23.09.1974

DROGENRussisches Roulett

LSD-Propagandist Timothy Leary war Public-Relations-Agent eines Rauschgiftringes. Der Mendel mit psychedelischen Drogen wurde von etablierten Geschäftsleuten kontrolliert.
Er hat sich mit Jesus, Gandhi und Sokrates verglichen und sich den "Alchimisten des Geistes" zugezählt. Als "heiligste Gruppe der Menschen" empfand er jedoch die Drogen-Dealer: der wegen seiner umstrittenen Rauschexperimente von der Harvard-Universität verstoßene Psychologiedozent Timothy Leary, 53.
Noch vor drei Jahren, als Leary unter mysteriösen Umständen aus einem kalifornischen Gefängnis entwichen war und in der Schweiz Asyl suchte, machten sich Intellektuelle aus vielen Ländern in Bittschriften für ihn stark. Jedermann glaubte, Leary habe für seine in Artikeln, Vorträgen, Büchern, Kultübungen und auf Schallplatten verbreitete Botschaft nur ehrenwert uneigennützige Motive gehabt.
Ein Prozeß in San Francisco, Hearings eines amerikanischen Senatsausschusses sowie Recherchen des New Yorker Wochenblattes "Village Voice" brachten jetzt die Wahrheit über den Drogenpropagandisten an den Tag: Die von ihm geleitete, religiös getarnte "Brotherhood of Eternal Love", angeblich eine Non-Profit-Organisation, war einer der größten bekanntgewordenen Rauschgift-Produktions- und -Verteilungsapparate, Leary der PR-Agent für ein gigantisches Geschäft.
Stets hatte der Underground-Messias die vermeintlich bewußtseinserweiternden Drogen als "Medium der Jungen" und seine Gegner als "Streitkräfte des autoritären Mittelklasse-Establishments" dargestellt. LSD, schrieb er, werde -- gewissermaßen von Freunden für Freunde -- "in Privatwohnungen und kleinen Laboratorien produziert". Tatsächlich aber war der illegale Handel mit psychedelischen Giften jahrelang fest in den Händen von Angehörigen der Finanz-Oligarchie.
Im Auftrag von Business-Managern feiner Herkunft und bester Ausbildung schmuggelte die "Brüderschaft ewiger Liebe" nach Polizeiermittlungen eine Zeitlang wöchentlich Haschisch und Marihuana im Wert von 4,3 Millionen Dollar in die USA; Lagerbestände für knapp acht Millionen Dollar wurden vor zwei Jahren sichergestellt.
Als die US-Bundespolizei im Januar letzten Jahres die wohl größten Labors der "Brüderschaft" in St. Louis schloß, fand sie dort 50 000 fertig gepreßte LSD-Tabletten und Pulver für weitere 14 Millionen Stück.
Die Produktion wurde, zum Teil durch die Rockerbande "Hell's Angels", in allen Teilen der USA sowie in rund 20 außeramerikanischen Staaten abgesetzt: neben etwa 100 anderen Rauschmitteln wie Peyote und Kokain vor allem hochwertige LSD-Pillen mit dem Markennamen "Orange Sunshine", die Timothy Leary anpries.
Mit der Hochfinanz war der LSD-Professor bereits in Berührung gekommen, nachdem ihn die Harvard University 1963 entlassen hatte. Für eine (oft nicht bezahlte) Nominal-Miete von 500 Dollar fanden Leary und seine Gemeinde Zuflucht im 55-Zimmer-Schloß des Jung-Millionärs William Mellon Hitchcock, damals 23, auf dessen weitläufigem Anwesen Millbrook im Staat New York.
Hitchcock gehörte mit jährlichen Einnahmen zwischen fünf und sieben Millionen Dollar zu einer der reichsten Familien Amerikas, die neben anderen Großunternehmen auch die Gulf Oil Corporation kontrolliert. Geschäftsleute seines Formats, so die US-Journalistin Mary Jo Warth, mußten im LSD "ein Traumprodukt sehen: schnell und leicht herzustellen" mit niedrigen Kosten, geringen Investitionen und der Möglichkeit riesigen Profits".
