05.09.2005

IRAK

Tag der Einheit

Von Windfuhr, Volkhard

Das ganze Land trauert um tausend schiitische Pilger, die bei einer Massenpanik starben. Selbst die Sunniten gehen angesichts des Unglücks auf Versöhnungskurs.

An den schlammigen Ufern des Tigris suchten verzweifelte Iraker nach Überlebenden. Verletzte wurden abtransportiert, Leichen geborgen und gezählt. Und am Mittwochabend schon, noch am Tag der Katastrophe, herrschte traurige Gewissheit, dass etwa tausend Pilger ihre Wallfahrt zur Mussa-al-Kadim-Moschee, anlässlich des Todestages des siebten Imams der Schiiten, mit dem Leben bezahlt hatten.

Sie waren auf der Aimma-Brücke im Herzen Bagdads bei sengender Hitze zu Tode getrampelt worden oder in den Fluss gestürzt und dort ertrunken. Granatfeuer hatte die fromme Menge in äußerste Unruhe versetzt; Gerüchte über Selbstmordattentäter führten schließlich zur Massenpanik.

Ein Unglück dieser Dimension, mit solch erschreckenden Todeszahlen, schockierte selbst die leidgeprüfte irakische Nation - und die Ausnahmesituation führte prompt zu einem außergewöhnlichen Stimmungsumschwung. In der Stunde der Not näherten sich die rivalisierenden muslimischen Blöcke der Schiiten und Sunniten wieder einander an - was zuletzt kaum jemand mehr für möglich gehalten hatte.

Plötzlich bemühten sich Würdenträger der seit Saddam Husseins Sturz ins Abseits geratenen Sunniten um ihre schiitischen Mitbürger, die sie eigentlich des Separatismus verdächtigen: "Wir sind ein einig Vaterland", erklärte der einflussreiche Sunnitenführer Scheich Abd al-Ghafur al-Samarraï. "Die Missverständnisse der Politiker dürfen kein Hindernis für die Solidarität der Muslime aller Konfessionen und aller anderen Bewohner unseres Vaterlandes sein", sagte der Imam der sunnitischen Abu-Hanifa-Moschee.

Der zuletzt von Predigern beider Glaubensrichtungen befürchtete Ausbruch eines Bürgerkriegs scheint damit vorerst gebannt zu sein: "Schiiten sind unsere Brüder", skandierten sunnitische Freiwillige, die mit Verbandszeug und Medikamenten zur Unglücksstätte eilten.

Selbst aus der Sunnitenhochburg Falludscha, wo noch vor kurzem Bilder des Ex-Diktators und Schiitenfeindes Saddam provozierend durch die Straßen getragen wurden, kamen Hilfsgüter. "Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass uns weder Besatzer noch Terroristen auseinander dividieren können", beteuerte der radikale Schiitenführer Muktada al-Sadr.

Ob der Meinungswandel auch von Dauer ist, wird der Umgang mit dem von einer schiitisch-kurdischen Abgeordnetenmehrheit abgesegneten neuen Verfassungsentwurf zeigen. Das Dokument lehnten die Sunniten bisher vehement ab, weil es nicht nur den Kurden, sondern auch den Schiiten die Bildung einer autonomen Region erlaubt. Sunniten sehen das als Freibrief für die Zersplitterung des Irak: Eine solche Aufteilung würden viele von ihnen mit Gewalt zu verhindern suchen.

Deshalb trafen noch am Mittwoch Vertreter beider Glaubensgemeinschaften in Bagdad zusammen, um einen Ausweg aus der Verfassungskrise zu suchen. Sie wollen sich nun auf einen "nationalen Ehrenkodex" einigen. "Wir werden den Text so ändern müssen, dass Sunniten und Schiiten ihn akzeptieren können", befand Adnan al-Duleimi, Sprecher des Kongresses der Sunniten. Der Katastrophentag - ein Tag der neuen Einheit?

Auch die Amerikaner, die das Zustandekommen des Verfassungsentwurfs schon als Sieg der Vernunft gepriesen hatten, erkannten die politische Gunst des Augenblicks. Ihr Botschafter Zalmay Khalilzad überraschte die Iraker mit der Erkenntnis, der Wortlaut sei "nicht sakrosankt" - denn ein schiitisch-sunnitischer Waffengang würde das amerikanische Irak-Abenteuer womöglich endgültig zu einem raschen und unrühmlichen Abschluss bringen. VOLKHARD WINDFUHR


DER SPIEGEL 36/2005
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