Von Mascolo, Georg
Ford, 61, wurde international bekannt durch den Erzählband "Eine Vielzahl von Sünden" und den Roman "Unabhängigkeitstag".
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SPIEGEL: Herr Ford, Sie und Ihre Frau haben bis ins vorige Jahr hinein in New Orleans gelebt. Nach der verheerenden Katastrophe gibt es erste Politiker, die öffentlich daran zweifeln, ob die Stadt je wiederaufgebaut werden sollte.
Ford: Das ist völlig unverantwortliches Gerede. Und einfach undenkbar.
SPIEGEL: Aber das Risiko weiterer zerstörerischer Hurrikane bleibt.
Ford: Jeder, der in dieser Stadt lebt, war sich stets ihrer sehr gefährlichen geografischen Lage bewusst. Jeder hat eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, die Bedrohung durch die Natur zu ignorieren. So wie die Menschen, die sich nach dem 11. September entschlossen haben, weiterhin in Manhattan zu leben. Die ständige Gefährdung hat zu einer besonderen Mentalität der Menschen von New Orleans geführt, die auch ihre guten Seiten hat. Aber sie hat auch zu einem gewissen Fatalismus geführt, wie sich beim Versuch der Evakuierung gezeigt hat.
SPIEGEL: Hat diese Gleichgültigkeit die Aufgabe erschwert?
Ford: Es gab viele Gründe, in der Stadt zu bleiben. Manche sind geblieben, weil sie gebrechliche Eltern haben, andere, weil ihr Kind krank war ...
SPIEGEL: ... oder weil sie arm waren und nicht wussten wohin.
Ford: Natürlich. Viele sind arm und haben nicht viel, nur ihr kleines Haus. Sie wollten ihr Haus nicht verlassen, sie wollten nicht alles verlieren.
SPIEGEL: Gleichwohl wussten die Behörden, dass sich ein tödlicher Hurrikan näherte. Ist es dann nicht ihre Pflicht, die Menschen zwangsweise zu evakuieren?
Ford: Da kommt unser Verständnis von Unabhängigkeit ins Spiel. So vorzugehen ist einfach nicht der amerikanische Weg. Wir Amerikaner schicken keine Soldaten in Privathäuser wegen einer Gefahr, die womöglich droht. Wir sagen den Menschen: Es ist keine gute Idee, hier zu bleiben. Sie sollten lieber gehen, aber wenn Sie bleiben wollen, können Sie bleiben.
SPIEGEL: Der Bürgermeister, die Gouverneurin, der Präsident haben gesagt: Ihr müsst fliehen. Warum setzt niemand diese Forderung durch?
Ford: Die Amerikaner trauen generell ihrer Regierung nicht besonders. Sie wollen sie nicht in ihrem Leben, sie wollen nicht vor sich selbst beschützt werden.
SPIEGEL: Zehntausende sind geblieben und wissen nicht, wie sie weiterleben sollen. Viele sind gestorben. Übernimmt jemand dafür die Verantwortung ?
Ford: Wir sind noch mitten in der Tragödie, aber jetzt ist nicht die Zeit für solche Fragen. Unsere Herzen sind schwer. Später werden wir darüber reden müssen, schon um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht.
SPIEGEL: Der Bundesstaat Louisiana hat seit Jahren versucht, mehr Geld aus Washington für den Deichschutz zu bekommen, Ihre Frau war bis vor einem Jahr Leiterin der Stadtplanung in New Orleans. Warum ist so wenig geschehen?
Ford: Die Menschen am Mississippi fordern schon seit Jahrzehnten die Verstärkung der Dämme. Meine Frau bestätigt das. Doch für eine Stadt wie New Orleans mit ihrer überwiegend schwarzen Bevölkerung, die zudem meist demokratisch wählt, ist es besonders schwer, Unterstützung aus Washington zu bekommen. Und wenn die Regierung das Geld dann auch noch selbst braucht, etwa weil sie gerade einen illegalen Krieg führt, passiert gar nichts. INTERVIEW: GEORG MASCOLO
DER SPIEGEL 36/2005
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