17.06.1974

Kissinger: „Wenn ich gehe, dann ohne Skandal“

Antisemitische Schläger jagten ihn aus Fürth; an der Harvard-Universitat mußte er trotz brillanter Leistungen lange warten, bis er Professor wurde; nach dem Bau der Berliner Mauer zerstritt er sich mit Kennedy über die richtige Aktion Amerikas; seit zwei Wochen fühlt er sich von Watergate-Anwürfen gekränkt: Henry Kissinger, erst Sicherheitsberater, dann Außenminister Nixons, erfolgreichster Friedensvermittler der Nachkriegszeit, drohte mit Rücktritt.
In Suite S1 des Hotels Axelmannstein zu Bad Reichenhall sprachen Henry Kissinger und Hans-Dietrich Genscher -- beide sprachen deutsch: über Europa und die Araber, Europa und die Amerikaner, Europa und die Russen.
Amerikas Erfolgsminister wirkte, über sein übliches intellektuelles Mißtrauen hinaus, auf der ganzen Linie skeptisch: Er wisse wohl, daß seine Nahost-Erfolge einen dauerhaften Frieden nicht begründen könnten; er bezweifle, daß die Entspannungspolitik zwischen Ost und West langfristig halte; er sei interessiert zu hören, wie denn wohl die neun EG-Partner mit den 20 Araberstaaten zurechtkommen wollten.
Den Deutschen fiel auf, daß etwas nicht stimmen konnte: Während der fast zweistündigen Sitzung trug Kissinger-Gehilfe Brigadegeneral Scowcroft ständig Zettel in den Konferenzraum, legte sie dem Chef vor und nahm Handgeschriebenes von ihm wieder mit hinaus -- weshalb, erfuhren die Deutschen erst nach der Sitzung:
Unmittelbar bevor Kissinger in seinem schwarzen Chrysler Imperial von Schloß Kleßheim bei Salzburg zum Genscher-Gespräch gefahren war, hatte er eine weltpolitische Sensation ausgelöst, die Arabern und Israelis, Europäern und Amerikanern, Nixon-Feinden und Nixon-Freunden und vor allem dem schwer havarierten Nixon selbst wie eine Ankündigung kosmischen Unheils erschien:. Der Friedensmacher und Konfliktbezwinger katexochen drohte, die Bühne seines Wirkens zu verlassen, wenn man ihn daheim nicht aus den Beschuldigungen der Watergate-Affäre heraushalte.
Nicht diszipliniert oder lächelnd wie gewohnt, sondern emotionsgeladen und übersprudelnd, dann wieder nach Atem ringend, sich auf die Lippen beißend, einem Zusammenbruch nahe, stieß der Außenminister des mächtigsten Staates der .Erde aus, was er, wie Nixon-Pressechef Ziegler zuvor angekündigt hatte, loswerden mußte: "Ich habe versucht, mir in meinem öffentlichen Leben Maßstäbe zu setzen. Wenn ich sie nicht einhalten kann, will ich nicht im öffentlichen Leben bleiben." Und: "Ich glaube nicht, daß es möglich ist, die Außenpolitik der USA unter diesen Umständen weiterzuführen."
An dieser Stelle seiner 14seitigen Erklärung, die er 126 eilig zusammengerufenen Journalisten darbot, stieg dem Außenminister der USA das Wasser in die Augen, am Dienstag, dem 11. Juni 1974, zwischen 13 und 14 Uhr im Cavaliershaus des Schlosses Kleßheim im Salzburgischen.
Öffentliche Tränen politischer Profis zeugten bislang stets für -- gewollte oder spontane -- Rührseligkeit: Richard Nixon 1952 bei seiner berühmten Checkers-Rede, Leonid Breschnew 1971, als Brandt nach Oreanda kam, Willy Brandt 1973 beim Besuch im israelischen Toten-Monument Jad Waschem bei Jerusalem, Egon Bahr 1974 bei Willy Brandts Abschied vor der SPD-Fraktion. Aus Wut, wie Kissinger, sah man öffentlich noch keinen heulen.
