07.10.1974

„Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“

Es hat wieder einmal ein Schwurgericht wie der Henker gearbeitet, dem die Nerven versagen; der mit dem Handbeil wieder und wieder zuschlägt, bis er endlich seinen Auftrag erfüllt hat. Am Dienstag letzter Woche sind Marion Ihns, 35, und Judy Andersen, 25, in Itzehoe zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden, doch dieses Urteil trägt den Makel der Umstände, unter denen es zustande kam.
Die vom Grundgesetz garantierte Unabhängigkeit der Richter ist fürwahr ein hohes Gut. Doch warum muß diese Unabhängigkeit einen Erfahrungsaustausch unter Richtern verhindern? Es war vorauszusehen, daß der Prozeß gegen Marion Ihns und Judy Andersen auf ein sich überschlagendes Interesse stoßen würde. Doch Manfred Seibmann, 45, der Vorsitzende Richter im Itzehoer Prozeß -- er trat in die Arena wie in die Gartenbauausstellung, ein Parzival der Strafprozeßordnung und des Strafgesetzbuches.
Eine Fülle von Richtern hat erleben müssen, daß es Strafsachen gibt, die sie für "ganz normal", für "völlig unproblematisch" gehalten hatten, die jedoch plötzlich einem sich überschlagenden Interesse und einer totalen Aktivität der Medien ausgesetzt waren. Doch die Erfahrungen dieser Richter bleiben ungenutzt.
Man respektiert die Unabhängigkeit unter Unabhängigen. Und so spricht man nicht darüber, was gegebenenfalls dafür geschehen kann, daß die Öffentlichkeit der Hauptverhandlung, dieses Rechtsgut hohen Ranges, nicht zu einer Katastrophe führt. Angesichts eines souveränen Schwurgerichts in Itzehoe wäre manches über den Prozeß gegen Marion Ihns und Judy Andersen nicht geschrieben worden. Wir haben Schwurgerichte erlebt, die eine Ruhe ausstrahlten, die ruhig machte.
Muß man in die Rolle des Vorsitzenden Richters dadurch hineinwachsen, daß man jede Erfahrung am eigenen Leibe (und zu Lasten der Angeklagten) macht? Gibt es nicht Wege, die teuer genug bezahlten Erfahrungen der Richterschaft nutzbar zu machen? Wir meinen nichts als die praktische Erfahrung in der Einschätzung, Organisation und Abwicklung von Hauptverhandlungen, an der es allzu vielen hervorragenden Juristen fehlt; jene Erfahrung, die beispielsweise dem Vorsitzenden Richter Selbmann bei der Bestellung der Gutachter für den Prozeß gegen Marion Ihns und Judy Andersen hätte helfen können.
Zwischen zwei Frauen, von denen eine verheiratet ist, besteht eine homosexuelle Beziehung. Der Ehemann soll dieser Beziehung im Wege gestanden, sie sogar durch sein Verhalten seiner Frau gegenüber gestiftet haben. Die Frauen finden einen Mann, der den Ehemann für ein ihm gebotenes Honorar tötet. Der Täter, ein Ausländer, wird in seiner Heimat gefaßt und abgeurteilt.
Was den Prozeß gegen die beiden Frauen angeht, der in der Bundesrepublik stattfindet, so ist mit Sicherheit zu erwarten, daß es in ihm vor allem um die weibliche Homosexualität gehen wird. Denn nach den Einlassungen der beiden Frauen ist schon vor der Hauptverhandlung klar, daß sie wegen eines gemeinschaftlich begangenen Mordes verurteilt werden müssen. Auf eine mildere Beurteilung können sie allenfalls dann rechnen, wenn ihre Fähigkeit, das Unerlaubte der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, erheblich vermindert war, etwa durch ihre homosexuelle Beziehung: wenn also der Paragraph 51,2 des Strafgesetzbuches anzuwenden ist.
Wäre es in dieser Situation nicht ratsam, Gutachter zu bestellen, an deren sexualwissenschaftlichen Kenntnissen nicht der geringste Zweifel möglich ist? Wer ein Sexualwissenschaftler ist, darüber kann man streiten, das Fach ist jung, es gibt kaum Lehrstühle für Sexualwissenschaft. Doch immerhin: Von einigen Wissenschaftlern kann man wegen ihrer Veröffentlichungen und ihrer speziellen gutachtlichen Tätigkeit sagen, daß sie als Sexualwissenschaftler anzusehen sind. Wäre nicht sogar zu überlegen, ob man nicht versucht, eine Frau als Gutachterin zu bestellen?
Doch in Itzehoe hielt man diese Strafsache ob ihrer rechtlichen Übersichtlichkeit für einen Fall wie jeden anderen. Und so wurden als Gutachter Professor Dr. Dr. Reinhard Wille, Kiel, und Dr. Dr. Manfred in der Beeck, Schleswig, als Gutachter bestellt, zwei Männer, denen nicht bestritten werden soll, daß sie auch über sexualwissenschaftliche Kenntnisse verfügen. In der Schwurgerichtsperiode, in der gegen Marion Ihns und Judy Andersen verhandelt wurde, haben sie dem Schwurgericht in Itzehoe auch in Strafsachen zur Verfügung gestanden, die Sexualwissenschaft nicht erforderten. Herr Wille war im Prozeß gegen Marion Ihns und Judy Andersen nebenbei noch Gutachter über die Befunde an der Leiche des getöteten Wolfgang Ihns.
