17.06.1974

Eine Zukunft für die Vergangenheit

Der moderne Städtebau habe versagt, so gestehen Stadtplaner und Architekten -- nun kämpfen sie um die Erhaltung der historischen Altstädte, in denen sie neuerdings Vorbilder für die Stadt der Zukunft sehen. Doch das Schicksal der alten Metropolen ist ungewiß: Die verwinkelten Idyllen haben sich in Gastarbeiter-Gettos verwandelt und sind von Verfall bedroht. Sanierungsversuche sind bislang gescheitert. Kommen die jüngsten Rettungsversuche zu spät?
An ihren Namen -- sagenumwoben, kulturträchtig, weltbekannt -- haften Märchenglanz und Glorie längst versunkener Epochen. Und in den Gassen von Lübeck, Augsburg, Bamberg und Regensburg, Tübingen oder Heidelberg weht immer noch der Geist der Hanse, der Fugger und Weiser, deutscher Kaiser und Könige oder romantischer Burschenherrlichkeit.
So steht es, meist auf Glanzpapier, in Prospekten und Festschriften. Doch was die historischen Genrebilder verklärend beschwören, versteckt sich vor Ort hinter Auspuffgewölk, Bauzäunen und parkendem Blech.
Ober den Bamberger Domplatz rumpein, im Kutschen-Tempo, lange Autobuskarawanen. In Regensburg wachsen unter zerbröckelnden Erkern und Giebeln ("Vorsicht Steinschlag") Schutthaufen. Stützbalken halten die Fassaden verschnörkelter Patrizierhäuser, in denen der Schwamm sitzt -- pittoreske Slums, durchweg bewohnt von mittellosen Randgruppen der Industriegesellschaft: Rentnern, Gastarbeitern, Studenten.
Wo noch vor wenigen Jahrzehnten Butzenscheiben auf eine zeitlose Biedermeier-Idylle blickten, rattern Preßlufthämmer und Schaufelbagger. Klotzige Zweckbauten -- Parkhochhäuser, Kaufhausblöcke und Bürosilos -- entstellen längst die Silhouette der ehemaligen Residenzen und Reichsstädte. Türme und Torbogen, Stiegen und Zinnen, die unversehrt die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs überstanden, sind nun vom Untergang bedroht.
Aber andererseits: Inmitten der Agonie haben unversehens die alten Städte an Anziehungskraft gewonnen. Zahlreicher denn je pilgerten in den letzten Jahren die Urlaubsdeutschen zum Bamberger Reiter, zum Dom von Regensburg, zieht es die Bürger von Augsburg und Lübeck abends aus tristen Vorstadtvierteln in den historischen Kern ihrer Heimatstädte, wo Plätze, Kneipen und Kaufläden überfüllt sind und oft schon am Nachmittag in Barockgewölben Rock-Rhythmen dröhnen. Und während Bürgermeister und Stadträte überall zwischen Lübeck und Augsburg im Kampf um die Altstadt-Quartiere schon erlahmen, strömen ihnen neuerdings von allen Seiten Helfer zu; die Rettung der alten Städte ist für die Deutschen offenbar zum nationalen Anliegen geworden:
* In den meisten westdeutschen Städten streiten Bürgerinitiativen für die Bewahrung der historischen Stadtkerne -- die Altstadt-Sanierung wird immer häufiger zum Zentralthema der Kommunalpolitik.
* Presse und Fernsehen unterstützen die Stadtvolk-Bewegung mit alarmierenden Extra-Beiträgen -- das ZDF-Magazin "Aspekte" etwa schildert den Notstand der Altstädte gegenwärtig in einer Sonder-Serie (Motto: "Bürger, rettet eure Städte").
* Der "Bund Deutscher Architekten" (BDA) bekannte sich im letzten Monat auf einem Treffen in West-Berlin (Tagungsthema: "Milieu") zu der Überzeugung, daß im Städtebau nunmehr die Sanierung der Altbauviertel den Vorrang haben müsse -- wichtiger als die Errichtung immer neuer Trabantenstädte, so postulierten die BDA-Baumeister, sei die Erhaltung historisch gewachsener Siedlungskerne mit ihrem jeweils unverwechselbaren Milieu.
