07.10.1974

China wird nicht im Schlamm versinken

Ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung gerät die kommunistische Volksrepublik China in Gefahr: Staatsgründer Mao, 80, fällt als Schiedsrichter zwischen verfeindeten Fraktionen in der Führung aus -- er wird bald, so Mao, Gott sehen. Eben jetzt tauchen neue Mao-Worte auf, bisher geheimgehaltene Texte aus dem Untergrund, die ein neues Bild von Maos Person und Werk zeigen -- und sogar Prognosen für die Zeit nach Mao erlauben.

Der Greis bedachte, was vor ihm liegt: Einige Leute, die von sich behaupteten, gut informiert zu sein, behaupteten auch, es gebe einen Gott. Bald -- so der alte Mann im Palast zu Peking -- werde er sich vorbereiten, Gott zu sehen ("Bu dju jao djen Schang-di").

Das sagte Mao Tse-tung vor zehn Jahren zu seinem amerikanischen Freund Edgar Snow. Nun ist Mao 80. Sein Werk, die Volksrepublik China, wurde vorigen Dienstag ein Vierteljahrhundert alt. Der Bauernkrieger, der zum Staatsoberhaupt aufstieg, der Philosoph und Poet dazu -- Thomas Münzer, Martin Luther, Karl V. und Hans Sachs in einer Person -- hat Bilanz zu ziehen unter das, was hinter ihm liegt.

Ist das Werk wohlgeraten und hat es Bestand? China hat sich erhoben, selbstbewußt und unabhängig nähert es sich mit großen Sprüngen der Industriegesellschaft -- aber auch dem von Mao konzipierten Kommunismus? Die Bauern verhungern nicht mehr bei Dürre oder Flut, die Flüsse sind gebändigt, die Berge bewaldet oder terrassiert, die Arbeitskraft ist kombiniert, die Versorgung mit dem Nötigsten gesichert -- aber werden die Bauern sich weiterhin begnügen mit dem Dienst am Staat, oder werden sie den Boden zurückfordern für den, der ihn bebaut?

Werden die Intellektuellen sich weiterhin mit permanenter Gedankenreform zufriedengeben, oder werden sie beginnen, selbst zu denken? Wie lange wird die mehrfach geschlagene und wieder aufgestiegene Klasse der Bürokraten, Manager und Militärs sich dem freiwilligen Zwang sporadischer körperlicher Arbeit beugen, wann werden sie ihre Privilegien zurückverlangen? Wird China wieder in viele Königreiche selbständiger Warlords zerfallen? Und welche Ideale sucht sich Chinas Jugend, die Chinas Vergangenheit nie kennenlernte?

Der Mann, in dem Chinas Bauern-Millionen einen Kaiser und Europas Revoluzzer den Erlöser sehen, Moskauer Altgenossen einen Faschisten und Giftmörder, Rotgardisten die "schwarze Hand", der "Alte Buddha", wie er sich selbst nennt, stellt seinem eigenen Werk die Prognose: "Das Chinesenreich wird nicht im Schlamm ver-

* Vorletzte Woche mit der philippinischen Präsidenten-Gattin Imelda Marcos und Sohn.

sinken und der Himmel nicht einstürzen, denn wir haben einige gute Dinge getan, und unsere Lenden sind gefestigt." Und für sich selbst dementiert das sanfte Fleisch zu Peking die Todesahnung einer baldigen Begegnung mit einem anderen Gott: "Erst wenn wir im Wettstreit Amerika überholt haben" -- wann immer das sein könnte -, "werde ich Marx vor die Augen treten."

So sagte er es am 24. Oktober 1966. Das Zitat blieb bisher unveröffentlicht. Rotgardisten brachten es während der Kulturrevolution 1966/68 illegal in Umlauf, zusammen mit vielen anderen Worten des Vorsitzenden Mao, die bis dahin nur ein kleiner Kreis von Spitzenfunktionären kannte.

Das Herrschaftswissen gelangte voriges Jahr in die Hände westlicher China-Experten und wird jetzt -- eben recht zum 25. Jahrestag der Volksrepublik und zum ersten Besuch eines chinesischen Spitzenfunktionärs, des Vize-Außenministers Tschiao Kuan-hua, in der Bundesrepublik -- auf deutsch als Buch erscheinen*: "Mao intern." Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge aus diesem neuen Zitatenschatz.

