04.11.1974

Vatikan intim

Es handelt sich heute nicht mehr nur um eine sogenannte „Demokratisierung“ der Kirche. Geht man der gegenwärtigen Führungs- und Konzeptionslosigkeit der Kirche auf den Grund, stellt man immer wieder fest: Die Kirche ist nicht nur weit hinter der Zeit, sondern auch und vor allem weit hinter ihrem eigenen Auftrag zurückgeblieben. Hans Küng in seinem Buch „Christ sein“.
Kaum auf den Heiligen Stuhl gelangt, stieg Papst Paul in die Weltpolitik ein. Als erstes nahm er sich die Kommunisten vor.
Unklar blieb zunächst, wie er sie behandeln würde: freundlich oder feindlich. Paul tat beides: der erste Papst, der in Kommunisten auch Partner sah.
Freundlich klang sein Regierungsprogramm, das er nach seiner Wahl verkündete. In seiner Krönungsrede grüßte er in russischer Sprache "das ganze russische Volk" und pries die "Zusammenarbeit der Menschen und Völker in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens" -- für Vatikan-Interpreten ein deutlicher Hinweis auf Pauls Bereitschaft, Ostkontakte anzukurbeln.
Feindlich reagierte er kurz danach. Als im Sommer 1963 Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubej, den Pauls Vorgänger Johannes XXIII. im selben Jahr empfangen hatte, nun bei Paul um Audienz nachsuchte, lehnte der neue Papst ab. Wahlen standen in Italien bevor.
Die päpstliche Taktik hat Methode. Wo der Vatikan sich kommunistenfreundlich zeigt, läßt er doch nie Zweifel an dem grundsätzlichen Widerstand gegen den Atheismus der kommunistischen Partner aufkommen; und wo er feindlich auftritt, soll stets die Devise gewahrt werden, daß eine Verständigung nötig ist, um politisch weiterzukommen.
Nach geeigneten Helfern, die sein neues Ost-Konzept verwirklichen konnten, brauchte Paul nicht lange zu suchen. Dafür, daß die antikommunistische Richtung stimmte, würde der konservative Giovanni Benelli garantieren, Substitut im Staatssekretariat, langjähriger Vertrauter des Papstes und einer der mächtigsten Männer im Vatikan. Ihm überließ Paul den ideologischen Grabenkrieg gegen Moskau und seine Jünger.
Den versöhnlichen Part des vatikanischen Ost-Feldzuges übertrug Papst Paul einem konzilianten Diplomaten, der sich schon unter Johannes XXIII. als Ostblock-Kenner profiliert hatte: Agostino Casaroli.
Im Gegensatz zu Benelli, den die Kurialen auch "Carabiniere" nennen, wirkt Casaroli zurückhaltend und freundlich, allerdings auch ein wenig farblos. Im Vatikan kursieren über ihn keine aufregenden Geschichten wie über den Substituten. Selbst Mitarbeiter und Journalisten, die häufiger mit ihm zusammen sind, erfahren wenig Privates von ihm: etwa, daß er eigentlich Philosoph werden wollte, Schallplatten mit klassischer Musik sammelt, früher einmal die jungen Arbeiter des kirchlichen Wohnheims in der römischen Villa Agnese betreute und heute in einer kleinen Wohnung innerhalb der vatikanischen Mauern wohnt.
Papst Johannes förderte und beförderte ihn. Seit März 1961 gehört Casaroli zum engeren Führungsstab des Staatssekretariats, nachdem ihn Johannes zum Untersekretär der Abteilung für die Außerordentlichen Angelegenheiten ernannt hatte.
Noch im selben Monat reiste der Kuriendiplomat, der neben seiner Muttersprache Französisch und Deutsch spricht, der Englisch und Spanisch versteht. Chinesisch und Russisch lernt, als Chef der Delegation des Heiligen Stuhls nach Wien zur Uno-Konferenz über die diplomatischen Beziehungen.
Im März 1963 leitete er für den Heiligen Stuhl die Verhandlungen bei der Wiener UN-Konferenz über die konsularischen Beziehungen. Beide Male kam er "durch Zufall", wie er es jetzt sieht, mit der kommunistischen Welt in Berührung und erkannte, daß die Kirche dort durch die harten Realitäten gezwungen ist, ums Überleben zu kämpfen.
"Wien". schreibt das römische Wochenblatt "L'Espresso", "diente Casaroli als Sprungbrett für mehrere Reisen. bei denen die Fundamente der vatikanischen Ostpolitik gelegt werden sollten." Am Ende des Pontifikats von Johannes XXIII. galt der mobile Monsignore bereits als Ostexperte.
Nach Pauls Kurienreform wurde Casaroli Sekretär (Amtschef) des neugegründeten "Rates für die Öffentlichen Angelegenheiten der Kirche" -- sein nomineller Chef: Kardinalstaatssekretär Villot -- und damit praktisch Außenminister des Heiligen Stuhls.
Der Papst und sein Außenminister hofften, dem Kommunismus mit den Mitteln einer Verständigungspolitik besser beizukommen als Pauls Vor-Vorgänger Pius XII., der zur Abwehr des Kommunismus lieber Hitler unterstützte, zur Bekehrung des Ostens Gebetsfeldzüge inszenierte und seit 1949 jeden Anhänger der kommunistischen Lehre und Partei exkommunizierte.