* Drei Städte mit den größten zusammen hängenden Altstadt-Quartieren Westdeutschlands -- Lübeck, Bamberg und Regensburg -- haben sich jüngst zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und wollen gemeinsam ein Sanierungs-Modell entwerfen; in einer Denkschrift haben sie zunächst versucht, das Problemknäuel zu entwirren, Prioritäten zu setzen und Zielvorstellungen für die Restaurierung der Altbaugebiete zu entwickeln.
* Das deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz schließlich hat ein Rettungsprogramm für vorerst fünf "Modellstädte" -- Berlin, Xanten, Trier, Alsfeld und Rothenburg ob der Tauber angeregt, das exemplarisch Mittel und Wege zur Heilung der siechen Gemeinwesen aufzeigen soll.
Eingerahmt werden die binnendeutschen Aktionen und Planspiele von einer Art weltweiter Erweckungsbewegung, die der Stadtbevölkerung den Sinn für die steinerne Hinterlassenschaft der Vorfahren schärfen will. So hat der Europarat unter der Parole "Europas Erbe" das Jahr 1975 zum "Europäischen Denkmalschutzjahr" erklärt.
Nahezu über Nacht entdecken derzeit Bürger und Bürgermeister. Baubeamte und Politiker ihre Passion für eine Sache, die bislang fast ausschließlich von eher bespöttelten Heimatvereinen, Denkmalschützern oder Kunsthistorikern verfochten wurde. Einträchtig fordern sie nun, was der Europarat soeben in die Formel faßte: "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit."
Zwar, die allenthalben jäh aufkeimende Liebe zum historischen Bauerbe kommt nicht von ungefähr. Unverkennbar entspringt sie dem wachsenden Ekel vor jenen babylonischen Steinwüsten, die von zeitgenössischen Architekten allzu lange als das Nonplusultra modernen Städtebaus ausgegeben wurden. "Der Kern unserer alten Städte mit ihren Domen und Münstern muß zerschlagen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden" -- in dieses radikale Kredo faßte vor Jahrzehnten der französische Architektur-Papst Le Corbusier die Kahlschlag-Ideologie einer Generation von Stadtplanern, die an die Stelle muffiger Bürgerstuben, lichtloser Hinterhöfe und Mietskasernen aus der Gründerzeit luftige Hochhauten, zweckmäßig konstruierte Wohnmaschinen oder umgrünte Eigenheimsiedlungen setzen wollte.
Gipsspione im Gemäuer registrieren den Verfall.
Doch was aus der Ära der "geistigen Stadtzertrümmerer" ("Frankfurter Allgemeine") in die Gegenwart hineinragt, gilt inzwischen bei Laien und Fachleuten eher als Bankrotterklärung in Stahl, Glas und Beton. Spätestens seit Alexander Mitscherlichs Lamento über die "Unwirtlichkeit unserer Städte", erschienen 1965, vertiefen sich die Stadtplaner sehnsüchtig in die anheimelnde Physiognomie nicht nur mittelalterlicher Stadtbilder; auch Gründerzeit-Viertel und Jugendstilfassaden erscheinen ihnen jetzt in einem neuen, wärmeren Licht.
Die Zeit sei reif, so sorgt sich etwa Burkhard Greger, Baurat in Oberbayern, dem "Trend einer gestalterischen Einebnung" im Städtebau entgegenzuwirken. Die Gefahr" "Köln und Hamburg könnten sich eines Tages nur noch dadurch unterscheiden, daß diese Städte am Rhein und an der Elbe liegen", signalisiere "kulturellen Verfall".
"Alte Städte", warnte auch die Architektur-Kritikerin Anna Teut, "mussen nicht sterben"; es sei "vernünftig, sie zu erhalten und zu erneuern" -- anderenfalls werde "Stein um Stein aus dem historischen Gefüge herausgebrochen, bis schließlich nichts mehr übrigbleibt als Traditionsinseln, Feigenblätter einer allgemeinen Barbarei".
