09.09.1974

„Ich will nicht so schmählich abtreten“

Das Dunkel um die Hintergründe des Brandt-Rücktritts beginnt sich aufzuhellen: Details aus der Privatsphäre des Kanzlers, bei Recherchen gegen Guillaume zu Tage gefördert, bewogen den noch zaudernden Regierungschef zum Amtsverzicht. Die Rolle Wehners, so Brandt zu Vertrauten, sei schlimmer gewesen als bislang bekannt.
Seine Freunde im Parteipräsidium rieten ihm ab. Doch der Groll sitzt zu tief. Ungeachtet der Sorgen seiner Genossen, der nach dem Kanzlerwechsel überraschend schnell eingekehrte Parteifrieden könnte in Gefahr geraten und die Zeit des Abrechnens doch noch beginnen, brach Willy Brandt sein Schweigen.
Auf 28 Seiten seines Ende September erscheinenden Buches "Über den Tag hinaus"*, aus dem der SPIEGEL von seiner nächsten Nummer an in drei Folgen Auszüge vorabdruckt, erinnert er sich mittels Tagebuch-Aufzeichnungen an die letzten "Einunddreißig Tage" seiner Kanzlerschaft -- für Kenner der Bonner Szene hinreichend deutlich, für mehr als einen der damals Beteiligten peinlich genug.
Für Uneingeweihte schwer zu entschlüsseln, beschreibt Willy Brandt den
* Willy Brandt: "Über den Tag hinaus -- Eine Zwischenbilanz. Hoffmann und Campe, Hamburg; 525 Seiten; 34 Mark.
Abend der Entscheidung in Münstereifel, 48 Stunden vor dem formellen Rücktritt am 6. Mai: "Samstagabend ein paar Einzelgespräche -- erst mit Wehner, dann mit Börner und Ravens -- zum Fall G. Zu nächtlicher Stunde sage ich, daß mein Entschluß zum Rücktritt nahezu feststehe. Die beiden Freunde, denen ich dies sage, versuchen mich umzustimmen."
Wer von den drei Anwesenden mochten die "beiden Freunde", wer der ausdrücklich nicht apostrophierte Nicht-Freund gewesen sein?
Für Eingeweihte steht fest, daß in jener Nacht im Münstereifeler Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Sicherheit nur zwei Getreue versucht hatten, den strauchelnden Kanzler umzustimmen und zum Verbleib im Amt zu bewegen: Holger Börner, der Bundesgeschäftsführer der SPD, und Karl Ravens, der damalige Parlamentarische Staatssekretär des Kanzleramtes.
Keine Silbe schreibt Brandt darüber, ob ihn auch der SPD-Fraktionschef Wehner vom Rücktritt habe abhalten wollen. Der SPD-Parteivorsitzende hat die Diskussion über das Verhalten seines potenten Widersachers ("Noch immer ein politisches Kraftwerk erster Kategorie"*) freigegeben.
"Wenn der Punkt kommt, wird es gefährlich."
Nur mühsam wahrt Brandt dabei Parteidisziplin. In seinem Buch, mit dem sich der SPD-Vorsitzende erstmals nach seinem Kanzler-Rücktritt wieder zu Wort meldet und in dem er seine Politik als Regierungschef zu rechtfertigen und mit Blick auf kommende Wahlkämpfe seiner Partei Wegmarken zu setzen versucht, fehlen Einzelheiten über die entscheidende Rolle Wehners an jenem 4. Mai in Münstereifel. Doch Vertrauten gegenüber wurde Brandt deutlicher: Wehners Rolle sei viel schlimmer gewesen als draußen be-
* Günter Geschke im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt".
kannt. Er fühle sich von "Herrn Wehner" verraten.
In der Stunde tiefer Not sah Willy Brandt sich von dem einflußreichen Fraktionschef im Stich gelassen. Wehner, der einem Karl Wienand bis zuletzt zur Seite gestanden hat, wollte seinen hin- und hergerissenen Kanzler in Münstereifel nicht mehr halten.
