23.12.1974

MÖNCHEMayas Macht

Fast feldmarschmäßig ging die Polizei letzte Woche auf westdeutsche Hare-Krishna-Jünger los. Ob und wie sich die Mönche strafbar gemacht haben, ist vorerst ungewiß.
Im Morgengrauen rückten die Trupps von Frankfurt nach Norden aus in einer geheimen Mission namens "Mönche", gemeinsamer Kode "Taunus", genaue Richtung "Rettershof".
Punkt acht, am Sonntag letzter Woche, stürmten 60 Polizisten das Schloß am Taunushang, seit einem halben Jahr deutsche Ordensburg der internationalen Hare-Krishna-Bewegung. Die Kahlgeschorenen saßen gerade beim vegetarischen Frühstück mit heißer Milch und Marzipan oder murmelten ihre monotonen Gebete: "Hare Krishna ... Hare ... Hare Rama."
Für den forschen Vorstoß in die friedliche Vesper glaubten Kripo und Staatsanwaltschaft Anlaß genug zu haben: Anzeigen von Straßenpassanten etwa, die sich von den Händlern und Bettlern in den orangefarbenen Kutten belästigt oder betrogen fühlten, oder Anrufe besorgter Eltern. deren minderjährige Kinder von Christus zu Krishna übergelaufen waren.
Letzte Gewißheit über die Delinquenz des Ordens, der sich "Internationale Gesellschaft für Krishna Bewußtsein e. V. (ISKCON)" nennt, glauben die Polizisten in Kutten und Kassetten gefunden zu haben: Dem Tempelpräsidenten Peter ("Chakravartie") Kaufmann, 24, zogen sie eine "Parabellum"-Pistole aus dem weiten Gewand; ein Colt, zwei Flinten und vier Gaspistolen waren im Altar und in einem Rollschrank versteckt; dazu fanden sieh 51 000 Mark in Scheinen.
Alle 72 Anwesenden wurden prompt festgenommen. Und unmittelbar nach den Geld- und Waffenfunden stand für Polizei wie Presse das Urteil über die Krishna-Jüngerschaft fest: Die Vereinigung, schrieb zum Beispiel das "Hamburger Abendblatt", verfolge "verbrecherische Ziele". Vor allem ihrer Botschaft wegen seien die Mönche, warnte ein Hamburger Fahnder, "schlimmer als Rauschgifthändler".
Wie schädlich derlei religiöses Opium fürs deutsche Volk sei, hatte bereits im September der Berliner Kriminalhauptmeister Gerd Meyer enthüllt, dessen Sohn ein Jahr lang der ISKCON angehört hatte: Das Krishnatum, vermerkte der verlassene Vater im "Kriminalist", dem Verbandsorgan des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), gleiche einem "Krebsgeschwür", das "aufgeschnitten" werden müsse, und womöglich sei die hinduistische "Geschwulst" noch "gefährlicher als der offene Kampf der Baader-Meinhof-Gruppe".
Die Justiz freilich schätzte Montag letzter Woche den vermeintlichen neuen Staatsfeind Nummer eins anders ein als das Kriminalisten-Organ: Der Haftrichter fertigte zwar -- wegen des Verdachts zweifachen Kindesraubs, des Bettelbetrugs und des illegalen Waffenbesitzes -- zwei Haftbefehle, alle anderen siebzig Festgenommenen aber wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.
Danach schien der Krishna-Klub undurchschaubar wie im Jahre 1969. als die exotischen Gestalten in ihren verwaschenen Wickeltüchern erstmals auf westdeutschen Boulevards auftauchten -- mit Pferdeschwänzchen auf den ansonsten kahlen Häuptern. Schellen schwingend und Traktätchen verteilend.
Vor allem Jugendliche aus gutbürgerlichen Familien, aber auch gescheiterte Geschäftsleute und einsame Rentnerinnen suchen seither Zuflucht in den Tempeln und Wohngemeinschaften der ISKCON in Berlin und Düsseldorf, Stuttgart und Frankfurt, wo sie sich, barfuß und im Lotussitz" von Äpfeln, Nuß- und Mandelkernen, Griesbrei und Rosinen ernähren. Fremden versichern die Gelbkittel, die Hab und Gut an ihren Orden abgetreten haben, lächelnd: "Wir sind keine Hippies, wir sind Happies."
Während bundesdeutsche Großstädter die glücklichen Sonderlinge zumeist belächelten, widmen Polizeibehörden den scheinbar Undurchschaubaren seit langem jenes Mißtrauen, das sie auch anderen Kommunarden und Konsumverweigerern entgegenbringen -- obgleich die internationale Hare-Krishna-Bewegung nach dem Urteil von Sachverständigen einer "authentischen indischen Religion" huldigt und das konfessionelle Engagement ihrer Anhänger "ernst zu nehmen" sei (so Dr. John F. Staal, Professor für indische Philosophie an der US-Universität Berkeley).
In den USA konnten inzwischen rund 3000 amerikanische Diaspora-Mönche die Lehren des 500 Jahre alten Ordens weitgehend unbehelligt verbreiten. Im texanischen Dallas unterhält die Glaubensgemeinschaft eine Konfessionsschule mit Kindergarten, in Los Angeles betreibt sie die größte Weihrauch-Fabrik der USA (Marktanteil: 20 Prozent); den Vertrieb steuert ein Computer, der, sofern er nicht gerade arbeitet, immerzu "Hare Krishna" tickert.
