22.07.1974

Weltkrise um Zypern

Aus türkischen Häfen liefen Landungsboote mit Panzern mit Kurs auf Zypern aus, 8000 türkische Fallschirmjäger und türkische Kampfflugzeuge griffen an. Der Sturz des Präsidenten Makarios, inszeniert von den Obristen in Griechenland, löste eine neue heiße Weltkrise aus. Denn auch Sowjets und Amerikaner sind unmittelbar verwickelt.
Die Türken kamen im Morgengrauen. Am Sonnabendmorgen, die Welt wähnte den Zypern-Konflikt schon weitgehend beigelegt, fielen über der Hauptstadt Nikosia aus türkischen "Skyhawks" (made in USA) Bomben, aus türkischen "Hercules" (made in USA) Fallschirmjäger vom Himmel. Bei Kyrenia gingen türkische Truppen an Land.
Nach Tagen des Taktierens, in der Heimat und im Ausland, hatte Ankaras Premier Ecevit seine Soldaten doch noch in Marsch gesetzt -- und damit die Welt an den Abgrund einer neuen heißen Krise getrieben.
Denn nun ging es nicht mehr nur um die Zukunft der Insel Zypern, nun war plötzlich der Weltfrieden in Gefahr, drohte eine Konfrontation der Weltmächte USA und Sowjet-Union.
Begonnen hatte alles damit, daß sechs griechische Offiziere den Anschluß planten -- die Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland, die "Enosis".
Zunächst mußte auf der Insel eine Regierung von Enosis-Anhängern etabliert werden. Wochenlang tüftelten die Verschwörer an einem minuziösen Putschplan. Den Befehl dazu hatte ihnen Dimitrios Ioannidis erteilt, der unheimliche, allmächtige Chef der Athener Militärpolizei "Esa".
Mit der Ausführung des Plans wurde ein guter Freund des Esa-Chefs betraut: Brigadegeneral Andreas Kondylis, vor kurzem nur zum Schein zurückgetretener Kommandeur des 950 Mann starken offiziellen Griechen -Expeditionskorps auf Zypern ("Eldyk"). Zehn Offiziere, nach Zypern eingeschleust, wurden von Kondylis auf die Eldyk und die von 650 Griechen befehligte Nationalgarde verteilt.
Athens Botschafter auf Zypern, Lagakos, wurde zusammen mit dem nominellen Kommandeur der Nationalgarde, Generalleutnant Denissis, nach Athen berufen, zur Tarnung. Am 13. Juni 1974 beschloß die Athener Junta den Hauptpunkt des Plans: Zyperns Präsident und Erzbischof Makarios wird liquidiert.
Am Montag kurz nach acht Uhr eröffneten die Putschisten des Generals Kondylis -- Nationalgardisten, Eldyk-Männer und Gebirgsjäger (Lok) -- das Feuer auf den Präsidentenpalast in Nikosia.
Während die Palastgarde des Präsidenten erbittert Widerstand leistete, brach Makarios sein Gespräch mit einer ägyptischen Delegation ab. Begleitet von seinem Neffen und Privatsekretär Michael Chatzikleanthous sowie seinem Adjutanten Nikos Thrassyvoulou entkam er durch einen Hinterausgang, wo -- für die ersten sechs Fluchtkilometer -- eine junge Dame mit einem Mini-Cooper bereitstand.
Der Präsident befand sich bereits in Paphos in Sicherheit, als die Aufständischen über den Rundfunksender von Nikosia seinen Tod verkündeten. Er sei eben "politisch tot" gewesen, entschuldigte der von den Revoluzzern eingesetzte Makarios-Nachfolger Nikolaos ("Nikos") Sampson, 39, ein erfahrener Terrorist (siehe Kasten Seite 54), die Falschmeldung.
"Unsere Kolonnen kommen nicht weiter, die Straßen nach Paphos sind so eng und kurvenreich", klagte um 14.30 Uhr am Montag Oberst Triirarchos Georgitzis in einem abgehörten Telephonat seinem Athener Gesprächspartner. Das war Esa-General Ioannidis, und der bestand darauf: Bis Dienstag "im Morgengrauen muß die Sache zu Ende sein".