Noch entdecken die Mahner in den bereits arg ramponierten Altbau-Quartieren wenigstens Spuren einst blühender Stadtkultur -- etwa im Gewirr der "Gänge" und "Höfe" von Alt-Lübeck, wo überwiegend Witwen und Rentner beschaulich ihren Lebensabend verbringen: nicht anonym und isoliert, sondern in trauter Nachbarschaft. Dort begegnen die Alten, beispielsweise in historischen Kneipen wie "Buthmann's Bierstube" auch der Lübecker Jugend, die sieh gern im behaglichen Altstadt-Milieu zu Polit-Diskussionen oder Zechabenden mit Shanty-Gesang einfindet.
Auch in Bamberg oder Regensburg gehört ein Altstadt-Bummel zu den bevorzugten Freizeitvergnügungen. In Regensburg flanieren Teenager in Scharen durch die verräucherten Gassen zum Treffpunkt in einer der zahlreichen Pinten, in Bamberg sind die altdeutschen Rauchbier-Lokale wie das "Schlenkerla" oder das "Hofbräustübl" in der Dominikanerstraße bis weit nach Mitternacht überfüllt -- auch wenn Fußball-Obertragungen im Fernsehen anderswo die Straßen leerfegen.
Und sogar in den Gastarbeiter-Gettos der Altstädte sehen die Städtebau-Kritiker zumindest einen Abglanz intakten urbanen Lebens, so etwa in den Gassen des Italiener-Viertels von Alt-Mainz, das von Musiklärm" Kindergeschrei und südländischem Palaver erfüllt ist; oder im Türken-Quartier der Lübecker Altstadt (Ortsansässige: "Da oben ist Ankara"), wo orientalisches Treiben quirlt. Dort pinseln, zum Beispiel in der Hundestraße, schnauzbärtige Altbaubewohner ihre Hauswände liebevoll rosa und resedafarben an, wie es daheim in der Türkei Landessitte ist.
Aber weder Tünche noch die menschenfreundliche Aura der Altstädte können verdecken, daß die gemütvolle Kulisse zerbröckelt. Neben dem Regensburger Rathaus beispielsweise überspannen Stützgerüste wie Brücken die Straße. In Bamberg. wo mancherorts ganze Häuserzeilen vor dem Kollaps stehen, saugen sich die Sandsteinbauten wie Schwämme mit Wasser voll; die Behörden las. sen sogenannte Gipsspione ins rissige Gemäuer spritzen, um kontrollieren zu können, wie die Bauten allmählich dahinsiechen.
Mit Erschrecken registrieren Experten, daß der Verfall immer rascher fortschreitet: Ätzende Abgasschwaden greifen den Sandstein an, die pausenlosen Erschütterungen durch den Straßenverkehr zermörsern gleichsam das mürbe Mauerwerk der oft jahrhundertealten Bauwerke. Einzig rasche Sanierung, so drängen die Fachleute, könne helfen, auch nur einen Teil der bedrohten Bauten zu retten.
Doch die Rettungs-Chancen stehen schlecht. "Viele Verwundete, zuwenig Medikamente", so umschreibt es der Bamberger Baureferent Gerhard Seifert: "Die Verwundeten sterben, bevor mit der Operation überhaupt begonnen wird."
Was Verantwortliche wie Seifert an Linderungsmaßnahmen bislang anzubieten hatten, gemahnte teils an Sterbehilfe, teils an verstümmelnde Radikalkuren. Die bestehenden Gesetzesbestimmungen und die knappen Gemeindefinanzen erlaubten überall grundsätzlich nur zwei Behandlungsweisen, die im Fachjargon als "Objektsanierung" und "Flächensanierung" definiert werden.
Unter Objektsanierung verstehen die Experten die Restaurierung einzelner, meist historisch besonders wertvoller Bauwerke oder vergleichsweise kleiner Altstadt-Details, die etwa als Touristen-Attraktion einen Ruf genießen -- gewissermaßen nostalgische Nischen von eher musealem Charakter. Flächensanierung dagegen bedeutet: Abriß kompletter Häuserreihen und Neubau, häufig mit dem Ergebnis, so Baurat Greger, "daß die sanierten Bereiche dann so aussehen wie die heutigen Neubaugebiete".
