12.08.1974

ABKÜRZUNGENKennzeichen BÄÄH

Gegen Zehntausende von Kraftfahrern, an deren Autos nichtamtliche „BRD“-Kennzeichen kleben, haben Politiker und Polizisten einen skurrilen Kleinkrieg eröffnet: Das Kürzel sei „kommunistisch“.
Kirchengemeinde-Sekretärin Helga Overkamp, 28, erregte überall Anstoß. Nahe Düsseldorf, auf der Bundesautobahn, wurde ihr ockerfarbener Austin Mini von einer Motorradstreife der Polizei gestoppt. In Bochum notierten Späher nachts vor einer Kneipe ihr Kennzeichen. In Bonn, ihrem Wohnort, forderte die Stadtverwaltung die Autofahrerin auf, binnen vierzehn Tagen "das Fahrzeug der Zulassungsstelle ... vorzuführen", widrigenfalls ein Verfahren "wegen Ordnungswidrigkeit" eingeleitet werde.
Verfolgt von Kradstreifen und "Knöllchen" (rheinisch für Verwarnungsbescheid) wird die Bonner Kirchen-Kraft nicht wegen falscher Fahrweise oder fehlerhafter Fahrzeugtechnik -- Anlaß sind drei Buchstaben: Ende letzten Jahres hatte ihr Mann am Familienauto neben dem amtlichen Kennzeichen "D" eine ähnlich aufgemachte ovale, schwarz-weiße Plakette mit der Abkürzung "BRD" angebracht.
Wie die Overkamps sind es -- so Hersteller Ulrich Hümmerich von der Firma "UHW-Siebdruck" in Dierdorf im Westerwald -- "vorwiegend junge Leute, die sich das BRD-Schild ans Auto geklebt haben, nachdem der Willy Brandt die Sache mit den Ostverträgen geschafft hatte". Der Westerwälder Siebdrucker brachte "ziemlich 100 000" der Polit-Aufkleber unters Volk.
Reißenden Absatz fanden die Plaketten, nachdem der zweite deutsche Staat zum 1. Januar dieses Jahres ein eigenes Ost-Kennzeichen mit den Buchstaben DDR verordnet hatte: Zumindest seither erscheint das amtliche West-Schild mit dem D manchem Jungbürger ebenso obsolet wie DDR in Gänsefüßchen oder ein Alleinvertretungsanspruch Bonns.
Gefördert wird der Vertrieb der Protest-Initialen vorwiegend von linken Studentenbünden und von Mitgliedern der DKP, deren Parteiführer die Klebe-Aktion als "verantwortungsbewußtes Handeln von Bürgern" werten, "die die Wahrheit lieben" (Vorstandssprecher Eberhard Weber). West-Berlins Linkspostille "Extra-Dienst" pries die Plakette mit einer Karikatur, auf der eine BRD-beklebte Autokarosse mit menschlichen Zügen die Zunge herausstreckt -- Bildtext: "BÄÄH." Die Geschmähten zeigten sich getroffen: Mit Leitartikeln und Strafanzeigen, parlamentarischen Anfragen und juristischen Kniffen führen seit Monaten Politiker, Publizisten und Polizisten einen zuweilen kurios anmutenden Kleinkrieg gegen die, so das rechte Regensburger "Deutschland-Magazin"" "abwegige und gefährliche" Abkürzung BRD. Denn während es anderswo -- von den USA bis hin Zur UdSSR -- selbstverständlich ist, die Staatsbezeichnung abzukürzen, scheinen die Initialen der Bundesrepublik Deutschland manchen Bundesrepublikaner zu schrecken wie die Knoblauchzehe den Vampir.
"Schwere Bedenken" äußerte etwa im Juni Axel Springers "Welt" gegen die "semantische Dreistigkeit", die aus den "drei bürokratisch-kalten Buchstaben" spreche: Das Kürzel BRD reduziere, so Leitartikler Günter Zehm, den "freien Teil Deutschlands im Handumdrehen auf ein Maß, auf-dem er mit der unfreien "DDR" ohne weiteres vergleichbar" sei.