Bisher gab Autor Mao sein Plazet nur vier offiziellen Bänden "Ausgewählter Werke", die bis 1949 reichen, dazu einigen Reden, Zeitungsartikeln und Gedichten aus der Zeit danach -- der Zeit der Herrschaft. In der Kulturrevolution wurden ein fünfter und ein sechster Band angekündigt und als Entwurf auch schon Premier Tschou En-lai vorgelegt; sie sind bisher jedoch nicht erschienen.

Statt dessen hatte der Mao-Vize und Verteidigungsminister Lin Piao 1961 eine Sammlung von Auszügen aus den bereits veröffentlichten Mao-Texten kompiliert, zunächst in der Armee als Schulungsmaterial eingeführt und dann in Millionen-Auflage zur berühmten roten Mao-Bibel der Rotgardisten geweiht.

Begierig auf weitere richtungweisende Worte des Vorsitzenden, plakatierten die Rotgardisten auch unautorisierte Mao-Regeln auf ihren Wandzeitungen und vervielfältigten sie in ihren Publikationen. Das Material stammte zum Teil von der "Zentralen Kulturrevolutionsgruppe" in Peking (Chef: Mao-Privatsekretär Tschen Po-ta, Vize: Mao-Ehefrau Tschiang Tsching) als Argumentationshilfe gegen Mao-Feinde.

Beim Sturm auf Partei- und Staatsarchive, bei der Durchsuchung von Wohnungen und Beschlagnahme-Ak-

* "Mao intern", Unveröffentlichte Schriften, Reden und Gespräche Mao Tse-tungs 1949 bis 1971. Herausgegeben von Helmut Martin. Carl Hanser Verlag München; 19,80 Mark.

tionen in Behörden fielen der Roten Garde aber auch andere Dokumente in die Hand, die nur zur internen Information von Funktionären gedacht waren. Ständig protestierten in der Kulturrevolution führende Organe gegen den Diebstahl vertraulicher Papiere und drohten mit strengen Strafen, so 1967 die Zentrale Kulturrevolutionsgruppe:

Am Abend des 20. August verletzten sie die Weisungen der Zentralen Behörden über den Sicherheitsschutz von geheimen Dokumenten der Partei und des Staates und brachten gewaltsam elf Lastwagen an sich, gefüllt mit Geheimmaterialien, die dem Ministerium für Chemische Industrie gehörten.

Manche Aktivisten sammelten Mao-Sprüche wie früher Jade-Figuren: Nach Art der russischen Untergrundliteratur "Samisdat" wurden sie immer wieder abgeschrieben und sogar auf dem schwarzen Markt gehandelt. Staatssicherheitsminister Hsieh Futschi, Vorsitzender des Revolutionskomitees der Stadt Peking, beschwerte sich Ende 1967:

Man hört, daß einige Werke des Vorsitzenden Mao in Schanghai gedruckt worden sind und daß einige Leute diese Gelegenheit beim Schopf fassen, um Geld zu verdienen und die Spekulation zu verbreiten. Niemandem ist erlaubt, die unpublizierten Werke des Vorsitzenden Mao zu drucken. Die Werke, die von der (Pekinger) Tsinghua-Universität gedruckt worden sind, müssen eingezogen werden.

Zwei gedruckte, zerlesene Exemplare von Zitatensammlungen, beide unter dem Titel "Hoch lebe das Mao-Tsetung-Denken", gelangten ins Ausland, eine Photokopie davon erreichte den deutschen Herausgeber von "Mao intern", Helmut Martin, 34, Referent am Hamburger Institut für Asienkunde, der diese Woche beim Tschiao-Besuch in Bonn dolmetscht. Mit Hilfe seiner chinesischen Frau Tienchi Martin-Liao brachte Martin das blumige Mao-Chinesisch, mehrfach abgeschrieben, voller Druckfehler und falscher Datierungen, in modernes Deutsch. Aus dem Vorwort der chinesischen Urtext-Herausgeber, Mitgliedern der Roten Garde:

Im Prozeß der Edition und Drucklegung sind fehlerhafte Schriftzeichen und Auslassungen schwer zu vermeiden gewesen, weil wir das Mao-Tse-tung-Denken noch nicht sehr gut studiert haben, die Materialquellen begrenzt sind und der größte Teil der Reden und Artikel zudem noch nicht offiziell veröffentlicht wurden, weiter manches einen mehrmaligen Obertragungs- und Abschreibvorgang durchlaufen hat. Deshalb legen wir sie zum internen Studium vor, man darf sich nicht öffentlich auf sie stützen.