"Fassadenkosmetik oder Amputation" -- mehr als diese kärgliche Alternative, so klagen die Sanierer, habe auch das 1971 verabschiedete Städtebauförderungsgesetz nicht eröffnet. Das Reformwerk. mühsam genug zustande gekommen, verpflichtet den Bund und die Länder, sich mit jeweils einem Drittel an den Altbau-Sanierungskosten zu beteiligen. Zahlen müssen Bund und Länder aber erst, wenn zuvor die Kommunen ihr Drittel aufgebracht haben. Die allerdings, chronisch finanzschwach, verfügen meist nur über einen Sanierungs-Etat, mit dem oft nicht einmal die notwendigsten Flickarbeiten zu bewältigen sind.
In Bamberg (250 Hektar Altstadt), Regensburg (110 Hektar) oder Lübeck (100 Hektar) konnten bis heute von den jeweils zwischen 600 und 1000 schutzwürdigen Altbauten nur einige Dutzend gründlich saniert werden, in Lübeck beispielsweise nur drei Straßenzüge und insgesamt sechs Einzelobjekte. in Regensburg werden derzeit etwa zwei Hektar Altstadt restauriert, mithin knapp zwei Prozent der sanierungsbedürftigen Bauten.
Für eine Totalsanierung. jedoch würden die Städte, jede für sich, über eine Milliarde Mark benötigen. Beträge in etwa derselben Höhe haben inzwischen auch Städte wie Heidelberg oder Trier errechnet -- die Gesamtsumme, bisher noch unkalkulierbar, erscheint den Vorkämpfern für einen humaneren Städtebau keinesfalls zu hoch angesichts der Vorteile. die eine Erhaltung der historischen Stadtkerne zu bieten hätte. Historische Stadtkerne vom Verkehrsinfarkt bedroht.
"Wir brauchen diese alten Städte als Erkenntnisquelle für die Gestaltung der zukünftigen Stadt", so wirbt der Bamberger Baureferent Seifert. Mit dem "Zerfall ... der letzten, vom Krieg weitgehend verschonten deutschen Altstädte", glaubt er, "ginge das "Knowhow" des Städtebaus in diesem Lande verloren".
Es gehe, so Seifert weiter, nicht darum, "Ortsfremden das Ambiente für eine kurz befristete Urlaubsromantik" zu sichern oder "photogene Kulissen" zu renovieren. Auch könne es nicht Ziel der aufwendigen Rettungsaktionen sein, die Altstädte zu "mumifizieren" und kommenden Generationen "ein Museum zu hinterlassen".
Vielmehr wollen Seifert und mit ihm eine Phalanx progressiver Stadtplaner die alten Städte "revitalisieren" und "refunktionalisieren" -- zu deutsch: Die historischen Siedlungskerne sollen als Ganzes erneuert, in vorbildliche Wohnviertel umgewandelt und gleichsam zum "Modell für urbanes Leben" werden (so der ehemalige Städtebauminister Vogel).
Mit vagen Begriffen wie "optimale Umgebungsqualität" oder "Milieu- und Komfortwärme" umschreibt die Studie der drei Problemstädte Lübeck, Regensburg und Bamberg jene Vorzüge, die künftig das Leben in den solcherart sanierten Altstädten auszeichnen könnten. Doch der Weg zu diesem -- gemessen am Ist-Zustand -- fast paradiesischen Ziel bleibt dornenvoll: Es wird, wie Experte Seifert zusammenfaßt, zuvor unumgänglich sein,
* die Altstädte vom Durchgangsverkehr zu entlasten, Bürobetriebe und Gewerbeansiedlungen fernzuhalten und die durchweg unzulänglichen Kanalisationsanlagen auszubauen;
* die Bauten statisch zu befestigen, ihre Fassaden zu renovieren und die Wohnungen nach modernem Standard mit sanitären Einrichtungen auszustatten;
* auch unscheinbare Bauwerke, ohne historischen Rang, mit derselben Sorgfalt zu sanieren wie die baugeschichtlichen Renommierstücke, die schon unter Denkmalschutz stehen. Keine einzige dieser Aufgaben konnten die Kommunen bis heute auch nur ansatzweise lösen, am wenigsten das Verkehrsproblem: In den Gassen fast aller deutschen Altstädte pulsiert Tag und Nacht ein träger Verkehrsstrom -- er kriecht durch ein mit Schildern und Spiegeln gespicktes Labyrinth, treibt die Fußgänger an die Hauswände, erfüllt die Straßen mit Lärm und Gestank.
