23.09.1974

Gerling: „Leichen, die bei Herstatt liegen“

Versicherungsunternehmer Hans Gerling ist in die Enge getrieben. Weil seine Herstatt-Bank wesentlich höhere Verluste ausweist als angenommen, soll Hans Gerling nun die Vergleichssumme der Bank um 200 Millionen Mark aufstocken. Das Geld spendiert ein Bankenkonsortium, das die Hälfte des Gerling-Konzerns übernimmt. Versicherungsunternehmer Gerling: „Kampf bis zum Umfall“
"Eine Bank", belehrte Bankier Ludwig Poullain vergangenen Dienstag die Beschauer von Dietmar Schönherrs Fernseh-Talk-Show, "lebt nicht so sehr vom Kapital, sondern vor allem vom Vertrauen."
Kapital und Vertrauen aber war jenem Gesprächspartner abhanden gekommen, mit dem Bankier Poullain kurz darauf im Salzburger Familienheim des Star-Dirigenten Herbert von Karajan verabredet war: Versicherungsfürst und Privatbankier Hans Gerling.
Dort sollte der Assekuranz-Herr aus Köln von dem Düsseldorfer Bankier über die Ergebnisse eines neuen Kassensturzes bei dem vor drei Monaten zusammengebrochenen Gerling-Bankhaus 1. D. Herstatt aufgeklärt werden: Statt der zunächst vermuteten 500 Millionen-Defizite, so Poullain, handle es sich um 1,2 Milliarden -- ausländische Forderungen addiert gar um 1,6 Milliarden. Poullain über die Ursachen der Pleite: "Es ist ein Krimi -- es ist Bonanza."
Kaum waren die neuen Zahlen heraus, drehte die Finanzmacht am Rhein durch. Aus Bonner Ministerien sickerte die Mär, das Berliner Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen habe den Hans Gerling aufgefordert, "binnen zwei Wochen" das Kapital seines Konzerns von 60 auf 160 Millionen Mark aufzustocken und sich selber aus seinen Vorstandsämtern zu entfernen. In Wahrheit muß sich Hans Gerling in dieser Frist nur erklären. Für die Aufstockung hat er Jahre Zeit.
In Bonn plauderte Bankier Poullain den Schuldenstand der Gerling-Gruppe aus. Gerling-Aufsichtsrat Rudolf Schlenker: "Eine verzweifelte Situation". In Köln schoß Versicherungsunternehmer Gerling mit einer Erklärung zurück, seine eigene Gruppe sei vollkommen ausreichend kapitalisiert. In Frankfurt bekräftigte Martin Peltzer von der zur Rettung entschwindender Herstatt-Gelder angetretenen Gläubigergruppe der Genossenschaftsbanken und Sparkassen ("Auxilia") die Forderung,. Herstatt solle nun Konkurs machen, damit Hans Gerling im Wege der Durchgriffshaftung für die verschwundene Milliarde aufkommen müsse.
In Düsseldorf fuhren die Karossen der regionalen Landesbank-Direktoren, der Provinzialversicherungen und der Sparkassen vor der Verwaltungsburg von Ludwig Poullains Westdeutscher Landesbank auf: Der Chef wollte Rückendeckung für wichtige Finanzmanöver in Sachen Gerling.
In Köln verbreitete Konkursrichter Wilhelm Uhlenbruck neue Verwirrung, als er nach Rücksprache mit dem von ihm zusammengestellten Gläubiger-Ausschuß forderte, Gerling und die Banken sollten bis zum 23. September in rechtsverbindlicher Form Vorschläge für "die Regelung der Herstatt-Sache" beibringen. Der Rechtswahrer stellte sich einen Gerling-Zuschuß von 200 Millionen Mark für die Herstatt-Masse vor. Anderenfalls, so Uhlenbruck, reiche die Masse nicht aus, größere Gläubigergruppen von ihren bereits eingereichten Konkursanträgen wieder abzubringen.
Einen Konkurs der Herstatt-Bank aber muß Gerling fürchten: Wird ihm nachgewiesen, kraft 81-Prozentbeteiligung und ständiger Befehle die eigentliche Herrschaft über Herstatt ausgeübt zu haben, könnte er voll und nicht nur mit seinem Geschäftsanteil zur Haftung gezwungen werden.
Hans Gerling indes setzte sich noch einmal zur Wehr: Bei Schweizer Banken, gegen die bereits der Staatsanwalt vorgehe, so ließ der Konzernherr erklären, seien ohne sein Wissen dreistellige Millionenbeträge an Herstatt-Geldern verschwunden -- er, Hans Gerling, sei also auch betrogen worden.
"Da hat man es nur noch mit Wahnsinnigen zu tun", faßte Helmut Geiger, Präsident des Sparkassenverbandes, die Szenerie der Woche zusammen, und: "Das geht jetzt nicht nur um die Leichen, die bei Herstatt liegen, das hat weitere Kreise gezogen."
Einer, der sich seine Kreise nun nicht mehr stören lassen wollte, war Poullain. Der Chef des der Bilanzsumme nach größten deutschen Bankhauses war zu der Nacht- und Nebelsitzung von Bundesbank und Großbanken, auf der Anfang Juli über das Schicksal der illiquiden Herstatt-Bank entschieden worden war, nicht gebeten gewesen. Poullains Landesbank nämlich, so wußten die Großbankiers, hatte im vergangenen Jahr Riesenverluste mit ebensolchen Devisentermingeschäften eingesteckt, an denen Herstatt nun unterging.
