28.10.1974

SCHACHGnadenlose Wahrheit

Unterschwellige Ängste und Lüste, so meinen Psychologen, bilden den stärksten Antrieb zum Schachwettkampf -- hauptsächlich die geheime Lust auf Vatermord.
Einen "Quell sittlicher Bildung" erblickte vor 200 Jahren Benjamin Franklin im Schachspiel. Eine "angenehme und belebende geistige Übung, mit der man die Leidenschaften zu beherrschen lernt", nannte es achtzig Jahre später Schachschriftsteller William Cluley. Schachweltmeister Emanuel Lasker sah im Schach schlicht "Kampf", sein späterer Kollege Boris Spasski, vor zwei Jahren in Reykjavik von Bobby Fischer entthront, wertete es als "einen Sport".
Was immer Schach auch sein mag es fordert, unter dem Stress begrenzter Bedenkzeit und dem unablässigen Zwang zu Analysen und unwiderruflichen Entscheidungen, enorme körperliche Energiereserven.
Gram und Glück der Hirn-Heroen im Dschungel der Kombinationen hat nun der US-Schachschriftsteller Harold Schonberg in einem Report über "Die Großmeister des Schach" beschrieben**. Sie leisten laut Schonberg in der Tat "geistige Schwerarbeit", bei der "auch der Körper ausgelaugt" werde. "Stunde um Stunde das Schachbrett anzustarren, ohne die Figuren berühren zu dürfen, und dabei zu versuchen, alte Möglichkeiten zu entdecken und im Kopf durchzuspielen. alle künftigen Komplikationen vorauszusehen", führe nachweislich sogar zu auffallenden physiologischen Veränderungen.
Obwohl die Spieler während einer (bis zu fünf Stunden dauernden) Großmeisterturnier-Partie scheinbar ruhig dasitzen, steigern sich bei ihnen Atmung und Blutdruck erheblich. Tests haben ergeben, daß Schachspieler während einer Partie ebensoviel Energie verbrauchen wie Fußballspieler oder Boxer in ihren Wettkämpfen.
Schachgrößen brechen fast zusammen, wenn trotz aller Anstrengungen der "Genieblitz" nicht zünden will und
* Schachgroßmeister Lothar Schmid bei einem Simultanspiel am 3. April 1969 gegen 35 Mitglieder der Sportgemeinschaft des Bundesfinanzministeriums, darunter (von r.) Helmut Schmidt, Staatssekretär Walter Grund und Richard Stücklen.
** Harold C. Schonherg: Die Großmeister des Schach" ScherzVerlag. Bern. München. Wien: 312 Seiten; 29,50 Mark.
sie eine Partie verlieren. "Eine Niederlage", so Schonberg' "trifft sie wie ein psychischer Schock, denn dadurch fühlen sie sich in ihrer maßlosen Eigenliebe verletzt." Großmeister Aaron Nimzowitsch, durch einen eigenen "Patzer" von einem schwächeren Spieler besiegt, sprang sogar einmal wider alle guten Schachsitten auf den Tisch und brüllte: "Gegen diesen Idioten muß ich verlieren!" Schonberg: "Die großen Schachspieler sind samt und sonders gewaltige Egozentriker, nicht anders als Opern- oder Fußballstars"
Die für Schachspieler unerläßliche Fähigkeit, schon im voraus eine auf dem Schachbrett noch gar nicht herbeigeführte Situation bildhaft zu sehen, zeigt sich am eindrucksvollsten beim Blindspiel -- dem Wettkampf ohne Ansicht des Brettes. Als im Jahre 1783 der Franzose Francois Andre Danican alias Philidor diese verwegene, lange in Vergessenheit geratene Kunst wiederentdeckte und in London sogar zwei Blindpartien gleichzeitig spielte, hielten Zeitgenossen sein Spiel für Teufelswerk. Blindschach' so wurde ihm prophezeit, führe zum Irrsinn. Philidor wurde nicht verrückt, sondern schuf die Grundlagen des Stellungsspiels.
Gleichwohl kam das Blindspiel in Amerikas, Englands und Frankreichs Schach-Cafés' wo damals in einer Art Wildweststil unablässig Wettspiele stattfanden' immer mehr in Mode. Amerikas erster Wunderspieler Paul Morphy spielte 1858 blind gegen acht Gegner auf einmal.