Es dauerte einen Tag länger, am Mittwoch erst hatten Sampsons Truppen -- unter Umgehung der Türkensiedlungen und. Touristen-Zentren -- die Insel in der Gewalt (300 bis 600 Tote).
Die neuen Herren führten eine scharfe Pressezensur ein. Sie verhafteten mindestens 1000 Personen. Makarios-Leibarzt Lyssaridis, der Führer der linken Edek-Partei, konnte in die syrische Botschaft flüchten.
Als am Donnerstag in Nikosia noch immer vereinzelt Gewehrfeuer zu hören war, sprach Sampsons Pressechef Papageorgiou von "Freudenschüssen jubelnder Zyprioten". SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz hingegen sah eine bestürzte Bevölkerung und übernervöse Putsch-Truppen, die ihre MPis auch gegen photographierende Auslandsjournalisten richteten.
Die Provinz-Putschisten hatten die Lunte ans Pulverfaß gelegt, die Welt, gefahrenträchtiger Krisen müde, geriet in Schrecken. Der Putsch alarmierte die Großmächte, die gerade einen anderen Konfliktherd kaum beruhigt hatten -- im Nahen Osten, "gleich nebenan.
Die US-Regierung warnte vor einer "sehr gefährlichen Situation". Der britische Uno-Botschafter Ivor Richard sah den "internationalen Frieden bedroht". Die Moskauer "Prawda" sprach von einer Tragödie, welche "die ganze Weltöffentlichkeit bestürzt hat".
Nicht so bestürzt war Makarios selbst: Er hatte von den Attentatsplänen der Athener Junta gewußt. Doch anstatt vorsichtig zu taktieren, hatte er in den vergangenen Wochen bewußt den Bruch mit Athen angesteuert: Er demütigte die selbstherrlichen Erretter Griechenlands, wie es vor ihm keiner gewagt, er brachte sie in Verlegenheit, wie es vor ihm keiner geschafft hatte.
In einem sechs Seiten langen Brief an den Griechen-Präsidenten Gizikis beschuldigte Makarios das Militärregime Anfang Juli, die Demokratie in Griechenland abgeschafft zu haben, die Presse zu knebeln, Mordpläne gegen ihn zu zimmern. Ultimativ forderte er den Rückzug jener 650 griechischen Drill-Offiziere der Nationalgarde, denen er anlastete, die Truppe in eine "innere Besatzungsmacht" umzuwandeln -- zu Recht, wie sich eine Woche später zeigte.
Außerdem hatte der Erzbischof eine Verkürzung der Dienstzeit der Nationalgardisten von 24 auf 14 Monate angeordnet, was die Stärke der Garde bis zum September auf 2000 Mann vermindert hätte.
Eine so drastische Beschneidung griechischen Einflusses auf der Insel konnten die Athener Militärs nicht dulden, ohne das Gesicht zu verlieren. Gegen 650 Mann türkischer Truppen, 10 000 Bewaffnete einer zyprisch-türkischen Volkswehr und 2700 Uno-Soldaten (die beide Volksgruppen auseinanderhalten sollen) hätten sie nur noch 950 Mann von ihrem Expeditionskorps Eldyk und einige hundert Partisanen der Untergrundarmee Eoka aufbieten können.
Makarios wollte Griechen-Premier werden.
Nach mehr als sieben Jahren wechselvoller Zusammenarbeit mit zwei Militärregimen sah sich Makarios immer mehr als Wortführer der griechischen Opposition -- ob von rechts oder links, im roten oder royalistischen Lager.
Schon seit dem Militärputsch 1967 steuerte der ehrgeizige Erzbischof, dessen Präsidentschaft auf Zypern 1978 abgelaufen wäre, ein neues Amt an. In einem demokratischen Heilas wollte er der nächste Premier unter einem heimgekehrten König Konstantin werden (SPIEGEL 29/1974).
