05.09.2005

INTERNETEroberer im Cyberspace

Zu schnell, zu mächtig, zu gierig? Seit dem Börsengang vor einem Jahr hat sich Google zum expansionshungrigen Medien-Kraken gewandelt, der sich von der Außenwelt abschottet. Die einstige Campusfirma hat ein Imageproblem: Sie ist zu erfolgreich geworden.
Wie groß ist das Internet? Diese fast schon philosophische Frage bewegt Wissenschaftler und Computerfans weltweit. Universitäten von Iowa bis Pisa haben sich in das Thema vertieft. Schätzungen schwankten in der Vergangenheit zwischen 200 Millionen und 2,2 Milliarden Seiten. Als sie schließlich bei sagenhaften 550 Milliarden anlangten, ging das Rechnen in Raunen über - von den "unendlichen Weiten" des irdischen Cyberspace.
Seit August gibt es eine neue Zahl, und die sorgt für hässlichen Streit im Silicon Valley: Exakt 19,2 Milliarden Web-Dokumente haben die Experten von Yahoo in ihrem Datenbestand gezählt - eine bislang unerreichte Menge an recherchierbaren Informationen. "Wir sind stolz auf die Leistungen unserer Ingenieure", jubelte Yahoo-Manager Jeff Weiner auf einer Fachkonferenz im kalifornischen Santa Clara, als hätte er gerade das Universum kartografiert.
Der große Konkurrent Google reagierte verschnupft. Wurde die nach eigenem Verständnis größte, erfolgreichste und zudem coolste Internet-Suchmaschine der Welt eiskalt überholt? Larry Page und Sergej Brin, die Firmengründer, ließen Zehntausende Suchanfragen durch die Yahoo-Systeme jagen, dann wiesen sie den Führungsanspruch des Konkurrenten empört als unbewiesen zurück.
Das kleinkarierte Scharmützel ist so absurd, als würden die Elite-Hochschulen Harvard und Yale öffentlich um die Zahl der Bücher in ihren Bibliotheken zanken. Aber es zeigt, womit Google, allen Rekorden zum Trotz, inzwischen zu kämpfen hat: mit aggressiver Konkurrenz im Aufholfieber und mit einer launischen Internet-Gemeinschaft, die ihr Garantieversprechen auf andauernden Google-Enthusiasmus kühl zurückzuziehen scheint.
Datenschützer warnen vor Allmacht und Schnüffelmöglichkeiten der Google-Jungs im eigenen Datenimperium. Medienkonzerne beklagen ihre Gefräßigkeit.
Zwar haben die Überflieger aus dem kalifornischen Mountain View in den vergangenen zwei Wochen immer neue Meilensteine präsentiert: erst eine Firmenübernahme, dann neue Produkte und schließlich eine zweite Aktienemission, die weitere Milliarden erlösen soll. Doch der Funke ist nicht übergesprungen. Statt Jubel und Bewunderung prasseln diesmal Fragen und Kritik auf Google nieder.
"Wird die sieben Jahre alte Firma zu schnell zu groß?", fragt der "Guardian" aus London besorgt. Die "Financial Times Deutschland" beschreibt ihre "gnadenlose Vorherrschaft". Und die "New York Times" gibt sogar Entwarnung für Bill Gates, den jahrzehntelangen Lieblingsfeind der Computerbranche: "Jetzt ist Google als Bösewicht dran."
Nur ein Jahr nach dem Börsengang ist die einst sympathisch-unkonventionelle Firma zum bedrohlich-undurchschaubaren Riesen geworden. Die Gründer schotten sich ab, Journalisten werden auf Abstand gehalten, die eigenen Aktionäre über die Strategie im Unklaren gelassen.
Die einst so schlichte Suchmaschine mit dem eingängigen Firmenzweck, "die Informationen der ganzen Welt zu organisieren und allgemein zugänglich zu machen", hat sich zum expansionshungrigen Konzern gewandelt, der mit gewaltigen Personal- und Geldressourcen neue Märkte erobern will - und dabei das eigene Image vergoogelt.
Brin und Page schlägt deshalb zunehmend eine Mischung aus Misstrauen und Furcht entgegen, dabei wollten sie genau das mit aller Kraft vermeiden. "Sei nicht böse" lautet ihre Unternehmensphilosophie.
