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Haue Selassie

Haue Selassie, 82, Kaiser von Äthiopien, ist seit vergangenem Donnerstag nur noch Ex-Kaiser. Der "Negus Negesti", "Siegreicher Löwe von Juda", "Auserwählter Gottes" -- so einige seiner zahlreichen Titel -- hatte sich durch seinen Kampf gegen die Truppen Mussolinis sowie durch seinen anfänglichen Reformkurs weltweite Sympathien erworben. Der Märchenglanz der ältesten Monarchie der Welt -- der Kaiser betrachtet sich als Abkömmling einer sagenhaften Verbindung Salomons mit der Königin von Saba lenkte die Aufmerksamkeit der Welt von den katastrophalen Mißständen im Selassie-Reich ab. Denn in den letzten Jahrzehnten seiner 44jährigen Herrschaft zeigte sich der Herrscher mehr an der Festigung seiner Macht als daran interessiert, seinen dahinvegetierenden Untertanen zu helfen. Die Stunde des Negus schlug, als im vergangenen Jahr mehr als hunderttausend Äthiopier verhungerten, während Kaiser und Höflinge, denen 80 Prozent der fruchtbarsten Landstriche gehören, nicht nur weiterhin im Überfluß lebten, sondern sogar Hilfeleistungen des Auslands hintertrieben. Die Militärs, die im Februar die Macht an sich rissen, entzogen Haile Selassie Zug um Zug sämtliche Befugnisse -- bis Äthiopiens neuer starker Mann, General Aman Michael Andom, genannt "Aman der Wüstenlöwe", den "Löwen von Juda" in einem VW-Käfer aus seinem Palast holen ließ.

Oscar Pauli, 36, SPD-Abgeordneter und Präsidiumsmitglied im Stuttgarter Landtag, legte vergangenen Dienstag sein Mandat nieder, nachdem gegen ihn der -- bisher nicht entkräftete -- Vorwurf erhoben worden war, er habe zwei Jahre lang zu Unrecht überhöhte parlamentarische Diäten kassiert. Der Gewerkschafter und Betriebsratsvorsitzende einer Friedrichshafener Firma gab, da er nebenher eine Schnellreinigung betrieb, gegenüber der Landtagsverwaltung an, er beziehe seine Einkünfte überwiegend als "selbständiger Kaufmann". Die Freiberuflern zustehende doppelte Grunddiät (4080 Mark monatlich) beanspruchte Pauli, obwohl er die Wäscherei kurz nach seiner Wahl in den Landtag verpachtete und von seinem Arbeitgeber weiterhin volles Gehalt bezog. Nachdem sich die IG Metall am vorletzten Wochenende von ihrem Mitglied distanziert (Bezirksleiter Franz Steinkühler: "Er nahm, was er bekommen konnte") und Pauli daraufhin den Betriebsratsvorsitz abgegeben hatte, beugte sich der Abgeordnete ("Es geht jetzt nicht mehr um mich, es geht um die Partei") dem Druck seiner Fraktion. Im Landtag hinterlegte er jetzt die zuviel bezogenen 50 000 Mark. Gleichzeitig verzichtete er auf seine Mitgliedschaft im SPD-Landesvorstand. Daß seine vor zwei Jahren steil begonnene landespolitische Karriere wegen der Diäten-Affäre schon wieder zu Ende sein soll, mag Pauli nicht glauben: "Ich hin jetzt politisch scheintot, aber noch nicht ganz tot." Er will jetzt gerichtlich feststellen lassen, daß er nicht vorsätzlich handelte.


DER SPIEGEL 38/1974
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