Im Abendland jedoch, insbesondere in der Bundesrepublik, provozierte der fremde Glaube rasch Verdächtigungen. Höchst obskur erschien dem "Kriminalist" zum Beispiel, daß die Krishna-Diener auf "persönliches Eigentum" verzichten: "Es ist nicht auszudenken, welche Folgen das haben kann, wenn diese Möglichkeit verbrecherisch ausgenutzt wird. Geldstrafen sind sinnlos. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren." Und in politischer Hinsicht erscheinen die Andersgläubigen dem Kripo-Bund ähnlich unzuverlässig wie einst die Freimaurer den Nazis: "Man darf", so das Verbandsblatt, "gar nicht darüber nachdenken, wie eine solche Organisation auf dem Gebiet der Spionage eingesetzt werden kann, ohne den geringsten Verdacht zu erregen."
Noch mehr Schrecken als die Vision von einem Heer kahlgeschorener Guillaumes flößte dem Krishna-Kriminahisten der Gedanke ein, zu welchen Zwecken die Hindus das Geld verwenden könnten, das sie durch Spenden-Bettelei und den Handel mit Waren -- Palmwedel und Parfüms, Räucherstäbchen und Muschelhörner -- einnehmen: "Webe uns, wenn dieses Kapital einmal gegen den Bestand der Bundesrepublik verwendet wird."
Fremdenhaß entlud sich auch idenlogiefrei auf die Krishna-Missionare. In Hamburg etwa drangen vorletztes Jahr fünfzehn Rocker in einen Tempel ein und gingen mit Fahrradketten und Dolchen auf die Mönche los. Und mit solchen Bedrängnissen erklären nun die Gelbröcke, die sich von der Polizei nicht hinreichend geschützt fühlen, ihren Waffenbestand.
Hinter dem vom Haftrichter gegen einen der Ordensbrüder ausgesprochenen Verdacht des Kindesraubs verbirgt sich der Fall des 17jährigen Nicolai Burgmann aus Pinneberg, der wahrscheinlich im September, möglicherweise mit falschen Papieren, in ein Krishna-Kloster ins Ausland reiste. Mönch Nicolai, seit drei Jahren religionsmündig und nächstes Jahr volljährig, weigerte sieh, nach Pinneberg zurückzukehren; die Mutter pochte auf ihr Elternrecht und erstattete Anzeige.
Ähnlich hartnäckig bestehen freilich auch die Krishna-Eltern darauf, ihre eigenen Nachkommen nicht fremdem Glauben anheimfallen zu lassen -- was ihnen den zweiten Kindesraub-Verdacht eintrug: Bettelmönch Stefan Kess, 27, wird vorgeworfen, seine Tochter Vishaka, 2, seiner ehemaligen Frau fortgenommen und zu ausländischen Glaubensbrüdern gebracht zu haben obgleich ihm das Sorgerecht. so die Polizei, nicht zusteht. Letzte Woche wurde das Kind in einem dänischen Krishna-Tempel entdeckt.
Den dritten Haftgrund, Verdacht des Bettelbetrugs, zogen sich die ""Schmarotzer" des Kapitalismus" (BDK) zu, weil einige von ihnen -- nach Darstellung der Polizei fälschlicherweise gegenüber Passanten behaupteten, zugunsten hungernder Kinder in Indien zu betteln. Ob den Fahndern der Nachweis für betrügerisches Handeln gelingt, steht dahin. Die Mönche jeden falls berichten, ihr Orden gebe zum Beispiel im indischen Mayapur "täglich Zigtausenden von Hungernden zu essen"; das im Taunus gefundene Geld
Spenden und Verkaufserlöse -- sei allerdings für den Ankauf eines Klosterguts bestimmt, auf dem kunstdüngerfreies Getreide angebaut werden solle.
Die Fahnder vermuten, daß die deutsche Krishna-Diözese, deren monatliche Gesamteinnahmen die Fahnder auf 200 000 Mark beziffern, stattliche Summen an ihren Heiligen Vater Prabhupada, 78, in die USA überweist. Ihm wird gerade päpstlicher Reichtum nachgesagt: "Sein heutiges Vermögen". meint BDK-Meyer, "dürfte kaum zu schätzen sein." Welchem Zweck karitativ oder nicht -- der Ordensschatz dient, weiß allerdings die Kripo nicht, die letzte Woche eingestand: "Über die Verwendung dieser Summen ist nichts Genaues bekannt."
Selbst Sympathisanten des Bettelordens schwant gleichwohl, "daß einige Mönche im religiösen Übereifer gesellschaftliche Grenzen überschritten haben" -- so der Hamburger Bundesbahnoberamtmann Ernst-Günter Pettersson, ansonsten "ein bißchen stolz" auf seine beiden krishnagläubigen Söhne. die er von der Polizei zu Unrecht "wie Kriminelle oder Terroristen behandelt" sieht. Pettersson:" Man darf doch nicht gleich über der ganzen Mannschaft den Stab brechen,"
Die Ordensbrüder indessen wähnen sieh nun allesamt mehr denn je von "Maya", der Macht der Finsternis, verfolgt. Hansadutta Das, Bettlerkönig für "Deutschland, Rußland, Skandinavien, Holland und die slawischen Länder". glaubt den Grund zu kennern: "Die Dämonen", sagt er, "können das Singen des heiligen Gottesnamens nicht ertragen."

DER SPIEGEL 52/1974
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