Die Echtheit der Papiere prüften erfahrene Sinologen, der Amerikaner Stuart R. Schram und der Engländer Roderick MacFarquhar: Die Texte sind echt. Der Umfang von über einer halben Million Zeichen (was etwa einem Drittel der Ausgewählten Werke entspricht) macht eine Fälschung unwahrscheinlich. Maos Stil und Diktion sind kaum nachzuahmen. Das Netz personeller und faktischer Bezüge ist glaubhaft. Und einen Beweis für die Authentizität liefern Chinas Meinungsmedien, die aus derselben Quelle -- internen Informationsdiensten -- ständig zitieren.

So findet sich die aktuelle Polit-Parole "gegen die Strömung anzukämpfen" bereits in "Mao intern", wie auch die Prognose, alle sieben, acht Jahre sei eine Kulturrevolution fällig. ·Der SPIEGEL veröffentlichte mehrfach Texte von chinesischen Wandzeitungen -- so Maos Gespräch mit seiner Nichte (SPIEGEL 28/1967) -, die ausführlicher auch in der neuen Zitatensammlung stehen. Maos Sterbenswort vom "Marx-vor-die-Augen-Treten" zitierte Vizepremier Teng Hsiao-ping im Frühjahr vor Be-Buchern vom westdeutschen Bundesjugendring.

Aus dem Kompendium der Reden auf Partei- und Regierungskonferenzen, Versammlungen, aus Briefen, Gesprächen und Sitzungen -- per Ton-Land oder Stenographie festgehalten -- erscheint zunächst etwa ein Fünftel als Buch. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe aller nach 1949 gefallenen Mao-Worte, die bekanntgeworden sind, wird vorbereitet.

Die jetzt vorliegenden Mao-Verlautbarungen sind eine bunte Melange politischer Informationen und Bauernregeln, Staatsgeheimnissen und banaler Nebenbemerkungen, biographischer Enthüllungen und parteiinterner Weisungen. Der Vorsitzende behauptet, Chruschtschow habe Stalin mit einem Knüppel erschlagen; er redet über Streikrecht und Geburtenkontrolle, Liebesgeschichten und Akupunktur und über seinen in Korea gefallenen Sohn An-jing.

Er zitiert die klassische chinesische Literatur (mit Passagen, die von den unkundigen Rotgardisten nur ungenau wiedergegeben sind) und empfiehlt, die chinesischen Zeichen durch die lateinische Schrift zu ersetzen. Und Mao demonstriert Volksverbundenheit durch derbe Späße.

Der Alte Buddha überstand zehn Kämpfe um die Macht.

Die Ausschnitte liefern Mosaiksteine für ein völlig neues Bild von Maos Person und Maos Werk -- die Bilanz seines Lebens: Sie zeigen den zum Götzen Erhobenen als einen um Konsens bemühten Taktiker im alltäglichen Geschäft, einen Dogmatiker und Gewaltherrscher im Bemühen um Überzeugung und Toleranz, sie "widerlegen erneut die" -- so Herausgeber Martin -- "bereits aufgegebenen Vorstellungen von einer monolithischen Diktatur des Proletariats und vermitteln statt dessen einen Einblick auf ein ausgebildetes System innerparteilicher Richtliniendiskussion". Die Papiere "dokumentieren, weshalb Mao sich durch alle Erschütterungen nach 1949 als die dominierende Persönlichkeit der chinesischen Führung behauptet hat".

Mao kam durch einen Partei-Putsch an die Macht: Während des Langen Marsches, der Rückzugsbewegung der Roten 1934/35, traten in Tsunyi die Partisanen-Kommandeure zusammen und bestimmten den aus Politbüro und ZK ausgeschlossenen Genossen Mao zum "Vorsitzenden". Er blieb es -- immer wieder angefochten von Opponenten, die gegen ihn putschen wollten.

