16.09.1974

FILM

Hiob mit Rosen

Mitte Oktober präsentiert Hans-Jürgen Syberberg sein neues Filmwerk -- einen ins Surrealistische erhobenen, von Mahler-Symphonien umrauschten "Karl May".

Eine ganze Kino-Generation lang haben die Deutschen ihren Alten Fritz mit Otto Gebühr verwechselt, jetzt ereilt Helmut Käutner ein ähnliches Geschick: Die Nation wird in ihm künftig ihren wahren Karl May erkennen wollen.

Verständlich. Denn dieses Männchen, das da ab Mitte Oktober auf der Leinwand erscheint; dieser pfiffige Filou, der in wildwestlichem Mummenschanz von seinen erdachten Taten schwadroniert; dieser Träumer am heimischen Küchentisch, der Kaffee sabbernd mit seinem "kleenen Hadschi Halef" flüstert; dieser geschundene Hieb, der sich tragisch sächselnd durch die Alters-Hölle seiner Prozesse schleppt das altes wirkt in der Tat wie ein historisch-kritischer Karl May letzter Hand.

Dabei hat sich doch die Hand, die da waltete, so manche Kühnheit erlaubt. Nichts vom realistischen Kohl-Dampf erzgebirglerischer Notdurft, nichts vom Liedertafel- und Wirtshausdunst, den der Meister noch in Radebeuler Arriviertheit durchlebte und -strebte.

Hans-Jürgen Syberberg, 38, der schon mit dem preisgekrönten Zelluloid-"Requiem" für den "jungfräulichen König" Ludwig II. tiefste Neigung zu Fin-de-siècle-Räuschen kundtat, hebt seinen Dichter idealisierend empor ins gedämpfte Braun großbürgerlicher Interieurs, vor prunkvolle Treppen und flackernde Kaminfeuer, in ein pompöses, von Gustav-Mahler-Chören durchjubeltes Jugendstil-Wien.

Aber schließlich, sagt der Regisseur, habe er mit seinem Film (Kosten: 1,1 Millionen Mark) ja keine dokumentarisch getreue Biographie liefern wollen (obwohl ihm die ZDF-Abteilung "Dokumentarspiel" 700 000 Mark beigesteuert hat).

Sein "Karl May". genüßlich auf drei Stunden ausgeweitet, soll etwas ganz anderes bieten: eine Art Traumspiel um des Dichters Psyche, in der Syberberg, zu Recht wohl, eine Relaisstation der deutschen Volksseele vermutet.

Ein deutsches National-Melodrama, ein May-gerechtes, das soll es sein. Und daß er dabei mit Veteranen aus ferner Ufa-Zeit aufwartet -- mit Lil Dagover und Käthe Gold, Rudolf Prack und Rudolf Fernau, Mady Rahl, Attila Hörbiger, Alexander Golling und einer unvermindert weichen, glanzäugigen, opfergangsträchtigen Kristina Söderbaum -, das zeugt einfach nur von Syberbergs Cineasten-Logik.

Denn immerhin, meint er, sei Karl May ja ein Ahnherr der Ufa und seine Biographie ohnedies "ein richtiger Ufa-Stoff" gewesen -- deshalb auch die Anklänge an Großdeutschlands "Robert Koch"-Kunst: hohl dröhnend das Pathos im Gerichtssaal, prophetisch die Worte zur "Préludes"-Fanfare, artfremd böhmelnd der Böse, diesmal freilich ein Frühfaschist, der gegen "dieses Geschwür" Karl May, "dieses Gift für das deutsche Volk" hechelt.

Syberberg liebt solche Anleihen, er kopiert, parodiert und zitiert, er nimmt sich heraus, was er grad braucht. Auch vom Panoptikum profitiert er gern, vom "archaischen Kino, das wie Karl May vom Jahrmarkt kam". Und smart setzt er den Orientreisenden May in ein Kintopp-gerechtes "Traum-Stambul", in ein vergilbtes Atelier-Paradies.