Das Lübecker Holstentor, längst kein Tor mehr, steht wie eine stramme holsteinische Bauernmagd breitbeinig auf einer Insel im tosenden Berufsverkehr. Die Altstadt von Heidelberg ist durch eine breite Asphalt-Piste, die Bundesstraße 37, vom angrenzenden Neckarufer abgeschnitten. Gleich zwei Bundesstraßen -- die B 4 und die B 22 -- tranchieren die Bamberger Innenstadt und leiten aus allen Himmelsrichtungen auch Fernlastzüge in die City.
In den Gassen des historischen Mainz, wo schon die alten Römer hausten, jagen heute sizilianische Gastarbeiter ihre Fiats über holprige Pflaster. Und in Regensburg tobt derzeit ein Lokalkrieg um eine geplante Donaubrücke, die drei ständig verstopfte Übergänge entlasten soll, doch "wie ein Lanzenstoß" (so ein Baubeamter) auf die Altstadt zielt und sie mit dem Verkehrsinfarkt bedroht. Während der letzten Jahrzehnte, so klagt der Wiesbadener Landeskonservator Dr. Gottfried Kiesow, seien überall "die historischen Stadtkerne ... einer planlosen Zerstörung durch Verkehnsbauten" ausgesetzt gewesen. Die Folge war, daß die Mehrheit der Bewohner die immer unwirtlicher werdenden Altstädte verließ und in die Vororte zog -- zurück blieben die Alten und eine Auslese zahlungsschwacher Einwohner. Stadtwohnung und Stadthaus werden rum Statussymbol.
Renoviert wurde unterdessen in den Altstädten kaum: In der Mainzer Altstadt Süd zum Beispiel hat nur jede zweite Wohnung ein WC, und in manchen Häusern müssen sich bis zu acht Mietparteien mit einem einzigen Plumpsklo im Hof begnügen.
Auch nachdem das Städtebauförderungsgesetz in Kraft getreten war, ließen viele Privateigentümer ihre Altstadt-Anwesen lieber planvoll verfallen, um die Grundstücke anschließend mit hohem Spekulationsgewinn zu verkaufen, etwa an Kaufhaus-Konzerne: Kepa und Karstadt, Co op und Horten ("allerorten") zogen in fast allen deutschen Altstädten kantige Konsumtempel hoch.
So steht im Zentrum Bambergs, am Maximiliansplatz, ein öder Flachbau der Firma Hertie. Karstadt plazierte in Lübeck eine düstere Betonburg in die Nähe des Rathauses und der Marienkirche; gleich um die Ecke etablierten sich Kepa und Woolworth, und Horten plant derzeit eine Niederlassung direkt am Holstentor.
In Regensburg schließlich haben Hortens Architekten die "Alte Wache" zum Kaufhaus ausgebaut; die guterhaltene klassizistische Fassade des Altbaus klebt nun wie eine riesige Briefmarke auf der unförmigen Warenhausfront. "Wenn der Dom von München nicht in der Hand der Kirche wäre", so zürnte der einstige Münchner Oberbürgermeister Vogel, "würde er nach den Gesetzen der Rendite sofort einem Warenhaus oder einem Bürogebäude weichen müssen."
Erst in jüngster Zeit sind Privatleute und bisweilen Industriefirmen geneigt, dem zerstörerischen Neubau-Trend entgegenzuwirken. Seit die Reizvokabel Nostalgie auch für Unternehmer nicht mehr wie ein Fremdwort klingt, lassen private Investoren Altbauten renovieren, ohne den historischen Stil der Gebäude zumindest äußerlich anzutasten.
Für die westdeutsche Schickeria oder betuchte Geschäftsleute, die bisher lieber durch die Panoramascheiben ihrer Vorort-Bungalows auf den Swimming-pool blickten, gilt neuerdings ein Altstadt-Domizil als Statussymbol der Spitzenklasse -- außen stuckverziert, innen mit Knoll-Fauteuils und Zebrafellen ausstaffiert.
