23.09.1974

MODEVerwaschenes Blau

Drei Hamburger Brüder sind mit Freizeitkleidung im Uni-Sex-Stil erfolgreich ins französische Konfektionsbusineß eingebrochen.
Ludwig kennen sie ganz genau (den Zweiten von Bayern), Richard ist ihnen auch geläufig (Wagner), und einem dritten deutschen Namen begegnen die Franzosen jetzt auf Schritt und Tritt:
"Lothar" leuchtet es über Boutiquen in der rue du For im Pariser Quartier Latin, am smarten Port von St. Tropez, im noblen Winterort Courcheyel in den Savoyer Alpen und, neuerdings, sogar auf den teuren Champs-Elysées.
Die Waren in den Läden sind überall gleich -- Freizeithemden und -hosen, Safarijacken, lose Djellabas und Röcke in schön verwaschenen Farben -- im Sommer aus Baumwolle, im Winter aus Cordsamt. Der Schnitt ist schick, der Preis nicht hoch (240 Franc für Hemd und Hose); der Umsatz von "Lothar" kletterte in vier Jahren von Null auf 25 Millionen.
"Den Erfolg haben die nur", ärgert sich das sonst von Ausländern kaum bedrohte Pariser Konfektionsmilieu, "weil die vom Metier eigentlich nichts verstehen." In der Tat steht hinter den "Lothar"-Läden eine klassische Erfolgsstory: Sie sind das Werk von drei Hamburger Brüdern, die als reine Amateure ins Gewerbe traten.
Bruder Wolfgang Mauch, jetzt 36 und Obermanager, hatte zuvor in Hamburg den Baßbariton gelernt und an französischen Provinz-Opern debütiert; seine Frau Shala aus Persien studierte auf Konzertpianistin. Doch als das erste Baby kam, peilte Wolfgang lukrativere Erwerbsmöglichkeiten an.
Er beschwatzte seinen Bruder Lothar, sein Erspartes rauszurücken. Denn Lothar posierte in Paris als begehrtes Photomodell, für Frisk etwa, Alfa Romeo und Marlboro: "Ich arbeitete sechs Monate und konnte den Rest vom Jahr tun, was ich wollte."
Er wollte und will auch heute noch hauptsächlich bergsteigen: Er bestieg, als Nummer 123, die berüchtigte Eigernordwand und kraxelt nun im Montblanc-Gebiet.
Die Brüder Mauch erwarben eine erste Boutique, nannten sie (weil es sich gut ausspricht) "Lothar"s" und verkauften dann die modischen Accessoires der Hippie-Ära: Folkloreschals und Fellwesten, die Wolfgang aus Shalas persischer Heimat einschleppte.
Der Pariser Luxushippie-Couturier Bouquin kaufte bei ihnen en gros, um die Sachen in seiner Boutique in St. Tropez zu verscherbeln. "Wenn der unser Zeug da so gut los wird", folgerten die Mauchs, "können wir das selber auch." Sie hefteten ihr "Lothar"-Schild an ein Lädchen in St. Tropez.
Bald danach fielen ihnen im Club Mediterranée in Agadir die schönen verwaschenen blauen Baumwollstoffe der Beduinen auf. Von einer jungen Malerin, die seither die "Lothar"-Kollektion designt, ließen sie aus diesem Blau die ersten Modelle entwerfen.
"Die Leute rissen uns die Sachen aus den Händen", erinnert sich Wolfgang, "sie trugen sich auf Wartelisten ein, aber wir konnten nicht genug liefern."
Als die Zulieferer versagten, erwarb Wolfgang eilig fünfzehn Näh- und eine Knopflochmaschine (jetzt arbeiten in eigener Fabrik 200 Arbeiter), und sie übernahmen selbst die Fertigung.
Doch je größer die Produktion wurde, um so mühseliger wurde die Stoffbeschaffung. "Wir filzten die Souks in Marokko und Tunesien", erzählt Wolfgang, "und flogen bis Mauretanien."
Als sie dort den eingeborenen Färbern zuschauten, entdeckten sie eine Farbschachtel mit der Aufschrift: "Indigo Blue I.C.I. London."
"Das war die Rettung", sagt Wolfgang. Heute wird in der Mauch-eigenen Färberei anstelle der Sonne mit Heißluftaggregaten getrocknet -- unter der Direktion von Hagen, dem dritten Bruder.
Zum verwaschenen Blau gesellte sich bald anderes Handverwaschenes, wie Resedagrün, müdes Rosa oder Braun. Die Mauchs haben einen Hang zum Verwaschenen: Wolfgang ließ sein gesamtes Appartement mit blau verwaschenem Lotharstoff tapezieren, und selbst das Firmen-Briefpapier ist wischiwaschiblau.
75 Prozent der "Lothar"-Sachen gehen in die Schönwetterzone Kalifornien, fünf nach Deutschland, der Rest in die eigenen Boutiquen und in einen Lizenz-Laden in Londons feinem Mayfair. Renner des auf 27 Artikel angeschwollenen Sortiments, darunter Bikinis, Schirmmützen, Pullis, sind immer noch Hosen, Hemden und Safarijacken. "Das wird alles mal so klassisch", hofft Wolfgang, "wie die Levy's-Jeans."
Nur der Bergsteiger Lothar, der im Sommer "Lothar's" Boutique in St. Tropez und im Winter "Lothar's" Laden in Courchevel einhütet, sieht gelegentlich bekümmert auf die Ladenschilder: "Mein Name", klagt er, "ist nun eine Hose geworden."

DER SPIEGEL 39/1974
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