"Google ist keine konventionelle Firma, und wir wollen auch keine werden", versprachen sie, bevor sie im August 2004 erstmals Aktien an die Börse brachten. In Stellenanzeigen preisen sie ihr Firmengelände, den Googleplex, als das "revolutionärste Arbeitsumfeld der Welt".
Den zwei Wunderkindern, die sich 1995 auf dem Campus der Stanford Universität kennen lernten, ist bis jetzt alles gelungen. Während die New Economy um sie herum zusammenbrach, bauten sie die größte Suchmaschine des Internet. Als Medienkonzerne Milliarden im Netz versenkten, verdienten sie bereits mit Online-Reklame. Inzwischen sind ihre Werbeeinnahmen sogar größer als die der New York Times Media Group. Die Börse hatte sich kaum vom Ende der Internet-Hysterie erholt, da sammelten die beiden unscheinbaren Programmierer an der Wall Street bereits über eine Milliarde Dollar ein.
Schon lange vorher hatten Kulturwissenschaftler die ganze Welt zur "Google-Gesellschaft" erklärt, ihre Gründer wurden als eine Art Gebrüder Gutenberg des 21. Jahrhunderts gefeiert. Die Duden-Redaktion nahm "googeln" in ihr Wörterbuch auf. Und der Verleger Hubert Burda ("Bunte", "Focus") erklärte Google zum "perfektesten Wissensinstrument, das es gibt".
Über die Hälfte aller Internet-Konsumenten nutzen die derart gefeierte Maschine für ihre Recherchen. Zwei Milliarden Mal pro Monat heißt es bei Google: Such, Maschine! Trefferlisten werden von den Servern in Sekundenbruchteilen ausgespuckt und neben der dazu passenden Werbung platziert, denn damit wird das große Geld verdient. Nur wer nach hartem Alkohol ("vodka") oder Feuerwaffen ("guns") stöbert, bleibt von Reklame verschont: Entsprechende Annoncen würden mit dem Firmengesetz kollidieren, "die Welt zu einem besseren Platz zu machen".
Das Kleinanzeigengeschäft hat sich als überaus profitabel erwiesen, allein im letzten Jahr haben sich die Umsätze verdoppelt (siehe Grafik), und hier liegt das Problem: 99 Prozent aller Konzerneinnahmen stammen aus diesem Bereich. Doch dessen Potential gilt als begrenzt. Spätestens 2007 ist dem US-Marktforschungsinstitut Forrester Research zufolge die Wachstumsgrenze erreicht. Vorstandschef Eric Schmidt, der das Unternehmen zusammen mit den beiden Gründern führt, muss deshalb dringend neue Geldquellen suchen, um das Börsenfieber hochzuhalten.
Damit das zumindest an den Finanzen nicht scheitert, hat das Führungstrio Mitte August einen weiteren Börsengang beschlossen. Vier Milliarden Dollar soll das bringen. Die schon jetzt mit drei Milliarden Dollar gefüllten Kassen sind für Eroberungsfeldzüge also bestens bestückt. Fragt sich nur: Wohin mit dem Geld?
Zwischen Bangalore in Indien und dem Silicon Valley an der US-Westküste gehört dies zu den wahrscheinlich am meisten diskutierten Rätseln. Denn Google selbst schottet sich ab.
Für die Börsenaufsicht und die Öffentlichkeit hält das Unternehmen inzwischen nur noch unverbindliche Statements parat. "Hauptzweck dieses Angebots ist es, zusätzliches Kapital zu gewinnen", heißt es da zum Beispiel lapidar.
Die beiden Superstars der Internet-Ökonomie haben es sogar geschafft, die Transparenzerwartungen der Wall Street zu ignorieren - bislang ungestraft. Die Aufstellung
von Umsatz- und Gewinnprognosen halten die Chefs für Zeitverschwendung. Stattdessen wenden sie sich alle zwölf Monate per Brief an ihre Aktionäre.
Ein Höhepunkt des diesjährigen Schreibens war der neue Vergütungsplan für Angestellte. Nicht einmal Absender Brin fand das "besonders spannend".
Auf einer Analystenkonferenz im vergangenen Februar kam ihr oberster Finanzchef - in anderen Firmen der Star einer solchen Veranstaltung - kaum zu Wort. Auf konkrete Zahlen ging er dabei erst gar nicht ein. Warum auch? Sein Aktienkurs hat sich auch ohne weitere Informationen seit dem Börsengang verdreifacht.
