26.08.1974

ISRAELKreuzigt ihn

Deutsche Prälaten sammelten Geld für ihn, Erzbischof Capucci kaufte dafür den arabischen Guerillas Waffen
Neun christlichen Kirchenfürsten gestattete Israel freie Fahrt in arabische Nachbarstaaten -- ohne Zoll und Sicherheitskontrollen. Seit der vergangenen Woche genießen nur noch acht dieses Privileg.
Der neunte, Monsignore Hilarion Capucci, griechisch-katholischer Erzbischof von Jerusalem, sitzt in israelischer Untersuchungshaft, weil er Gelder, Waffen und Sprengstoff beförderte -- für die El-Fatah.
Der Papst erklärte, daß er die Meldung von der Verhaftung "mit großem Schmerz aufgenommen" habe. Denn der Zwischenfall "belastet das ohnehin belastete Verhältnis zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl noch mehr" (so ein Vatikan-Experte in Rom). "Die Tatsache, daß Erzbischof Capucci einen vom Heiligen Stuhl ausgestellten Diplomatenpaß hat", protestierte die israelische Zeitung "Davar", "gibt ihm nicht das Recht, sich ungestraft als Terrorist zu betätigen."
Die arabische Welt aber -- sogar die Moslem-Führer und die marxistische "Volksfront zur Befreiung Palästinas" des Dr. Habasch -- feiert den schwarzbärtigen Geistlichen als Märtyrer. Auf einer Karikatur der Beiruter Zeitung "Al-Muharrir" zerrt ein israelischer Soldat den Bischof hinter sich her. Er fragt den Kommandanten: "Was sollen wir mit dem Kerl machen?" Die Antwort: "Wie üblich, kreuzigt ihn!"
Der vor 52 Jahren in Aleppo geborene Kirchenmann hatte einst seinen syrischen Namen "Kapudschi" in "Capucci" italienisiert, wurde aber ein radikaler arabischer Nationalist. Er unterschrieb jederzeit Resolutionen gegen die Israelis, er rief nach dem Tode Nassers zu einer Trauerdemonstration auf, er weigerte sich als einziges Kirchenoberhaupt in Jerusalem, seine Gottesdienste in der religiösen Stunde des israelischen Rundfunks übertragen zu lassen.
Im Ausland dagegen machte Capucci sich Freunde. So schenkte er 1966 in München dem bayrischen Ministerpräsidenten Goppel und dem Kardinal Döpfner Rosenkränze aus Jerusalem. Er ließ sich an der Berliner Mauer photographieren und versprach, für die deutsche Wiedervereinigung zu beten.
Deutschlands Christen dankten. Der heutige Kölner Generalvikar Peter Nettekoven und der Bamberger Prälat Jupp Schneider organisierten Spenden für Capucci -- angeblich zum Unterhalt zweier Schulen in "Bethlehem und Ramallah sowie zum Ausbau von Capuccis Jerusalemer Patriarchatsgebäude. Einen Hinweis deutscher Freunde, sich vielleicht mit einem VW K 70 zu begnügen, lehnte der Bischof allerdings schroff ab. Weil der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem einen amerikanischen Straßenkreuzer fuhr, brauchte der griechisch-katholische Erzbischof einen Mercedes.
Mit seinem weißen Mercedes 280, Kennzeichen 83 266, reiste der Bischof immer wieder nach Jordanien und in den Libanon, seit dem Oktoberkrieg allein 42mal. Die Israelis wurden mißtrauisch, weil der Seelsorger sogar in der größten Sommerhitze nie den Wagen verließ.
Als aber einmal ein Armeeoffizier an der Allenby-Brücke mahnte, Capucci sei nicht nur Priester, wurde er zurückgepfiffen. Israel wollte keine Reibungen mit dem Vatikan und den griechischen Katholiken.
Doch im Frühjahr wurden die Sicherheitsbehörden wachsamer. Sie hatten am 15. Mai drei Katjuscha-Raketenwerfer gefunden, die auf Jerusalems König-David-Hotel gerichtet waren, in dem damals Henry Kissinger weilte. Am folgenden Tag entdeckten sie im Zentrum der Heiligen Stadt eine Zeitbombe, die wiederum gerade noch entschärft werden konnte.
Einen Hinweis auf die Herkunft der Waffen gaben die für die Anschläge verantwortlichen Brüder Malaabi, als sie gestanden, sie hätten die Waffen von einem ihnen unbekannten Priester bezogen.
Am 8. August, kurz nach acht Uhr morgens, stoppten Sicherheitsbeamte den Mercedes des Bischofs Capucci. Sichtlich verlegen sah Capucci zu, wie aus der Luxuslimousine vier Kalaschnikow-Sturmgewehre, Hunderte Schuß Munition, über ein Dutzend Handgranaten, Zeitzünder und etwa 100 Kilo Sprengstoff ans Tageslicht befördert wurden. Obwohl sie ihren jahrelangen Argwohn nunmehr bestätigt sahen, begnügten sich die israelischen Fahnder, den Fatah-Kurier bis gegen Mitternacht zu vernehmen. Anschließend setzten sie ihn wieder auf freien Fuß, in der Hoffnung, seinen Verbindungsmännern auf die Spur zu kommen.
Am 16. August aber wurde Capucci wieder festgenommen. Seitdem in Einzelhaft, bei ständiger Überwachung, "kooperiert der Erzbischof mit dem Fahndungsteam". Tatsächlich war Capucci zwar geständig, beteuerte jedoch, er habe sich nicht seit drei Jahren, sondern erst letzthin für solche Dienste hergegeben.
Um seine Aufrichtigkeit zu belegen, gab er angeblich sogar mehrere Verstecke preis, in denen er Waffen, Geld oder Botschaften für Fatah-Leute zu kaschieren pflegte.

DER SPIEGEL 35/1974
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