23.09.1974

HANDELSchock aus Übersee

Mit billigen Taschenrechnern aus Amerika wollen deutsche Versandhäuser auf den Markt. Die einst beherrschende Japan-Ware verliert ihre Kundschaft.
Das elektronische Zeitalter, in Industrie und Gewerbe längst erprobt, soll in diesem Herbst mit den Versandhauskatalogen auch in Deutschlands Privathaushalte dringen.
Für runde 50 Mark bieten die Versandhausfürsten Gustav Schickedanz ("Quelle") und Josef Neckermann neuerdings elektronische Taschenrechner an, wie sie vordem nur für mehr als hundert Mark in Fachgeschäften zu haben waren.
"Paßt in jede Westentasche -- rechnet wie ein "Großer'", rühmt Neckermanns Katalog seinen Electronic"Mini", und die "Wissenschaftlichen" von Quelle sollen tief in das Kundenreservoir der Oberschulklassen einbrechen.
Großversender und Kaufhaus-Konzerne bieten Billigware von 49,90 Mark (bei Abnahme von zehn Stück), Kleinstware von 8,8 Zentimeter Länge und Edelware, mit der bis zu zehnstelligen Ziffern kalkuliert werden kann: Prozentaufgaben, Brüche, Potenzen, Wurzelziehen, Zinseszinsrechnungen und quadratische Gleichungen.
Der Katalog des auf biederes Publikum zugeschnittenen Quelle-Versands erhielt dadurch wenigstens auf Seite 747 ·die Dimension einer Oberstufen-Mathematikstunde: Ausdrücke wie sinus und arcus sinus, Exponentialfunktion und natürlicher Logarithmus zieren Spalten, auf denen sonst ausnahmslos Banales verkündet wird.
Die Handelsunternehmen hängten sich an einen technologischen Fortschritt, mit dem amerikanische Elektronik-Unternehmen die bei Kleinrechnern bis vor kurzem dominierenden Japaner aus dem Markt werfen wollen. Neckermann: "Know-how aus dem amerikanischen Elektronik-Zentrum."
Mit immer billigeren elektronischen Rechnern hatten japanische Elektronikfirmen wie Sharp, Casio und Sanyo seit Ende der sechziger Jahre Europas Feinmechaniker von Olivetti bis Olympia aus ihren angestammten Stellungen vertrieben: 1970 verkauften sie in der Bundesrepublik 77 600 Rechner zum Durchschnittswert von 1000 Mark. 1973 waren es bereits 650 000, das Stück im Schnitt zu nur noch 200 Mark. 1974 aber ist das Spiel aus.
Amerikas Elektronik-Riesen, die vor lauter Nasa-Aufträgen den zivilen Markt vernachlässigt hatten, holen jetzt ihre bei der Raumfahrt gewonnenen Technologien für den Privathaushalt hervor. Besonders sind es US-Fortschritte in der Herstellung elektronischer Bauelemente (Chips> und integrierter Schaltungen, die den japanischen Vorsprung nun gefährden.
US-Elektronikfirmen wie Texas Instruments, Rockwell und Litronix entwickelten für die Raumfahrt Bausteine von wenigen Quadratmillimetern Große. Sie lassen sich fast ohne Handarbeit zu fertigen Rechnern montieren. Vor drei Jahren hatten auch einfache Elektronenrechner noch aus 150 Teilen zusammengefummelt werden müssen, heute werden sie aus nur acht Elementen gebaut -- Gehäuse, Bedienungsknöpfe, Kabel und Batterie mitgerechnet. Der bisherige Lohnkostenvorteil der Asiaten schmolz dahin.
Binnen weniger Monate haben die US-Unternehmen den Rechnermarkt umgekrempelt, die Rechnerpreise fielen um die Hälfte. Der Marktanteil der Japaner, 1972 noch bei 80 Prozent, schrumpfte auf 50 Prozent. Kaufleute und Techniker, Hausfrauen, Studenten und Schüler bedienen sich statt im Fachhandel bei den Großversendern, die im Falle von Massenbestellungen mit Rabatt locken und inzwischen 35 Prozent Marktanteil erreichten.
1974, so vermuten Branchenexperten wie der Litronix Geschäftsführer Horst G. Sandfort in Frankfurt, werden bereits 1,5 Millionen Taschenrechner in Deutschland verkauft, 50 Prozent mehr als 1973. Auf 15 Millionen Stück schätzen Neckermann-Experten den deutschen Bedarf.
Der Preiskampf aber geht weiter. Schon werden in der Branche die Muster neuer superbilliger Rechner vorgezeigt: Sie sollen nur noch zehn Dollar -- 26 Mark -- kosten.

DER SPIEGEL 39/1974
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