16.09.1974

CHILETatenlos zusehen

Mehr als acht Millionen Dollar soll die CIA in Chile von 1970 bis 1973 investiert haben, um Allende zu stürzen -- hat Kissinger davon gewußt?
Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus zu Washington beschwor -- vor genau vier Jahren -- ein Reporter die Vision eines zweiten Vietnam: Wenn die USA schon Truppen nach Indochina schickten, um dort eine Machtübernahme der Kommunisten zu verhindern, warum marschierten sie dann nicht auch in Chile ein, wo gerade der Marxist Salvador Allende zum Staatschef gewählt worden war?
Richard Nixon, damals Präsident der USA, winkte nobel ab: "Wenn die Vereinigten Staaten hier in freie Wahlen eingegriffen und sie verfälscht hutten". beschied er den Frager, "dann hätte das meiner Meinung nach in ganz Lateinamerika Folgen gehabt, die weit schlimmer gewesen wären als das, was in Chile passiert ist."
Heute erweist sich, daß der inzwischen aus dem Amt verjagte Nixon wie so oft auch 1970 einiges verschwiegen hat. Denn jetzt scheint bewiesen, daß die USA nicht nur die Wahl Allendes zu verhindern suchten -- wenngleich nicht mit Truppen -, sondern daß sie auch zu seinem Sturz beitrugen: Mehr als acht Millionen Dollar hat der amerikanische Geheimdienst CIA angeblich mit Genehmigung des Weißen Hauses von 1970 bis 1973 in Chile strategisch eingesetzt, um Allende das Regieren unmöglich zu machen.
Die Details der unsichtbaren Intervention -- die mit dem Tod Allendes endete -- erfuhr die Welt zur gleichen Zeit, da in Santiago die Junta des Generals Augusto Pinochet den ersten Jahrestag ihres Sieges über Allendes Volksfront feierte -- ein trauriges Jubiläum: Die Diktatur hat sich gefestigt, ist aber kaum erträglicher geworden.
Während Chiles zensierte Presse die Meldungen über den CIA-Anteil erst einmal stillschweigend überging, forderten in Washington Journalisten und Politiker sofortige Untersuchung der Vorwürfe -- für deren Wahrheitsgehalt ein kompetenter Zeuge spricht: William E. Colby, Direktor der CIA.
Vor einem Unterausschuß des Repräsentantenhauses machte Colby im April dieses Jahres eine -- streng geheime -- Aussage über die CIA-Aktivitäten in Chile, deren 48-Seiten-Protokoll einige Zeit später der demokratische Abgeordnete Michael Harrington einsehen konnte. Er durfte das Skript zweimal hintereinander durchlesen und hielt die wichtigsten Punkte aus dem Gedächtnis in einem siebenseitigen vertraulichen Brief fest, den er an mehrere Kongreßabgeordnete schickte; einer der Briefe gelangte, Anfang dieses Monats, auch an die "New York Times" und die "Washington Post".
Laut Harrington berichtete Colby, daß die CIA in Chile
* drei Millionen Dollar bereits im Jahre 1964 an die chilenischen Christdemokraten zahlte, um deren Präsidentschaftskandidaten Eduardo Frei zu stützen;
* je 100 000 Dollar in den Jahren 1969 und 1970 an innenpolitische Gegner des neuen Präsidentschaftskandidaten Allende vergab, um dessen Wahl zu vereiteln;
* nach der Allende-Wahl mit 350 000 Dollar Kongreßabgeordnete zu bestechen versuchte, damit sie den Wahlsieger nicht als Präsidenten bestätigten;
* nach Allendes Amtsantritt bis 1973 fünf Millionen Dollar ausgab, um die innenpolitische Situation des Landes zu "destabilisieren"; > bei den Kongreßwahlen vom Frühjahr 1973 Anti-Volksfront-Kandidaten mit 1,5 Millionen Dollar unterstützte;
* noch einen Monat vor Allendes Sturz, im August 1973, eine weitere Million stiftete.