Vor allem seine Widerborstigkeit gegenüber den Obristen prädestinierte ihn in den Augen griechischer Oppositioneller für diese Rolle. Die Zypern-Presse, in Athen zeitweilig verboten, durfte harsch an den Machthabern in Athen herumkritteln, seine Landsleute konnten gegen die Diktatur demonstrieren Regime-Gegner zog es nach Zypern.
Die Hartnäckigkeit, mit der Makarios seinen Kopf immer wieder aus den von Athen geworfenen Schlingen befreite, steigerte sein Ansehen in Oppositionellen-Kreisen noch. 1970 entkam er mit knapper Not einem Attentat, einen für die Nacht zum 15. Februar 1972 geplanten Offiziersputsch wußte er zu vereiteln. Er überstand die von seinem einstigen Enosis-Kampfgenossen Grivas noch kurz vor dessen Tod angezettelten Unruhen, ebenso den vom Festland gelenkten Versuch, ihn im April 1973 durch die drei auf Zypern ansässigen Bischöfe aus dem Präsidentenamt jagen zu lassen.
"Möge Gott ihnen verzeihen", verkündete der kirchliche und weltliche Herrscher Zyperns damals, "wir jedoch, durch Gottes Gnade unverwundbar für die Pfeile des trügerischen Bösen, die auf uns gerichtet worden sind, stehen aufrecht auf den Bastionen."
Als Makarios vorigen Montag seine Bastion verließ, geleitete ihn britisches Militär sicher ins Ausland. Auf seinen Fluchtstationen Malta -- wo er mit frischen Socken und neuem Unterzeug versorgt wurde -, London und New York nahm er den Aufschrei des Weltgewissens entgegen, hoffte auf Hilfe.
Von den Weltmächten kam sie nicht. Aber der Präsident der Beratenden Versammlung des Europarats, der Italiener Vedovato, meldete sich: "Es kann nicht hingenommen werden, daß Zypern, das zur Zeit den Vorsitz im Ministerausschuß des Europarats führt, in den Händen einer Putschisten-Clique bleiben soll, die der Athener Regierung sklavisch ergeben ist."Und Ägyptens Sadat beschwor in einem Brief an Makarios himmlische Hilfe: "Wir hoffen, daß Allah Sie beschützen wird.
Moskau bietet Hilfe an.
Die Sowjet-Union deutete ihre Art von Hilfe an: Die Regierungszeitung "Iswestija" versprach "Konsequenzen" gegen jede weitere Einmischung. Der sowjetische Botschafter in Ankara offerierte der Türkei kooperativen Beistand Moskaus, wenn es um die Verteidigung der Integrität und Unabhängigkeit Zyperns gehe.
Die Türkei war die richtige Adresse. Eine Aktion. die ganz nach Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland aussah, mußte die Türkei geradezu zum Schutz der türkischen Volksgruppe auf der Insel (ein knappes Füntel der 639 000 Einwohner) herausfordern.
Der erste Krieg zwischen zwei Nato-Mitgliedstaaten hätte die Nordatlantisehe Verteidigungsgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Und er hätte der an einem Stützpunkt im östlichen Mittelmeer immer schon interessierten UdSSR eine Möglichkeit zur Intervention erlaubt. Der Inselputsch wäre unverhofft zur großen Ost-West-Krise eskaliert.
Eben das aber wollte keiner der Beteiligten. Und so eröffnete sich für die gemeinhin uneinige Uno eine Gelegenheit zum Erfolg. Sie blieb ungenutzt.
Die Welt-Vertreter waren sich zunächst einmal nur einig, nichts zu tun. Einen Tag nach dem Angriff auf den Präsidentensitz in Nikosia berief Uno-Generalsekretär Waldheim in New York den Sicherheitsrat ein. Braungebrannt kamen die Delegierten aus dem Weekend.
Waldheim berichtete ihnen, die Uno-Truppen hätten keine Feindseligkeiten auf Zypern beobachten können, da sie genau zwischen den türkischen und den griechischen Gemeinden stationiert seien, bei den Unruhen es sich aber um "Rivalitäten innerhalb einer Gemeinde" handele.
