04.11.1974

Talk-Shows: Auf zur dritten Garnitur„Sie gefallen mir sehr“

Sie kam in jenem Schwarz, das Damen ins Dämonische hinüberzüngeln läßt, und Dietmar Schönherr, der Edle, anzusehen wie Tirpitz, dem die Flotte weggeschossen ist, legte sich ihr gleich zu Füßen: Eine "so schöne Romy" habe es noch nie gegeben, aber auch "noch nie eine so umstrittene".
Da war nun die Stunde der Wahrheit, der man entgegenfieberte, seit man wußte, Romy Schneider, 36, würde kommen -- und endlich, endlich die "vielen Mißverständnisse ausräumen", die gleich der trüben Rheinkloake zwischen uns Deutschen und der Wahl-Pariserin dahinschwabbeln.
Frisch also von der Leber weg gesprochen vom Unrecht, das ihr die Heimat angetan, und vom Los, in der Fremde Karriere machen zu müssen. Und eindringlich wie ihm möglich belehrte Schönherr den weitgereisten Weltstar, das "Wesen" einer Talk-Show sei, "daß Menschen über sich reden". Das aber muß Romy neu gewesen sein, denn sie verfügte: "Es ist nicht mein Metier, über mich zu reden."
Klar, eine Schauspielerin ist dafür da, fremder Leute Texte weiterzugeben. Um seine (drittletzte) Talk-Show nicht schon hier stranden zu lassen, begann Schönherr die Romy zu umzingeln, etwa wie Baggerführer Willibald ein rohes Ei.
Und da zeigte sich: In der mondänen, straßfunkelnden Verpackung verkroch sich ein verhemmtes, nervöses Menschenkind, blockiert im Reden, von Verfolgungs-Ängsten geplagt; das Herz wollt' einem brechen.
Heraus aus dem Schatten riß sie sich zuweilen mit Allüren. Den französischen Titel eines ihrer Filme mochte sie nur mühsam in ihr schon leicht welsches Deutsch übersetzen, und ein wenig in Fahrt kam sie gar, als sie sprach, wie es sie "verletze", in der Presse immer noch als "Ex-Sissi" geführt zu werden.
Aber sie habe keine Ressentiments gegen Deutschland, sie würde sogar hier gern Theater spielen, doch was und wo? Die Brüder Grimm mußten da plötzlich die Regie übernommen haben, denn als wäre er einer der sieben Zwerge, der Schneewittchen retten will, trat ein Fremder aus dem Publikum in die Runde und bot Romy eine Rolle an, in einem kleinen Theater unter einem unbekannten Regisseur. Zum Leben, wenn auch nicht zum Reden, erwachte die schweigsame Frau erst, als, in prallen Jeans und Rockerleder, der zyklopische Robin Hood der Arbeiterklasse als Talk-Show-Gast einmarschierte: Burkhard Driest, Bankräuber, Zuchthäusler, gefeierter Autor der "Verrohung des Franz Blum".
Der brachte Männerwucht und ideologisches Potenzgeschrei in die gezierte Runde, saß da wie ein Doppel-Bronson, paffte, bramarbasierte souverän, ließ den Tirpitz untergehen, und den Wogen entstieg Romy als wissende Venus.
Mit der Zunge wischte sie feuchten Glanz auf ihre Lippen, in den Augen war das gewisse Glimmen, das uns in ihrem "Trio Infernal" so angerührt hatte, und als Driest mal wieder so aus der Hüfte ein Bonmot abballerte, legte sie ihm die Hand aufs Lederjäckchen und sprach: "Sie gefallen mir." Und nochmals: "Sie gefallen mir sehr."
Fortan hing sie an seinem Gesicht, warf sogar mal die Frage auf, was Glück sei, und bat den Kraftkerl fast demütig um Feuer. Das gab ihr Driest und ließ sie ungerührt links liegen.
Es kribbelte im Studio, aber da war die Sprechstunde schon zu Ende. Aus der Tiefe gurgelte Schönherr letzte Worte, und plötzlich piepste Romy noch mal auf: "Ich hätte so gern noch was zu ihm gesagt", zu Driest nämlich. Doch leider wird vorm Happy-End im Film gewöhnlich abgeblend't.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 45/1974
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