05.09.2005

AUSSTELLUNGENDie Kunst, das bunte Tier

München trumpft mit einer Schau über Franz Marc auf, den Maler und Mitgründer der Avantgardegruppe „Blauer Reiter“. Mit ihr wollen die Bayern den Berliner Ausstellungserfolgen Paroli bieten.
Ursprünglich will er Theologe werden, entscheidet sich dann für ein Studium der Literatur, nur stört ihn bald das "verwünschte Lesen". Während seines Militärdienstes im Jahr 1900 beschließt der Münchner Künstlersohn Franz Marc, es mit der Malerei zu versuchen. Jetzt sei "gewiss, dass ich das Richtige für meine Natur gefunden habe". Überhaupt scheut der Mann vorschnelle Festlegungen. Er verliebt sich etwa gleichzeitig in eine Malerin namens Marie und in eine Kunststudentin namens Maria. Mit beiden beginnt er ein Verhältnis, beide wird er heiraten. Erst Marie, dann Maria.
Die Sommermonate 1906 verbringen alle drei - noch ledig und nervös - im oberbayerischen Kochel am See. Den oft besuchten Berg nennen sie bald "Thränenhügel". Hier malt Marc "mit glühendem Eifer" an dem lebensgroßen Bild "Zwei Frauen am Berg" - und teilt es in einem Akt der Zerstörung in zwei Hälften. Immerhin bleibt eine Vorstudie verschont.
Zehn Jahre nach diesem Sommer sollte er, gerade 36 Jahre alt, im Ersten Weltkrieg sterben: Im März 1916 wird er nahe Verdun durch einen Granatsplitter getötet. Der Maler und Mitbegründer der Avantgardetruppe "Blauer Reiter" hat ein auratisches Werk hinterlassen: Diese aufregend bunten Bilder von blauen Pferden und gelben Kühen, von Raubkatzen und Rehen lassen die Tiere kristallin erscheinen. Marcs Zeitgenossen bewunderten sie als "majestätisch", die Nationalsozialisten diffamierten die Gemälde als "entartet".
Die Zeit nach 1945 knüpfte an die frühe Verehrung an, und Marc wurde endgültig zu einem ziemlich deutschen Mythos, zum Inbild für die Kraft der frühen Moderne und für deren grausame Unterbrechungen.
Nun will das Münchner Lenbachhaus, ohnehin im Besitz einer beachtlichen Marc-Sammlung, den "charismatischen Künstler" mit großem Aufwand feiern - mit einer "sensationellen Anzahl" an Werken (über 200) und der "größten Retrospektive seit 1916"*. Das Haus rüste sich für ein "enormes Publikumsinteresse", sagt die Ausstellungsmacherin Annegret Hoberg.
Das klingt alles hübsch großspurig, doch schließlich hängt von dem Vorhaben und seiner Vermarktung viel ab - auch der Ruf Münchens als Kunstmetropole. Seit der Eröffnung der Pinakothek der Moderne 2002 ist es der Stadt nicht mehr gelungen, für richtig viel Aufsehen zu sorgen.
Stattdessen mussten die Bayern dabei zusehen, wie sich Berlin unerwartet zur eigentlichen Hauptstadt der Kunstevents und der Besucherrekorde entwickelte - etwa mit der MoMA-Schau, der Eröffnung der Flick-Collection und derzeit mit Werken des spanischen Altmeisters Goya in der Alten Nationalgalerie (SPIEGEL 27/2005). Dort ließen sich in den ersten sechs Wochen über 100 000 Besucher blicken.
München will die Berliner Erfolge mit dem weltbekannten Lokalhelden Marc locker übertrumpfen. Das Lenbachhaus hat für das Spektakel (dem Vorbild der Goya-Veranstalter folgend) eine Web-Seite www.franz-marc-2005.com eingerichtet.
Der vor der Haustür liegende Königsplatz wird als imposante Kulisse einbezogen. Dorthin, vor die klassizistische Triumpharchitektur der Propyläen, sollen für die Dauer der Schau etwa Museumsshop und Kassenbereich ausgelagert werden. Dazu stellt man begehbare Schachteln auf, an deren Außenwänden plakativ für das Großereignis geworben wird.
Viel Wirbel um den Märtyrer der Moderne also. Im Jahr 1980 gab es im Lenbachhaus bereits eine Schau zum Schaffen Marcs. Der neuen Ausstellung gingen langjährige Forschungen und die Erarbeitung eines neuen Werkverzeichnisses voraus.
Die Münchner wollen das Bild, das sich die Welt von diesem Künstler gemacht hat, kritisch befragen und sein Werk betont sachlich deuten - wohl auch, um die Ikone ein wenig vor ihren Bewunderern in Schutz zu nehmen.
Marc hat tatsächlich im 20. Jahrhundert eine "kultische Verehrung" erfahren, wie es im Katalog heißt, eine Verehrung mit fast schon volkstümlichen Zügen.