Zehn Kämpfe um die Macht zählt seither Mao selbst; in den bislang geheimgebliebenen Reden ficht er gegen die Anhänger

* der Sowjetfreunde Kao Kang (der sich 1954 selbst entleibte) und Wang Ming (der dieses Jahr im Moskauer Exil starb),

* des Marschalls Peng Teh-huai nach dem Scheitern des Großen Sprungs 1959,

* des Staatschefs Liu Schao-tschi, gegen den die Kulturrevolution gestartet wurde, und

* des Marschalls Lin Piao, der ihn 1971 verriet.

Sie alle hatten beim Versuch, den Alten Buddha zu stürzen, oftmals die Stimmung im Lande auf ihrer Seite: Wie ein Trauma analysiert Mao immer wieder den Ungarn-Aufstand von 1956. Er weiß, daß manche Chinesen keine drei Mahlzeiten am Tag haben und viele von den fünf Großen Dingen nur träumen können: Armbanduhr, Fahrrad, Füllfederhalter, Radio, Nähmaschine. Mao bekennt (1959), daß allenfalls ein Drittel der Bevölkerung zu den Kommunisten hält, ein Drittel sich

* Titel: Hoch lebe das Mao-Tse-tung-Denken.

ihnen widersetzt und 40 Prozent sich lediglich anpassen.

Für den Ernstfall setzt er auf die Armee und weiß doch, daß er auf das Volk, aus dem er kommt, nicht schießen lassen kann. Nach Ungarn hat er seinem Reich drei Wochen Meinungsfreiheit verordnet ("Laßt hundert Blumen blühen") und danach die aufgesprießte Kritik unterdrückt. Er vergleicht die Kritiker -- ähnlich Lenin, woran jüngst Solschenizyn erinnerte -- mit "Bakterien". Sich selbst vergleicht Mao in einer -- allerdings auch anders, nämlich als Ironie interpretierbaren -- Rede mit dem blutigen Chinesenkaiser Schih Huang Ti.

Und Mao gibt ein wichtiges Element seiner Herrschaftsstruktur preis: die Zensur. Er beschreibt die Wissens-Hierarchie, nach der verschiedenen Funktionärsebenen ein verschiedenes Maß an Information zugeteilt wird -- am wenigsten den "Massen".

Mao verteidigt sein Volkskommunen-Experiment des "Großen Sprungs nach vorn". Er übernimmt die Verantwortung für seine Fehler, er kämpft ums politische Überleben -- und tritt das Amt des Staatspräsidenten ab an Liu Schao-tschi.

Als es 1966 darum geht, Liu durch die Roten Garden zu stürzen, warnt Mao in einem privaten Brief seine Frau Tschiang Tsching:

Ich meine, auch Du solltest ... Dir nicht den Sieg in den Kopf steigen lassen. Häufig solltest Du über die eigenen Schwächen, Fehler und Mängel nachdenken. Diesen Punkt habe ich Dir gegenüber wer weiß wievielmal angeschnitten, im April in Schanghai habe ich Dir das noch gesagt.

* 1963, mit Liu Schao-tschi (2. v l.), der 1966 gestürzt wurde.

Darauf kündigt er eine neue Kulturrevolution "nach weiteren sieben oder acht Jahren" an und fügt hinzu: Zu welcher Zeit man diese Worte veröffentlichen kann, läßt sich jetzt noch nicht fest sagen, weil die Linke und die breiten Massen über meine Worte nicht sehr erfreut sein würden. Möglicherweise kommt ein passender Zeitpunkt nach meinem Tode, wenn die Rechten die Macht ergriffen haben

Schwimmbad und hübsche Mädchen für die neue Klasse.

Das also ist die Prognose Maos für die Zeit nach Mao: ein Sieg der Rechtskommunisten" auch wenn sich so Mao, "die Reaktion nicht für lange an der Macht halten" kann. Der Ausgang der zweiten, kleinen, Kulturrevolution von 1973/74, der Kampagne gegen den alten Philosophen Konfuzius und den neuen Verräter Lin Piao, scheint Maos Voraussage zu bestätigen: Auch in China sind die Macher stärker als die Missionare.

