16.12.1974

RUNDFUNKTrojanisches Pferd

Kalauerspezialist Henning Venske tritt als Moderator der TV-„Musik aus Studio B“ ab und als Schallplattenkünstler auf. Seine LP „Morddeutscher Buntfunk“ ist eine Satire auf das NDR-Radioprogramm.
Weltstars wie Charles Aznavour, Georgie Fame und Albert Hammond verschönen, am Montag nächster Woche, im Deutschen Fernsehen ein Finale: Nur noch einmal wird Moderator Henning Venske, 35, zur "Musik aus Studio B" seine Gags, Blackouts und Kalauer zelebrieren; dann tritt er ab.
"Ein ganz normaler Abschied", ist dazu aus dem Hamburger Funkhaus zu hören: "Ein Vertrag", so Redakteur Horst Wernstedt" "läuft einfach in beiderseitigem Einvernehmen aus." Auch NDR-TV-Unterhaltungschef Harald Vock beteuert: "Querelen gab es nicht."
Vielleicht keine Querelen, aber "eine leichte Verstimmung" bei seinen TV-Arbeitgebern hat der freie Mitarbeiter Venske im Schlußgespräch immerhin verspürt. Denn der Moderator hatte das eigene Nest bekleckert, indem er -- im September im hessischen Jugendmagazin "Diskuss" -- die von ihm selbst angesagte ARD-Schlagerschau "dumm und überflüssig" schalt. "Wollt ihr euch das gefallen lassen?", wurden die Hamburger Mattscheiben-Entertainer daraufhin von Kollegen auf einer Abteilungsleitersitzung gefragt.
Insider vermuten nun, der Spott-Tropfen im Hessischen habe Venskes Faß zum Überlaufen gebracht. "Wenn man das Maul so weit aufreißt wie ich", deutet er selbst vorsichtig an, "fängt man sich natürlich auch den Ärger ein." Und seit er nach eigener Einschätzung "als eine Art Trojanisches Pferd auf der Spielwiese des Unterhaltungsgeschäfts grast", hat er den Mund wahrlich immer sehr weit aufgemacht.
Schlagersängern und ihren Betreuern gefiel es beispielsweise nicht, daß der zum Anpreisen bestellte Show-Master dem Publikumsliebling Roy Black in "Studio B" einmal ein kerniges "Schmalz, Gott erhalt's" nachrief. Ein Black-Sangesbruder war über Venskes Ansagetext nicht froh: "Sie kennen doch alle das jugoslawische Nationalgericht? Cevapcici. Das sind so kleine braune Würstchen. Bata Illic."
Nur ungern hörten sich die Damen des Hamburger Fernsehballetts als "Suppenhühner" angesprochen. Auf die süffisant vorgebrachte Behauptung, die Christian-Anders-Melodie "In den Augen der andern" sei mit dem amerikanischen Paul-Anka-Hit "Lonely Boy" so gut wie identisch, reagierte Anders recht gekränkt.
Auch als der NDR die "Musik aus Studio B" ab Anfang 1974 nicht mehr live aufzeichnete und Venske aus der Konfrontation mit Stars und Publikum entließ, ulkte der Kalauerkönig in vorfabrizierten Filmspots weiter auf Kosten der Unterhaltungsindustrie. Er quetschte eine verformte Schlagerplatte durch eine Wäschemangel und blödelte, nun könne man sehen, "daß gute Platten Mangelware sind". Er demonstrierte den bei der ZDF-"Hitparade" gewünschten Mitklatsch-Effekt mittels einer Dampframme und mokierte sich über das Besetzungsprinzip für TV-Shows: Redakteure werfen Pfeile auf Plakate mit Star-Porträts; getroffene Interpreten werden gebucht.
Show- und Schlagermacher ließen den Hohn mit gequältem Lächeln über sich ergehen; Venske galt schließlich als Medien-Attraktion. Seit der Ex-Germanistikstudent, Schauspieler und Regieassistent das NDR-Hörfunkpublikum schon zum Frühstück mit Schnodderscherzen erfreut ("Der Hörer früh gemütlich frißt, der Rundfunk liefert friedlich Mist"), ist Radiohoren im Norden wieder in.
