23.12.1974

TV-MAGAZINENebulöser Zustand

Nur ein harter Kern der TV-Zuschauer, etwa 15 Prozent, konsumiert im Sport-Fernsehen auch Analysen und Hintergrund-Filme. Aktualitäten vom Fußball oder von Olympia mobilisieren bis zu 90 Prozent.
Sonnabend nachmittag gehört Vati der Bundesliga: Jeder dritte Fernsehhaushalt ist gewöhnlich bei der ARD-Sportschau dabei.
Das ZDF-Sportstudio am Abend -- von Fachleuten als beste deutsche Sportsendung beurteilt -- verfolgen gelegentlich nur noch 13 Prozent: Verminderte Aktualität gerät trotz Qualität gegen Unterhaltungsfilme ins Spannungs-Defizit.
Über richtig und falsch im Sportfernsehen herrscht unter den Planern ein "nebulöser Zustand", wie Horst Seifart. Sport-Hauptabteilungsleiter im NDR, glaubt: "Die professionellen Kritiker bei den Zeitungen sitzen auch im Elfenbeinturm", so Seifart, "und urteilen subjektiv.
Objektive Anhaltspunkte erhofften sich die Sportproduzenten bei ARD und ZDF von einer gemeinsam beim Münchner TV-Forschungsinstitut Infratest angeforderten Untersuchung über ihre Sportmagazine. Denn allein am Wochenende können die Sportfans neben Turnern und Turnieren im Regionalprogramm zwischen vier überregionalen Magazinen (Sendedauer: zusammen mindestens vier Stunden) wählen:
Die ARD sendet die Sportschau am Sonnabend (17.48 Uhr) sowie sonntags die von 1975 an verkürzte Sportschau I (18.18 bis 19.00) und Sportschan II (19.30 bis 20.00 Uhr). Das ZDF bietet sonnabends sein Sportstudio an (etwa 21.30 Uhr) und sonntags die Sportreportage (17 bis 18 Uhr).
Befriedigt lasen die TV-Sportplaner in der Infratest-Studie, daß 96 Prozent der Bundesfernseher ihr Medium als wichtigste Informations-Quelle für Sportereignisse werten. Mit Sport bestritten ARD und ZDF zwischen 10 und 13 Prozent des gesamten Programms soviel wie mit Spielfilmen.
An Sportmagazinen sind 37 Prozent der EV-Kunden stark interessiert. Aber Altbürger jenseits des 60. Jahres. Junge unter 25 Jahren und Frauen mißachten überwiegend den TV-Sport aus zweiter Hand. Dem Sportstudio. in dem schon Grand-Prix-Rennwagen röhrten, in dem auch Bundeskanzler Brandt auftrat, schauen noch am meisten Frauen zu, bis zu 34 Prozent. Zur beliebtesten TV-Sportart wertete das überdurchschnittliche weibliche Interesse den Eiskunstlauf auf.
Was für den Skiurlauber der Schnee, ist für Sport im Fernsehen dennoch der Fußball -- und möglichst aktuell soll er ankommen. "Was wohl heute der Huberty macht", spöttelte schadenfroh Discjockey Henning Venske in einer Hörfunk-Vorschau über den Kölner Sport-Moderator, als sechs von neun Bundesliga-Spielen ausfielen. "Ob er wohl Gedichte aufsagt?"
Die Sonnabend-Sportschau der ARD bringt die aktuellsten Bundesliga-Berichte und findet den größten Zuspruch: 35 Prozent im Schnitt des ersten Quartals 1974. Als die Sportschau vor etwa einem Jahr das Länderspiel gegen Spanien einblendete, flimmerten sogar 44 Prozent aller TV-Geräte. Dagegen beschäftigt die zeitlich frühere ARD-Sportschau I am Sonntag (14 Prozent) wie die ZDF-Sportreportage (17 Prozent) nur ausgepichte Fans.
Doch mit dem verbleibenden Kundenkreis von etwa 15 Prozent, immer noch mehr als drei Millionen TV-Haushalte, treffen die Sportmagazine anscheinend eine Zielgruppe hartnäckiger Fans: Sie beurteilten die Magazinsendungen mit der Spitzennote 4,0 (Höchstnote: 5,0). Die Rekordquote von 4,6 erreichte die Übertragung des Fußball-Länderspiels 1972 gegen England aus London.
Das ZDF baute deshalb auf noch mehr Aktualität und ersetzte seine "Sportinformation" durch "Sport am Freitag", eine Sendung, die gewöhnlich schon ein -- meist dem Fernsehen zuliebe vorgezogenes -- Bundesligaspiel spiegelt. "Für Hintergrundfilme aus dem Volleyball oder Handball", sagt ZDF-Redakteur Wolfram Esser, "haben wir nun kaum noch Sendezeit."

DER SPIEGEL 52/1974
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