Brennt in der SPD die Diskussion über die Schuldfrage beim Kanzlersturz hoch, dann ist schnell auch wieder der einstige Innenminister Hans-Dietrich Genscher, heute Außenminister und designierter FDP-Vorsitzender, im Gerede. Ihn macht Brandt für Pannen und Versäumnisse im Fall Guillaume politisch verantwortlich.
Auch der FDP-Mann bekommt in dem Buch seinen verschlüsselten Tadel. So erinnert sich Brandt an den 24. April dieses Jahres, jenen Tag, an dem Guillaume verhaftet wurde:
Natürlich ging mir am Abend und in der Nacht immer wieder die Verhaftung G.s durch den Kopf. Die Mitteilung, daß G. entlarvt worden ist, hätte mich nicht sonderlich zu berühren brauchen, denn mir war vor geraumer Zeit gesagt worden -- mit der Hinzufügung, bitte nichts an seiner Tätigkeit zu ändern -, daß es Anhaltspunkte für einen Verdacht geben könne und man ihn daher observieren wolle. Lange Zeit hatte es dann für mich so ausgesehen, als hätte es sich um einen nicht begründeten Hinweis gehandelt. Vor knapp zwei Monaten war mir gesagt worden, es bestehe Veranlassung, die Bundesanwaltschaft zu bemühen. Ich ging selbstverständlich davon aus, daß die Sicherheitsbehörden tun würden, was ihres Amtes ist.
Schon hielt es Kanzler Helmut Schmidt für angebracht, seinen Koalitionspartner vorzuwarnen. Und schon signalisierten die Freidemokraten den Genossen, daß sie sich wehren wollen: "Ab einem bestimmten Zeitpunkt", so ein liberaler Spitzenfunktionär, "kann sich die FDP nicht "mehr gefallen lassen, daß ihr designierter Vorsitzender angegriffen wird. Die SPD darf nicht mit Verdächtigungen operieren und sich darauf verlassen, daß sich ihr Partner fair verhält. Es kann der Punkt kommen, wo Genscher sagt, er muß darauf bestehen, daß er in der Sache voll rehabilitiert wird. Dann wird es gefährlich."
Genscher und Wehner -- das sind die beiden Männer, denen Brandt nachhält, daß er überhaupt und -- wenn schon nicht würdiger, unter weniger demütigenden Umständen abtreten mußte.
Genscher trug die politische Verantwortung dafür, daß dem Kanzler am 29. Mai 1973 nur von einem "vagen Verdacht" (Brandt) gegen Guillaume berichtet wurde. Brandt zu Bekannten: "Hätte ich damals erfahren, was die Verfassungsschützer schon wußten, wäre Guillaume nicht länger in meinem unmittelbaren Bereich geblieben." Genscher muß auch dafür geradestehen, daß das ihm unterstellte Bundeskriminalamt trotz des schwerwiegenden Verdachtsmaterials erst vier Wochen vor der Guillaume-Verhaftung eingeschaltet worden ist.
Brandt notiert unter dem 24. April: Gewiß muß ich mich fragen, ob ich leichtgläubig gewesen sei. Ein solcher Eindruck wird sich vermutlich festsetzen. Nur müßte man dann wissen, daß G. als "besonders zuverlässig" ins Kanzleramt vermittelt worden war und daß er eine besondere Überprüfung hinter sich hatte, als er ins Kanzlerbüro übernommen wurde,
Welche Qualifikation er dieser von dem -- Genscher unterstehenden -- Bundesamt für Verfassungsschutz vorgenommenen Prüfung beimißt, läßt Brandt seinen ehemaligen Kanzleramtschef Horst Ehmke in Zitat-Form sagen (Tagebucheintragung über den 1. Mai):
"In die Sicherheitsüberprüfung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz wurden, wie das Bundesamt heute erklärt hat, alle dem Bundeskanzleramt bekannten Tatsachen einbezogen. Wie das Bundesamt für Verfassungsschutz bereits am 28. 4. und 30. 4. mitgeteilt hat, führte seine Sicherheitsüberprüfung zu dem Ergebnis, daß gegen die Einstellung Guillaumes keine Bedenken bestünden."