Einst Quartier der Armen, jetzt Getto für Snobs.
Auch haben clevere PR-Manager damit begonnen, den modischen Hang zur Altstadt-Patina als Umsatz-Stimulans zu nutzen: So kaufte und renovierte die Ladeneinrichtungs-Firma "Storebest" in der Lübecker Engelsgrube den "Krusenhof", einen uralten Komplex von insgesamt fünf Fachwerkhäusern.
Im Jahre 1545 hatte dort der Kaufmann Hans Kruse eine kostenfreie Unterkunft für arme Bürger der Stadt geschaffen; bis 1969 verbrachten in den allmählich verfallenden Gebäuden Witwen ihren Lebensabend. Dann wurden die Frauen ausgesiedelt, und "Storebest" installierte im Krusenhof "für Kunden und Freunde der Firma ein Besprechungs- und Gästezentrum".
Der Vorgang illustriert beispielhaft eine der möglichen Folgen privatwirtschaftlicher Altbau-Sanierung: Die historische Staffage wird erhalten und rücksichtslos vermarktet -- wie etwa in der Düsseldorfer Altstadt, wo sich auf einem Quadratkilometer Grundfläche nahezu 200 Kneipen und Diskotheken, zudem Dutzende von Modeboutiquen, Antiquitätenhandlungen oder Kunstgalerien zusammendrängen.
Eine andere Variante: Die Altbau-Quartiere, penibel und geschmäcklerisch restauriert wie beispielsweise das Bremer Schnoor-Viertel oder der Hamburger Stadtteil Pöseldorf, werden zu einer Art Getto für Snobs ausgebaut -- zu einer Synthese aus Kitsch und Kommerz, deren Bühnenbildcharakter gediegenes Traditionsbewußtsein allenfalls vortäuscht.
In beiden Fällen droht den ursprünglichen Bewohnern die Vertreibung. Denn die Sanierung der Altbauten erfordert durchweg höhere Investitionen als ein Neubau desselben Umfangs. "Einen Quadratmeter alte Bausubstanz wiederherzustellen und zu modernisieren", so hat Peter Karl Martin, Leiter des Lübecker Presseamts, errechnet, kostet rund 1800 Mark. Martin: "Das würde zu einer Quadratmeter-Miete bis zu 17 oder gar 18 Mark führen" -- weit mehr, als die Altstädter zahlen können.
Daß etwa Rentner im Lübecker "Schwans Hof" -- Türinschrift: "lt ga uns wol up unse olen Dage" -- nicht längst ausziehen mußten, verdanken sie allein städtischen Zuschüssen. Statt 17 Mark Miete pro Quadratmeter zahlen sie in renovierten Altbauten nur vier Mark; den Rest trägt die Stadt. Eine Glücksspirale
zur Rettung der Altstädte?
Als schlechthin utopisch erscheint den meisten Bürgermeistern angesichts leerer Kassen das Programm der fortschrittlichen Sanierer, die den Altstädten die Stammbewohner erhalten und überdies dafür sorgen wollen, daß dort zukünftig wieder Bürger aller Sozialschichten einziehen -- was bedeuten würde, daß Altstadtwohnungen in allen Mietpreis-Klassen verfügbar sein mußten.
Einstweilen sind die Städte schon mit weit bescheideneren Gemeinschaftsaufgaben überfordert. In Bamberg hat derzeit ein lange überfälliger Krankenhaus-Neubau (Kosten: 200 Millionen Mark) den Stadtsäckel bis auf den Grund geleert. In Heidelberg, derzeit westdeutsche Drogen-Metropole ("Highdelberg"), aber auch anderswo sehen entnervte Stadtväter in den Altstädten eher einen Bremsklotz für das Gemeinwohl; sie sind der Sanierungsprobleme oftmals überdrüssig: "Hätten die Amis 1944 ein paar Luftminen mehr hier abgeladen", so seufzte ein Heidelberger Rathaus-Beamter, "dann wäre uns heute vermutlich wohler."
