05.08.1974

UNTERHALTUNGTadellos gebaut

Mit dem Song „Theo, wir fahr'n nach Lodz“, einem modifizierten Soldaten-Schlager aus dem Ersten Weltkrieg, gelang der Sängerin Vicky Leandros der bundesdeutsche Sommer-Hit.
Wenn gegenwärtig in der Bundesrepublik jemand "Theo" sagt, kommt unweigerlich die Antwort: Wir fahr'n nach Lodz." Mit dem Song gleichen Titels hat die Hamburger Griechin Vicky Leandros, 24, einen Schlager-Slogan als geflügeltes Wort durchgesetzt -- für die Unterhaltungsindustrie das Gütesiegel höchster Popularität.
Seit dem TV-Debüt in der ZDF"Starparade" am 16. Mai ist das Lodz-Lied der Top-Renner im westdeutschen Schlager-Derby. Diskotheken-Jockeys, Funk-Programmgestalter und Musikbox-Aufsteller haben den Favoriten namens Theo bis zum gegenwärtigen Etappen-Rekord von knapp 400 000 verkauften Singles auf Trab gebracht.
Dabei war die Leandros-Plattenfirma Phonogram nur widerwillig und zögernd an den Start gegangen, denn die Aufnahme "Theo, wir fahr'n nach Lodz" widerspricht allen Branchenregeln und Modetrends.
Während in der Pop- und Schlagerlyrik überall sonst modische Stadtflucht en vogue ist, klagt Vicky (bürgerlich: Vassiliky Papathanassiou) über ein "gottverlass'nes Dorf" voller "Mist und Dung, Heu und Torf": "Ich habe diese Landluft satt, will endlich wieder in die Stadt." Während die Trivial-Reimer gewöhnlich exotische Traum-Ziele bundesdeutscher Urlauber oder Süd-Länder mit Massentourismus preisen, wird hier eine triste Industriemetropole mit 750 000 Einwohnern besungen -- noch dazu in Polen, das im letzten Jahr nicht mehr als rund 200 000 Reisende aus Westdeutschland angelockt hat.
Vor allem aber, so argumentierten die Phonogram-Marktstrategen (erfolglos) nach Anhören des Tonbandes gegenüber dem umsatzmächtigen Produzenten Leo Leandros, Vater der Sängerin, sei der Lodz-Heuler "nicht Vicky-typisch": Er entspreche weder ihrem mediterranen Image noch ihrem Stil.
Damit zumindest, wenn schon nicht in der kommerziellen Einschätzung, hatten sie recht. Beim auch textlich originellen "Theo"-Song ist Vickys wie immer stimmgewaltiger Gesang weitgehend frei von jenen Unarten, die ihr neben Fan-Bewunderung auch reichlich Kritikerschelte eingebracht haben: schwülstiges Pathos, übertriebene Gefühlsseligkeit, manieriertes Zerdehnen von Silben und Melodie.
"Vicky Leandros", urteilte beispielsweise der Kritiker Barry Graves, "handelt mit Tand und Talmi und läßt ihre Kundschaft in dem Glauben, dem Gebaren einer großen Diseuse beizuwohnen." Drama sei für sie offenbar eine Sache der Lautstärke, Erotik ein Fremdwort. Sie werde immer "die Reserve bleiben", die einspringe, wenn ihre US-Konkurrentin Liza Minnelli zu teuer ist.
Den internationalen Show-Markt, auf den sie "1974 endgültig durchbrechen" wollte, hat die Leandros schon lange anvisiert. Nachdem der englische "Record Mirror" die viersprachige Sängerin vor zwei Jahren aufgrund ihrer Singles-Umsätze als "top girl singer" ermittelt hat, ist sie in mehreren Ländern schon derart prominent, daß (zum Beispiel in Griechenland) bereits Freudenfeuer angezündet werden, wenn sie kommt. Zur Entertainment-Spitze konnte sie dennoch bis heute nicht aufsteigen -- wohl vor allem wegen ihrer Banalschlager ä la "Ich hab" die Liebe gesehn" (Musik: Mikis Theodorakis; deutsche Plattenauflage: 820 000), die Kritiker Graves "Nullnummern" nennt.
Anspruchsvoll war in Vickys Fernsehshows eigentlich immer nur die Verpackung. Für die WDR-Sendung "Ich bin", die beim TV-Unterhaltungsfestival 1971 in Montreux -- dritter Platz -- die "Bronzene Rose" gewann, wurde sie vom Regisseur Pierre Koralnik mit elektronischen Bluebox-Tricks drapiert. Zum TV-Porträt "Vicky Leandros" vom vergangenen Januar heuerte der Bayerische Rundfunk den französischen Regie-Star Francois Reichenbach an.
Ihre Lieder, sagt sie, seien "keine Schlager, eher Chansons, fast Balladen". Doch sobald sie sich in Konzerten, einfühlsam, etwa an Gershwins "Summertime" oder John Lennons "Love" versucht, bleibt die Publikumsreaktion lau. Prompt folgt auf jeden dieser Höhenflüge eine Schnulze "mit dem perfekt eingelernten Gestenritual" ("Stuttgarter Zeitung").
Leo Leandros, der zu Vickys Gunsten die eigene Gesangskarriere ("Oh Mustafa, oh Mustafa") aufgab, hat unter dem zeitweiligen Pseudonym Mario Panas, mit Texten von Klaus Munro, die meisten Schmalz-Bestseller seiner Tochter komponiert. Er entdeckte aber auch die Zapfenstreich-Melodie, mit der sie derzeit so unkonventionell reüssiert.
"Theo, wir fahr'n nach Lodz" war mit den gleichen Noten unter dem Titel "Rosa, wir fahr'n nach Lodz" vor mehr als einem halben Jahrhundert ein 1-fit in Österreich; er wurde im Februar beim Finale der ZDF/ORF-Fernsehserie "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" als zeitgenössisches Kriegslied noch einmal intoniert. Der Name Rosa bezeichnete nämlich seinerzeit keineswegs ein Mädchen, sondern einen schweren Mörser, der im Ersten Weltkrieg vornehmlich am Isonzo und an der deutschen Westfront schoß. Originaltext:
Der Franzl hat a neue Braut seit er beim Militär ist, die ist ganz tadellos gebaut, wenn s auch a bissen schwer ist. Sie stammt zwar nicht von Doda, sie stammt vielmehr von Skoda. Die Taille dieser Nymphe ist netto Dreißig-fünfe.
Lang hat der Franzl nachgedacht, wohin die Hochzeitareis' er macht, da plötzlich kam das Kriegsgebraus und Franzl rief begeistert aus: Rosa, wir fahr'n nach Lodz. Der Hötzendorf, der fahrt bald hin, es geht direkt der Zug von Wien. Rosa, wir fahr'n nach Lodz.
Komponist und Textdichter dieses Schlachtgesangs (Copyright 1915) waren zwei österreichische Juden namens Artur Marcel Werau und Dr. Fritz Löhner. Werau starb 1931: Löhner wurde 1942 in einem Konzentrationslager von den Nazis ermordet.

DER SPIEGEL 32/1974
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