Über die Gutachten der (von uns sonst sehr geschätzten) Herren Wille und in der Beeck ist eigentlich nur zu sagen, daß sie (Herr Wille für Judy Andersen und Herr in der Beeck für Marion Ihns) den § 51,2, der allein dem Schwurgericht eine Milderung möglich gemacht hätte, verneinten: daß jedoch beide Herren gleichzeitig -- das Schwurgericht um Milde baten ... Die Herren Wille und in der Beeck erstatteten ungewöhnlich bemühte, eingehende Gutachten, sie haben es sich wahrhaftig nicht leicht gemacht, doch hier klaffte ein Bruch.
Diesen Bruch konnten die Herren Wille und in der Beeck auch nicht damit füllen, daß sie die unbefriedigende Fassung des Mordparagraphen ansprachen oder beklagten, daß wir in einer Männerwelt leben, in der die Männer die Gesetze machen und die Urteile fällen (dem Schwurgericht in Itzehoe gehörte nur eine Frau, eine Schöffin an). Für das Schwurgericht konnte nur zählen, daß die Gutachter der Ansicht waren, die Angeklagten seien in der Lage gewesen, das Unerlaubte der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.
Beide Gutachten beruhten auf der Feststellung, weibliche Homosexualität sei nicht abartig, einer überaus zutreffenden Feststellung, die sich nur leider noch nicht überall herumgesprochen hat: die sich erst so wenig herumgesprochen hat, daß es im Glanz dieser Feststellung möglich ist zu ignorieren, wie sehr auch homosexuelle Beziehungen zwischen Frauen mißglücken und gefährden können. Jede geschlechtliche Beziehung kann mißlingen, die homosexuelle genauso wie die heterosexuelle. Das ist in Itzehoe nach unserer Meinung nicht hinreichend erörtert und berücksichtigt worden. Man war ja so fortschrittlich. Man war sich unter aufgeschlossenen Männern einig, daß weibliche Homosexualität gar nichts Besonderes ist.
In der "edition suhrkamp" ist dieser Tage der Band 697 "Psychoanalyse der weiblichen Sexualität" erschienen. In ihm findet sich ein Beitrag von Joyce McDougall "Über die weibliche Homosexualität". Dieser Beitrag belegt aus klinischer Praxis, daß von Spezialisten der Sexualwissenschaft in Itzehoe mehr zu erfahren gewesen wäre. Da ist beispielsweise davon die Rede, daß in einer homosexuellen Beziehung zwischen Frauen dem "Verlust des Realitätssinnes" alle Türen offenstehen können; ist die Rede von "einem Realitätsverlust im Hinblick auf die Männerwelt". Auch eine Beziehung zwischen Frauen kann, so viel Glück in ihr möglich ist, zur Neurose, sogar zur Psychose führen, wenn sie mißlingt:
in der homosexuellen Beziehung (kommen) die gleichen libidinösen und aggressiven Triebe ins Spiel, die jedes andere menschliche Wesen auf irgendeine Art ... integrieren muß."
Der Rückblick auf Itzehoe wird zornig, wenn er auf die Verteidigung fällt. Dem Pflichtverteidiger Owe Vaagt, Flensburg, ist einzuräumen, daß er erst spät in das Verfahren kam und daß er immerhin einen (aussichtslosen) Plan hatte: er versuchte herauszuarbeiten, daß der Tatanteil seiner Mandantin Judy Andersen geringer sei. Was indessen Wahlverteidiger Bruno Sayk zugunsten von Marion Ihns unternommen hat, konnten wir nicht erkennen. Herr Sayk hat nicht verhindert, daß seine Mandantin in Fortsetzungen parallel zur Hauptverhandlung in- einer Illustrierten ihr "Bekenntnis" veröffentlichte. Diese Veröffentlichung war verhängnisvoll, auch insofern, als sie Judy Andersen von Fortsetzung zu Fortsetzung stärker in den Angriff auf ihre ehemalige Geliebte trieb.
Herr Sayk hatte beantragt, das Schwurgericht möge Professor Dr. Bürger-Prinz und den Privatdozenten Dr. Schorsch als weitere Gutachter hinzuziehen. Der Antrag wurde abgelehnt, da überlegene Forschungsmittel der Benannten nicht zu erblicken seien. Nun, Herr Schorsch ist unstreitig Sexualwissenschaftler. Doch warum beantragte Herr Sayk nicht die Hinzuziehung von Frau Professor Müller-Luckmann, Braunschweig? Frau Müller-Luckmann ist Vorsitzende der "Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung", sie ist eine hochangesehene Wissenschaftlerin und Sachverständige, die wiederholt mit weiblicher Sexualität gutachtlich befaßt war -- und sie ist eine Frau.
Vor der Urteilsverkündung erschien Herr Selbmann im überfüllten Saal und nahm das Hausrecht mit dem Rufe wahr: "Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen." Ein Vorsitzender Richter muß sich wirklich um alles kümmern. In der mündlichen Begründung des Urteils sprach Herr Selbmann anschließend von einem Verhalten der Angeklagten, das auf "niedrigster Stufe" stehe. Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie "zur Befriedigung des Geschlechtstriebs" töten ließen, wagte er nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.

DER SPIEGEL 41/1974
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