23.09.1974

HOCHSCHULENKopf gegen Kopf

Der Tausch von Studienplätzen, bislang Einzelinitiative am Schwarzen Brett der Unis, wird kommerzialisiert: Makler bieten gegen Entgelt Tauschadressen feil.
Unter der Gewerbe-Verzeichnisnummer 1377/74 ließen sich Günter Denter, 35, und Cornelius Hinrichter, 22, im Juli beim Ordnungsamt in Münster gegen eine Gebühr von fünf Mark als "Arbeitsgemeinschaft" registrieren. Name: "Studienplatzbörse". Zweck: "Vermittlung von Tauschpartnern bei Studienplatzwechsel in Fächern mit Zulassungsbeschränkung innerhalb der BRD".
Die Geschäftspartner mieteten sich das Postfach 7671 in Münster, druckten auf grellgelbem Saugpapier 300 Plakate ("Die Studienplatzbörse bietet an"), die -- sie "mit der Bitte um Aushang" an 30. verschiedene Universitäten verschickten, und warben im Begleitbrief: "Zum erstenmal" sei in größerem Umfang der Versuch unternommen worden, Studenten einen Hochschulwechsel zu ermöglichen.
Die Bildungs-Börsianer irrten. In Berlin hatten bereits im Mai Gerd Lehmann, 27, und Heinrich Bek" 26, die "Marktlücke" erkannt und sich als "studentische Selbsthilfe für Studienplatztausch (stuse)" eingerichtet. Auch die beiden Berliner keilen mit Plakaten tauschwillige Kommilitonen: "Wir haben ... eine Lösung geschaffen."
Die Lösung hat feste Preise. Was mitunter, sichtbar am Schwarzen Brett in den Hochschulen, aus Einzelinitiative ("Suche Studienplatz in Göttingen, biete Studienplatz in Düsseldorf -- 3. vorklinisches Semester") zustande kam, soll nun nach dem Willen der Berliner und der Münsteraner Vermittler auf geschäftlicher Basis in großem Umfang abgewickelt werden. Für ihre Dienste berechnen die Hochschul-Vermittler Courtage: Zehn Mark nehmen die Berliner für die Aufnahme in die Kartei, gleichgültig, ob es klappt oder nicht; die Münsteraner Konkurrenten machen es für 2,50 Mark Bearbeitungsgebühr billiger, berechnen aber 40 Mark Erfolgshonorar.
Für den bisherigen Rektor der Universität Münster und neugewählten Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Professor Werner Knopp, "riecht das nach Menschenhandel". So besorgt zeigte sich der Professor über die "gefährliche Entwicklung", daß er den nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Johannes Rau ersuchte, schleunigst zu prüfen, ob "gegen diese Art von Privatgeschäften gegen Entgelt nicht Regelungen getroffen werden sollten".
Zu Semsterbeginn versuchen nun die Allgemeinen Studentenausschüsse mehrerer Universitäten, den Händlern dazwischenzufahren. "Aus Verärgerung über die Geschäftemacherei", so der Aachener Asta-Chef Walter Schlebusch, "haben wir zur Selbsthilfe gegriffen." Mit einer Gruppe von 13 Kommilitonen will Schlebusch an der Technischen Hochschule zentral und "selbstverständlich kostenlos" Tauschpartner vermitteln. Über Telephon sammeln die Aachener Wechselwünsche und katalogisieren sie nach Studienfach, Semesterzahl und Hochschulort.
Wie fragwürdig die Makler-Methode auch sein mag -- der gewerbliche und der organisierte Partnertausch haben Professoren und Politikern die Augen für einen Notstand geöffnet, den sie bisher übersehen haben: Zum Stau vor den Hochschulen wegen der durch Staatsvertrag bundesweit reglementierten Zulassung in Numerus-clausus-Fächern kommt als weiterer Nachteil, daß die Studenten auch in späteren Semestern kaum mehr von einer Hochschule zur anderen wechseln können.
Immer mehr Universitäten verschärfen in immer mehr Fächern auch nach Zwischenprüfung, Vordiplom oder Physikum die Zulassungsbestimmungen. Die Bundesanstalt für Arbeit beschrieb in ihrem Informationsheft "Analysen" den Mißstand und einen Ausweg: "Wer an einer anderen Universität weiterstudieren will, muß schon bald einen Kommilitonen finden, der mit ihm tauscht." Dies sei "keine negative Utopie".