Zyperns Uno-Botschafter Rossides -- am nächsten Tag vom Putsch-Präsidenten Sampson abgesetzt -- flehte vergebens um einen Uno-Aufruf zu sofortigem Waffenstillstand, der Rat beschloß, zunächst einmal auf Makarios zu warten. "Aber das Interesse, den Erzbischof anzuhören, schwindet etwas", befand ein westeuropäischer Delegierter. "Für manche Ratsmitglieder ist Makarios eben nur noch ein Exilpolitiker."
Die Welt wollte keinen Konflikt. Friedens-Star Kissinger ließ den. Türken ausrichten, sie sollten "Geduld und Zurückhaltung" üben, Washington werde die neue Regierung auf Zypern nicht anerkennen -- gleichzeitig aber meldete die "New York Times", die Nixon-Regierung habe für das Putschisten-Regime mehr Sympathien als für den gestürzten Makarios.
Anders die Nato. Ihr Generalsekretär Luns hatte schon am Dienstagmorgen die 15 Allianz-Botschafter zur Ratssitzung ins Brüsseler Hauptquartier Evere geladen. Der Athener Emissär Chorafas beteuerte, seine Regierung habe mit dem Putsch rein gar nichts zu tun. Die Kämpfe auf der Insel seien eine "innere Angelegenheit eines unabhängigen Staates". Mit dieser Version sollten Nato wie Uno aus der Sache herausgehalten werden, bis die Gemüter sich beruhigt hätten.
Die 14 Nato-Kollegen des Griechen jedoch zeigten sich ungehalten; sogar Luns, von Amts wegen zur Neutralität in Bündnis-Querelen verpflichtet, kritisierte die von Chorafas übermittelte Stellungnahme Athens als "etwas Vage".
Am Abend trafen sich die Nato-Botschafter zum zweitenmal. Chorafas blockte ab: "Ich habe noch keine neuen Instruktionen aus Athen."
Auf der dritten Sitzung am Mittwoch morgen fiel die Entscheidung: Mit 14 Stimmen gegen eine forderte der Nato-Rat Athens Obristen auf, die 650 griechischen Ausbildungs-Offiziere aus Zypern abzuberufen.
Chorafas kühl: "Es ist überhaupt nicht bewiesen, daß Athen für das Vorgehen der griechischen Offiziere auf Zypern verantwortlich ist." Belgiens Vertreter hieb vor Ärger auf den Tisch: "Es geht hier nicht um Beweise, sondern um eine Geste, die das Verhältnis zwischen Nato-Partnern entspannen soll!" Generalsekretär Luns versuchte, "wie ein Vater seinem Kind" die Bedeutung eines solchen Schrittes zu erläutern.
"Ein Lächeln von Kissinger kann uns nicht halten."
Chorafas blieb störrisch. Des Griechen "ungeschicktes Verhalten" (so ein Nato-Diplomat) brachte erstmals eine Einheitsfront von 14 Nato-Kollegen gegen einen Allianz-Partner zustande. In der Nacht zum Freitag sagte Chorafas endlich den Abzug der Offiziere zu -- im Austausch freilich gegen andere Griechen-Offiziere.
Griechenland ist neben England und der Türkei, gemäß dem 1959 in Zürich geschlossenen Abkommen über Zyperns Unabhängigkeit Garantiemacht der Insel-Republik. Jeder Anschluß an andere Staaten oder die Teilung ist laut Abkommen verboten. Zyperns Präsdent soll ein Grieche, sein Vize ein Türke sein, beide sollen "von der griechischen beziehungsweise türkischen Bevölkerung der Insel gewählt werden".
Der Grieche Sampson ist nicht gewählt -- und laut Makarios wurde auch die Unabhängigkeit der Insel verletzt, weil Athen seinem Verlangen nach Abberufung der 650 Nationalgarde-Offiziere nicht nachkam und statt dessen putschen ließ.
Die Garantiemacht England teilt diesen Standpunkt. Gemäß dem Zürcher Abkommen müßte demnach England einschreiten -- und auch die Garantiemacht Türkei. Deren London-Bot schafter Menemenciogiu verkündete "Wenn es sein muß, werden wir auf die Insel gehen."