Kissinger sprach, so schrieb James Reston am Tag darauf in der "New York Times", "zum falschen Thema, zur falschen Zeit, am falschen Platz". Am falschen Platz: Henry Kissinger, Jude deutscher Abkunft, der nie seinen deutschen Akzent verloren hat und dennoch Außenminister der USA wurde, ließ sich auf dem Boden des deutschsprachigen Österreich über amerikanische Innenpolitik aus. Viele Amerikaner werden gerade ihm das verübeln.
Zur falschen Zeit: Henry Kissinger triumphans war mit seinem Präsidenten gestartet, die Schauplätze seiner Verhandlungskunst '74 Revue passieren zu lassen: Kairo, Dschidda, Jerusalem, Damaskus, Amman. Nixon wollte Watergate ein paar Tage lang hinter sich lassen, Kissingers Auftritt brachte den Skandal neu in die Schlagzeilen. Wenn Kissinger ginge, könnte sich Nixon kaum noch halten.
Das falsche Thema indessen war's wohl nicht. Denn Henry Kissinger hatte seinen jüngsten Verhandlungserfolg neben anderen Faktoren -- der eigenen Überzeugungskraft und Energie, dem fortgeschrittenen Erkenntnisprozeß bei Arabern und Israelis, der Beihilfe Gromykos -- dem Umstand zu danken, daß Watergate seine Außenpolitik nicht belastete, weil er, Kissinger, nicht mit Watergate belastet war, sondern als einer der ganz wenigen aus Nixons Umgebung sauber dastand. Diese Voraussetzung seiner Außenpolitik aber schien vorletzte Woche erstmals gefährdet.
Die "New York Times" hatte eine Aussage abgedruckt, nach der Kissinger entgegen seiner vor einem Kongreßausschuß beschworenen Behauptung vom September 1973 doch persönlich in die Abhör-Affäre des Weißen Hauses verwickelt ist: Einige der "ursprünglichen Ersuchen", die Telephone von 17 Mitarbeitern des Weißen Hauses und Journalisten anzuzapfen, seien nach einer FBI-Untersuchung des vorigen Jahres "von Henry A. Kissinger oder General Alexander M. Haig jr." (Kissingers damaligen Vertreter, jetzt Nixons Chefberater) gekommen. Watergate-Insider im Kongreß lancierten außerdem den bislang geheimgehaltenen Text einer Tonbandaufnahme vom 28. Februar 1973 in die Öffentlichkeit. Danach sagte Nixon damals: "Ich weiß, daß er (Kissinger) darum ersuchte, daß es gemacht wird."
Kissinger dementierte sofort: "Der Präsident muß sich geirrt haben." Er, Kissinger, habe lediglich die Namen der Geheimnisträger angeliefert, ohne die Telephonkontrolle ausdrücklich zu verlangen. "The New York Times": "Starke Zweifel an Kissingers Versicherung vor dem Senat." "The Washington Post": "Die Frage ist gestellt, ob Außenminister Kissinger vorigen Herbst die Wahrheit sagte."
Auf einer stürmischen Pressekonferenz in Washington (Kissinger: "Kreuzverhör") zog sich der Minister vorletzte Woche auf die Formulierung zurück, er sei nicht "directly" verwickelt. Böse fragte ein Reporter:
"Haben Sie schon einen Anwalt für ein Meineidsverfahren?"
So scheint es verständlich, daß er mit seiner dramatischen Rücktrittsdrohung einfach die Verfolger abschütteln wollte -was ihm freilich höchstens halb zu gelingen scheint: Während Politiker und Zeitungen in Wehklagen ausbrachen, ging die Debatte über Henrys Rolle beim Abhör-Skandal nun erst richtig los. Noch am Dienstag behauptete Kongreßabgeordneter Eilberg, er selbst habe Kissinger belastendes Material gesehen: "Ich kann kategorisch sagen, daß ein direkter Widerspruch zwischen dem besteht, was wir haben, und Kissingers Äußerungen vor dem Senat." Am Mittwoch erschienen "New York Times", "Washington Post" und "Boston Globe" mit neuen Artikeln zum Fall Kissinger, der erst seit Dienstag eine Affäre ist.