Papst Pius XII. verhielt sich bis zu seinem Tode im Jahr 1958 dem Ostblock gegenüber ablehnend. Es waren die Sowjets, denen bessere Beziehungen zum Vatikan politisch nützlicher erschienen als das frostige Gegeneinander. Schon 1954 gingen die Kreml-Herren deshalb auf einen versöhnlichen Kurs. Damals reagierten sie erstmals positiv, als sich Pius XII. für ein allgemeines Atomwaffenverbot aussprach. Seitdem versuchen die Sowjets, zum Teil erfolgreich, den Vatikan politisch vor ihren Karren zu spannen, ohne ihm gleichwertige Zugeständnisse im religiösen Bereich zu machen.
Über den sowjetischen Geschäftsträger in Rom schickten sie dem Vatikan 1956 sogar einen sowjetischen Abrüstungsvorschlag zur Begutachtung. Und 1958 erklärte der sowjetische Außenminister Gromyko, der Kreml würde gerne mit dem Vatikan über das Thema Weltfrieden reden.
Die Zeit arbeitete für den Kreml. Johannes XXIII., dessen Menschlichkeit kaum Schranken kannte, wurde Papst. Chruschtschow war von ihm so angetan, daß er ihm im Laufe der Zeit mehrere Glückwunschtelegramme sandte, einen Friedensappell des Papstes in der "Prawda" erwähnen ließ, zwei Beobachtern der russisch-orthodoxen Kirche den Besuch des Zweiten Vatikanischen Konzils gestattete und schließlich seinen Schwiegersohn Adschubej -- damals Mitglied des ZK der sowjetischen KP und Chefredakteur der "Iswestija" -- nach Rom schickte.
Johannes beantwortete das öffentliche Werben mit Wohlwollen. So empfing er im März 1963 gegen den heftigen Widerstand der Kurie Adschubej mit Gattin. Aber der Papst gestattete sich nur einen begrenzten Flirt. Als Adschubej den Wunsch nach diplomatischen Beziehungen äußerte, wich Johannes aus: Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen; jetzt sei man mit Moskau am ersten Tag angelangt.
Anders der Johannes-Nachfolger Giovanni Battista Montini. Papst Paul tat alles, um aus dem Flirt eine Verlobung zu machen: In zehn Jahren Ostpolitik verhandelte er viermal persönlich mit Sowjet-Außenminister Gromyko, empfing Sowjet-Staatspräsident Podgorny im Vatikan, unterstützte Moskaus Plan einer europäischen Friedenskonferenz, ließ in Moskau den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen und knüpfte mit der russisch-orthodoxen Kirche vielfältige Kontakte.
Pauls Fernziel: auf 140 Millionen orthodoxe Christen (etwa 92 Prozent der 152 Millionen Orthodoxen leben in kommunistischen Ländern, 69 Millionen allein in der UdSSR) Einfluß zu gewinnen. Sie zur Zusammenarbeit oder gar zur Union mit Rom zu bewegen, wäre nur möglich mit dem Plazet der Sowjetregierung.
Pauls Nahziel: Er will den 53,2 Millionen Katholiken des Ostblocks (UdSSR, Polen, Ungarn, Rumänien, CSSR, DDR) und den 18,5 Millionen Katholiken der übrigen kommunistischen Länder (Albanien, Bulgarien, Jugoslawien, China, Kuba) das religiöse Leben durch geduldiges politisches Verhandeln erleichtern.
Roms "Heiliger 007" im Ostblock unterwegs.
Seine Einstellung zu den Partnern ist illusionslos. Der Papst geht davon aus, daß die "kommunistischen Gesprächspartner nicht immer aufrichtig sind, beim Dialog auf den eigenen Vorteil bedacht, und versuchen, den guten Glauben der Katholiken für ihre Ziele auszunutzen
Doch das hinderte den obersten Hirten nicht, seinen Ost-Unterhändler Casaroli bereits 1964, ein Jahr nach der Papstwahl, auf ein neues Konzept vatikanischer Ostpolitik zu verpflichten:
* Konkordate (umfassende Vereinbarungen wie in westlichen Ländern) erscheinen unzweckmäßig, weil sie schwierig auszuhandeln und in vielen Details zu schnell überholt sind; > jede noch so kleine Teillösung, die den Status der Katholiken verbessern könnte, gilt als erstrebenswert; > die praktische Seelsorge hat absoluten Vorrang vor jedem kirchlichen Macht- oder Prestigedenken;
* das Verhältnis zur Sowjet-Union erhält Vorrang, da von ihrem Einfluß auch die Erfolge in den übrigen Ostblockstaaten abhängen.
Fortan hastete Casaroli (Spitzname: "Heiliger 007") im dunklen Anzug mehr heimlich als offen von einem Ostblockland zum anderen -- argwöhnisch bewacht von dem ostpolitischen Falken Benelli und den rechten Kurienkardinälen Franjo Seper, Pericle Felici, Agnelo Rossi (Spitzname: "Das schwarze Dreieck"), denn: Die zehn Jahre der paulinischen Ost-Diplomatie waren geprägt von freundlichen Verzichten in Richtung Sonnenaufgang.