Sein Landsmann Harry Nelson Pillsbury trainierte sein Gedächtnis gar auf eine so hohe Speicherleistung, daß er bis zu 22 Blind-Simultanpartien und gleichzeitig auch noch Karten (Whist) spielte. Einmal warf er zudem noch einen Blick auf eine ihm unvermittelt zugereichte Liste mit 28 Wortungetümen wie "Takadiastase" und " Madjessoomalops" und sagte sie sofort zweimal auswendig auf, das zweiternal rückwärts. Als der Gedächtniskünstler im Jahre 1906 starb, schrieb die "New York Times", deren Schachkritiker Autor Schonberg heute ist, Pillsbury sei einer Krankheit erlegen, "die er sich durch Überanstrengung seiner Gedächtniszellen zuzog". In Wahrheit hatte den weitgereisten Schachmeister die Syphilis umgebracht, die er sich beim Turnier 1895 in St. Petersburg geholt hatte.
Alexander Aljechin, ein genialer Alkoholiker, der im Jahre 1927 nach 74tägigem Kampf Weltmeister wurde und dabei mit dem Kubaner lose Raúl Capablanca einen Titelhalter bezwang, dessen Spiel "Mozartsche Reinheit" (so Sehonberg) verriet, konnte gar 32 Blind-Simultanpartien spielen. Und der "Weltrekord", seit 1960 gehalten von einem Belgier namens Georges Koltanowski, steht auf 56 Partien, von denen Koltanowski nach 9 3/4 stündigem Spiel 50 gewann und keine verlor.
Schachspieler setzen sieh derartigen Strapazen aus, weil sie laut Lasker "nach der Wahrheit suchen", denn: "Die gnadenlosen Tatsachen, die im Matt gipfeln, widerlegen den Heuchler." Psychologen entdeckten freilich ganz andere unterschwellige Motivationen. So führte Schonberg den Psychologen Reuben Eine an, der früher selber Spitzenspieler war und aus allen Analysen herausfand, daß "im Schach homosexuelle und aggressive Komponenten sublimiert werden". Der König auf dem Schachbrett ("unentbehrlich, wichtiger als alles andere, unersetzlich, doch zugleich schwach und schutzbedürftig") sei ein Phallussymbol, begleitet vom Kastrationskomplex, mithin sei das Schachmatt wohl Kastration und Vatermord gleichzusetzen.
Auch der schachkundige Psychoanalytiker Ben Karpman hatte gefunden, Hauptmotiv sei "der unbewußte Wunsch, den Vater zu töten". Das Spiel drücke einen anal-sadistischen Charakter aus. Nach Ansieht des Psychiaters Karl Menninger planen Schachspieler in aller Stille "blutrünstige Kampagnen voller Vatermord' Muttermord, Brudermord, Königsmord und sonstiger Gewalttaten".
Auf jeden Fall ist Schachspielern daran gelegen, "den Gegner psychisch zu vernichten" (Schonberg), ein Akt, den manche Großmeister unverhohlen auskosten. Schonberg über Weltmeister Bobby Fischer: "Man spürt die Mitleidlosigkeit, die unbarmherzige Härte, die eingleisige Besessenheit, die von diesem Mann ausgeht -- man spürt die Mentalität des Mörders."
Offenbar erschöpft von dem unablässigen Rollenwechsel zwischen Jäger und Gejagtem, verloren viele Schachstars zuerst ihr Selbstvertrauen, dann den Verstand. Paul Morphy, Amerikas gefeierter Schachheld des 19. Jahrhunderts, entwickelte sich schließlich zu einem Schachhasser und litt unter Verfolgungswahn. 1883, ein Jahr bevor ihn seine Mutter tot in der Badewanne fand, empfing Morphy noch den Weltmeister Wilhelm Steinitz -- freilich nur unter der Bedingung. daß nicht über Schach gesprochen werde. "Die peinliche Zusammenkunft", schrieb Schonberg, "dauerte zwanzig Minuten, in denen die beiden Genies nichtssagende Worte wechselten."
Und später, in seinen letzten Lebensjahren, war dann auch Steinitz offenbar verwirrt. Sein Tick: Er forderte Gott als Schach-Gegner heraus -- mit Vorgabe.

DER SPIEGEL 44/1974
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