Als herauskam, daß der Spion während Brandts Norwegen-Urlaub Dokumente der Nato-Geheimstufe "Cosmic" in die Hände bekommen hatte, zog Brandt-Freund Ehmke am 29. April die Konsequenz: "Willy, du mußt zurücktreten." Brandt, gequält: "Horst, ich will nicht so schmählich abtreten."
Wehner war es dann, der Brandt nicht half, die Guillaume-Affäre durchzustehen" sondern den Fall zu dem in seinen Augen längst notwendigen Kanzlerwechsel nutzte. Die Guillaume-Affäre samt ihrem delikaten Beiwerk -- der Spion war nach den Ermittlungsergebnissen von Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft auch dann vermittelnd tätig, wenn Frauen, respektable oder auch nicht, Brandt besuchen wollten oder sollten -nahm sich dabei nur wie ein Anlaß zum Kanzlersturz aus.
Der Schlußakt der Kanzlerdämmerung begann am 26. April mit einem Telephongespräch, bei dem zwei Tage nach der Guillaume-Verhaftung der Leiter der Bonner Sicherungsgruppe, Abteilungspräsident Hans Wilhelm Fritsch, seinen Dienstvorgesetzten, den Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Horst Herold, um Aussagegenehmigung für Brandts Chef-Bewacher, den Kriminalhauptkommissar Ulrich Bauhaus, anging.
Die Aussagegenehmigung für Bauhaus sollte sich auch auf einen Komplex "Amouren" beziehen. Herold hatte keine Bedenken, seine Einwilligung zu geben, da inzwischen Guillaumes amouröse Verhältnisse, beispielsweise zu Marieluise Müller, der Sekretärin von Kanzleramts-Staatssekretär Günter Gaus, aktenkundig geworden waren.
"Ob uns Amouren da oben interessieren?" -- "Nein."
Unprogrammgemäß jedoch erkundigte sich der besorgte Bauhaus am Ende der Vernehmung am 26. April bei seinem Kollegen, ob denn wohl auch Brandt-Intimitäten in das Verfahren einbezogen würden. Erschrocken und etwas wichtigtuerisch plauderte er über dieses und jenes aus der Privatsphäre seines Kanzlers, die er in Gefahr sah. Die Vernehmer erfuhren, daß Brandt hin und wieder bei seinen Reisen über Land im Kanzler-Sonderzug und im Hotel den Besuch von Frauen empfangen habe und daß der Spion Guillaume davon wissen müsse.
Die Ermittler stutzten, und als die beiden leitenden Sicherungsgruppen-Beamten Schütz und Röhmelt anderntags zu einem Routinebesuch im Bundeskriminalamt in Wiesbaden erschienen, offenbarte Schütz dem Präsidenten Herold, was Bauhaus ausgeplaudert hatte.
Zur Sprache kam auch, daß der direkte Dienstvorgesetzte von Bauhaus, Kriminalrat Gernot Mager, seit Anfang des Jahres Leiter der Sicherungsgruppe im Palais Schaumburg und inzwischen auf einen anderen Posten versetzt, sich schon einmal über die lockeren Sitten in unmittelbarer Kanzlernähe beschwert und eine Versetzung von Bauhaus empfohlen hatte. So soll der Chefbewacher seinen bewachten Chef auch vor Dritten geduzt haben ("Willy, du mußt jetzt ins Bett"). Er soll bramarbasiert und gelegentlich etwas von "Schnepfen" gemurmelt haben: "Rechnung an den persönlichen Referenten". Persönlicher Referent war Guillaume.
Bedeutung gewann jetzt auch eine Frage, mit der Sicherungsgruppenchef Fritsch seinen Präsidenten Herold schon Monate vorher konfrontiert hatte: "Ob uns Amouren da oben interessieren?" Herolds Antwort war damals: "Nein."