Mit seinem konzilianten Ost-Konzept handelte sich Paul den Vorwurf ein, mit zweierlei Maß zu messen: Während er außenpolitisch Offenheit praktiziere, zeige er innerkirchlich gegenüber aufmüpfigen Theologen unnötige Härte. Die Erfolglosigkeit seiner Ost-Kontakte trug ihm überdies beinahe so viele Gegner ein wie seine Pillen-Enzyklika "Humanae vitae".
Scharf attackierte -- ein Beispiel für viele -- die katholisch gesteuerte Paulus-Gesellschaft, ein internationales Forum zur Förderung des Dialogs zwischen Atheisten und Christen, das ostpolitische Konzept Pauls VI. "Für ein handfestes Konkordat", so unterstellten die Kritiker, sei "der Vatikan bereit, dem Kommunismus die gleichen Konzessionen zu machen wie dem Faschismus und dem Nationalsozialismus" --
Vor allem die Kirchen-Rechten laufen gegen Pauls Ost-Kurs Sturm. "Nein, "Herr Papst"" überschrieb der sonst so päpstliche "Rheinische Merkur" Mitte Februar einen Kommentar seines Jesuiten-Mitarbeiters Oskar Simmel. in dem der Pater dem Pontifex "die Utopie der vatikanischen Ostpolitik" vorhielt. Und erst Mitte Oktober fabulierte in demselben Blatt der ehemalige Leiter des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen, besorgt über zu viele Zugeständnisse des Vatikans. es sei "offenbar die feste Überzeugung des Papstes, daß die kommunistische Revolution früher oder später auf der ganzen Welt siegreich sein wird.
Zu welchen Konzessionen Paul bereit war, demonstrierte er im Fall des ukrainischen Großerzbischofs Josyf Slipyj. Dieser Bischof, der fast zwei Jahrzehnte sowjetische Verbannung und Zwangsarbeit überstanden hatte und auf Bitten des Papstes Johannes von Chruschtschow schließlich nach Rom entlassen wurde, kämpfte seither verbissen um das Überleben der ukrainisch-katholischen Kirche.
Die ursprünglich orthodoxen Ukrainer hatten sich 1596 aus dem Verband der orthodoxen Kirchen gelöst und mit Rom vereinigt; sie wurden unter den Zaren wie auch später verfolgt, viele katholische Ukrainer emigrierten. Da Stalin die ukrainische Kirche der russisch-orthodoxen Kirche einverleibte. konnten nur die Ukrainer im Ausland ihre Verbindung mit Rom aufrechterhalten.
Für Paul war die Existenz dieser Ukrainer zunächst kein Problem. Noch am 1 age seiner Papstwahl hofierte er ihren Erzbischof, indem er ihn persönlich am Krankenbett besuchte. 1965 er hob er ihn zum Kardinal.
Aber der Pontifex spürte immer mehr. daß den Russen die katholischen Exil-Ukrainer ein Dorn im Auge waren. Und so schwenkte der Papst in der Annahme, sieh durch großzügige Vorleistungen Gegenleistungen verschaffen zu können, auf Sowjetkurs:
Ohne Widerspruch nahm Paul 1970 die Erklärung des damaligen Moskauer Metropoliten und heutigen Patriarchen Pimen hin, eine ukrainisch-katholische Kirche sei undiskutabel. 1971 schlug Paul den Exil-Ukrainern die Bitte ab, Slipyj zum Patriarchen zu ernennen. ja er verweigerte Audienz und Segen. als Slipyj im Herbst 1971 fünfzehn ukrainische Bischöfe zu einer Synode nach Rom berief. Über seinen Kardinalstaatssekretär Villot ließ Paul 1972 schließlich den ukrainischen Bischöfen mitteilen: "Die ukrainische Kirche hat keine Rechtsautorität, die über den Bischöfen stünde -- ausgenommen den Heiligen Stuhl."
Von nun an war Slipyj als Großerzbischof entmachtet, die ukrainischen Bischöfe der römisch-katholischen Kirche einverleibt. Moskau hatte sein Ziel erreicht: Der Vatikan selbst löste die ukrainisch-katholische Kirche faktisch auf.
Ähnlich nachgiebig zeigte sich Paul 1965 gegenüber der Tschechoslowakei, als er den Prager Kardinal Beran. den die Kommunisten wegen seiner unnachgiebigen Haltung seit Jahren kaltgestellt hatten, ins römische Exil beorderte. Den Bischofsstuhl überließ Paul einem Mann der Kommunisten.
Ebenso im Stich gelassen fühlt sich der ehemalige Primas von Ungarn. Jozsef Kardinal Mindszenty, 82. Der Kirchenfürst -- 1949 gefoltert und zu lebenslanger Haft verurteilt, während des Ungarnaufstandes 1956 befreit und danach fünfzehn Jahre lang freiwilliger Gefangener in zwei Zimmern der Budapester US-Botschaft -- stand Pauls Politik des Keep-smiling im Wege. Gegen die Zusicherung, bis zu seinem 85. Lebensjahre Primas von Ungarn und Bischof von Esztergom zu bleiben, trotzte Paul ihm 1971 die Ausreise aus Ungarn ab und das Versprechen, sich künftig auf "Gebet und Reue" (Mindszenty an den Papst) zu beschränken.