Ob Kissinger mit seinem Auftritt im Salzburgischen nicht nur taktische Entlastung anstrebte, sondern seinen Abgang einleiten wollte, etwa um seine Karriere auf ihrem Höhepunkt von der des Watergate-Präsidenten Nixon abzukoppeln und sich von einem Nixon-Nachfolger erneut triumphal berufen zu lassen, steht dahin. US-Senator Hubert H. Humphrey hat eine simplere Erklärung: "Ich glaube, er ist müde." Und Kissinger-Vorgänger Rusk mahnte den Minister: "Er sollte sich an die Tatsa-
* Vorigen Dienstag in Bad Reichenhall.
che gewöhnen, daß der Außenminister Zielscheibe von Kritik ist."
Henry Kissinger hat sich an vieles gewöhnt: an Richard Nixon, an Chinesen und Vietnamesen, Araber und Israelis, aber an Kritik nicht -- seine Herkunft aus Fürth in Bayern, seine Emigration und sein schließlicher Aufstieg erklären, weshalb. "Ein rätselhafter Mensch", schrieben die amerikanischen Autoren Bernard und Marvin Kalb in ihrer Kissinger-Biographie, deren Serien-Abdruck der SPIEGEL diese Woche unterbricht und in der nächsten Woche fortsetzt.
Die politische Karriere des Henry Kissinger erstaunte niemanden mehr als ihn selbst. Als ein Fremder ihm im Sommer 1944 prophezeite, er habe "guten politischen Verstand", reagierte Kissinger ungläubig: "Der Gedanke war mir noch nie gekommen." Bis dahin hatte er sich eine andere Zukunft erdacht: Er hatte Rechnungswesen studiert, er wollte Bücherrevisor werden.
Nichts deutete auf eine politische Karriere. Politik und Ideologien schreckten ihn ab: Er hatte deren bösartigste Ausprägung an sich selbst erfahren. Heinz Alfred Kissinger, Jahrgang 1923, Sohn eines jüdischen Studienrats in Fürth, war in den Sturmjahren des deutschen Rassenwahns aufgewachsen.
Der junge Heinz, leidenschaftlicher Fußballspieler und Bücherfreund, lernte früh, vor antisemitischen Schlägern davonzulaufen. Mit seinem jüngeren Bruder Walter führte er ein isoliertes Leben: Kaum einer spielte mit dem Judenjungen, oft kam er mit zerrissenen Hosen und blutigem Gesicht nach Hause.
Von Jahr zu Jahr engte sich der Lebensraum der Familie Kissinger ein: 1933 vertrieben die braunen Machthaber Vater Kissinger vom Fürther Mädchenlyzeum, die beiden Söhne mußten das Gymnasium verlassen und wurden zwangsweise in eine jüdische Schule eingewiesen. Mutter Kissinger erinnerte sich noch später, wie ihre beiden Jungen den Umzügen der Hitler-Jugend zusahen, "unfähig zu verstehen, warum sie nicht auch tun konnten. was andere durften.
Heinz" Eltern aber verstanden nur allzugut und verließen im August 1938 Deutschland. Eine Tante der Mutter Kissingers nahm die Familie in London auf. ein paar Tage später ging es nach Amerika. Im New Yorker Stadtviertel Washington Heights ließen sich die Kissingers nieder, inmitten einer Kolonie deutscher und österreichischer Emigranten.
"Sir, wer ist Kissinger?"
Vergifteten die bitteren Erlebnisse des jungen Henry, wie er sich von nun an nannte, seine künftige Einstellung zu Deutschland? Er hat die Frage stets verneint: "Dieser Teil meiner Kindheit ist nicht ein Schlüssel zu irgend etwas. Ich war nicht bewußt unglücklich. Ich habe gar nicht so richtig gemerkt, was vorging. Kinder nehmen so etwas nicht ernst."