Bemüht zu verhindern, daß Ost-Berlin im Westen "über die Begriffe" und damit "bald auch über die Seelen der Menschen" regiert (Zehm), machten sich Christdemokraten in Bund und Ländern prompt auf zur Seelen-Rettung. Über den Bundesrat setzten Unionler die Verbannung des Kürzels aus dem amtlichen Sprachgebrauch durch, im Bundestag und im West-Berliner Abgeordnetenhaus brachten sie die Autoaufkleber zur Sprache -- Fazit: In Bonn erklärte das Verkehrsministerium die "Nationalitätenschilder mit der Aufschrift "BRD"" für "unzulässig", in Berlin drohte Wirtschaftssenator Karl König vorletzte Woche Fahrern mit Plaketten wie "BRD", aber auch "SYLT", "BY" (für Bayern) oder "EU" (für Europa) scharfe Sanktionen an -- bis hin zur "Entziehung der Zulassung".
Der Sozialdemokrat König freilich wertete die Abkürzung BRD auf Autos nicht als "Übernahme des kommunistischen Sprachgebrauchs" (CDU), sondern knapp als -- "Verstoß gegen §§ 60 Abs. 7, 69a Abs. 2 Nr. 4 StVZO" -- jene Regelungen in der Straßenverkehrszulassungsordnung, nach denen es "ordnungswidrig" ist, an Kraftfahrzeugen "Einrichtungen aller Art" anzubringen, "die zu Verwechslungen mit amtlichen Kennzeichen Anlaß geben".
Gerüstet mit eben diesen Paragraphen, hatte bereits im April die Stadt Bonn versucht, gegen die Kirchen-Sekretärin Overkamp vorzugehen: Mit der Begründung, das BRD-Oval sei "dem zugelassenen Natioaalitätskennzeichen für die Bundesrepublik Deutschland D ähnlich", verlangte die Stadtverwaltung die Entfernung des Ärgernisses -- vergebens.
Denn am 19. Juni mußte die Stadt, die selber mit einem ovalen Aufkleber ("Bonn" mit einem Kußmund-O) für sich wirbt, ihre Verfügung aufheben -- offenbar weil sich die Beamten dem Argument des Bonner Overkamp-Anwalts Jürgen Schick nicht verschließen konnten, "kein normaler Mensch" könne die Kürzel D und BRD verwechseln. Die Stadt Bonn teilte mit, D und BRD seien entgegen ihrer ursprünglichen Auffassung tatsächlich "nicht verwechselbar", und übernahm die Anwaltskosten -- eine Entscheidung, über die allerdings, so ein Stadtverwaltungssprecher, "einige Leute nicht sehr glücklich waren".
Derlei Bedauern mag dazu beigetragen haben, daß die Stadt Bonn den Fall dann doch nicht auf sich beruhen lassen mochte: Letzte Woche kündigte die Kommune an, sie werde in einem neuen Anlauf gegen das Overkamp-Oval angehen -- nun nicht mehr mit einem "Verfahren auf Beseitigung" der Plakette, sondern mit einem "Verwarnungsbescheid" über fünf Mark.
Die Begründung, die das Bonner Straßenverkehrsamt für diesen Schritt -gegen den Anwalt Schick vors Verwaltungsgericht gehen will -- liefert, entbehrt nicht gedanklicher Flexibilität: Zwar sei, argumentiert nun Amtsleiter Heinz Welter, der BRD-Aufkleber nicht mit dem D-Schild verwechselbar, wohl aber mit Nationalitätskennzeichen anderer Länder.
In der Tat ähnelt das "BRD" zumindest einem ausländischen National-Oval: dem "BRU" von Brunei -- britisches Protektorat auf der Pazifik-Insel Borneo, Sago, Reis, Kautschuk, 135 665 Einwohner, 9990 Autos.

DER SPIEGEL 33/1974
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