Nun interessierten die Amouren oben. Herold und Schütz ließen sich bei Innenminister Genscher melden und holten ihn eigens aus einer Wochenend-Tagung in Schloß Gymnich. Der in diesem Fall mehr vor- als umsichtige Polizeiminister gab Order, sowohl den Generalbundesanwalt zu verständigen als auch weitere Recherchen anzustellen, beispielsweise den Beschwerdeführer Mager vorzuladen.
Das war überflüssig, denn Mager meldete sich selber von einem auswärtigen Auftrag. Er hatte von der Guillaume-Verhaftung (24. April) gehört und seine vor Tatendurst fiebernden Sicherungskollegen am Telephon gefragt: Der Guillaume habe Brandt doch noch vor 14 Tagen ein Mädchen zugeführt; ob der Kanzler denn nicht gewußt habe, daß sein Referent ein Spion sei.
Mager-Einvernahme und Spezialrecherchen der Herold-Behörde ergaben den Eindruck, der Kanzler habe -- vermittelt durch Bauhaus, aber auch durch Guillaume -- nächtens im Salonwagen-Abteil wie bei Hotel-Aufenthalten Besuche auch von Frauen empfangen, die nicht als respektabel anzusehen seien, und nicht etwa nur Journalistinnen oder sonstwie legitimierte Besucherinnen.
Kein Fall war aktenkundig, wo Guillaume eine "Schnepfe" zum Kanzler geleitet hätte. Zweimal hatte er allerdings Journalistinnen zu ihm geführt und den begleitenden Sicherheitsbeamten bedeutet, anzüglich gar, sie möchten sich um den Besuch nicht kümmern, das gehe schon in Ordnung. Ein drittes Mal handelte es sich um eine Dame, die von den Sicherheitsbehörden nachrichtendienstlich observiert wird (womit über ihre Respektabilität noch nichts Erschöpfendes feststeht).
Was im Kanzlerabteil oder hinter sonstwie verschlossenen Türen geschehen sein könnte, weiß nur der Kanzler, jedenfalls findet sich darüber nichts in den Akten. Was den die Phantasie beflügelnden Sonderzug angeht, so hält er dafür, daß hier die Kräfte etwa eines im Wahlkampf befindlichen Spitzenpolitikers doch wohl überschätzt würden. Eine Flasche Wein oder auch zwei, nächtens zur Entspannung in Gesellschaft einer jüngeren Frau genossen, seien ja wohl kein Sakrileg -- es sei denn, besagter Spitzenpolitiker verliere anschließend die Wahlen. Man dürfe es ihm ja wohl auch nicht verargen, wenn er sich erkühne, eine alte Bekannte zu empfangen, die zufällig nicht Journalistin sei.
Für die Polizisten-Phantasie indessen reichte schon die Vorstellung" aus, den Kanzler mit einer Besucherin allein im Abteil zu wissen und den persönlichen Referenten Guillaume im Nachbar-Coupé. Ob der Kanzler tatsächlich selbst den Grund für einen sogenannten Kompromat geliefert hat oder ob der Spion durch gezielte Redereien diesen Eindruck, nicht zuletzt in- weiser Voraussicht seiner persönlichen Geschicke, zu erwecken wußte, steht bis heute nicht fest.
Was den Kriminal-Rechereheuren indes nicht einleuchten will: Brandt fühlte sich tief getroffen von dem Eifer der Genscher-Untergebenen, seine Privatsphäre auszuleuchten. Er,. der Nicht-Jurist, mußte, so wie die Dinge nach dem 28. April weiterliefen, tatsächlich den Eindruck gewinnen; den Vernehmern gehe es mehr um ihn als um Guillaume.