Das aber erschien dem Kardinal zu wenig. Er fühlt sich so unabkömmlich. als gelte noch immer die alte ungarische Verfassung, wonach der Fürstprimas des ungarischen Königreichs automatisch an die Stelle des Königs trat, wenn das Staatsoberhaupt behindert oder unrechtmäßig ausgeschaltet wurde. Fürstprimas von Ungarn aber ist Kardinal József III. Pehm von Mindszenty, Erzbischof von Gran (Esztergom). Nach dieser Version ist Mindszenty seit dem Ungarnaufstand von 1956 rechtmäßiges Staatsoberhaupt.
Nachdem der "sehnsüchtig erwartete Gast" (so Paul bei der Ankunft Mindszentys im Vatikan) ein paar Wochen in dem Kirchenstaat gelebt hatte, wurde ihm klar, daß der Papst ihn kaltgestellt hatte. Flugs zog er nach Wien, an die Grenze Ungarns. ins Ungarische Priesterseminar. Von dort aus reiste er durch Europa und nach Übersee. um sich seinen Zorn über den Kommunismus vom Leib zu predigen. Die ungarische Regierung, über die Aktivitäten Mindszentys verärgert, forderte den Rücktritt des Kardinals. Den Ersten Sekretär der ungarischen KP, Janos Kádár. erboste der Gedanke an die damals angekündigten und kürzlich erschienenen Memoiren des Primas*: Die Personen. die an Mindszentys Schau-
* József Kardinal Mindszenty: "Erinnerungen" Propyläen Verlag, Berlin: 440 Seiten; 38 Mark.
prozeß mitwirkten, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
Am 5. Februar gab der Papst schließlich nach. "Angesichts der seelsorgerischen Probleme im Erzbistum Esztergom und nach einem regen diesbezüglichen Briefwechsel mit dem Erzbischof" war Paul "zu dem Entschluß gelangt, besagtes Erzbistum als vakant zu erklären und den Titularbischof László Lékai, bisher Apostolischer Administrator der vakanten Diözese Veszprém, zum Apostolischen Administrator von Esztergom zu ernennen".
Auf den Tag 25 Jahre nach Mindszentys Verurteilung zu lebenslanger Zuchthausstrafe hatte der Papst den Primas abgesetzt, nachdem der "eiserne Kardinal" (Vatikan-Jargon) nicht zum Rücktritt zu bewegen war.
Paul hatte sich dafür einige Vorteile eingehandelt: László Lékai, 64, war 1944/45 Sekretär Mindszentys. Dies, so ließ der Vatikan über die italienische Nachrichtenagentur Ansa interpretieren, gewähre "Kontinuität in der seelsorgerischen Leitung". Außerdem konnten nun die Diözesen Eger und Székesfehérvár mit Bischöfen besetzt werden, das Bistum Veszprém einen Apostolischen Administrator erhalten.
Aber bereits zwei Tage nach seiner Amtsenthebung rechnete Mindszenty dem Papst in einer öffentlichen Erklärung vor, daß seine Ostpolitik keine wirklichen Erleichterungen bringe:
Casaroli weiht prokommunistische Priester zu Bischöfen.
Ungarn und die katholische Kirche Ungarns, so grollte der entmachtete Kirchenfürst, seien weiterhin unfrei; das Regime entscheide darüber, wer wo und wie lange Priester oder Bischof sein darf. Endlich: Die in der Verfassung garantierte Gewissens- und Religionsfreiheit werde in der Praxis unterdrückt.
in der Tat erschienen die Zugeständnisse der ungarischen Regierung minimal angesichts der zahlreichen kirchenfeindlichen Entscheidungen: Der freiwillige Religionsunterricht wurde mehr und mehr verboten -- anderthalb Jahre lang hatten Kirche und Staat darüber vergeblich verhandelt; Gläubige werden vor allem beruflich diskriminiert; den theologischen Hochschulen wurde ein strenger Numerus clausus auferlegt: Nur 300 Anwärter auf das Priesteramt dürfen in Ungarn gleichzeitig ausgebildet werden (in Polen gab es im vergangenen Jahr 4174 Priesteramtskandidaten).
Solch negative Bilanz pflegt Pauls ostpolitische Initiativen jedoch nicht zu beeindrucken. In einem persönlichen Schreiben versicherte er dem Kardinal Mindszenty zwar seine "große Hochachtung", ließ aber gleichzeitig durch seinen Pressesprecher Alessandrini betonen, "aus seelsorgerischen Erwägungen" habe er keine andere Wahl gehabt, als ihn abzusetzen. Möglicherweise hatte er sogar einen ersten Erfolg: Die ungarische Regierung ließ Erzbischof József Ijjas während der römischen Bischofssynode mitteilen, daß künftig je 40 Kinder pro Pfarrei wöchentlich zweimal Religionsunterricht in der Kirche empfangen dürfen.