Tatsächlich sind Studenten sogar häufig bereit, für einen privat oder fachlich erwünschten Wechsel des Hochschulorts erhebliche Beträge zu zahlen. Das offenbaren Privatofferten an den Schwarzen Brettern der Mensen etwa in München: "Würzburg Mediziner 3. vorklinisches Sem. bietet 3000 Mark."
Und weil der Medizinstudent Ulrich Eichel, 3. klinisches Semester in Mainz, bislang noch keinen Erfolg hatte, verdoppelte er sein Angebot für einen Platz in Göttingen: "DM 2000 Belohnung" lobte er per Anschlag im physiologisch-chemischen Institut aus. Eichels Vater glaubt an eine lohnende Investition, da sein Sohn "aus familiären und persönlichen Gründen" immer wieder nach Göttingen fahre. Dem Aachener Asta wollte jüngst ein Student 5000 Mark für einen Wechsel zahlen.
Sparsamkeit ist häufig der Antrieb für den Ortswechsel. Weil er billiger bei seiner Mutter im Münsterland leben kann, inserierte beispielsweise der Student Hans Daniel: "Tausche Platz in Zahnmedizin, biete Heidelberg plus 1000 Mark, suche Münster."
Angesichts solcher Offerten weisen die Makler von der "Selbsthilfe" in Berlin und der "Studienplatzbörse" in Münster den Verdacht, sie nutzten die soziale Lage der Studenten gewinnträchtig aus, ganz und gar zurück. Die Zehn-Mark-Pauschale in dem Glücksspiel sei doch ein "kleiner Einsatz", meint Lehmann, der selbst nach 13 Semestern Volkswirtschaft und Jura von Tübingen nach Berlin übersiedelte -- wo er noch ohne Zulassung ist.
Sein Münsteraner Konkurrent Denter, der das Medizinstudium nach dem Physikum aufgab und sich mit "Gelegenheitsjobs Geld verdient", kommt mit seinem Erfolgshonorar kaum auf die Kosten, denn an seiner Börse ist Baisse: "Wir haben zwar rund 90 Wechselwünsche, aber noch keine passenden Partner."
Lehmann in Berlin konnte unter 450 Anfragen zwar 33 eingelöste Wechsel verbuchen, weiß aber bloß von einer gelungenen Vermittlung: Bernd Buchwitz, 1. vorklinisches Semester Medizin in Würzburg, tauschte mit Monika Bayerle, die einen Studienplatz in Köln anzubieten hatte. Die schlechten Geschäfte lastet Denter den Universitäten an, die "uns kaum unterstützt haben".
Daß es gleichwohl nur noch "Kopf gegen Kopf" geht, weiß auch Helmut Hart, Sprecher der bayrischen Landesapothekerkammer: Pharmazie-Studenten haben bei der Suche nach einem anderen Studienplatz auch schon die Kammer um Mithilfe gebeten -- sie konnte immerhin vier von zwanzig Begehren erfüllen.
Nur "wenn die Aktion zentral gesteuert wird", glaubt denn auch Aachens Schlebusch, "kann sie Erfolg haben". Per Rundbrief hat er unterdessen alle Universitäten um Mithilfe gebeten. Und etliche Studentenausschüsse -- so Bochum, Köln, Karlsruhe, Saarbrücken, Würzburg -- lieferten bereits zu: Bis Ende letzter Woche gingen in Aachen über 2000 Wechselwünsche ein. Die Börsianer hoffen, für jeden fünften. einen passenden Partner finden zu können.
Diesem vielfältigen geschäftlichen und kostenlosen Wechselspiel würde WRK-Präsident Knopp eine staatliche Steuerung -- wie bei der Vergabe -- auch beim Tausch von Studienplätzen vorziehen: "Der geeignete Ort dafür wäre die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund."
Aber der stellvertretende ZVS-Leiter Urban Zinser winkt ab: "Diese zusätzliche Aufgabe können wir unmöglich bewältigen." Staatssekretär Herbert Schnoor vom Düsseldorfer Wissenschaftsministerium, das die Aufsicht über die ZVS führt, will denn auch "lieber in Kauf nehmen, daß einige vom Mangel profitieren, anstatt auch hier noch staatlich zu reglementieren -- im übrigen haben wir Gewerbefreiheit".

DER SPIEGEL 39/1974
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