Der Innenminister hatte inzwischen nämlich das Bundeskriminalamt angewiesen, ihm schriftlich über die Ermittlungsergebnisse zu berichten, worauf Herold ihn am 30. April brieflich über die Vernehmungen der Sicherungsgruppen-Beamten ins Bild setzte. Der Innenminister leitete die Herold-Post am 1. Mai per Boten an den Kanzler weiter, der gerade auf einer kombinierten Tag-der-Arbeit- und Wahlkampf- -- reise im Hamburger Hotel Atlantic abgestiegen war. Brandt hatte am Vorabend schon eine Vorwarnung seines Justizministers Gerhard Jahn erhalten.
Da der Herold-Bericht nur zur internen Unterrichtung Genschers bestimmt und folglich nicht mit einer Einleitung versehen war, die den Anlaß zu der Intim-Recherche der Bundespolizisten hätte erläutern können, mußte Brandt davon ausgehen, die Genscher-Leute hätten ohne hinreichenden Grund und intensiver als geboten in seiner Intimsphäre herumgestochert. So erklärt sich sein artikulierter Unmut, die Sicherheitsbeamten hätten sich mehr um sein Privatleben gekümmert als darum, den Spion zu-fangen.
Es sollte für ihn noch peinlicher werden. Von Hamburg aus war Brandt, offensichtlich in depressiver Stimmung, zu einem Abstecher nach Helgoland aufgebrochen. "Freundliche Aufnahme und trotz der Sorgen gemeinsam mit Lauritzen Teilnahme an einem norddeutsch-vergnügten Abend", notierte der Buchautor.
in der Tat war Brandt nach einem Rundgang mit dem damaligen Verkehrsminister Lauritz Lauritzen durch die leergefegten -- Straßen der Insel das Fernsehen -- übertrug gerade ein Fußballspiel Deutschland-Schweden -- in einen Shanty- und Schunkel-Abend der SPD-Ortsgruppe geraten. Der Kontrast zwischen seiner düsteren Endzeit-Stimmung und der aufgesetzten Vereinsfröhlichkeit um ihn herum verschwamm im Alkohol. Bevor er sich zurückzog, murmelte er -- düster: "Scheißleben, Scheißleben."
Am anderen Morgen wurde Bauhaus von der Bundesanwaltschaft, die inzwischen die Akten an sich gezogen hatte, nach Börm zur Vernehmung gerufen. Dort wurde er in Anwesenheit von Bundesanwalt Ernst Träger -- wie sich die Verhafteten der SPIEGEL-Affäre entsinnen, ein CDU-Sympathisant -- mit dem Mager-Report konfrontiert.
Obwohl Bauhaus sich zunächst sträubte, mußte sich Brandts Leibwächter zu den Damen-Kontakten seines Chefs äußern. Träger belehrte den von Loyalitätskonflikten geplagten Wachmann, die uneingeschränkte Aussagegenehmigung Herolds bedeute für ihn, daß er altes sagen müsse.
Tags darauf beklagte sich Bauhaus bei Brandt, ihm sei sogar mit richterlicher Genehmigung Beugehaft angedroht worden, falls er nicht mit der Sprache herausrücke -- ein Vorwurf, den Träger nicht bestätigte. In einem Brief, den Bauhaus wenige Tage später an den bereits zurückgetretenen Kanzler richtete, fragte der Sicherungsgruppen-Beamte an, ob es Brandt recht wäre, wenn er, Bauhaus, Strafantrag gegen seine eigene Behörde wegen unerlaubter Vernehmungsmethoden stelle. Er habe Auskünfte geben müssen, die andere Ziele als den Vernehmungsgegenstand gehabt hätten.
Am 3. Mai schwankte Brandt noch zwischen Resignation und Kampfeswillen. Einerseits eröffnete er an diesem Tage, wie er in seinem Buch schreibt, Helmut Schmidt, "der sehr überrascht ist: Er müsse damit rechnen, daß die Kanzlerschaft sehr plötzlich auf ihn zukommen könne". Schmidt selber will sich heute an die Eröffnung nicht mehr so recht erinnern können, räumt aber ein, Brandt habe ihn in Stunden der Resignation schon öfter mit dieser Konsequenz konfrontiert; er will deshalb den Brandt-Satz möglicherweise gar nicht so ernst genommen haben.
