16.09.1974

OBERBÜRGERMEISTER

Omen von Opa

Um die Nachfolge des legendären Stuttgarter OB Klett bewerben sich nun zwei profilierte Parteipolitiker -- eine kommunale Wahl, die zum Prestigestreit zwischen Christ- und Sozialdemokraten geraten ist.

Der eine -- Peter Conradi, 41 und Sohn eines Bundesbahndirektors -- sang schon als Kind zur Laute, stritt als Student im SDS und protestierte zu Ostern gegen die nukleare Bewaffnung: "Kampf dem Atomtod."

Der andere -- Manfred Rommel, 45 und Sohn des Generalfeldmarschalls Erwin ("Wüstenfuchs") Rommel -- versuchte sich schon in der Jungen Union als Wehrexperte, kämpfte mit Konrad Adenauer für die Wiederbewaffnung und verfiel gelegentlich in militärische Redensarten -- etwa wenn er politischen Gegnern den "Entdeckungseifer eines Sergeanten" attestierte, "der Rekrutenstiefel inspiziert".

Am Montag vergangener Woche prallten der Marschallssohn und der Atomgegner frontal aufeinander: An jenem Tag wurde bekannt, daß sich die beiden ungleichen Gegner im Kampf um den wichtigsten Oberbürgermeistersessel Südwestdeutschlands gegenüberstehen -- in einer "Persönlichkeits und Parteienschlacht", wie sie nach Meinung örtlicher Journalisten "dramatischer nicht sein kann".

Conradi (SPD) und Rommel (CDU) sind die beiden einzigen aussichtsreichen Kandidaten, wenn am 10. November in Stuttgart per Direktwahl der Nachfolger des schon zu Lebzeiten legendären letzten parteilosen Oberbürgermeisters einer deutschen Landeshauptstadt gekürt wird: des am 14. August plötzlich gestorbenen Arnulf Klett, der die Schwabenmetropole 29 Jahre lang eigenwillig und oft allzu selbstbewußt regiert hatte.

Vom jähen Tod des Patriarchen überrascht, schienen die Sozialdemokraten ursprünglich den Klett-Vize Dr. Jürgen Hahn, 59, nominieren zu wollen, einen glanzlos-biederen Kommunalfachmann. Die CDU wollte zunächst einen gleichfalls kommunalpolitisch erfahrenen, aber als neutral und farblos geltenden Mann präsentieren: Dr. Rolf Thieringer, 46, auch er einst Stellvertreter Kletts.

Doch alles kam anders, als die Sozialdemokraten am 2. September statt Hahn den Bundestagsabgeordneten und Oberregierungsbaudirektor Conradi aufstellten. "Die Zeit der Vaterfiguren", hatte Conradi vor den Delegierten für seine Vorstellungen geworben, "ist endgültig vorbei. Wir wollen keinen freischwebenden Oberbürgermeister" -- vonnöten sei ein Mann, "dessen Standort die Bürger kennen".

Nachdem aber Stuttgarts SPD den -- selbst nach Ansicht der sonst nicht gerade Sozi-freundlichen "FAZ" -- "liebenswürdigen" und "außerordentlich talentierten" Conradi nominiert hatte, mochten sich die Christdemokraten nicht länger mit Thieringer begnügen: Am Montag letzter Woche um 10 Uhr rief Landeschef Hans Filbinger seinen Finanz-Staatssekretär Rommel zu sich und drängte ihn zur Kandidatur.

Anders als der Lokalmatador Thieringer gilt Rommel als profilierter Parteimann -- wenngleich sich der Finanzexperte seit langem müht, das in Jungunionler-Tagen erworbene konservative Image abzustreifen: Seinen Vater will er "nicht als Wahlhelfer mißbrauchen", und Drang zum Militärischen, erzählt er gern, verspüre er nicht mehr: "Ich wäre eine Tragödie für die Bundeswehr."

Desgleichen freilich ist sein Gegenspieler Conradi -- einst "roter Peter" und seit einem Parteitagsauftritt in Kehl "Rot-Kehlehen" genannt -- schon lange bestrebt, sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Offenbar mit Erfolg: Die Jusos unterstützen ihn bei Parteiwahlen seit Jahren lediglich als "kleineres Übel", bürgerliche Blätter urteilen: "Der "rote Peter" dunkelt nach."

Ebenbürtig sind sich die beiden Kandidaten zudem, was Gewandtheit und Gewieftheit betrifft. Der hochgewachsene Brillenträger Rommel wird von Parteifreunden ebenso wie der flotte Fliegenträger Conradi als Schnelldenker gerühmt. Rommel diente Filbinger wie Kiesinger jahrelang als flinker Referent und Redenschreiber. Conradi wird in seiner Partei geschätzt, weil er für seine Vorstellungen von Bodenreform, Stadtplanung und Steuerrecht mit Energie und Engagement zu streiten versteht -- und mit so viel Raffinement, daß er selbst bei Vorträgen vor Maklerverbänden verhaltenen Beifall kassiert.

Benachteiligt gegenüber dem gebürtigen Stuttgarter Rommel ist Conradi freilich durch nichtschwäbische Herkunft. Standard-Antwort auf mißtrauische Fragen heimatverbundener Schwaben: "Mutter Schwäbin, Vater Rheinländer" Geburtsort Schwelm ein Zufall."

Im Lebensweg seines Opas mütterlicherseits jedoch hat Conradi immerhin ein "gutes Omen für diese Wahl" entdeckt: "Mein Großvater wurde 1902 für den Mieterverein mit der höchsten Stimmenzahl in den Stuttgarter Bürgerausschuß gewählt, obwohl er als geheimer Sozialist verschrien war."


DER SPIEGEL 38/1974
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