23.09.1974

BRASILIENPanische Angst

Die schwere Meningitis-Epidemie, die bereits über 1000 Tote forderte, weitet sich aus. Doch die Regierung versucht seit Monaten, das Ausmaß der Seuche zu vertuschen.
In Nanuque, einer kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens, ist ein aromatischer Schmuck in Mode gekommen: Männer, Frauen und vor allem Kinder tragen dort seit Wochen Kettchen mit frischen Knoblauchzehen um den Hals. Das Küchengewürz, so hoffen die Nanuquer, soll den bösen Geist der Meningitis vertreiben -- jener gefährlichen Hirnhautentzündung, die sich während der letzten Monate in Brasilien ausgebreitet und bereits weit über tausend Tote gefordert hat.
Auf ein Wunder hoffen offenbar nicht "nur die Bewohner von Nanuque, sondern auch die brasilianischen Behörden. Denn bislang taten sie wenig, um die Seuche einzudämmen -- und das, obwohl sie von der Krankheit keineswegs überrascht wurden.
Seit langem bereits tritt die Meningitis -- eine meist infektiöse Hirnhautentzündung, die mit Fieber und Kopfschmerzen beginnt und mit Schwachsinn oder Tod enden kann -- in Brasilien in regelmäßigen Zehnjahres-Zyklen auf und pflegt nach vier bis fünf Jahren abzuklingen; der gegenwärtige Zyklus begann 1970, verlief allerdings zunächst glimpflich. Im Mai dieses Jahres jedoch meldete allein Säo Paula 800 Erkrankungen, im Juni bereits über tausend, im Juli 1500. In den ersten beiden August-Wochen wurden 1800 Meningitis-Kranke in die Krankenhäuser von Säo Paulo eingeliefert.
Eines der größten Hospitäler der Stadt verlegte daraufhin die An- "und Abfahrt der Kranken- und Leichenwagen vorn Hauptportal auf einen Hintereingang, um die Bewohner der umliegenden Wohnviertel nicht zu schrecken. Und auch die Regierung trachtete zunächst offenbar nur danach, das Ausmaß der Epidemie zu vertuschen.
Ärzten und Krankenschwestern wurde offiziell verboten, Auskünfte über die Krankheit zu geben, Bestattungs-Unternehmer durften Außenstehenden keine Einsicht in ihre Unterlagen gewähren, die zensierte Presse mußte die Seuche totschweigen. Als die angesehene Tageszeitung "Estado de Sao Paula" im Juli einen Bericht über die Meningitis veröffentlichen wollte, wurde er vom Zensor gestrichen -- das Blatt druckte anstelle des Krankheitsreports ein langes Gedicht des portugiesischen Poeten Luis de Camoes ab.
Doch trotz -- oder gerade wegen -- der Verschleierungsversuche der Behörden begann sich, vor allem in der am meisten betroffenen Stadt Säo Paule, panische Angst vor der Seuche auszubreiten. Wer immer es sich leisten konnte, floh aus der Metropole an die Küste; vor fünf Apotheken in Säo Paulo, die Meningitis-Medikamente abgaben, stauten sich Tausende von Menschen.
Massenimpfungen jedoch -- das einzig wirksame Mittel zur Eindämmung der Seuche -- schob die Regierung immer wieder hinaus, obgleich schon im Juli aus Frankreich die erste Viertelmillion Impfdosen gegen den Meningitis-Erreger des Typs "A" in Brasilien eintraf. Da die in Brasilien grassierende Form der Krankheit -- anders als die harmlosere Variante, die zur Zeit in Norddeutschland auftritt -- sowohl durch Kokken des Typs "A" als auch durch solche des Typs "C" verursacht wird, die beide gegen Sulfonamide resistent sind, wollen die Behörden nur gegen beide Erreger gleichzeitig impfen. Impfstoff des Typs "C" aber mußte erst aus den USA eingeflogen werden, wo ihn die Brasilianer verspätet bestellt hatten.
Unterdessen sucht die Regierung die Unruhe in der Bevölkerung durch gute Ratschläge zu dämpfen: Bester Schutz gegen eine Ausbreitung der Seuche, so die Gesundheitsbehörden, sei gutes und regelmäßiges Essen, peinliche Hygiene und sich von Massenansammlungen fernzuhalten. All das aber ist für den größten Teil der Bevölkerung unerschwinglicher Luxus.
Denn von den 100 Millionen Brasilianern leben 80 Millionen in Wohnungen, die an keinerlei zentrales Abwässernetz angeschlossen sind, 11 Millionen hausen in trostlosen "Favelas", Elendsvierteln am Rande der großen Städte, wo zehnköpfige Familien in Wellblechhutten mit nur einem Raum vegetieren. In den Favelas findet die Meningitis denn auch die meisten Opfer.
Von den 60 000 brasilianischen Ärzten praktizieren zudem 28 000 allein in Rio de Janeiro und Säo Paulo. Das brasilianische Gesundheitswesen, so stellte die Zeitschrift "Veja" fest, sei in Wahrheit eine "nationale Krankheit", hilflos und ohnmächtig gegenüber einer Seuchenerkrankung wie Meningitis.
So etwa setzten die Behörden in Säo Paulo von den dort registrierten 12 000 Ärzten nur 1000 für die Meningitis-Bekämpfung ein -- die dann in 24-Stunden-Schichten und oft ohne die elementarsten Hilfsmittel arbeiten müssen. Auf Isolierstationen etwa, fand "Veja" heraus, fehlen Mundschutze, gelegentlich gar Bezüge und Bettlaken.
Und im Krankenhaus der Medizinischen Fakultät von Pouso Alegre im Bundesstaat Minas Gerais schließlich fehlte selbst eine Isolierstation. Die Ärzte wußten sich nicht anders zu helfen, als eilig eine zu improvisieren -- in der Leichenhalle.

DER SPIEGEL 39/1974
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