Durchmarsch nach vorn: Wehner ins Kabinett.
Andererseits überlegte der Kanzler am Abend zusammen mit Getreuen wie Ravens und Börner, Egon Bahr und Günter Gaus, ob es nicht doch noch möglich sei, einen Durchmarsch heraus aus der Krise zu starten. Brandt dazu in seinen Buchnotizen: "Im Laufe des Tages habe ich eine Reihe von Einzelgesprächen, die sich am Abend jedoch auf das anstehende Revirement des Kabinetts konzentrierten."
Brandts Idee: Nach der Kette von Wahlniederlagen der SPD bei Landtags- und Kommunalwahlen, nach dem Absacken seiner Partei in der Wählergunst unter die 40-Prozent-Marke als Folge der schleichenden Kanzlerkrise, nach Fluglotsenstreik und Wehners Moskau-Attacken, nach Festfahren der Reformpolitik und nach drohendem Notstand in der Energiekrise sollte eine große Kabinettsumbildung das Signal für den Neubeginn sein. Kernstücke des Plans, über den die Durchhalte-Politiker an jenem Abend brüteten: Die Verantwortlichen in der Affäre Guillaume müßten abgelöst und die beiden gefährlichsten Brandt-Gegenspieler in den eigenen Reihen, Wehner und Schmidt, neutralisiert werden.
Forschungsminister Horst Ehmke, der einst als Kanzleramtschef für die Einstellung des Spions zuständig war, hätte demnach ebenso gehen müssen wie FDP-Innenminister Hans-Dietrich Genscher und Verfassungsschutz-Präsident Günther Nollau, denen Pannen bei der Enttarnung und Überwachung des Agenten anzulasten waren.
Mit Wehner sollte endlich die seit seinen Moskauer Attacken gegen Brandt noch offene Rechnung beglichen werden. Der Brandt-Alptraum hätte den Fraktionsvorsitz abgeben und sich mit einem Kabinettsposten begnügen müssen. Finanzminister Schmidt, der nach dem Hamburger Wahldebakel der SPD im Frühjahr 1974 den Kanzler öffentlich kritisiert hatte, sollte gegen Wehner ausgespielt und mit dem Fraktionsvorsitz -- seinen eigenen Wünschen entsprechend -- Brandt neu verpflichtet werden.
Weitere Punkte des Kabinettsstücks: Sonderminister Egon Bahr sollte den glücklosen Staatssekretär Horst Grabert. als Kanzleramtschef ablösen, Grabert statt Staatssekretär Günter Gaus als Bonner Bevollmächtigter nach Ost-Berlin gehen, Gaus zum Regierungssprecher ernannt werden. Onkel Herbert: "Da muß ich wohl was unternehmen."
Doch bald schon wurde Brandt und den Seinen klar, daß nichts mehr ging. Welcher Kabinettsposten hätte Wehner angeboten werden können? Wer sollte neuer Finanzminister werden? Würde sich Schmidt. der dicht vor der Kanzlerschaft stand, überhaupt noch gegen Wehner ausspielen lassen?
Und vor allem: Ein Rausschmiß Genschers wäre das Ende der sozialliberalen Koalition gewesen. Denn Walter Scheel stand zum Abmarsch in das Bundespräsidentenamt bereit, Genscher war designierter Scheel-Nachfolger in Außenamt, Vizekanzlerschaft und FDP-Vorsitz. Weder hätte Scheel seine eigenen Pläne begraben mögen, noch hätte er Genscher fallenlassen können.
Mutlos gab Brandt die Revirementspläne auf, jäh schlug seine Stimmung um.