Erfolglos waren im vergangenen Jahr ähnliche vatikanische Vorleistungen an die Tschechoslowakei geblieben: Alle vier Bischofskandidaten, die die Prager Regierung dem Vatikan für vakante Bischofssitze präsentierte, gehörten der prokommunistischen Priesterbewegung "Pacem in terris" an. Einer von ihnen, Josef Vrána, hatte sogar in einem Prager Prozeß als Zeuge hohe CSSR-Kleriker belastet.
Obwohl mit dem Vatikan vereinbart war, daß Vrána vor seiner Bischofsweihe wenigstens den Posten des Vorsitzenden niederlegt, behielt Vrána das Amt zunächst. Casaroli weihte die Friedenspriester dennoch zu Bischöfen. und der Papst empfing sie alsbald in Privataudienz. Von den tschechoslowakischen Priestern erwartet der Vatikan dagegen, daß sie der Friedenspriesterbewegung trotzen.
Auch sonst sind die Verhältnisse für die CSSR-Kirche nicht ermutigend. Nur drei der dreizehn Diözesen sind ordnungsgemäß mit Bischöfen besetzt. Das Prager Kirchenamt zwingt die religiösen Orden zur langsamen, aber sicheren Auflösung. Ordensschwestern bis zum 40. Lebensjahr müssen vielfach ihre Gemeinschaften verlassen, andere in geschlossenen Anstalten für Geisteskranke Dienst tun. Kirchentreue Jugendliche werden aus religiösen Familien, weiterführenden Schulen und gehobeneren Berufen entfernt, der Priesternachwuchs wird gedrosselt, sämtliche katholischen Publikationen unterliegen der Zensur.
Das Ergebnis der vatikanischen Ostpolitik in der CSSR kommt, so kommentierte der Vatikan-Experte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Josef Schmitz van Vorst, "einer Hinrichtung gleich". Und der Sprecher des Bischöflichen Ordinariates Berlin, Monsignore Wolfgang Knauft, sieht trotz der "zweifelhaften Kompromisse" in den vatikanisch-tschechoslowakischen Verhandlungen die Uhren der staatlichen Kirchenpolitik "auf stalinistische Ortszeit" zurückgestellt.
Weniger gefügig gab sich der Vatikan lange Jahre, wenn es darum ging, Grenzen anzuerkennen: Die römische Zentrale notierte die ehemals deutschen Ostgebiete in ihrem offiziellen "Päpstlichen Jahrbuch" unter den deutschen Diözesen.
Aber auch das änderte sich, seit der Papst im vergangenen Jahr den fünf Bischöfen der Bundesrepublik, deren Diözesangebiete in die DDR hineinragen, die Jurisdiktion über deren DDR-Teile entzog. Die in diesen Gebieten eingesetzten bischöflichen Kommissare unterstellte er direkt dem Vatikan, indem er sie zu Apostolischen Administratoren ernannte.
Im "Päpstlichen Jahrbuch 1974" sind die Änderungen nachzulesen: Die Apostolischen Administratoren Heinrich Theissing (Schwerin) und Johannes Braun (Magdeburg), die jeweils die ostdeutschen Teile der westdeutschen Bistümer Osnabrück und Paderborn verwalten, werden ohne jeden Bezug nur unter ihren Titularsitzen Mina und Puzia di Bizacena aufgeführt: Unter Paderborn oder Osnabrück fehlt jeder Hinweis.
Der Vatikan plant die Ernennung eines Nuntius für die DDR.
Ähnlich wird der Apostolische Administrator von Erfurt und Meiningen, Hugo Aufderbeck, nicht mehr, wie noch im Vorjahr, als Weihbischof von Fulda genannt. Auch der Bischof von Meißen, Gerhard Schaffran, wirkt nicht mehr, wie im "Annuario Pontificio 1973", in Deutschland, sondern in der DDR. Die theologische Fakultät Wroclaw (Breslau) stand bereits im letzten "Annuario" unter Polen, ebenso das Bistum Gdansk (Danzig). Und zu der vor einer Woche beendeten römischen Bischofssynode hatte Papst Paul den Berliner Kardinal Alfred Bengsch als Vorsitzenden der Berliner Ordinarienkonferenz mit Sitz "DDR" eingeladen und nicht, wie üblich, als vom Papst persönlich berufenes Mitglied. Kurz darauf demonstrierte der Vatikan, daß er auch in der Berlin-Frage zu Zugeständnissen an die DDR bereit ist. Als West-Berlins Bürgermeister Klaus Schütz bei einem geplanten Rom-Besuch von Paul VI. in Gegenwart des bundesdeutschen Botschafters Böker empfangen werden wollte, versagte sich ihm der Vatikan: Er wollte Schütz nur ohne den Botschafter empfangen.
Die Kurien-Diplomaten begründeten die Absage mit dem Hinweis, aus protokollarischen Gründen sei die Anwesenheit eines Botschafters bei Privataudienzen für ausländische Politiker unzulässig (und verschwiegen dabei, daß der Vatikan schon öfter Ausnahmen machte). In Wahrheit wollte die Kurie aus Rücksicht auf den Osten den Anschein
Mit Erzbischof Casaroli (r.).
vermeiden, der Vatikan unterstütze die westdeutsche Berlin-Politik; Schütz durchschaute die Geste des Vatikans: Er sagte seinen Rom-Besuch ab.