Was auf diese Weise entsteht, ist ein langer bunter Bilderbogen von Kurz-Szenen, die bisweilen zum lebenden Bild, wenn nicht gar zur Scharade erstarren und realistische Details zu einem surreal verhuschten Kino-Kosmos zusammenstückeln: häusliches Glück mit dem "Hühnelchen" und dem "Herzle"; rollende Kutschen; großer Ruhm; im Arbeitszimmer Rosen und ein ausgestopfter Löwe. Und woanders schon die bösen Verschwörer: "Er ist nicht Old Shatterhand, ist nie in Amerika gewesen."

Verknappt, doch biographisch exakt und meist mit authentischen Texten inszeniert Syberberg das Trauerspiel der letzten zwölf Lebensjahre Karl Mays -- der endlosen Haupt- und Nebenprozesse, der Pamphlete gegen den "geborenen Verbrecher" und der Gegen-Pamphlete, der Alterswerke, der Scheidung von Emma, jener "perversen Dämonin", des Philemon-und-Baucis-Glücks mit der zweiten Ehefrau Klara.

Spiritistisches wird angedeutet, Lesbisches, auch Homoerotisches. Die rüden Juristen, die Mays Villa durchsuchen, lassen bereits Schlimmeres ahnen. Und daß zum Schluß, bei Mays Wien-Besuch, der junge Hitler auftaucht, scheint gar nicht so abwegig, Syberbergs May, der dem Volk aus der Seele spricht, hatte ihn schon avisiert: "Aber wehe, wenn der Falsche kommt und die falschen Kräfte weckt ..."

Bis freilich solcher Teufelsbraten ruchbar wird, braucht es schon seine Zeit. Denn von langer Hand hat Syberberg sein "großes Kino-Fressen" vorbereitet. Direkte Aktion ist ihm zuwider, und Psychologie, zur Seelenerforschung eigentlich unerläßlich, geht ihm ganz gegen den Strich.

Viel lieber greift er, um "Verbindungen untergründiger Art" herzustellen, nach optischen und akustischen Leitmotiven, selbst böser Kitsch ist ihm teuer: Skrupellos läßt er die Glocken läuten und die Fackeln lodern; Bach-Gounods "Ave Maria" ertönt, Chopin klingt durch die Nacht, leise rieselt der Schnee aufs erzgebirgische Sandkasten-Dorf, zur "Mühle im Schwarzwald" tirilieren die Vögel.

Sogar Mays "Menschheitsseele" nimmt Gestalt an, als stummes, schönes Jugendstil-Wesen, das so knabenhaft wirkt und doch, laut Syberberg, ein Mädchen ist -- der Dichter "am Marterpfahl der Seele", "so müd" und "herbstlich schwer", streicht ihm schluchzend übers Haar und spricht von "der Mutter, der guten".

Das alles sind so Sachen, die dem May-Darsteller Käutner, der ja schließlich auch ein Regisseur von großen Meriten ist, gar nicht ins Konzept paßten. "Ich habe", klagt er, "von Syberberg so gern wissen wollen: Bis wann ist"s realistisch, und ab wann wird"s Vision? Aber er hat es mir nicht gesagt."

Und als dann der junge Kollege ihn, den sterbenden Großmystiker" zur Apotheose im Gewächshaus vorm Indianerzelt aufbahrte, ihn mit Rosen bedeckte und mit Kunststoff-Schnee einschneite, da verweigerte er im Rausch von Mahlers "Auferstehungs"-Chor einfach das letzte Wort -- Käthe Gold, die gleich einer seherischen Marah Durimeh neben ihm hockt, mußte es ihm aus dem Mund nehmen: "Rosenrot"

"Käutner wollte", sagt Syberberg "richtig sterben, mit Arzt und Arztköfferchen und so." Vor allem aber wollte er genau das, vor dem Syberberg so zurückscheut: Psychologie. "ich kann einfach", versichert Käutner, "eine Figur nur psychologisch sehen."

Und das tat er auch, mochte es Syberberg nun passen oder nicht. Weich, verträumt, zwielichtig wandelt er vorüber an all den statuarischen Gesichtern ein tragischer Karl May, der dem deutschen Volk noch manche Träne entlocken wird.


DER SPIEGEL 38/1974
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