Am folgenden Morgen, Samstag, dem 4. Mai, rief ein aufgeregter Nollau bei Wehners Stieftochter Greta Burmester an und bat dringlich um einen Termin mit dem Fraktionschef. Zwei Stunden später berichtete Nollau seinem Protektor, den er seit langem mit Geheimdienst-Nachrichten versorgt und dem er seinen Aufstieg zum Verfassungsschutz-Präsidenten verdankt, welche gefahrvollen Details die Vernehmung des Brandt-Bewachers Bauhaus ergeben hätten. Wehner, der sich die Enthüllungen schweigend angehört hatte, beschied Nollau: "Da muß ich wohl was unternehmen."
"Onkel Herbert" wurde aktiv. Er notierte auf einem Merkzettel die Alternativen: Brandt könne Regierungs- und Parteichef bleiben, die Kanzlerschaft abgeben oder beide Ämter niederlegen. In Munstereifel dann, wo die SPD. Spitze zu einer Konferenz mit Gewerkschaftsführern zusammengekommen war, machte der SPD-Veteran in dem abendlichen Einzelgespräch mit Brandt -- wie der Exkanzler später Freunden anvertraute -- unmißverständlich klar, für welche Alternative er sich entschieden hatte: Abschied Brandts vom Kanzleramt.
Die Unterredung begann. gegen 19.30 Uhr und endete kurz vor 20.30 Uhr. Zu Anfang hatte der Kanzler noch gehofft, Wehner werde gegen die Demission votieren und mit ihm einen Ausweg aus der Krise suchen. Brandt sprach die Möglichkeit einer einschneidenden Kabinettsumbildung an. Doch Wehner wollte nicht mehr. "Als der dann auch noch hörte, daß sein Intimfeind Bahr Chef des Kanzleramtes werden sollte", so später ein SPD-Vorstandsmitglied, "war bei Onkel Herbert erst recht der Ofen aus."
Zwar forderte er Brandt nicht direkt auf, seinen Abschied als Kanzler zu nehmen, aber er riet auch nicht vom Rücktritt ab. Statt dessen kam er auf die schweren Belastungen für die SPD-Regierung zu sprechen, die sich aus Angriffen der Opposition im Zusammenhang mit ·der Guillaume-Affäre ergeben könnten. Es sei damit zu rechnen, daß die CDU/CSU bereits von den Ergebnissen der Leibwächter-Vernehmungen Kenntnis erhalten habe und in der bevorstehenden Haushaltsdebatte danach fragen werde. Brandt war so angespannt und zugleich heiter.
Brandt und Wehner erinnern sich hier verschieden. Brandt meint, Wehner habe ihm unter anderem den Umgang mit zwei, übrigens respektablen, Damen vorgehalten, mit denen er, Brandt nie etwas gehabt habe. Wehner hingegen meint, er habe in Münstereifel gar keine Namen genannt, das sei auch nicht nötig gewesen, Brandt habe über die Vernehmungsprotokolle ja Bescheid gewußt. Allerdings habe er zwei Tage später beiläufig einen Namen erwähnt, nicht gegenüber Brandt, und später festgestellt, Brandt habe ihm die Nennung dieses Namens verübelt, weil da nichts gewesen sei.
Jedenfalls schieden die beiden am Abend von Münstereifel nicht als Freunde. Brandt wußte nun, daß es für ihn kein Zurück mehr gab. Tief deprimiert setzte er sich mit Börner und Ravens zusammen. Brandt in seinem Buch:
Sie vermuten wohl, es seien die seit Anfang des Vorjahres sich häufenden Widrigkeiten, die mich mürbe gemacht hätten. Ich will das nicht völlig ausschließen. Wer kann sich insoweit in vollem Umfang selber Rechenschaft geben? Jedenfalls kann ich, neben Fehlern. Konditionsschwächen nicht bestreiten.
Am nächsten Tag, Sonntag, dem 5. Mai, hatte Wehner erreicht, was er für richtig hielt. Brandt gab auf. "Sonntagnachmittag, als das Gespräch mit den Gewerkschaftsführern beendet ist", schreibt Brandt, "Besprechung im Kreis der engeren Parteiführung (Schmidt, Wehner, Börner, Nau, ohne Heinz Kühn, der am nächsten Tag aus Afrika zurückkommt). Ich gebe meinen Entschluß bekannt, begründe ihn und nominiere Helmut Schmidt als meinen Nachfolger. Dieser rät mir besonders eindringlich ab. Daß ich Parteivorsitzender bleibe, steht nicht zur Disskussion."