Mochte sich auch der Vater nur mühsam als Angestellter in New York durchschlagen, mochten später zwölf seiner Verwandten in Hitlers Todesmühlen geraten -- Henry, der bis heute seinen deutschen Akzent bewußt beibehielt, blieb auf irgendeine Art deutsch. "Seine Zuneigung zu Deutschland", sagt sein Biograph David Landau, "sollte sich immer mit Vorsicht und Furcht mischen, und doch überwog ein Gefühl der Wärme."
Er fühlte sich als bewußter Emigrant, der seine Heimat nicht aufgeben darf. Kissinger: "Das Rechnungswesen war der einfachste Beruf, in den ein Flüchtling hineinkommen konnte." Noch im September 1938 trat er in die George Washington High School ein, wo er zu den besten Schülern gehörte; später besuchte er, um tagsüber für die Familie mitzuverdienen, eine Abendschule und wechselte schließlich zum City College über, auf dem er Kurse für Rechnungswesen belegte.
Doch der Krieg gegen Hitlers Deutschland zerstörte Kissingers Revisor-Träume, im Februar 1943 mußte er in die US-Armee einrücken. Als Soldat machte er keine sonderlich glückliche Figur: Nach seiner infanteristischen Grundausbildung im Rekruten-Zentrum La Fayette sollte Soldat Kissinger einen Zug drillen -- die Vorgesetzten orderten ihn schleunigst ins Glied zurück.
Immerhin schnitt er aber bei einer Intelligenzprüfung so glänzend ab. daß ihn die Armee zu einem Sonderprogramm zur Fortbildung von College-Studenten abordnete. Ein halbes Jahr lang konnte Kissinger nach Herzenslust studieren, dann aber fiel das Programm als vermeintliches Drückeberger-Asyl dem Rotstift der Militärs anheim.
Um der Versetzung zur Infanterie zu entgehen, meldete sich Soldat Kissinger im April zu einer schriftlichen Prüfung, durch die 25 Anwärter für einen Ärzte-Kurs ausgesiebt werden sollten. Die erste Hürde schaffte er. an der zweiten (einer nochmaligen Auswahl) scheiterte er -- wegen einer internen antisemitischen Regel: Nur ein Jude sollte zur Sanitäterschule zugelassen werden. Kissinger kam zu spät.
Zur 84. Infanterie-Division abkommandiert, blieb Kissinger nur der Weg ins Ausbildungslager Camp Clairborne im Staate Louisiana. Dort aber begegnete ihm ein US-Gefreiter, der Kissingers Karriere wie kein anderer fördern sollte: Fritz Kraemer, deutscher Emigrant und Rechtsanwalt, ein Exzentriker, der auf der Suche nach Talenten war.
Kraemer, stets ein Monokel ins Auge geklemmt, zog damals von einem Militärlager zum anderen und stellte sich den Kompaniechefs gern mit dem Spruch vor: "Mich schickte der General, ich soll vor Ihrer Kompanie darüber sprechen. warum wir in diesem Krieg sind."
Nach einem seiner Vorträge in Camp Clairborne erhielt er den Brief eines Zuhörers: "Lieber Gefreiter Kraemer, ich hörte gestern Ihre Rede. So sollte man es machen. Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Soldat Kissinger." Der Brief gefiel dem Polit-Aufklärer, weil er "so gar keine Schnörkel enthielt". Kraemer: "Ich sagte mir, das ist ein Mann mit Disziplin und Initiative."
Kraemer brannte darauf, den Briefschreiber kennenzulernen. Er sprang in seinen Jeep, fuhr in's Camp Clairborne und schrie mit "einer Löwenstimme", wie er sich erinnert: "Wer hat hier das Kommando?" Ein Oberstleutnant gab zurück: "Ich befehle hier, Gefreiter." Darauf Kraemer: "Sir, wer ist Kissinger?"