Der Papst aber nimmt lieber eine Verstimmung Bonns in Kauf, als daß er seine Ostpolitik gefährdet. Denn er weiß, daß er mit Moskau nur dann weiterkommt, wenn er die internationale Position der DDR anerkennt. Der nächste Schritt des Vatikans wird deshalb die Ernennung der Apostolischen Administratoren in der DDR zu Bischöfen sein und, nachdem so die volle Trennung von der Bundesrepublik auch vatikanamtlich vollzogen ist, die Ernennung eines Nuntius für die DDR
vermutlich zunächst mit Sitz in Warschau.
Gute Chancen für den Posten hat der jetzige Pronuntius in Helsinki, Titular-Erzbischof Zabkar. Der gebürtige Jugoslawe spricht mehrere slawische Sprachen und aus seiner Priesterzeit in Salzburg auch fließend Deutsch. Vermutlich wird Casaroli selbst in nächster Zeit Ost-Berlin besuchen, um mit DDR-Stellen einen genaueren Plan auszuhandeln.
Anders verfuhr der Vatikan noch mit den polnischen Diözesen. die wegen der Verschiebung Polens von Ost nach West heute teilweise auf sowjetischem Gebiet liegen. Für den Vatikan (und für Polens Kirche) sind sie nach wie vor polnisch. Trotzdem wäre Rom bereit, die Grenzfrage im Einvernehmen mit Moskau zu regeln. Aber Polens Bischöfe mauern.
Das wurde besonders deutlich beim ersten offiziellen Besuch Casarolis in Warschau vom 4. bis 6. Februar 1974. Casaroli kam auf Einladung seines polnischen Amtskollegen Stefan Olszowski. dei dem Papst am 12. November vergangenen Jahres einen inoffiziellen Besuch im Vatikan abgestattet hatte.
Kardinalprimas Wyszynski verreiste während Casarolis offiziellem Besuch demonstrativ nach Gnesen, und auch seine beiden Kardinalskollegen Wojtyla und Kominek verzichteten darauf, die Einladung zu Olszowskis und Casarolis Empfängen wahrzunehmen. Erst nach dem offiziellen Besuch waren die polnischen Kardinäle für Casaroli zu sprechen.
Und dies mit gutem Grund. Denn die polnischen Bischöfe wußten aus Erfahrung, daß der Regierung in Warschau an Erleichterungen für die polnischen Katholiken wenig liegt, alles dagegen an politischen Erfolgen via Westen.
Noch am 28. Dezember vergangenen Jahres zwang die Regierung die sieben polnischen Residentialbischöfe der ehemaligen deutschen Ostgebiete, vor dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Tejchma einen Treueid auf die Volksrepublik Polen und ihre atheistischkommunistischen Gesetze abzulegen. Als juristische Handhabe diente der Regierung ein Dekret aus Polens stalinistischer Ära von 1956.
Obwohl Casaroli wie Olszowski vor, während und nach dem Besuch nicht mit gegenseitigen Lobhudeleien sparten, wurde diese erste offizielle Visite ein Mißerfolg für den Vatikan wie für Polens Katholiken. In einer von der Katholischen Nachrichten-Agentur veröffentlichten vertraulichen Aufzeichnung für Paul VI. notierte Casaroli: In der Frage der Ostdiözesen sei er zwar mit dem polnischen Parteichef Gierek weitergekommen, aber Wyszyfnski sperre sich hier, In der Frage des Religionsunterrichts jedoch habe sich Gierek "völlig unnachgiebig gezeigt.
Vier Monate nach dem Polen-Besuch Casarolis signalisierte eine weitere Maßnahme, daß Polen zu keiner wirklichen Konzession an die Kirche bereit war: Anfang Juni wurde der Warschauer Regierungsbeauftragte für Kirchenfragen, Aleksander Skarzynski, als Liberaler denunziert und gegen den kompromißlosen Kazimierz Kakol ausgetauscht.
Papstwort als "Gabe zur Feier der Oktoberrevolution".
Casaroli könnten solche politischen Pleiten auf die Dauer den Posten kosten. Im Staatssekretariat finden denn auch schon gefährliche Sandkastenspiele statt: Während Casarolis Gegner ihm einen Erzbischofsstuhl in Italien wünschen, sähe Benelli nicht ungern den Erzbischof Luigi Poggi, jetzt Apostolischer Nuntius für Sonderaufträge, an Casarolis Stelle. Sowohl Benelli wie Wyszynski lasten dem päpstlichen Außenminister an. er erliege dem Werben
kommunistischer Staaten zu schnell und ohne Gegenleistungen.
Beide opponieren gegen Casaroli aus verschiedenen Motiven: Wyszyfinki fürchtet, der Vatikan mache Kirchenpolitik ohne den polnischen Episkopat. Benelli wirft Casaroli vor, er verharmlose die kommunistische Ideologie.
