18.11.1974

Die Korbmacher

Wer Deutscher Basketballmeister wird, entscheiden Amerikaner. Fast jeder Bundesligaklub kaufte einen.
Lustlos standen zwei junge Männer vor der Sporthalle in Hagen. "Hier noch'n Mädchen aufreißen, geht nicht mehr", murrte der eine. Der andere ergänzte: "Die Ischen in der Ischelandhalle kommen doch nur noch wegen dem Schwatten."
Des Jungvolks Stimme bestätigte auch der Generalsekretär des Deutschen Basketball-Bundes (DBB), Hans Schöttler: "Über die Hälfte der Zuschauer sind Frauen, und die kommen nur wegen Jimmy Wilkens." Immer wenn der farbige US-Spieler Wilkens den Ball ins Ziel. einen Korb, wirft, lassen Mädchen auf der Tribüne Konfetti regnen. Und Chöre skandieren frei nach einer Glühbirnenwerbung: "Jimmy Wilkens -- Jimmy Wilkens, hell wie der lichte Tag."
Doch nicht nur Wilkens vom Deutschen Basketballmeister SSV Hagen in Westfalen löste zwischen Hamburg und München ein Fräuleinwunder aus. Fast jeder der 16 Bundesligaklubs im Basketball spielt mit einem US-Star, denn das mehrt die Zuschauerzahlen ebenso wie die Siegeschancen. In Meisterschaftsspielen darf allerdings jeweils nur ein Ausländer eingesetzt werden. So begrenzte der DBB die Ausländerquote unter den 35 000 Bundesspielern auf 400.
Die neun besten Korbschützen in der Bundesliga sind Amerikaner. Und seit die eingewanderten Korbmacher am Ball sind, stieg die Besucherzahl pro Spieltag gegenüber dem letzten Winter um ein Drittel, in Hagen sogar um das Doppelte, auf 8200 an. "Hätten wir größere Hallen", mutmaßt Basketballfunktionär Schöttler, "könnten wir noch mehr Leute anlocken."
Just als der SSV Hagen im letzten Winter mit Wilkens den Titel gewonnen hatte, besorgte er sich für die Europacupspiele, in denen beliebig viele Ausländer ein Team verstärken dürfen. den zweiten farbigen US-Star: Robert ("Pinky") Smith, der für 995 Mark im Monat als Sozialhelfer arbeitet, vom Klub allerdings weitere 3000 Mark kassiert. Internationale Wettkämpfe will der SSV Hagen künftig in Dortmunds Westfalenhalle bestreiten, wo 12000 Zuschauer Platz finden.
In den USA, deren Nationalequipe bis 1968 alle olympischen Goldmedaillen im Basketball gewonnen hatte und zuletzt in München der UdSSR unterlag, gehören Spieler wie Wilkens und Smith nur zur zweiten Garnitur. Doch in der Bundesrepublik, deren Spieler international nur als drittklassig eingestuft werden, sind sie nahezu konkurrenzlos. In Wettspielen müssen sie sich meist gegenseitig bekämpfen, denn deutsche Athleten fallen auf ihre Tricks fast immer herein.
"Ich verstehe die deutschen Spieler nicht", rügt der türkische Bundestrainer Yakovos Bilek, "sie könnten von den Amis viel lernen, aber sie tun es nicht." Um in die Bundesliga auf zusteigen, erwarb jüngst auch Deutschlands beliebtester Verein. der siebenfache deutsche Fußballmeister Schalke 04, den US-Spieler Travis Lackey -- für 30 000 Mark. Seitdem führt Schalke 04 in der Regionalliga West die Tabelle an.
Der ehemalige Basketballmeister TuS 04 Leverkusen, der bislang vom Spielwitz des Kaliforniers John Ecker profitierte, verpflichtete den Farbigen Bobb Webb, Ecker, ein Weißer, hatte die deutsche Weitsprung-Olympiasiegerin Heide Rosendahl geheiratet und war mit ihr in die USA zurückgekehrt. Der für den USC Heidelberg spielende Fred Warren bekannte sich. kaum in der Bundesrepublik angekommen, nach Cassius-Clay-Manier als Moslem und spielt unter dem Namen Malek Abdel Monsour.
Der unverhoffte Basketball-Boom ermunterte inzwischen auch die Manager der US-Profiliga. Vom 17. Januar 1975 an planen sie den Start einer Europaliga unter Einschluß der Spielorte München, Düsseldorf und Köln. "Von der Sorte eines Jimmy Wilkens haben wir in den USA haufenweise Spieler, die für 60 000 Mark an Firmen-Mannschaften verkauft werden", erklärte Donald Regan aus New York.
"Mögen die Amerikaner auch gewiefte Manager sein", tröstete das bundesdeutsche Verbandsblatt "Basketball" die aufgeschreckten Amateurfunktionäre, die wie Hagen die Eintrittspreise wie in der Fußball-Bundesliga -- bis zu 15 Mark -- kassieren, "auf die Dauer identifiziert sich das Publikum kaum mit Mannschaften. in denen weder ein Rheinländer noch ein Bayer spielt."

DER SPIEGEL 47/1974
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