Als Kraemer den Soldaten Henry Kissinger von der G-Kompanie des 335. Infanterie-Regiments sprach, war er begeistert. 20 Minuten genügten ihm, in dem deutschen Schicksalsgefährten Kissinger einen der kommenden Männer Amerikas zu wittern. Kraemer: "Das ist toll. Er ist kein gewöhnlicher Typ. Der Mann hat einen sechsten Sinn für Musikalität, für historische Musikalität."
Von Stund an war Kraemer entschlossen, die Karriere Kissingers zu fördern. Der Anwalt hatte erkannt, was dem neuen Freund vor allem fehlte: Bildung, Anerkennung, Verbindungen. Er mobilisierte einflußreiche Bekannte in Gesellschaft und Militär, jeder bekam von ihm zu hören: "Ich habe einen Mann, der noch nichts weiß, aber alles versteht."
Zunächst einmal befreite er den Soldaten Kissinger von aller infanteristischen Qual. Noch ehe die Division im November 1944 in Deutschland zum Einsatz kam, sah sich Kissinger zum Geheimdienst und ins Hauptquartier versetzt: als Fahrer und Dolmetscher des Divisionskommandeurs, Generalmajor Alexander R. Bolling.
Der Fahrer mit den guten Deutschland-Kenntnissen fiel auch der militärischen Abwehrpolizei, dem "Counter Intelligence Corps" (CIC), auf. Kissinger wurde zum CIC versetzt, in kurzer Zeit war CIC-Agent "Mr. Henry" ein Begriff: Wo das CIC Einsätze hinter der Front des Feindes unternahm, wo Gefangene verhört. NS-Funktionäre gejagt wurden -- Kissinger war dabei.
Eine deutsche Offizierswitwe eis ständige Begleiterin.
Dennoch fühlte er sich nicht wohl beim CIC. Ihn irritierten vor allem die zum CIC eingezogenen jüdischen Emigranten, die oft ihre Ressentiments gegen alles Deutsche nicht zügeln mochten. Als ein solcher CIC-Mann bei einer Befragung deutsche Zeugen hart anfaßte, schrie ihn Kissinger an: "Sie haben selbst unter den Nazis gelebt, Sie wissen, wie sie Menschen mißhandelten. Wie können Sie dann Menschen genauso schlecht behandeln?"
Er wurde Sergeant und Führer der CIC-Abteilung 970; oft erwies er sich als erfinderisch, wenn es galt, im besetzten Deutschland NS-Verbrecher zu suchen und zu verhaften.
Nie ließ er aber Racheakte gegen Deutsche zu. Kissinger: "Wenn rassische Diskriminierung gegenüber den Juden schlecht war, dann war sie auch schlecht gegenüber den Deutschen. Man konnte nicht das ganze Volk belasten."
Wieder gab ihm Kraemer eine Chance, solche Prinzipien zu praktizieren. Er wußte es einzurichten, daß der damals 21 jährige Kissinger zum Militäradministrator von Krefeld bestellt wurde. In drei Tagen schuf er eine leistungsfähige Stadtverwaltung, organisierte Lebensmitteltransporte und sicherte der ramponierten Stadt eine Überlebenschance.
Später freilich vertraute sich der CIC-Feldwebel Kissinger, nach Bensheim versetzt, allzusehr dem süßen Leben schrankenloser Besatzungsmacht an. Er lebte und liebte in einer Luxusvilla im Bensheim nahen Zwingenberg, die er sich zum Hauptquartier seiner kleinen Truppe und seiner blonden Begleiterin, einer deutschen Offizierswitwe, auserwählt hatte.
Doch Zuchtmeister Kraemer hatte für Kissingers Vergnügungen kein Verständnis. Er drängte Kissinger, das CIC zu verlassen und als Lehrer an die Geheimdienstschule in Oberammergau zu kommen, zu deren Instrukteuren auch der Leutnant Kraemer gehörte. Kissinger reichte seinen Abschied ein und ging als Zivilbeamter nach Oberammergau.