In Schau und Katalog will man jetzt wenig auf die Tragik des frühen Todes eingehen, auch nicht auf das Leben zwischen Boheme und ländlicher Abgeschiedenheit, und stattdessen Gehalt, Rätselhaftigkeit und Brisanz der Kunst analysieren - auch die Erkenntnis, dass ausgerechnet dieser Erneuerer der Malerei einen "deutschen Idealismus" fortschreiben wollte. Gemeint ist seine Bewunderung für die damals schon aus der Mode gekommenen Faun- und Satyrbilder Arnold Böcklins oder die dunkle Mythologie eines Hans von Marées.
Marc mochte vieles, was sich schwülstig gab. Genauso begeisterte er sich fürs Exotische und irgendwie Spirituelle, für alles, was neu war, für den Kubismus und den Futurismus etwa. Er bejubelte jene expressionistischen Kollegen, die man wegen ihrer verwegen bunten Farbmystik die "Wilden" nannte: Diese Leute würden "Symbole schaffen, die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören".
Überhaupt wirkte der Maler stets sehr ergriffen, er wollte ein Missionar vergeistigter Schönheit sein. Und gerade Nietzsches rigoroser Ästhetizismus hat ihn stark beeindruckt. In Anlehnung an dessen Radikalutopien forderte Marc eine "neue Weltanschauung": Der Mensch sei ebenso wie das Tier "ein Übergangsprodukt". Nietzsche schwärmte vom "Übermenschen", Marc vom "hohen Typus".
Der Kunsthistoriker Beat Wyss nannte Marc vor ein paar Jahren in einer polemischen Studie einen "spirituellen Faschisten". So weit gehen die Münchner nicht.
Sie konstatieren: Marc passte in seine pathetische, zugleich fortschrittsselige Zeit. Er war der Maler der Tiere, aber nicht des Idylls, vielmehr wollte er eine "Animalisierung der Kunst" erreichen, sich in das
"Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur" einfühlen. Seine Bilder wirken heftigemotional, doch die Tiere darauf erinnern nicht selten an die Kantigkeit expressionistischer Architekturvisionen.
"Das Bild ist ein Kosmos, der ganz anderen Gesetzen unterliegt als die Natur", schrieb der Künstler 1911. Damals begegnete er dem Maler Wassily Kandinsky, der dabei war, eine aufsehenerregende Kunstrichtung mitzuerfinden: die Abstraktion.
Marc zeigt sich begeistert - schließlich ist ja die Souveränität, mit der er Tiere bunt umfärbt und im Raum verteilt, eine Vorstufe abstrakter Ästhetik. Kandinskys Malerei, findet er, sei "ebenso prophetisch wie seine Worte". Beide sind fasziniert von dem, was sie "das Geistige", auch "das Mächtige" in der Kunst nennen, und gründen mit August Macke und der Malerin und Kandinsky-Gefährtin Gabriele Münter die kurzlebige, aber legendäre Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter".
Die markante Bildwelt Marcs wird noch kühner, er nähert sich der Abstraktion - und lässt sich von Groupies bewundern. Mit der Dichterin Else Lasker-Schüler beginnt er eine innige Korrespondenz. Sie fragt ihren "lieben, lieben, lieben, lieben blauen Reiter": "Können wir von anderem leben wie von der Liebe, von Blut und Seele?"
Dann zieht er wie viele seiner Generation einigermaßen begeistert auf die Schlachtfelder und notiert: "Uns hat der grosse Krieg erfrischt und befreit."
Andere, harmlosere Bemerkungen sollten im Laufe des 20. Jahrhunderts populärer werden, etwa die Frage: "Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund?"
Seine Witwe Maria Marc wurde zur resoluten Nachlass- und Imageverwalterin. In den von ihr verfassten Erinnerungen ist von der "Liebe und Hingabe" die Rede, mit der ihr Mann die Natur dargestellt habe. Als sie 1955 starb, hatte sie der Legende Marc die von ihr gewünschten Konturen gegeben.
Als besondere Tragik für die Kunstgeschichte gilt der Verlust eines der Hauptwerke Marcs. Sein "Turm der blauen Pferde" war 1919 für die Nationalgalerie Berlin angekauft worden, die Nazis haben es dann beschlagnahmt. Seit 1938 ist es verschollen. Viele Marc-Bewunderer haben über den Verbleib des Gemäldes spekuliert, wähnten es in Südamerika, Russland oder in einer Scheune irgendwo in Polen. 2001 verkündete das Kunstmagazin "Art": ",Turm der blauen Pferde' jetzt entdeckt". Das Bild werde in einem Zürcher Banksafe gelagert, so meldete man.
Und im Münchner Lenbachhaus erhält die Marc-Spezialistin Hoberg "sowieso regelmäßig die Botschaft, das Werk sei aufgespürt worden".
Dem Mythos Marc wird es seltsamerweise nicht schaden, wenn das Bild unauffindbar bleibt. ULRIKE KNÖFEL
* 17. September bis 8. Januar. Katalog im Prestel Verlag, München; 336 Seiten; in der Ausstellung 28 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 36/2005
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