Der Ex-Kanzler irrt, oder er ist damals von Teilnehmern der Sitzung nicht richtig verstanden worden. Die Runde faßte Brandts Rücktrittserklärung so auf, als wolle er auch sein Amt als Parteivorsitzender zur Verfügung stellen. Wehner erhob Einspruch. Schmidt sprang auf und brüllte Brandt an: Sein Verhalten sei "out of proportion". Es sei völlig unangemessen, die SPD wegen einer solchen Lappalie sitzenzulassen. Als Brandt seinen Ent-
* Bei der Kanzler-Verabschiedung in der SPD-Bundestagsfraktion am 7. Mai.
schluß, die Kanzlerschaft niederzulegen, schon am Sonntagnachmittag für definitiv erklären wollte, ging Schmidt noch einmal hoch: Weder Bundespräsident Heinemann noch die FDP seien informiert oder konsultiert worden. Brandt erklärte sich bereit, bis Montag zu warten. Was dann folgte, schildert Brandt so:
Abends schreibe ich auf dem Venusberg, unter dem Datum des 6. Mai, meinen Brief an den Bundespräsidenten, den ich am nächsten Tag nicht mehr ändere und in dem ich darum bitte, den Rücktritt unmittelbar wirksam werden zu lassen: "Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang. mit der Agentenaffäre Guillaume und erkläre meinen Rücktritt
vom Amt des Bundeskanzlers." Diesen Brief zeige ich am Abend ein paar meiner Vertrauten und vor allem Walter Scheel, der stark abrät
Scheel, der wohl wußte, daß es die FDP unter einem konservativen Kanzler Schmidt schwerer haben würde, versuchte eindringlich, die Bedeutung der Agenten-Affäre herunterzuspielen und Brandt von seinem Entschluß abzubringen: "Das sitzen wir doch auf einer Hinternseite ab."
Aber Brandt wollte nicht mehr. Ihn konnte auch das Angebot Gustav Heinemanns nicht umstimmen, sich doch noch für eine erneute Präsidenten-Kandidatur zur Verfügung zu stellen, damit das Gespann Brandt/Scheel der Koalition erhalten bleibe.
Montag abend im Kanzleramt versammelte Brandt zum letztenmal in seinem Arbeitszimmer die engsten Mitarbeiter um sich, trank drei, vier Gläser Moselwein und gab sich bei Flachsereien gelassen. "Es war", so später ein Teilnehmer, "irgendwie unheimlich, Brandt war so angespannt und zugleich heiter." Nach einer knappen Stunde hob Brandt die Runde auf und ließ sich allein zu seinem Haus auf dem Venusberg fahren.
Ehmke traf kurz darauf im Kanzleramt ein und wollte für einen TV-Auftritt gelobt werden, in dem er erklärt hatte, für seinen, Ehmkes, Rücktritt bestehe kein Anlaß. Erst hier erfuhr er, daß der Brandt-Brief an Heinemann bereits abgeschickt war. Ehmke machte Bahr und Gaus Vorwürfe, daß sie Brandt allein hatten wegfahren lassen. Besorgt fragte das Trio von Bahrs Büro aus in der Wachstube bei Brandts Haus auf dem Venusberg an und vergewisserte sich, daß der Chef heil zu Hause angekommen war.
Am nächsten Morgen zelebrierte Wehner -- die obligate Cellophan-Bombe lag vor Brandts Platz -- in der Bundestagsfraktion den Abschied des Gestürzten. Während Wehners Ansprache verlor Bahr die Nerven. Dazu Hans-Jochen Vogel: "Der ist beim Wort "Liebe" in Tränen ausgebrochen."

DER SPIEGEL 37/1974
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1974
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich will nicht so schmählich abtreten“