Lange hielt es ihn an der Schule nicht, denn Kraemer hatte schon wieder neue Pläne für seinen Schützling gemacht. Er war überzeugt, jetzt sei für Henry Kissinger die Stunde gekommen, die akademische Laufbahn einzuschlagen. 1946 gewann Kissinger ein New Yorker Stipendium, eine neue Welt tat sich ihm auf: Harvard, Amerikas prestigereichste Universität.
Er kam an eine Universität, die seit Jahrzehnten schon als das bedeutendste Bildungszentrum der USA galt, eine Alma mater, die spätestens seit dem amerikanischen Bürgerkrieg die fähigsten Köpfe des Landes angezogen und zugleich stets -- Kaderschmiede der Nation? -- beste Beziehungen zu den Regierungsbehörden in Washington unterhalten hatte.
Zu jener Zeit allerdings, der heiße Krieg war gerade zu Ende, der Kalte Krieg hatte begonnen, bot der Campus ein ungewöhnliches Bild: Die nationale Institution Harvard stellte sich nun völlig in den Dienst der nationalen Sache.
Einzug in Harvard
mit dem Cockerspaniel "Smoky".
Und das bedeutete: Ganze Fakultäten wurden umstrukturiert und ausgerichtet vor allem auf die Augenblicksbedürfnisse der amerikanischen Politik. Pilzen gleich schossen immer neue Forschungsinstitute -- etwa das "Russian Research Center" -- aus dem Boden, die sich aller denkbaren Aspekte der Nachkriegszeit annahmen. Harvard-Professoren wie etwa die beiden Asien-Experten John K. Fairbank und Edwin O. Reischauer waren beinahe ständige Berater des State Department.
Kein Harvard-Student der Geschichte oder der Politologie konnte es unter diesen Umständen vermeiden, mit konkreten politischen Problemen konfrontiert zu werden -- schon gar nicht ein Student wie Henry Kissinger, der diese Konfrontation geradezu suchte, der die Außenpolitik als seine Welt ansah, eine im Gegensatz zum riesigen und komplizierten Amerika beinahe überschaubare Welt.
Als er mit seinem Cockerspaniel Smoky in Harvard einzog -- daß man ihm den Hund erlaubte, war schon ein bemerkenswertes Entgegenkommen -, fand er auch dort, wie einst bei der 84. Infanterie-Division, sehr bald einen Mentor. Und dieser Mann sollte Kissingers Weltbild auf Jahre hinaus prägen.
William Yandell Elliott, Professor aus Tennessee, leidenschaftlicher Anwalt einer stramm antikommunistischen Politik und Prototyp des Kalten Kriegers, war damals einer der mächtigsten Männer an der Harvard University.
Er erkannte sofort, daß der junge Deutsch-Amerikaner mit den dicken Brillengläsern und dem kräftigen Akzent einer der begabtesten Studenten war, die sich je in Harvard eingeschrieben hatten.
Und anders als andere Professoren unterdrückte er nicht etwa die kritische Intelligenz des Jüngeren, er förderte vielmehr seinen neuen Studenten, wo immer er konnte: Für Elliott durfte Kissinger an Diskussionen teilnehmen, für ihn durfte er Referate halten -- und stets kam er mit der Empfehlung, es beinahe ebensogut zu können wie der Professor selbst.
Unter seinen Kommilitonen freilich gewann Kissinger in dieser Zeit kaum Freunde. "Ihm ging es immer darum", erinnert sich ein Studienkollege, "seine Beziehungen nach oben anstatt mit Gleichgestellten zu pflegen. Alle hielten ihn für einen außerordentlich befähigten Mann, aber -- was für ein Hundesohn, welch eine Primadonna ... Elliott behandelte ihn schon als etwas Besonderes."
Di, CIA finanzierte
Kissingers Seminar in Harvard.