So aber schleppen die Ratsherren ihre historische Bürde verdrossen weiter und empfinden die Sanierungs-Malaise längst als eine Aufgabe, "die der Quadratur des Kreises gleicht" (so der SPD-MdB Hermann Schmitt-Vockenhausen, Mitglied im deutschen Vorbereitungskomitee für das Denkmalschutzjahr 1975). Wirksame Hilfe erwarten sie auch vom neuen westdeutschen Städtebauminister Karl Ravens kaum bestenfalls wortgewaltigen Zuspruch, wie ihn seine Vorgänger Lauritz Lauritzen und Hans-Jochen Vogel stets reichlich spendeten.
"Wenn die in Bonn von einer nationalen Aufgabe reden", so ärgert sich der Bamberger Bürgermeister Dr. Theodor Mathieu, "dann müssen sie auch endlich zur nationalen Tat übergehen." Hinweise für die erlösende Rettungstat geben Mathieu und seine beiden OB-Kollegen aus Lübeck und Regensburg in dem Arbeitspapier, das der Städte-Dreierbund soeben fertiggestellt und publiziert hat.
Was etwa für Olympia recht gewesen sei, heißt es da, sollte demnächst auch für die Altstadt-Sanierung billig sein: Wenn schon der Staat nicht selber helfen wolle, so könne er doch eine Hilfsaktion nach dem Muster der Neckermann-Sporthilfe oder des Olympiagroschens anregen, auch Sondermünzen prägen oder Benefiz-Briefmarken drucken -- kurz: ein Karitas-Unternehmen zur Rettung der bedrohten Altstädte gründen und unterstützen.
Für noch wichtiger aber halten die Sanierer gesetzliche Soforthilfe. "Weder das Bundesbaugesetz noch das Städtebauförderungsgesetz", so kritisierte die Studie der drei Städte, "enthalten Bestimmungen, die ausreichen, um die Erhaltung und Erneuerung historischer alter Städte wirksam und auf Dauer zu gewährleisten."
So lasse das Gesetz es zu, "daß der erreichte Sanierungserfolg durch gezieltes Verhalten einzelner Eigentümer wieder zunichte gemacht werden kann". Auch biete das Städtebauförderungsgesetz "für private Investoren keinen zusätzlichen Anreiz zur Sanierung" -- für Bauinvestitionen in den Altstädten gibt es, anders als etwa in West-Berlin oder in den Zonenrandgebieten. bislang keine Steuerpräferenzen.
Schließlich halten die Autoren der Studie vor allem jene Gesetzesbestimmung für unbillig, die den Städten ein Drittel der Sanierungskosten auf halst. Für die Bewilligung von Bundes- und Länderzuschüssen, so fordern sie, müsse es fortan ausreichen, wenn die Städte ein Sechstel der Sanierungs-Summe vorlegten.
Doch damit allein, das wissen auch die Reformer, dürfte das Altstadt-Problem nicht zu lösen sein, Eine Sanierung nach ihren Vorstellungen, schätzen sie, werde womöglich rund 50 Jahre beanspruchen und setze ein klares Programm voraus, das nur erfolgreich sein könne, wenn es bald beschlossen würde. "Ein Gesetz zur Erhaltung von Altstädten, nach dem Jahre 2000 erlassen", so taxiert der Bamberger Baureferent Seifert, "käme zu spät"; es könnte dann nur noch dazu dienen, die historischen Stadtkerne "als Potemkinsche Dörfer" oder als eine Art altdeutsches "Walt-Disney-Land" zu rekonstruieren, und das "wäre sinnlos".
Daß sich jedoch sinnvolle Sanierungs-Vorhaben, wie sie etwa den Experten der Drei-Städte-Arbeitsgemeinschaft vorschweben, letztlich nur mit einem reformierten Bodenrecht durchsetzen ließen -- davon geht durch die Verlautbarungen der Fachleute meist nur ein zaghaftes Raunen. Ohne Zweifel, so bekräftigten zwar in einer Fernsehdiskussion über "Europas Erbe" Politiker und Experten, gehe es bei den Sanierungsproblemen um die Kardinalfrage: "Wer schützt die Grundstücke gegen die Grundstückseigentümer?" Doch die versammelten Denkmalschützer ließen die Antwort im Ungewissen. Dabei gibt es immerhin sehenswerte Beispiele, wie die Aufgabe gelöst wurde -- nämlich in Europas kommunistischen Ländern.
