23.09.1974

UNOHandvoll Reis

Heftiger denn je prallten bei Eröffnung der 29. Uno-Vollversammlung Industriestaaten und Entwicklungsländer aufeinander.
Gerald Ford hielt seine erste Rede vor der Uno -"frei über die Köpfe der Afrikaner hinweg", zürnte ein Afrikaner. "Zuckerbrot und Peitsche" spürte ein Lateinamerikaner; ein Araber: "Unerträgliche Schulmeisterei."
Ford nämlich legte den Delegierten der soeben eröffneten 29. Vollversammlung "Wachsamkeit vor der Tyrannei der Majorität" ans Herz -- die Majorität aber haben in der Uno inzwischen die Vertreter der Dritten Welt.
Gescholten wurden auch die Erdöl-Produzenten: Es sei nun an ihnen, "ein Konzept einer weltweiten Energie-Politik" zu entwickeln, ohne für Währung und Handel der Welt "unerträgliche Belastungen" auszulösen.
Als Gegenleistung bot der amerikanische Präsident eine Handvoll Reis: ein Lebensmittelhilfsprogramm" das selbst das "Wall Street Journal" "bescheiden" fand.
Ein paar Tage vorher schon hatte Uno-Generalsekretär Waldheim Pessimismus verbreitet: "In beunruhigendem Maß" seien seit der Energiekrise in den Industriestaaten "selbstsüchtige nationale Interessen" neu erwacht. "Wachsende und öffentlich ausgedrückte Desillusionierung am ganzen Konzept der Entwicklungshilfe" habe er in diesen Ländern festgestellt.
Dabei sollte gemäß dem Thema der 29. Vollversammlung jetzt eigentlich alles ganz anders werden zwischen den armen und reichen Nationen, eine neue Ära der "Interdependenz" und der "Kooperation" beginnen.
Viele Entwicklungsländer sehen darin erst das wirkliche Ende der Kolonialzeit. Ein Algerier: "Wenn man sich einmal politisch befreit hat, ist der nächste Schritt auch die wirtschaftliche Befreiung." Ein Europäer: "Hier steht eine Revolution ins Haus, gemacht von denen, die die Rohstoffe haben."
Das revolutionäre Konzept liegt schon vor: ein "Aktionsprogramm zur
* Nach der Ford-Rede in der Uno-Vollversammlung; vorn der designierte US-Vizepräsident Rockefeller.
Gestaltung einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung", das die 6. Sondervollversammlung über Rohstoffe und Entwicklung im Frühjahr ausgearbeitet hatte. Danach sollen zum Beispiel die Entwicklungsländer unter anderem die "permanente Souveränität" über ihre Bodenschätze ausüben, sich zu Produzenten-Kartellen zusammenschließen, Preisindices beschließen und Verstaatlichungen vornehmen dürfen.
Einem derartigen Konzept, das das Prinzip des freien Welthandels aufgäbe, wollen die Industriestaaten nicht zustimmen. Die bislang vom freien Welthandel Geschädigten wiederum, die Entwicklungsländer, wollen nicht einsehen, daß sie nunmehr eine Wirtschaftsordnung anstreben, die einseitig sie begünstigt.
In einigen von der Energiekrise besonders hart getroffenen Ländern herrscht Bitterkeit. Denn die EG-Staaten hatten für ein Hilfsprogramm, das diesen Ärmsten unter den Armen zugute kommen sollte, 500 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, unter der Bedingung, daß die anderen Industrienationen dem Fonds eine Milliarde und die erdölproduzierenden Länder anderthalb Milliarden Dollar beisteuern würden. Doch keiner der Aufgeforderten hat sich bisher gerührt. Ausnahme: Venezuela, das 30 Millionen Dollar locker machte. Ein Vertreter Sri Lankas, gleichermaßen zornig auf Erdölerzeuger und Erdölverbraucher: "Die lassen uns kaltschnäuzig verhungern."
Da die radikalen Algerier inzwischen die Führung unter den Blockfreien übernommen haben, glauben europäische Beobachter, daß sich die Gegensätze noch verschärfen werden.
Noch bevor US-Präsident Ford zu Worte kam, hatte der neugewählte Präsident, Algeriens Außenminister Abd el-Asis Bouteflika, 37, die Uno-Versammlung auf Militanz eingestimmt. In seiner Eröffnungsrede wütete er gegen die "modernen kapitalistischen Ausbeuter" und empfahl ihnen, was mit dem Gegensatz zwischen Reich und Arm nichts zu tun hat, aber eine Herausforderung an die USA ist: "Selbstbestimmungsrecht für die Palästinenser".

DER SPIEGEL 39/1974
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