Noch hat Rom jedoch nicht alle Ost-Bastionen geschleift. Die Sowjet-Union existiert für den Vatikan offiziell noch nicht. In Europa gelten dem Vatikan als selbständige Gebiete immer noch Estland, Lettland, Litauen und Rußland. Aber ein litauischer Pfarrer befürchtet angesichts der vatikanischen Konzessionsbereitschaft gegenüber Moskau: "Wenn sie uns nur nicht verkaufen."
Am besten kam der Vatikan mit dem blockfreien Jugoslawien zurecht. Tito im Frack und Zylinder, Frau Jovanka geziemend verschleiert, auf dem Petersplatz jugoslawische neben päpstlichen Flaggen, im Damasushof die Hymne der sozialistischen Republik so wurde am 29. März 1971 zum erstenmal der Präsident eines kommunistischen Staates in feierlicher Form von Papst Paul empfangen.
Der Weg dahin war lang und beschwerlich. 1952 hatte Belgrad die Beziehungen zum Vatikan abgebrochen, weil Pius XII. den Zagreber Erzbischof Stepinac in den Kardinalsrang erhob -- Stepinac war nach dem Krieg wegen Zusammenarbeit mit der Hitler-freundlichen Ustascha-Regierung in Kroatien verurteilt worden. Erst im Juni 1964 konnte Casaroli die Verhandlungen mit der jugoslawischen Regierung wieder aufnehmen. Nach vier Konferenzen von über 30 Tagen in Belgrad und Rom unterzeichnete der vatikanische Unterhändler am 25. Juni 1966 das Protokoll, das noch heute als Vorbild für andere Verträge mit kommunistischen Staaten gilt.
Der Vatikan nimmt darin die Trennung von Staat und Kirche zur Kenntnis und bestätigt den strikt religiösen Rahmen der Seelsorge. Der Staat garantiert die religiöse Freiheit und die päpstliche Zuständigkeit für die kirchliche Jurisdiktion.
Die diplomatischen Beziehungen galten seither als angeknüpft, wurden aber erst 1970 vollgültig wiederhergestellt. Zum Dank durfte Casaroli im August 1970 drei Tage als Staatsgast in Jugoslawien mit Präsident Tito auf der Insel Brioni "ein langes und herzliches Gespräch" führen.
Auch außerhalb der diplomatischen Kanäle geizten beide Seiten nicht mit Gesten. Der Papst lobte die von Tito geförderte Politik der blockfreien Staaten aus Anlaß ihrer afrikanischen Konferenz 1970. Und bald darauf verstopften die Autobusse von fast 15 000 jugoslawischen Pilgern die römische Innenstadt, als Paul einen kroatischen Franziskaner heilig sprach.
Bei dieser Gelegenheit rief der oberste Hirte allen kommunistischen Staaten noch einmal in Erinnerung, was er von ihnen erwartete: "Die Kirche verlangt keine Privilegien, aber sie braucht den erforderlichen Lebensraum für ihre Mission."
Das aber fanden die kommunistischen Regierungen keineswegs. Trotz aller Zugeständnisse kam Paul nicht ans erhoffte Ziel. Im Gegenteil: Der Kampf gegen Kirche und Religion in den Ostblockstaaten verschärfte sich.
Und in der Tat konnte Pauls Taktik der Zugeständnisse niemals zu dem Ziel führen, das dem Papst vorschwebte. Denn er hatte nicht einkalkuliert, daß es die Kommunisten mit ihrem Atheismus genauso ernst meinen wie der Papst mit seinem Christenglauben.
Dabei hatte Paul selber sich dem Kommunismus gegenüber in den Grundsatzfragen stets unerbittlich gezeigt. Zwar mied er im Zeichen der Klimaverbesserung allzu häufige antikommunistische Reden. Aber die wenigen Äußerungen sind eindeutig.
Ihm ist der Kommunismus die "verderbliche. ja tödliche Krankheit", die es theoretisch und praktisch zu be. kämpfen gilt, "die schlimmste Erscheinung unserer Zeit". Einen Dialog mit dem marxistischen Sozialismus hält er für "sehr schwierig, um nicht zu sagen, unmöglich". Und in keinem wesentlichen Punkt wich er von der Lehre Papst Pius XI. ab, der 1937 in der Enzyklika "Divini redemptoris" den atheistischen Kommunismus verdammte.
Zwar sollen nach dem jüngsten Entwurf zum neuen Kirchenrechts-Kodex Kommunisten nicht mehr exkommuniziert werden. Und der Jesuiten-Professor Gustav Wetter. einer der bekanntesten Marxismus-Forscher der katholischen Kirche, äußerte im Februar dieses Jahres gar die Meinung, der Marxismus könne ohne Aufgabe seiner Grundhaltung in ein positives Verhältnis zur Religion treten.
Aber erst im vergangenen Jahr verlor der Salesianerpater Giulio Girardi auf vatikanischen Druck hin seinen Lehrstuhl für marxistische Philosophie am Pariser "Institut catholique", weil er Christentum und Marxismus für "durchaus miteinander vereinbar" hielt.
