02.09.1974

KUNSTMARKTVerlies geknackt

Durch einen Tauschhandel mit der UdSSR kam der Kölner Kunstsammler Hack günstig zu einem Kandinsky-Bild. Schätzen die Sowjets ihre bislang mißliebigen Klassiker künftig höher ein?
Der Kölner Kunstsammler Wilhelm Hack, 74, traut geschriebenen Messias-Worten eine ganze Menge zu. "Wenn Sie Manuskripte von Jesus Christus haben", überlegt er, "können Sie den halben Vatikan ausräumen."
Er spricht, gewissermaßen, aus Erfahrung. Denn mit Autographen eines anderen, dort einschlägigen Heilands hat Hack immerhin die Verliese der Sowjet-Macht geknackt: Durch einen Tauschhandel mit Lenin-Briefen ist er vor kurzem zu einem Kandinsky-Gemälde aus Moskauer Staatsbesitz gekommen.
Wie viele Briefe das waren und was darin stand, das weiß Hack selber nicht; woher sie kamen, darf er nicht preisgeben. Die "Freunde" (im Westen), bei denen die Papiere gelagert hatten, möchten anonym bleiben.
Was für den Sammler zählt und was er vorzeigen kann, ist das Gemälde: ein charakteristisches Werk des russischen Ur-Abstrakten, in dessen Münchner Glanzzeit vor dem Ersten Weltkrieg gemalt, als es dem Künstler darum ging, mit ausfahrenden Pinselgesten und kontrastreichen Farben "seelische Vibrationen" festzuhalten. Das 1,20 mal 1,10 Meter große Werk ist mit Namenszug signiert, auf das Jahr 1913 datiert und laut mitgelieferter Expertise "unzweifelhaft ein Original".
Dieses Bild war in der Sowjet-Union offenbar seit Jahrzehnten unter Verschluß gehalten worden, aber -- so eruierte Hack -- der Fachwelt dennoch nicht völlig entgangen: Rückseitig, auf dem Keilrahmen, fand er neben dem Etikett eines Münchner Buchbinders und Rahmenhändlers ein mit Kreide in lateinischen Buchstaben geschriebenes "No." und die Zahl 178.
Ebendiese Nummer trägt im Kandinsky-Werkkatalog, den der 1968 verstorbene Kunsthistoriker Will Grohmann aufgrund eines vom Maler selbst angefertigten Verzeichnisses 1958 herausgebracht hatte, ein (nicht reproduziertes) "Bild mit weißen Linie"; die angegebenen Maße sind die der Hack-Erwerbung.
Als Standort des Gemäldes gab Grohmann "UdSSR, vormals Museum Pensa" an; es muß zu jener "großen Anzahl von Bildern Kandinskys" gehört haben, die in der frühen Sowjet-Ära "über das gesamte Gebiet Rußlands verstreut" wurden (Grohmann). Damals bekleidete der Maler, 1914 in seine Geburtsstadt Moskau heimgekehrt, diverse Ämter, saß im Kommissariat für Volksaufklärung, wurde Professor und baute 22 Provinzmuseen auf. Als er 1921, noch unbehelligt, wieder nach Deutschland ging, ließ er etwa 50 Gemälde zurück.
Um diese Zeit schlug die sowjetische Kunstpolitik um. Die anfangs offiziösen Abstrakten wurden verfemt, ihre Bilder verschwanden in den Museumsmagazinen. Dort sind sie bis heute für Forscher aus dem Westen schwer, für erwerbslustige Sammler so gut wie gar nicht zugänglich.
Nur der lange im Sowjet-Handel aktive amerikanische Ölmagnat Armand Hammer, der die Leningrader Eremitage 1972 mit einem Goya-Porträt beschenkte, erhielt als Gegengabe ein Bild des radikalen Konstruktivisten ("Suprematisten") Kasimir Malewitsch aus staatlichem Besitz. Nebenbei hatte Hammer auch zwei Briefe des ihm einst persönlich bekannten Sowjet-Herrn Lenin in die Ost-West-Freundschaft investiert.
Als daher Hack, dessen Sammlung ihren Schwerpunkt bei den russischen Abstrakten hat, von der Existenz der Lenin-Schreiben in seinem Bekanntenkreis erfuhr, schaltete er sich gleich ein. Er erwirkte, daß die Dokumente beim sowjetischen Kulturministerium angeboten wurden, und zwar nicht gegen Rubel, sondern gegen Kunst -- möglichst ein Werk des alle Kollegen überragenden Malewitsch.
Hack, der die kurzen Moskauer Verhandlungen von fern verfolgte und dabei "tagelang nicht schlafen" konnte, war dann aber auch mit dem Kandinsky-Bild hochzufrieden. Obwohl er es unter dem Weltmarkt-Preis bekam, geht diese Neuerwerbung, die wie Hacks ganze Kunstkollektion einem in Ludwigshafen geplanten Museum zugedacht ist, über die Verhältnisse des Sammlers. Die für das Ludwigshafen-Projekt gegründete "Wilhelm-Hack-Stiftung" soll nun die Zahlung an die Lenin-Brief-Verkäufer vermitteln.
Auf eine Möglichkeit, Kunst aus sowjetischen Abstellräumen zu ergattern, spekulierte unterdessen auch Werner Schmalenbach, Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Als 1973 Kulturministerin Jekaterina Furzewa Schmalenbachs moderne Galerie (mit Abscheu) besichtigte, ging er sie um einen Malewitsch an. Nach anfänglicher Weigerung schlug die Politikerin vor, das Gewünschte gegen ein Bild des Italieners Modigliani einzutauschen -- das war der einzige Künstler in der Sammlung, der ihr zusagte.
Doch mit der Beschaffung eines Tauschobjekts verlor Schmalenbach viel Zeit, und nun glaubt er nicht mehr an seine Chance. Denn mittlerweile ist, erstmals seit 1962 Hack eines (für 50 000 Mark) erwarb, ein Malewitsch-Bild auf dem freien Markt verkauft worden und hat einen Rekordpreis, haushoch über jedem Modigliani, erzielt: 3,4 Millionen Mark. Das Gemälde, das aus einer amerikanischen Privatsammlung in ein noch ungenanntes außereuropäisches Museum geht, hängt derzeit leihweise in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.
Auch Hack hält es für möglich, daß er seinen Kandinsky-Fang "in letzter Stunde" gemacht hat, da die Sowjets ihre bislang so unliebsamen Kunstschätze künftig höher bewerten könnten: Zu besonderen Gelegenheiten kommen ausgewählte Stücke schon aus den Depots empor. So durften, als Exilrusse Marc Chagall ehrenvoll Moskau besuchte, Chagall-Bilder der Tretjakow-Galerie erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder ausgestellt werden. Nun wird erwogen, sie nach Paris zu leihen, als Vorreiter einer Kandinsky-Ausstellung aus Moskau.
Kommt da eine Wende? Wilhelm Hack erhielt auch vielsagende Nachricht aus einem Einflußgebiet sowjetischer Kunstpolitik. Der VEB Verlag der Kunst in Dresden bat ihn um ein Photo des Malewitsch-Bildes in seiner Sammlung -- für ein Buch über den Suprematismus.

DER SPIEGEL 36/1974
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