In Warschau, Breslau, Danzig und Stettin -- Städten, die im Zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstört worden waren -- haben polnische Baubrigaden und Architektur-Historiker längst die Altstadt-Quartiere stilgerecht wieder aufgebaut: unbehindert von Spekulanten, aber auch frei von privaten Besitztiteln. Mit gewaltigem Geldaufwand und wissenschaftlicher Akribie wurden allein in Warschau mehr als 1000 Patrizierhäuser, 50 Adelspaläste und 41 Kirchen restauriert.
Ebenso ließ die DDR-Regierung in Dresden, Rostock oder Stralsund nicht nur feudale Baudenkmäler, sondern auch alte Bürgerhäuser getreulich nachbauen oder wiederherstellen. "Denkmalpflege", so erläuterte jüngst der DDR-General-Konservator Professor Ludwig Deiters bei einem Vortrag vor westdeutschen Kollegen, "war immer schon eine politische Aufgabe" -- schon Lenin habe "die Beachtung des kulturellen Erbes" ausdrücklich zur Kommunistenpflicht erhoben.
Von den DDR-Restauratoren können die bundesdeutschen Sanierer auch lernen, wie das Bauerbe dem Volkswohl dienstbar zu machen ist: In viele historische Gebäude, etwa in die Giebelhäuser der Altstadt von Stralsund, wurden moderne Wohnungen eingebaut, die zu Jedermann-Preisen vermietet werden -- freilich auf Kosten aller.
Gleichwohl, das bislang imponierendste Beispiel einer gelungenen Altstadtsanierung -- inzwischen weltweit gerühmtes Vorbild -- stammt aus einem kapitalistischen Land, aus Italien: Dort, in Bologna, gelang traditionsbewußten Stadtvätern die vorerst einzigartige "Rettung eines überkommenen, intakten urbanen Organismus mit allen funktionalen und sozialen Konsequenzen" (so Architektur-Kritiker Peter M. Bode).
Bologna -- Traumziel der Sanierer verwirklicht.
Auf einem Areal von insgesamt 435 Hektar -- etwa soviel wie die Altstädte von Lübeck, Regensburg und Bamberg zusammengenommen -- verwirklichte die Stadtverwaltung von Bologna nahezu alles, was westdeutsche Sanierungsexperten sich derzeit noch als Traumziel ausmalen:
* Ein Altbaugebiet von Großstadt-Umfang mit rund 80 000 Einwohnern wurde zur Schutzzone erklärt, in der seit Frühjahr 1972 die Baubestimmungen eines umfassenden Sanierungsplans mit Gesetzeskraft gültig sind.
* Der gesamte Sanierungsbereich gilt vorrangig als Wohngebiet, in dem größere Bürobauten, Warenhäuser oder Verwaltungsgebäude nicht errichtet oder, soweit sie schon vorhanden sind, ausgesiedelt werden sollen.
* Renovierungsbedürftige Altbau-Komplexe werden grundsätzlich im historischen Stil wiederhergestellt und allenfalls von überflüssigen oder stilwidrigen Anbauten befreit.
* Laut Sanierungsplan dienen alle Einzelmaßnahmen dem Zweck. "der Spekulation" und "der kapitalistischen Verschleuderung eines gemeinsamen Erbes" entgegenzuwirken sowie "durch öffentliche Verwaltung und Kontrolle den Lebensraum und die Arbeitsstätten unbegüterter Schichten inmitten der alten Stadtzentren zu garantieren".
"Bologna", lobte die "Süddeutsche Zeitung", sei die "einzige Stadt in Europa, die sich energisch darum bemüht, ihre historische Substanz im Ganzen zu erhalten" -- "Beachtung des kulturellen Erbes" (Lenin) nun auch als Maxime im kapitalistischen Westen?
Im Rathaus von Bologna jedenfalls regieren seit fast drei Jahrzehnten die Kommunisten.

DER SPIEGEL 25/1974
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