In der "Hürriyet" plädierte der Senator Güresin für einen "kühlen Kopf", solange nicht die türkischen Zyprioten angegriffen würden. "Wenn es aber so weit kommt, kann nichts mehr die Türkei aufhalten, weder ein Brief von Nixon noch ein Lächeln von Kissinger noch die Vorschläge von Callaghan noch die Vereinten Nationen noch die Nato."
Zur Beratung gemeinsamer Aktionen flog der türkische Premier Ecevit nach London und konstatierte eine griechische Aggression nicht nur gegen Zypern, sondern auch gegen die Türkei: "Jede Stunde, die ohne eine Lösung verstreicht, jeder Tag und jede Nacht führen zu einer Verschlimmerung der Lage."
"Wir machen es wie die Israelis."
Die Briten ließen ihren Flugzeugträger "Hermes" mit 650 Marineinfanteristen sowie 41 Kommandos an Bord Kurs auf Zypern nehmen, hielten sich aber zurück. Doch die Türken waren zum Alleingang entschlossen. Landungsboote mit Panzern an Bord legten am Freitag von türkischen Gestaden ab, Ecevit berief sein Parlament erneut für Samstag ein.
Während erhitzte Volksmassen "Nach Nikosia! Nach Nikosia!" riefen, wurden an der türkischen Südküste 100 000 Soldaten zusammengezogen, darunter Fallschirmjäger und die 29. Division, die der Nato nicht unterstellt ist.
Insgesamt stehen 455 000 türkische Soldaten 160 000 griechischen gegenüber, und 1400 (von den USA gelieferte) Türken-Panzer 700 (von den USA gelieferten) Griechen-Tanks. Dagegen gebietet Athen über 16 Phantom-Jagdbomber, Ankara: null. Mit Flugzeugen anderer Typen liegen sie etwa gleichauf.
Für den Fall einer türkischen Invasion auf Zypern hatten die Griechen seit zehn Jahren einen sogenannten "Blitz-Plan" parat. Kernpunkt: Vom Augenblick der Landung an wird "das türkische Element bis zum nächsten Morgengrauen ausgerottet".
Der Generalstab im Athener Vorort Cholargos war auf einen großen Krieg mit dem Erbfeind im Osten vorbereitet: An der direkten Landesgrenze mit der Türkei am Evros-Fluß stehen 80 Prozent der mobilen Streitkräfte, darunter die schlagkräftigste Einheit der Armee die 20. Panzer-Division in Kilkis.
Die Griechen wollten im Fall eines Krieges, gleichgültig wo und aus welchem Anlaß er beginnt, angreifen und vordringen, soweit sie können. Traumziel ist "Konstantinopel", wie die Griechen noch immer Istanbul nennen. "Und dann geben wir es nicht mehr her. Dann wird die Hagia Sophia wieder eine christliche Kirche; wir machen es wie die Israelis mit Jerusalem" (so ein Offizier).
Auf den direkt vor der türkischen Küste liegenden Inseln Lesbos, Chios und Samos hatten die Griechen (im Widerspruch zum Lausanner Friedensabkommen von 1923) längst massiert Truppen in Zivil stationiert. Die Bevölkerung wurde zum Volkssturm ausgebildet und sollte im Konfliktfall bewaffnet werden.
Die Griechen rechneten für den Kriegsfall mit Bombenangriffen, zum Beispiel auf Saloniki, wobei sie über einen entscheidenden Vorteil verfügen: Sie kontrollieren die Nato-Radarkette zur Überwachung der Ägäis und könnten sie in ihrem Privatkrieg nutzen.
Die ersten Bomben freilich fielen auf Zypern -- westlich von Nikosia auf ein griechisches Militärcamp. Wenige Stunden später meldeten Uno-Truppen, der Flughafen der Zypern-Hauptstadt sei zerschossen.