Trotzdem schien ein Dialog möglich, als Paul im April 1965 das Sekretariat für die Nichtglaubenden gründete, angeblich um mit Humanisten und Marxisten ins Gespräch zu kommen. Aber schon bald erwies sich auch diese Hoffnung als trügerisch.
Die Mehrheit der Mitglieder dieses Sekretariats ist der Meinung, es habe den Auftrag, die Atheisten zu bekehren. Und der im Sekretariat für den Marxismus zuständige tschechische Emigrant Francesco Skoda sieht seine Aufgabe gar im Kampf gegen den Marxismus.
Zwar veröffentlichte eine Minderheit im Sekretariat progressiv gestimmte Texte, so etwa das Dokument über den Dialog mit den Nichtglaubenden und über die Notwendigkeit, den Atheismus zu studieren. Diese Minderheit konnte sich zunächst auch durchsetzen, weil der Präsident des Sekretariats, der zumindest nach außen liberale Wiener Kardinal Franz König, seinen Mitarbeitern freie Hand ließ.
König residiert jedoch in Wien und damit weitab vom Schuß. Wie schwach sein Einfluß ist, zeigte sich 1969, als Professor Girardi, damals einer
seiner Konsultoren, gemaßregelt wurde, ohne daß König seine Hand über ihn halten konnte.
Benelli nutzte die Schwäche Königs. Er ernannte den vatikanhörigen Titular-Erzbischof Antonio Mauro, der ständig in Rom anwesend ist, zum Vizepräsidenten des Sekretariats für die Nichtglaubenden und setzte das Sekretariat damit praktisch schachmatt. Persönliche Querelen und Bespitzelungen taten ein übriges, die Arbeit des Sekretariats lahmzulegen.
Das entspricht vermutlich dem Kalkül Benellis, der durch eine weitere Öffnung des Katholizismus zum Kommunismus hin einen Linksrutsch in Italien befürchtet.
So ist es dem Sekretariat verboten, mit Vertretern politischer Parteien zu sprechen. Es gibt kaum Kontakte zu Marxisten. Mit Vertretern der Humanistischen Union finden Gespräche nur gelegentlich statt. Tagungen des Sekretariats verlaufen denn auch häufig nach dem naiven Muster bekehrungseifriger Missionsvereine.
Bildete der Atheismus von vornherein eine unüberbrückbare Kluft zwischen Kommunisten und Katholiken, so schien wenigstens Pauls Soziallehre dazu geeignet, Brücken zwischen der Kirche und dem Kreml zu bauen. Kernthese von Pauls Sozial-Enzyklika "Populorum progressio": Die Güter dieser Erde sind für alle da; Revolutionen sind erlaubt, wenn es uni die Überwindung unverhältnismäßig schwerer Gewaltherrschaft geht. Auf viele wirkte die Enzyklika "wie eine Gabe des Papstes zur Fünfzigjahrfeier der Oktoberrevolution" (DDR-Historiker Eduard Winter).
Aber Pauls Sozialismus ist mehr literarischer Natur. Als der argentinische Bischof Podesta mit der Enzyklika ernst machen wollte und seinen Priestern die Beteiligung an revolutionären Agitationen erlaubte, ließ der Vatikan ihn fallen. Und auf dem Eucharistischen Weltkongreß im kolumbianischen Bogota, wo junge Kleriker mit der Revolution liebäugeln, fand der Stellvertreter Christi, Revolutionen seien unangebracht.
Noch 1971 erteilte Paul aus Anlaß des 80. Jahrestages der Sozial-Enzykli-
* Mit dem sowjetischen vize-Außenminister Kosyrew (r.) bei der Unterzeichnung des Atomwaffensperrertrags; 1971
ka "Rerum novarum" des Papstes Leo XIII. zwar dem Kapitalismus und Liberalismus eine Abfuhr, aber ebenso dem Sowjet-Kommunismus wegen seiner Ideologie des Klassenkampfes und seiner Neigung zum "Typ der totalitären und gewalttätigen Gesellschaft".
Vermutlich sind dem Papst denn auch bereits leise Zweifel an seinem politisch erfolglosen Ost-Konzept gekommen. Personelle Umbesetzungen in seinem "Außenministerium" deuten darauf hin, daß er die Akzente in Zukunft womöglich etwas anders setzt.
So ernannte er im vergangenen Jahr den Titular-Erzbischof Luigi Poggi zum Sonderbotschafter mit dem Schwerpunkt "Ostkontakte". Casaroli hätte damit mehr Zeit für andere, dem Papst wichtigere Aufgaben.
Giovanni Cheli, einer der konsequentesten Befürworter von Pauls Ost-Kurs, wurde ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei der Uno; an seine Stelle trat als Stellvertreter Casarolis der Monsignore Achille Silvestrini, ein Mann der Mitte.
Paul selbst aber möchte sich mehr denn je als unparteiischer Mittler in den Weltkrisen profilieren, um als Friedensstifter (Paul: "Ein Zeichen über den Stimmen und Zeichen der Erde") in die Geschichte einzugehen.
Im nächsten Heft
Antisemitische Tendenzen im Vatikan -- Panne beim Besuch des deutschen Bundeskanzlers -- Das Spitzelsystem der Nuntiaturen

DER SPIEGEL 45/1974
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