23.12.1974

UNICEF

Wir sind vor Ort

Unicef hat den Kindernotstand proklamiert: Zur Nahrungsmittelknappheit in den Entwicklungsländern kommt fallende Spendenbereitschaft der von Inflation und Energiekrise gebeutelten Europäer.

Friedlich saßen nebeneinander auf dem Podium: Willy Brandt, Friedensnobelpreisträger, und Imelda Marcos, Frau des mit Dauerkriegsrecht regierenden philippinischen Staatspräsidenten. Harvard-Professor und Ernährungswissenschaftler Jean Mayer steckte -- beim Colloquium von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen in Genf -- die Dimensionen eines Verhängnisses ab: Mißernten, Energie- und Düngemittelknappheit haben den chronischen Nahrungsmittelmangel in der Dritten Welt zur Katastrophe werden lassen.

120 Millionen Kinder, also zehn Prozent der gegenwärtig 1,2 Milliarden Kinder der Welt, waren auch in günstigeren Jahren ernsthaft unterernährt. Doch gegenwärtig schätzt Unicef, daß 478 Millionen Kinder in 60 der 112 Länder, in denen das Hilfswerk arbeitet, wegen der Folgen anhaltender Unterernährung in akuter Lebensgefahr schweben oder schweren körperlichen Dauerschäden ausgesetzt sind.

Mangelerscheinungen haben zu epidemischem Anwachsen bestimmter Krankheiten geführt, über zwei Drittel der 800 Millionen Kinder in den am härtesten betroffenen Gebieten sind bedroht, von Blindheit etwa -- den Kindern in Indien, Indonesien und Bangladesch fehlt es an Vitamin A -- oder von Anämie (Folge von Eisenmangel). Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren ist auf 50 Prozent der Gesamtsterblichkeit der Bevölkerung angestiegen (Europa: drei Prozent),

Angesichts der Dimension des Elends, der scheinbaren Aussichtslosigkeit und der verschlechterten Wirtschaftslage in den Industriestaaten hat die Helfer Mutlosigkeit erfaßt: Kaum eine Regierung wird im kommenden Jahr ihre Beiträge für Unicef erhöhen (Bundesrepublik 1974: acht Millionen Mark), der Verkauf von Unicef-Weihnachtskarten. aus dem das Hilfswerk zehn Prozent seiner Einkünfte schöpft, ist weltweit spürbar zurückgegangen, die privaten Spenden für das deutsche Unicef-Komitee liegen 1974 etwa 25 Prozent unter dem Vorjahresergebnis (Unicef-Spendenkonto 300 000 Postscheckamt Köln).

140 Millionen Dollar werden kurzfristig und zusätzlich zum planmäßigen Etat (1974: 94 Millionen Dollar) benötigt, um den drohenden Hungertod von Millionen Kindern zu verhindern. Doch das Geld ist nicht vorhanden.

Dabei gibt es. so Willy Brandt, "keine Entschuldigung dafür, nicht zu helfen". Vor allem deshalb nicht, weil die ins Gigantische gewachsene Aufgabe tatsächlich lösbar ist dank Unicef.

Denn im Vergleich zu allen anderen Hilfsorganisationen schneidet Unicef geradezu extrem gut ab. Es ist heute die effektivste, unbürokratischste und einfallsreichste der UN-Hilfsorganisationen, als einzige (1965) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die einzige auch, die ihr Gesamtbudget einschließlich des Verwaltungshaushaltes nur aus freiwilligen Beiträgen und eigenen Anstrengungen, etwa Wohltätigkeitsveranstaltungen mit den Künstlern Danny Kaye und Peter Ustinov, finanziert.

Unicef ist praktisch und pragmatisch, 80 Prozent seines Personals (1973: 945 Mitarbeiter) stehen im Außendienst, während zum Beispiel 50 Prozent aller Mitarbeiter der Unesco allein im Pariser Hauptquartier beschäftigt sind.

Und Unicef arbeitet billig: Anders als andere Organisationen hat Unicef in den vergangenen 25 Jahren gelernt, billig einzukaufen. Über ihre eigene Verpackungsgesellschaft "Unipac" in Kopenhagen beschickt die Muttergesellschaft nach Art eines weltweiten Handelsunternehmens ihre zentral eingekauften Güter: Fahrräder für Hebammen in Indien (für 30 Mark in Polen gekauft), medizinisches Gerät für Südamerika (am billigsten hergestellt in Pakistan), Aspirin aus Dublin, chirurgisches Nähmaterial aus New York. Penicillin aus Paris. Auf dem 24 000 Quadratmeter großen Unipac-Gelände lagern 6000 verschiedene Einzelposten.

Die Organisatoren von Unipac haben schon vor Jahren ausgerechnet. was anderen internationalen Hilfsorganisationen noch heute nicht klar zu sein scheint: daß dieses zentrale Verschiffungssystem selbst dann entschieden billiger ist, wenn gelegentlich ein in Indonesien hergestellter Artikel zunächst nach Kopenhagen und schließlich von dort wieder zurück ins Ursprungsland verfrachtet wird.

Auf Katastrophenfälle indes, wie die gegenwärtige weltweite Hungersnot, ist Unicef nicht vorbereitet: Das Hilfswerk betreibt in erster Linie langfristige Entwicklungshilfe. Gegenwärtig macht sie 95 Prozent des regulären Haushalts aus nur fünf Prozent gehen in die Notstandshilfe. Denn Unicef hat erkannt, daß Ad-hoc-Programme allein oder reine Ernährungshilfe der direkte Weg in noch unmenschlichere Zustände sein können: Die Senkung der Sterberate durch bessere Versorgung bei gleichbleibender Geburtenrate führt zu Überbevölkerung. wachsendem Analphabetentum und noch größerer Arbeitslosigkeit. Aus diesem Grund hat Unicef in den vergangenen Jahren andere Aktivitäten. vor allem die integrierte Familienplanung. Erziehungsprogramme und Planungshilfe verstärkt.

Das heißt aber zugleich, daß Unicef aus seinem regulären Haushalt, der auf Jahre hinaus zur Überwindung struktureller Probleme angelegt ist, keine Mittel für die zusätzlichen Anforderungen des akuten Nahrungsmittelmangels abzweigen kann.

Andererseits ist Unicef wie keine andere Einrichtung organisatorisch in der Lage, schnell und zuverlässig die Katastrophenhilfe durchzuführen. Gordon Carter, Chef des Europabüros von Unicef: "Wir sind vor Ort, alles, was uns fehlt, ist Geld."

Etwas Geld kam wenigstens schon am ersten Tag des Genfer Unicef-Colloquiums zusammen. Imelda Marcos verdoppelte den Beitrag ihres Landes zum Unicef-Programm auf 460 000 Dollar -- das ist das 46fache des Anteils am Unicef-Budget, den Mercedes-Aktionär Kuweit trägt.


DER SPIEGEL 52/1974
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