Agentur des Vatikans: die Fiduciary Investment Services AG, Rom, die im Auftrag der Vatikanbank Institut für die Werke der Religion handelte.

In dem Prozeß, den die US-Börsenaufsicht gegen Eisenberger und seine Kunden anstrengte, kam der Vatikan glimpflich davon: Die frommen Aktionäre mußten sich lediglich dazu verpflichten, Vetco-Aktien nur noch zu den gesetzlich vorgeschriebenen Bedingungen zu verkaufen.

Die Vetco-Affäre bewies ebenso wie die Zusammenarbeit mit dem zwielichtigen Finanz-Künstler Sindona, daß der Vatikan es nur allzugut versteht, sich der Weisung seines Herrn gemäß "Freunde mit dem ungerechten Mammon" (Lukas 16, Vers 9) zu machen. Fachleute glauben denn auch nicht so recht an den kurialen Geldmangel. Ein römischer Bankexperte ist der Meinung, die Finanzverwalter des Heiligen Stuhls könnten die laufenden Kosten -- darunter die Gehälter für die 3000 Vatikan-Angestellten (850 Mark für den unteren Angestellten, 3120 Mark für den Kardinal) -- von den Zinsen des angelegten Kapitals bestreiten, ohne das Kapital selbst anzurühren.

Hinzu kommen regelmäßige, wenn auch schwankende Einkünfte aus verschiedenen Sammlungen. So brachte die traditionelle Sammlung des "Peterspfennigs" am 29. Juni (dem Fest Peter und Paul) dem Vatikan bislang jährlich schätzungsweise zwischen 5 und 20 Millionen Mark allein aus den USA ein. In den letzten Jahren gingen die Einnahmen aus dem Peterspfennig, über die der Papst für wohltätige Zwecke frei verfügen kann, nach kirchlichen Angaben stark zurück.

Schätzungsweise etwa 30 Millionen Dollar erhält der Vatikan den Angaben Lo Bellos zufolge jährlich aus sogenannten Supplementgeldern und Anteilen von anderen Sammlungen in den einzelnen Diözesen. Auf rund 10 Millionen Mark jährlich wird der Erlös aus dem Verkauf vatikanischer Briefmarken geschätzt (unter Pauls Pontifikat erschienen bislang über 50 Sonderserien, meist mit einer Auflagenhöhe bis zu zwei Millionen und einem durchschnittlichen Nennwert von 300 Lire -- 1,20 Mark).

Ungenannt bleiben die Spenden, die dem Vatikan mehr oder weniger regelmäßig zufließen. So ist es beispielsweise bei den sogenannten Ad-Limina-Besuchen (den alle fünf Jahre fälligen Romreisen der einzelnen Bischöfe zur Abgabe eines Rechenschaftsberichts) weithin üblich, daß die Bischöfe dem Papst mit dem Bericht auch einen Scheck auf den Tisch legen. Unter amerikanischen Bischöfen gelten 2000 bis 5000 Dollar als angemessen -- schätzungsweise ein jährliches Handgeld von fünf Millionen Mark für den Papst. Ungenannt bleiben ebenso die privaten Spender, von denen einige große Summen opfern.

Nicht dem Vatikan zugute kommen die in den katholischen Diözesen üblichen großen Sammlungen für Mission und Entwicklungshilfe ("Misereor", "Adveniat", Caritas, Bonifatiuswerk und etliche Sonderkollekten). Diese Gelder werden von den Diözesen selbst an die Einsatzorte weitergeleitet (im vergangenen Jahr allein aus der Bundesrepublik fast eine halbe Milliarde Mark).

Ein anderer Spendenstrom fließt zwar dem Päpstlichen Werk "Missio" und damit der Kongregation für die Ausbreitung des Glaubens zu (1972 über 40 Millionen Mark). Die Kongregation verwaltet die Gelder jedoch nur treuhänderisch und führt darüber öffentlich Buch: die einzige vatikanische Bilanz, die publiziert wird.

Aber auch ohne diese großzügigen Spenden scheint die Kasse des Kirchenstaats besser gefüllt zu sein, als die kurialen Schwarzmaler glauben lassen. Auch Papst Paul selber demonstrierte eindrucksvoll, wie wenig er unter der Armut seiner Kirche zu leiden hat. In den elf Jahren seiner Amtszeit ließ er im Vatikan mehr bauen als seine Vorgänger in 100 Jahren.

