22.07.1974

BÜCHERUntergang in Ruhe

Eugène Ionesco: „Der Einzelgänger“. Deutsch von Lore Kornell. Hanser; 164 Seiten; 19,80 Mark.
Das Wesentliche ist auch banal. Wer sich zu den letzten Dingen begibt, läuft Gefahr, im Banalen umzukommen. Ionesco hat es wieder riskiert.
In seinem ersten Roman trifft der nun 61jährige Autor eine Versuchsanordnung, in der ein ziemlich mittelmäßiger Mittdreißiger der puren Last des Existierens ausgesetzt wird. Junggeselle ohne Anhang. des Büro-Daseins müde. macht unversehens eine Erbschaft. Die legt er so geschickt an, daß er auch in schlechten Zeiten ohne materielle Verlegenheiten hinleben und einzig existentiellen Sorgen nachhängen kann.
Um das ergiebiger zu machen, gibt Ionesco dem Mann vier allerdings überdurchschnittliche Eigenschaften mit: Er fühlt sich von Geburt an nicht wohl in seiner Haut; er hat mit den Jahren die Fähigkeit des Staunens nicht pensioniert; er ist zu faul, um in Versuchung zu kommen, das Entsetzen vor dem Unbegreiflichen mit Arbeits- und Stress-Therapie zu kurieren; sein Kontaktbedürfnis ist minimal: "Die Gegenwart anderer hat mich immer gestört."
Erbschaft und Eigenschaften gestatten ihm, auf die Distanz zu gehen, aus der alles sich auf einer Fluchtlinie ins Nichts ordnet." Eine Art moralischer oder ästhetischer Neutralität" stellt sich ein. Das macht einsam. "Man ist isoliert, aber Abgeschiedenheit ist nicht die absolute Einsamkeit, die kosmisch ist, die andere Einsamkeit, die kleine, ist nur sozial." So schon auf Seite 51, und kurz darauf läßt Anti-Brecht Jonesco seinen Mittelsmann sagen: "Wir sind soziologisch bedingt, aber das ist nichts, wir sind biologisch und, mehr als das, kosmisch konditioniert."
Heideggers Sein zum Tode: Das ängstet, kann aber auch wohlig hingenommen werden, besonders bei einem Alkoholkonsum, wie ihn dieser Frührentner sich leistet. Sonst leistet er sich nicht viel: eine Altbauwohnung ohne Aufzug in der Pariser Peripherie, zweimal am Tag genüßliches Speisen im nahen Restaurant und ein Gefühl für die Kellnerin, die auch zu ihm zieht, ihn aber bald wieder verläßt.
Und während der Einsame tatenlos vor sich hin altert, geschehen rings Revolten und Revoluzzereien, die zu einer Art Bürgerkrieg eskalieren -- während Ionescos Romanheld über den Unsinn auch von Revolutionen sinniert, ja. die Kämpfer von ihrem Treiben abzubringen versucht: "Man kann auch geräuschlos und in Ruhe untergehen, die Zersetzung muß nicht so brutal sein."
Am Ende erlebt der Held, auf dem Bett liegend, eine Dali-hafte Erleuchtung, eine Art Auserwählung durch das Nichts. Absurd ist das nicht.
Rino Sanders
Von Rino Sanders

DER SPIEGEL 30/1974
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