Im Machtkampf um die besten Plätze im neuen Volkskongreß, dem obersten Beschlußorgan der Volksrepublik, konnten die linken Ideologen unter Frau Tschiang Tsching keine Positionen erobern, während die rechten Pragmatiker fleißig Funktionäre und Militärs rehabilitierten, die in der Kulturrevolution gesäubert worden waren.

Prominentester Rückkehrer war der frühere Partei-Generalsekretär Teng Hsiao-ping, laut Rotgardisten-Zeitung der Pekinger Tsinghua-Universität 1967 "Nummer zwei unter den Machthabern, die einen kapitalistischen Weg gehen, der führende Mann des sowjetischen Revisionismus ... Er widersetzte sieh dem Vorsitzenden Mao in aller Öffentlichkeit." Laut Rotgardistenblatt "Hung Wei Ping" Nr. 2/1967 verschaffte Teng der neuen Klasse Privilegien wie Luxus-Erholungsheime mit Schwimmbad, Tanzfläche und hübschen Mädchen und führte selbst ein "aristokratisches, dekadentes Leben". Sechs Tote beim Kampf der "Roten Flagge" gegen den "Ostwind".

Dieser Teng, 70, ist nun Vizepremier und Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt Tschou En-lais. Der linke Newcomer Wang Hung-wen, 37, aber wurde wahrscheinlich auf den undankbaren Posten eines Politruks der (überwiegend konservativen) Armee abgeschoben. Frau Maos Kandidat für den vakanten Posten des Verteidigungsministers, der Linke Li Teh-scheng, ist in die mandschurische Provinz versetzt und durfte nicht einmal zu den Feiern am 25. Gründungstag der Volksrepublik -- ohne Militärparade, ohne Massenaufmarsch -- nach Peking.

Die ganze Anti-Konfuzius-Kampagne, die offenbar für die Zeit nach Mao die Weichen hatte stellen sollen, wurde in vielen Provinzen ohnehin nur halbherzig durchgeführt: In jeder dritten fand nicht einmal eine Großkundgebung statt; und wo demonstriert wurde, fehlten meistens die örtlichen Parteichefs. Stadtmilizen als neue Bürgerkriegswaffe der Linken wurden nur in sieben Großstädten aufgestellt; andernorts beließ man es beim verbalen Lobpreis der neuen Truppe. Aber in einzelnen Gegenden bildeten sieh Organisationen gegen die lokale Führung und sogar gegen Mao.

In drei Provinzen (Kiangsu, Kiangsi, Kuangtung) kam es im Frühsommer zu blutigen Kämpfen zwischen Rechten und Linken. Sogar in der Ausstellungsstadt Kanton schlugen am 9. Juni Zehntausende aufeinander; wenig später brach an der Kreuzung Taping-, Tschungschan-Straße ein Konflikt zwischen den bewaffneten Gruppen "Rote Flagge" und "Ostwind" aus (sechs Tote, elf Verwundete).

Im Spätsommer rief das Parteiorgan Rote Fahne" schleunigst zur Einheit der widerstreitenden Fraktionen auf -- dafür gäbe es "1000, sogar 10 000 Gründe, aber nicht einen halben Grund für eine Spaltung". Die Pekinger Presse beschrieb mit einer Artikelflut das Unglück, das nach dem Tod des Kaisers Schih Huang Ti vor 2000 Jahren über China hereinbrach: Die Führung des Reiches zerfiel in einander zerfleischende Fraktionen.

"Nur drei Jahre nach dem Tod des Kaisers", so die "Rote Fahne", "war die Tschin-Dynastie vollkommen zerstört." Die "Volkszeitung" riet den Chinesen, sich von "drei Arten von Furcht" freizumachen, die sie der Volkserzieher Konfuzius einst gelehrt hatte: Furcht

* vor den "Geboten des Himmels" -- also den Befehlen des Kaisers,

* vor einem "großen Menschen", der sich zur Führung der Massen berufen fühle, und

* vor den "Worten eines Weisen

Diese deutliche Anspielung auf die Kultfigur Mao nährt den Verdacht, Partei-Rechte hätten der Anti-Konfuzius-Kampagne eine Wendung gegen Mao selbst gegeben. Gewiß ist, daß Mao sich -- wie laut "Mao intern" schon 1959 nach seinem Rücktritt als Staatspräsident -- in die "Zweite Linie" zurückgezogen hat, um noch zu Lebzeiten die Autorität seiner Nachfolger zu stärken. Da auch Premier Tschou En-lai, nur fünf Jahre jünger als Mao, seine öffentlichen Aktivitäten deutlich eingeschränkt hat, zeichnet sich für das China nach Mao eine kollektive Führung ab, in der Leute vom Schlage des Apparatschiks Teng Hsiao-ping das Sagen haben.