Über die finanzielle Größenordnung des Geschäfts mag sich Leary womöglich nicht im klaren gewesen sein. Durch religiöse Schaumschlägerei wie die Gründung einer psychedelischen Sakralgemeinschaft, kontroverse Kommentare ("LSD ist wie russisches Roulett"), Konflikte mit den Rauschgiftbehörden und Sex-Orgien in Millbrook hielt er das Produkt jedoch über Jahre hin in den Schlagzeilen.
Gemessen an dieser gewaltigen Publicity waren die Reklamekosten unbedeutend. Die "Brotherhood" bezahlte bei gerichtlichen Auseinandersetzungen Learys Verteidiger und finanzierte nach seiner Verurteilung zu (höchstens) zehn Jahren Haft die von der linksradikalen Untergrund-Organisation "Weathermen" bewerkstelligte Flucht aus dem Gefängnis San Luis Obispo -- mit mutmaßlich 50 000 Dollar.
Daß Hitchcock der bislang nicht identifizierte "Nummer-Eins-Mann aller Haschisch- und LSD-Operationen" (Drogenfahnder Lloyd Sinclair vor dem Washingtoner Senatsausschuß) gewesen sei, wie es die "Village Voice" nahelegt, ist nicht bewiesen. Die Staatsanwaltschaft in San Francisco hat sich seine Aussagebereitschaft im LSD-Prozeß mit der Zusicherung, keine Anklage gegen ihn zu erheben, erkauft.
An seiner engen Beziehung zu dem Drogenring besteht indes kein Zweifel. Zu seinen Vertrauten gehörten, neben einem Schweizer Privatbankier und einem zeitweiligen Chef der damals von Bernie Cornfelds los kontrollierten "Fiduciary Trust Company" auf den Bahamas, die Top-Dealer der "Brotherhood". Ihr auf 200 Millionen Dollar geschätzter Gewinn wurde teils für Grundbesitz ausgegeben, teils in legalen Unternehmen "gewaschen" (Mob-Jargon), teils auf Schweizer Nummernkonten transferiert.
Mit Timothy Learys Niedergang, seiner Flucht durch nordafrikanische Guerilla-Quartiere, den schweizerischen Underground und ins Haschisch-Paradies Afghanistan (wo er im Januar 1973 festgenommen wurde) endete auch das Glück des LSD-Syndikats.
Nachdem "Brotherhood"-Boten im Libanon und auf dem Flughafen von Los Angeles mit 800 Pfund Haschisch und 100 000 in der Schweiz abgehobenen "heißen" Dollar hochgegangen und in Idaho ein zur LSD-Fertigung bestimmtes Gerät beschlagnahmt worden waren, verhaftete die Polizei mehr als 100 verdächtige Personen. Ein Teil davon wurde zu Gefängnis bis zu 20 Jahren verurteilt.
Hitchcock ("Es hat mir Spaß gemacht, dem Establishment in die Fresse zu hauen") kam zunächst bei einem New Yorker Gericht wegen Steuerhinterziehung mit einer zur· Bewährung ausgesetzten Haftstrafe über fünf Jahre und 20 000 Dollar davon. "Aber glauben Sie nur ja nicht", so Drogenfahnder Sinclair in Washington, "daß unsere Ermittlungen schon abgeschlossen sind."
Timothy Leary, der für 15 Jahre im berüchtigten Folsom Prison einsitzt. soll laut "Village Voice" weitere Aussagen über seine Verbindungen zum Polit-Untergrund und zum Drogenring angekündigt haben, sofern er dadurch Strafmilderung erlangt. Vor kurzem gab er zu Protokoll, daß er nach seiner Freilassung "nie wieder für LSD oder andere Drogen werben" will.

DER SPIEGEL 39/1974
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