Vielen Unterhaltungskunden ist sein pointierter Blödsinn allerdings auch "zu albern" oder schlicht zu hoch; Venske gilt zahlreichen Zeitgenossen als arrogant. Doch zumindest im Sendegebiet des NDR kennen ihn die meisten. Von seiner 1972 erschienenen Sprüchesammlung "Gestammelte Werke" wurden, nach Plakatwerbung in Hamburger U-Bahnen, binnen kurzem 24 000 Exemplare abgesetzt.
Weder der CDU-Vorwurf, er habe in einer Kindersendung (Thema: Chile) "indoktriniert", noch die Attacke einer Boulevardzeitung, er verbreite auf der Erotik-LP "St. Pauli Nachrichten" Pornographie, konnten ihn als NDR-Mitarbeiter kippen. Dazu ist er als Satiriker am Mikrophon zu populär und als Sprecher für alle Gelegenheiten wohl zu gut.
Bequem freilich war er seinen Auftraggebern nie. Als die Plattenfirma Polydor ihn als Sänger verpflichtete und ihm für die Single "Es gibt keinen Weg" Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 vom Monteverdi-Chor und Musikern der Hamburger Staatsoper aufschäumen ließ, soff er bis zur Aufnahme und verhunzte das kostbare Arrangement mit einer Stimme "wie ein altes Motorrad". Auf seine jüngst veröffentlichte Parodie-LP "Morddeutscher Buntfunk", die er den NDR-Funkchefs zuschicken ließ, hört er im Sendegebäude seither nur gesammeltes Schweigen.
Verständlich. Denn Venske veralbert in diesem Zerrbild eines kompletten Rundfunkprogramms zwischen Stationsansage und Schlummermusik nicht nur die "Deutsche Hitparade", den "Jazz für Kenner" und die "Erbschleichersendung" genannten "Glückwünsche mit Musik". Er vergeht sich auch an Programmpunkten, die Funk-Funktionären heilig sind: Morgenandacht, Nachrichten, Werbefunk. Der frommen "Übernahme vom katholischen Buntfunk Saarbrücken", einem erbaulichen Vergleich von Menschen und Vögeln, gibt er durch dezente Fehlbetonung einen heimtückischen Doppelsinn. Seine Nachrichten sind so beschaffen, wie sie -- da zu kompliziert formuliert -- wohl wirklich ein Großteil der Bevölkerung im Radio hört: ein mit Fremdwörtern überfrachteter Wortsalat.
In den Werbespots schließlich wird wohlbekannte Industriereklame bis zum Nonsens überdreht: "Pilotenfrauen lieben Landedas. Landedas, damit sich Pilotenfrauen sicher fühlen." Pathos und Scheinheiligkeit der Ätherwerbung macht Venske lächerlich: "Deutsche Eichenbowle. Auch auf Beerdigungen immer ein Grund zum Prostspenden. Eichenbowle. Nur echt mit dem Bowlerhut."
Mit derlei Sprüchen will Henning Venske auch nach seinem Abschied vom "Studio B" die "kaum mit Humor gesegnete" Unterhaltungsbranche erfreuen. Doch auf Medien und Plattenmarkt, auf den Kalauer und die kleine Blödelform möchte er sich nicht mehr so ausschließlich kaprizieren. Ein Buch mit zum Teil längeren Prosatexten ist eben erschienen: "Posa & Damen".
Und solange ihm die Programmdirektion nicht das Mikrophon abschaltet, wird er auch weiterhin das norddeutsche Radiopublikum informieren: "Hier ist NDR II. Oder hatten Sie Schlimmeres erwartet?"

DER SPIEGEL 51/1974
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