Die neue Verfassung garantiert das Streikrecht.

Anders als die alte Rebellen-Generation, der revolutionäres Bewußtsein oberstes Gesetz war, werden die Mao-Erben an schriftliche Rechtssätze gebunden sein; eine neue Verfassung ist vorbereitet.

In der Anti-Konfuzius-Kampagne wurde von rechts besonders heftig gegen die Herrscherwillkür gewettert und für die "Legalisten" geworben, die zur Zeit des Konfuzius (500 vor Christus) einen Rechtsstaat proklamiert hatten. Nach einem dem SPIEGEL vorliegenden Entwurf (aus japanischen Quellen) der neuen Verfassung Chinas entfällt künftig die 1970 vorgesehene Klausel, Maos Ideen seien Leitlinie jeglicher Regierungstätigkeit.

In einem neuen Artikel 29 erhalten die Chinesen alle Bürgerrechte auf Freiheit der Rede, Publikation, Versammlung, Demonstration und Koalition, dazu das Streikrecht, und: "Kein Chinese soll ohne Beschluß des Volksgerichts und Zustimmung durch die Organe der öffentlichen Sicherheit verhaftet werden."

Im Artikel 9 verpflichtet der Staat das Volk, an drei sozialistischen Prinzipien festzuhalten: "Ohne Arbeit keine Bezahlung", "Sein Bestes tun" und "Verteilung entsprechend der Arbeit". Damit ist das Leistungsprinzip zum Verfassungsgrundsatz erhoben -- und Maos Hoffnung, neue Menschen könnten ohne eigenes materielles Interesse allein aus Enthusiasmus dem Volke dienen, preisgegeben oder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt.

Er selbst, der laut "Mao intern" freiwillige unbezahlte Überstunden beim Bau der "Großen Halle des Volkes" am Pekinger Tienanmen-Platz lobte und daraus auf ein verändertes Bewußtsein seiner Proletarier schloß, hatte intern allerdings eingestanden, daß man "die Frage der Lohndifferenz etwas großzügiger handhaben" müsse; die Einkommensunterschiede der UdSSR seien zwar "zu kraß, das wollen wir nicht von ihnen übernehmen", aber "etwa der vierfache Verdienst oder noch etwas mehr soll möglich sein".

Selbst innerhalb der politischen Klasse Chinas, unter den Funktionären des öffentlichen Dienstes, verdient heute die Spitze etwa zwanzigmal soviel wie ein kleiner Angestellter (siehe Kasten Seite 131). Damit nähert sich China den Zuständen einer staatskapitalistischen Ordnung -- oder der Leistungsgesellschaft. Mao, der dies nicht wollte, hat es vollbracht.

Ihn selbst nennt Chinas neues Grundgesetz den "großen Führer des ganzen chinesischen Volkes, das Staatsoberhaupt des Staates der Diktatur des Proletariats und Oberkommandierenden aller Streitkräfte" (Artikel 2).

Es ist ein Ehrentitel. An der 25. Gründungsfeier seines Staatswesens nahm er selbst nicht mehr teil. Die jüngsten Photos (nicht mehr in seiner Pekinger Bibliothek, sondern außerhalb der Hauptstadt aufgenommen) zeigen ihn als einen hinfälligen Pensionär, einen Kaiser am Ende seiner Herrschaft. Die Rehabilitation durch Rückkehr in ein Amt, das er vor 16 Jahren verlor, kommt zu spät.

Wenn es ein Ehrentitel ist -- in den letzten Jahren versah den Repräsentations-Posten provisorisch Veteran Tutig Pi-wu, 88, und gelegentlich die Witwe des bürgerlichen Revolutionärs Sun Jatsen -, mag ihn eines Tages auch Maos Witwe erben, die linke Genossin Tschiang Tsching, 61.


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