Noch bevor in Brüssel der Nato-Rat zu einer Sondersitzung zusammentrat, beschloß Athens neue, nun völlig aus Militärs zusammengesetzte Regierung die Generalmobilmachung. Die Türkei verhängte den Ausnahmezustand über 14 Städte, darunter Ankara und Istanbul.
Die Regierungen in Washington und London entschlossen sich zunächst einmal, den einseitigen Schritt der Türken "scharf zu mißbilligen" -- und rüsteten sich dann für den Eventualfall: Amerika ließ den Flugzeugträger "Forrestal" Kurs auf Zypern nehmen, die Royal Air Force bereitete die Evakuierung der britischen Staatsbürger auf Zypern vor. Und im Osten versetzten die Sowjets angeblich sieben Luftlande-Divisionen in Alarmbereitschaft.
Für die Friedenshüter der Uno in New York kam die Meldung von der türkischen Invasion so überraschend, daß sich ein Mitglied des Sicherheitsrates die Bestätigung von einer Zeitungsredaktion holen mußte.
Wenige Stunden zuvor hatte der Rat die Beschwerde des rechtmäßigen Zypern-Präsidenten Makarios angehört und war dann, wieder ohne Beschluß, auseinandergegangen.
Der Präsident ohne Insel war seltsam heiter und gelassen. Hatte er schon ein anderes Eiland im Sinn? Die rechte zypriotische Zeitung "Ethniki" hatte behauptet, Makarios habe sich an seinem einstigen Verbannungsort, auf den Seychellen, Grundbesitz gekauft und wolle dort eine Luxusvilla bauen.
Der frohe Mut des Erzbischofs hat womöglich einen ganz anderen Grund. Für das Militärregime in Athen kann der Zypern-Putsch leicht zum "Anfang vorn Ende werden" (so ein Oppositioneller). "Ein klarer Selbstmord", urteilte sogar der im vergangenen November geschasste Georgios Papadopoulos.
Militärpolizeichef Ioannidis steht inzwischen unter Beschuß der eigenen Kameraden -- von zwei Seiten:
Gesinnungsgenossen machen ihn dafür verantwortlich, daß die Zypern-Aktion teilweise fehlschlug, weil Hauptfeind Makarios entkam. Die Enosis findet nicht statt. Andere aber sehen durch das Mord-Komplott ihre "Soldatenehre geschändet".
Einer der ranghöchsten Offiziere der Streitkräfte ließ dem SPIEGEL mitteilen, ein großer Teil des Offizierkops wolle mit dem "schmutzigen Spiel" gegen Makarios nichts zu tun haben. Er bat ausdrücklich, dies der Weit mitzuteilen und dafür zu sorgen, daß dies auch die griechische Öffentlichkeit erfahre.
Militärs diskutieren über die Pro-Makarios-Appelle von König Konstantin und Ex-Premier Karamanlis. Der Generalstab ist über die Nato-Erklärung gegen Griechenland bestürzt. Obwohl die Militärpolizei die Überwachung von Offiziersquartieren und Kasernen verstärkte, kam es zu ersten geheimen Zusammenkünften oppositioneller Offiziere, die dem Ioannidis-Esa-Diktat ein Ende bereiten wollen.
Die Unsicherheit der Militärherrscher zeigte sich in der Reaktion der gleichgeschalteten Massenmedien. Der griechische Rundfunk brachte am Montag bis zwei Uhr mittags keine Nachricht über Zypern. Die Dienstag-Zeitungen meldeten lediglich, auf der Insel habe die Nationalgarde die Macht übernommen.
Der von Zyperns neuen Herren zunächst totgesagte und in Griechenland weithin totgeschwiegene Makarios ist indes mehr denn je der heimliche Held von immer mehr Hellenen.
In London war er mit Griechenlands König ohne Land zusammengetroffen, der sich, ohnehin ein Freund des Erzbischofs, in bewegten Worten mit ihm verbündete. Ein Kommunist ohne Partei, der Liedermacher Mikis Theodorakis, bot dem Verjagten das "Du" an und versicherte: "Das ganze griechische Volk ist an Deiner Seite."

DER SPIEGEL 30/1974
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