Elinor Mills ist Reporterin bei der amerikanischen Online-Fachredaktion "Cnet". Vor sechs Wochen berichtete sie dort über den verschwiegenen Vorstandschef Schmidt. Was sie herausgefunden hatte, war eigentlich wenig spektakulär: Der Mann wohnt demnach im reichen Atherton, sein Aktienpaket ist etwa 1,5 Milliarden Dollar wert, und im US-Wahlkampf 2000 hat er bei einem Fundraising-Dinner 10 000 Dollar für die Demokraten gespendet - Al Gore und Gattin Tipper tanzten dabei zur Musik von Elton John.
Das alles hatte Mills nach eigenen Angaben nicht durch raffinierte Hintergrund-Recherchen zutage gefördert, sondern schlicht durch 30-minütiges Googeln. Schmidts Kommunikationstruppe war dennoch empört und hat die gesamte Redaktion kurzerhand mit einer einjährigen Nachrichten- und Kontaktsperre bestraft.
Eine drakonische Maßnahme, wenn man bedenkt, dass kaum ein Internet-Unternehmen in so kurzer Zeit so viel Geld mit dem Bereitstellen von Informationen verdient hat. Doch in eigenen Angelegenheiten gibt sich ausgerechnet Google zugeknöpft wie sonst nur Geheimdienste oder Rüstungskonzerne im Kalten Krieg. Anfragen werden von der streng hierarchisch organisierten Pressestelle mitunter erst Wochen später beantwortet.
Dabei gibt es zum Beispiel in Sachen Datenschutz großen Informationsbedarf. Weil Google die Daten und das Surfverhalten der Nutzer über sogenannte Cookies bis zum Jahr 2038 nachvollziehen kann, wurde die Firma in den USA schon für den "Big Brother Award" nominiert - eine Art Strafpreis der amerikanischen Datenschützer. Auch die elektronische Post der Kunden in Googles E-Mail-Programm kann automatisch mitgelesen und auf werberelevante Begriffe durchsucht werden.
Missbrauchsfälle wurden bislang nicht bekannt. Laut Google geht es nur darum, die Nutzer mit maßgeschneiderter Reklame zu versorgen. Organisationen wie "Google Watch" schlagen dennoch Alarm.
Selbst im deutschen Bundestag wurde das Allwissen der neugierigen Suchmaschine schon zum Thema. "Nutzerinnen und Nutzer können sich kaum dagegen wehren", heißt es in einer Studie der Grünen. Insbesondere das E-Mail-Angebot verstoße gegen das deutsche Fernmeldegeheimnis, weil es, so die Grünen, "keinen Unterschied macht, ob eine Maschine oder ein Mensch die Mails mitliest".
Für noch mehr Unruhe sorgen indes die vielfältigen neuen Aktivitäten des Konzerns. Neben Google Mail und Google News, einer vollautomatischen Nachrichtenmaschine, ist vor wenigen Wochen Google Earth auf den Markt gekommen: Das satellitengestützte Programm kann in Sekundenschnelle Luftbilder jedes Erdfleckens auf den Bildschirm zoomen.
Ein neues Instant-Messaging-Programm soll neben unkompliziertem Chatten auch Internet-Telefonie ermöglichen. Das sogenannte Desktop 2 schließlich ermöglicht die sekundenschnelle Datensuche auf der eigenen Festplatte und arbeitet überdies als persönliche Informationszentrale inklusive Wetter-, Börsen- und Fotoservice; ein vergleichbares Microsoft-Produkt steckt noch in der Entwicklung.
Das alles ist elegant entwickelt und umsonst - und es hält die Konkurrenz von AOL bis Yahoo auf Distanz. Folgt als Nächstes der Einstieg ins Handy-Geschäft? Eine Megafusion? Oder wird aus der einst puristischen Suchmaschine ein Telekommunikationskonzern, der - wie derzeit schon im Zentrum von San Francisco begonnen - kabellosen Internet-Zugang offeriert? Und vor allem: Wofür sammeln die Google-Jungs schon wieder Milliarden an der Börse ein?
Zumindest die letzte Frage ist schnell geklärt, wenn man dem "Wall Street Journal" glaubt. Es hält die Aktie schlicht für heillos überbewertet und sieht bei Google deshalb nur ein Motiv: "Noch mehr verkaufen, und zwar schnell. Bevor die Vernunft an den Kapitalmarkt zurückkehrt." FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 36/2005
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