Poullain tilgte die Schmach, indem er zunächst einmal Hans Gerlings Gerling Global Bank mit einer 150-Millionen-Spritze am Leben hielt. Nach dieser guten Tat hielt sich der Bankier bei und mit Hans Gerling im Gespräch. Auch bei den Beamten des Bonner Finanzministeriums, die einem Zusammenbruch des Gerling-Konzerns mit Schaudern entgegensahen, schob sich SPD-Sympathisant Poullain vor die Emissäre der Großbanken.
Poullain und die Bonner trafen sich· in dem Geschäft, den lästigen, ungeschickten und zunehmend halsstarrigen Hans Gerling von seinem Podest zu vertreiben -- Poullain, um wieder die Nummer eins zu sein, die Bonner, um sich als Helfer geprellter Sparer zu profilieren. Die Dreckarbeit freilich machte ein anderer: Günter Vogelsang, Ex-Krupp-Chef, Aufsichtsratsmitglied von Gerling und der Deutschen Bank, der nach eigener Aussage "nie wieder Manager werden" will.
Als Gerling merkte, daß er ohne Blessuren der Affäre Herstatt nicht entrinnen konnte, bat er Vogelsang um einen Vergleichsvorschlag. Der ehrgeizige einstige Kruppianer ("Ich habe auch das Vertrauen anderer Gruppen") funktionierte den parteilichen in einen unparteiischen Auftrag um. Am Mittwoch vergangener Woche brachte Vogelsang, der wegen seiner wattierten Anzüge von Krupp-Verweser Berthold Beitz für nicht ganz gesellschaftsfähig gehalten wurde, in Düsseldorf den Deutschbankier F. Wilhelm Christians, den Sparkassenpräsidenten Helmut Geiger und Hans Gerling zusammen, um Vergleichschancen zu testen.
Die versammelten Emissäre der Gläubigergruppen und Hans Gerling sprachen einen Deal ab, bei dem die geschädigten Herstatt-Kunden sofort Geld bekommen sollten -- wenn auch nicht alles -, bei dem Hans Gerling sein Gesicht wahren und der Konkurs der Herstatt-Bank vermieden werden sollte. Ludwig Poullain indessen zog sich die Aufgabe zu, durch gezielte Äußerungen öffentlich Stimmung für einen Vergleich zu machen.
Mit den Gesprächsnotizen zog sich Günter Vogelsang ins Eigenheim am Düsseldorfer Kaiser-Friedrich-Ufer zurück und kritzelte einen Vergleichsvorschlag, mit dem er Freitag in die Aufsichtsratssitzung des Gerling-Konzerns hineinging.
Versicherungsunternehmer Gerling -so Vogelsang -- solle an ein Rankenkonsortium aus Poullains Westdeutscher Landesbank, den drei Großbanken Deutsche, Dresdner und Commerzbank und "möglichst vielen anderen" (Poullain) die Hälfte seines verschachtelten Konzerns abgeben. Dafür solle das Konsortium 200 Millionen Mark an Hans Gerling zahlen, der das Geld unverzüglich in die Herstatt-Vergleichsmasse weiterzuschieben habe.
Mit den durch Gerling aufgestockten Bank-Aktiva sollen die Privatgläubiger von Herstatt 60 Prozent und die übrigen -- Banken, Unternehmer -- 40 Prozent der Forderungen erfüllt bekommen. Hans Gerling solle sich dafür aus den Managementposten zurückziehen und bleibe von künftigen Gläubiger-Forderungen unbehelligt.
Bis kurz vor 18 Uhr tagten die Räte. Indes -- der starrsinnige Konzerneigner, der noch Mitte der Woche vor Vertrauten "Kampf bis zum Umfall" geschworen hatte, mochte einstweilen nicht fallen. Seine Management-Posten, so Gerling, wolle er behalten, wenn er auch mit allem anderen einverstanden sei. Montag früh, so verpflichtete sich Gerling, werde er Vergleichsrichter Uhlenbruck schriftlich zusagen, die nötigen 200 Millionen an Herstatt zu zahlen.
Chefvermittler Vogelsang, der seinen Vorschlag gleichwohl vom Gerling-Aufsichtsrat abdecken ließ, trommelte am Wochenende die Vertreter der Gläubigergruppen zusammen: Er wollte sämtliche institutionellen Herstatt-Gläubiger und 95 Prozent der privaten auf seine Seite bringen.
Auxilia-Anwalt Peltzer jedoch gab sich erst einmal hartnäckig. Für seine Mandanten mit ihrer Gesamtforderung "über 600 Millionen Mark" bedeute der Unterschied zwischen 40 und 60 Prozent Quote den Verzicht auf 120 Millionen Mark. Und Commerzbank-Chef Lichtenberg, der erst spät in den Poullain-Vogelsang-Vergleich eingereiht wurde, maulte, daß ein Finanzengagement nur sinnvoll wäre, "wenn Herr Gerling die Mehrheit aufgibt".
Paul Lichtenberg konnte sich denn auch am Freitag noch nicht spontan entschließen, dem Poullain-Bankenkonsortium beizutreten. Deshalb trafen sich die Banker am Wochenende noch einmal in Düsseldorf, um über die Beteiligungsquoten am 200-Millionen-Geld für Gerling zu markten.
Die Hauptarbeit der Rechner freilich beginnt erst nach dem Vergleich. Keiner aus dem von Poullain zusammengetriebenen Kaufkonsortium sah sich bisher in der Lage, ein verbindliches Preisgebot abzugeben. Niemand wußte auch -- wegen der unübersichtlichen Firmenstruktur -, "was für welche Firma" (Lichtenberg) stehen soll.
Vergleichs-Manager Vogelsang möchte da nicht allzuweit hineingezogen werden: "Da müssen sich die Banken einen anderen suchen -- ich bin nicht Deutschlands trouble shooter."

DER SPIEGEL 39/1974
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