Das bisher Teuerste war die Audienzhalle neben dem Petersdom mit 6300 Sitzplätzen oder 12 000 Stehplätzen, vollklimatisiert, mit Kabinen für Fernseh- und Rundfunkübertragung und einem Kontrollraum mit acht Fernsehmonitoren, über die das Publikum beobachtet werden kann. Gleich mitgebaut wurde ein Saal für die Bischofssynode.

Der Entwurf stammte von dem römischen Stararchitekten Pierluigi Nervi (der auch den römischen Hauptbahnhof baute). Der Plan wurde allerdings im Laufe der Bauzeit (1964 bis 1971) vom Vatikan verwässert, so daß schließlich nur noch die Deckenkonstruktion Nervis ursprünglicher Idee entspricht. Vor der Aula Nervis entstand ein großer Aufmarschplatz (5000 Quadratmeter), darunter ein riesiges Souterrain (3250 Quadratmeter) mit Garagen, Magazinen und technischen Einrichtungen der Audienzhalle.

Der frühere Rom-Korrespondent Helmut Herles, Mit-Autor des Buches "Vatikan intern", hält denn auch den Hallenbau für ein typisches Beispiel vatikanischer Verschwendung: "Die Halle ist doch in Wirklichkeit total überflüssig."

In der Tat bieten der Petersdom oder die über der Eingangshalle von Sankt Peter gelegene Benediktionsaula genügend Raum für Massenaudienzen.

Der Preis, den der Papst für den Bau zahlte: offiziell "etwa sechs Milliarden Lire" (24 Millionen Mark). Aber in Rom sprach man bald von 13 Milliarden (52 Millionen Mark).

Angesichts solcher Zahlen empfand der Papst offenbar Unbehagen. Jedenfalls sprach er bei der Eröffnungsfeier im Juni 1971 davon, daß die Aufwendungen für die Armen darunter nicht leiden sollten. Er werde deshalb einen sozialen Rat (Cor Unum) schaffen. Darüber hinaus wolle er ein konkretes Beispiel kirchlicher Hilfe geben und am Stadtrand von Rom für etwa 100 Familien aus Barackenunterkünften eine Mustersiedlung bauen lassen.

Freilich verschwieg er den Gästen der Eröffnungsfeier, woher er das Geld zu nehmen gedachte: Von der Stadt Rom ließ er sich bei Ostia Land schenken. Und das Geld für den Bau erzielte er aus dem Verkauf eines seiner leerstehenden Paläste in der römischen Altstadt, an der Via dell' Umiltà: 400 Millionen Lire (1,6 Millionen Mark). Im Sommer 1973 wurde die Siedlung mit großem publizistischem Wirbel von einem Vatikan-Kleriker eingeweiht. Mit der Audienzhalle erschöpfen sich Pauls Bauleistungen nicht. Den Neubau des Archäologischen Museums (Kosten schätzungsweise 80 Millionen Mark) weihte er offiziell erst gar nicht ein. Fast nebenbei wurde er 1970 für das Publikum freigegeben. Im vorigen Jahr eröffnete er ein 55 Säle umfassendes Museum unter der Sixtinischen Kapelle, für das sein Privatsekretär Macchi zeitgenössische christliche Kunst zusammentrug.

Und ein aufwendigeres Bauwerk bleibt für Rombesucher unsichtbar: Pauls Dachterrasse auf dem Apostolischen Palast, die der Papst nur für seinen persönlichen Gebrauch bestimmte. Er ließ sie bauen, um sich unbeobachtet ergehen zu können. Selbst von der Besucherplattform der Peterskuppel aus ist der Dachgarten nicht einzusehen.

Dafür machte Paul -- gestenreich, wie häufig -- ein Gegengeschenk: Pilger und Touristen dürfen seitdem in Gruppen und nach Voranmeldung die Vatikanischen Gärten besuchen. Pauls Pressestelle pries dies als eine "aktuelle Form des Apostolates" und als "Dialog mit dem Stuhl Petri". Während die Gartenbesucher jedoch vergeblich nach dem päpstlichen Dialog-Partner Ausschau halten, trifft sich der Papst tatsächlich allwöchentlich in einem kleinen Kreis zum vertraulichen Gespräch. In dieser Runde, der unter anderem die Jesuiten der päpstlichen Sternwarte angehören, offenbarte der Heilige Vater eines Abends eine erstaunlich realistische Selbsteinschätzung: "Ich hatte vor mir ein Genie des Geistes (Pius XII.), dann ein Genie des Herzens (Johannes XXIII.). Aber ich bin nur Mittelmaß."

Ende


DER SPIEGEL 47/1974
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