Keine der genannten Aktionen unternahm die CIA, so Colby, ohne die ausdrückliche Billigung des sogenannten "Vierziger-Ausschusses" zur Überwachung der Geheimdienste, dessen Vorsitzender gegenwärtig Außenminister Kissinger ist. Die Regierung, so Colby, wußte also über die chilenischen Abenteuer der CIA Bescheid.
Das freilich haben bislang sämtliche betroffenen Regierungsbeamte entschieden bestritten. So gelobte etwa der frühere Unterstaatssekretär für lateinamerikanische Angelegenheiten, Charles A. Meyer: "Wir haben keine Stimmen gekauft, keine Kandidaten unter-. stützt, keine Coups gefördert."
Und Henry Kissinger verkündete nach dem Putsch: "Die CIA hatte mit dem Coup nach meinem besten Wissen und Gewissen nichts zu tun." Früher allerdings soll es aus Kissingers Mund anders geklungen haben, so fanden die Ex-Geheimdienstler Victor Marchetti und John D. Marks heraus. "Ich sehe nicht ein", so Kissinger angeblich im Juni 1970, als sich die Allende-Kandidatur abzeichnete, "wieso wir tatenlos zusehen sollen, wie ein Land durch die Verantwortungslosigkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird."
Die Volksfront-Anhänger in Chile glaubten von Anfang an, daß der große Bruder im Norden ihrem sozialistischen Experiment nicht tatenlos zusehen würde: Denn kaum hatte Allende den Multikonzern ITT enteignet, da entwickelte der Chef des Washingtoner ITT-Büros, William R. Merriam, für einen Nixon-Berater ein 18-Punkte-Sabotage-Programm" das unter anderem Kreditbeschränkungen, künstliche Verknappung des Dollar in Chile, Schließung der US-Märkte für Chile-Einfuhren und Einschränkung der Kupferkäufe vorsah. Zudem hatte ITT-Boß Harold Geneen, wie der amerikanische Journalist Jack Anderson aufdeckte, der CIA eine Million Dollar geboten, wenn sie gemeinsam mit ITT am Sturz Allendes arbeite -- die Million, so Geneen, habe die CIA allerdings abgelehnt.
Eilig übersetzte die Allende-Regierung die ITT-Dokumente ins Spanische und brachte sie als Buch auf den Markt; es war 1972 Chiles Bestseller. Schwarz auf Weiß konnten die Bürger des Andenstaates nun etwa lesen: daß US-Botschafter Korry 1970 "grünes Licht" von Präsident Nixon erhalten habe, "alles Mögliche" außer einer militärischen Intervention zu tun, um Allendes Machtantritt zu verhindern; daß die ITT-Bosse etwa in der erzkonservativen Tageszeitung "El Mercurio" ein "vom Erlöschen bedrohtes Licht der Freiheit" sahen, das es mit US-Geldspritzen am Leben zu halten gelte.
Heute, ein Jahr nach Allendes Sturz, floriert zwar "El Mercurio", doch die Freiheit in Chile ist erloschen: Die Presse wird zensiert, die Bürgerrechte sind aufgehoben, das Parlament ist geschlossen, in den Gefängnissen sitzen Tausende von. Häftlingen ein -- rund 22 000 wurden allein seit Juli bei Razzien in Armenvierteln festgenommen.
Nicht mal das wirtschaftliche Chaos, Vorwand für den Eingriff der Militärs, vermochten die neuen Machthaber zu beheben: Von Januar bis Ende Juni dieses Jahres stiegen in Chile die Lebenshaltungskosten um 146 Prozent -- während des gleichen Zeitraums 1973 dagegen nur um 85 Prozent. "1974 wird das härteste Jahr unserer Geschichte", erklärte Juntachef Pinochet vergangenen Monat.
Einen Schuldigen haben die Militärs schon gefunden. Kaum waren in Washington die chilenischen CIA-Umtriebe enthüllt, versprach auch Chiles dortiger Botschafter Walter Heitmann Enthüllungen -- über Einmischungen Kubas im Chile Allendes.

DER SPIEGEL 38/1974
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