Auf langen Spaziergängen führte Elliott seinen Schüler ein in die Welt Dostojewskis und Spinozas, Homers, Hegels und Kants. Und da Kissinger selbst von Oswald Spengler und dessen "Untergang des Abendlandes" tief beeindruckt war (ein Kissinger-Kommilitone: "Es war beinahe so, als wandele der Geist Spenglers an seiner Seite"), ergab sich beinahe zwangsläufig das Thema für Kissingers Arbeit zur Erlangung des Bachelors of Arts (B. A.) im Jahre 1950: "Die Bedeutung der Geschichte -- Reflexionen über Spengler, Toynbee und Kant."
Auf über 350 Seiten -- entschieden mehr, als sonst bei einer solchen Arbeit üblich -- kam Kissinger zu der Erkenntnis, die Welt sei ein unvollkommenes Experiment.
Harvard erließ wenig später ein Dekret, wonach B. A.-Arbeiten nicht mehr als 150 Seiten umfassen dürfen. Kissinger, so lästerte ein Kommilitone, hätte allerdings auch dann sein "summa cum laude" erhalten, denn: "Elliott hat nur Henrys erste hundert Seiten gelesen." Zwei Jahre später öffnete Elliott seinem Schützling das Tor zur Welt: Kissinger wurde Chef des "International Harvard Seminar", an dem fortan in jedem Sommer etwa 35 intelligente und einflußreiche Ausländer über die großen Probleme der Welt parlierten.
Kissinger knüpfte so im Laufe der Jahre Kontakte zu Hunderten von Ausländern, die später als Politiker, Professoren, Journalisten in ihren Heimatländern Schlüsselstellungen einnahmen.
Die Teilnehmer wählte Kissinger selbst aus -- und es war gewiß kein Zufall, daß niemals eine Einladung an Persönlichkeiten erging, die in dem Verdacht standen, mit dem Kommunismus zu sympathisieren. Denn zumindest in der ersten Zeit war das Seminar eindeutig als Instrument des Kalten Krieges konzipiert: Niemand anders als die CIA stellte die erforderlichen Mittel bereit. Das allerdings, so erklärte Kissinger 1967, als es schließlich herauskam, habe er nie gewußt.
Der Kalte Krieger Elliott stand auch Pate, als Henry Kissinger am Seminar die Zeitschrift "Confluence -- An International Forum" gründete, ein wissenschaftliches Magazin, das jahrelang als Bühne für politische Debatten diente und von seinem Schriftleiter Henry Kissinger stramm antikommunistisch ausgerichtet wurde.
Die rechte Ideologie -- und natürlich Elliott -- trugen schließlich auch entscheidend dazu bei, daß Kissinger, nicht einmal 30 Jahre alt und gerade Bachelor of Arts, zunächst Berater beim "Army's Operations Research Office" und dann -- als Magister of Arts
beim "Psychological Strategy Board" der Vereinigten Stabschefs in Washington wurde. Der junge Mann aus Fürth setzte erstmals den Fuß auf politisches Terrain.
Doch als Henry Kissinger 1954 die beste Doktorarbeit des Jahres ablieferte -- das mit dem Sumner-Preis ausgezeichnete Traktat "Über die Verhütung von Kriegen" -, hoffte er zunächst und vor allem darauf, das würde ihm die Ernennung zum Ordentlichen Professor eintragen.
Trotz mächtiger Fürsprecher aber -- sein Doktorvater war McGeorge Bundy, der spätere Sicherheitsberater Kennedys und Johnsons -- fiel die Entscheidung gegen Kissinger.
Wohl bezweifelte niemand seine brillanten akademischen Fähigkeiten, aber Kissinger -- so ließ später einer der Eingeweihten durchsickern -, "wurde nicht nur persönlich als schwieriger Kollege beurteilt (er stand in dem Ruf. wesentlich netter zu seinen Vorgesetzten als zu seinen Untergebenen zu sein), wichtiger noch war, daß die Professoren argwöhnten, er sei weniger an der Universität, an Lehre und Forschung als vielmehr an einer Karriere im öffentlichen Dienst interessiert "Ich komme, aber Sie müssen mir freie Hand lassen."
Trotz der Harvard-Enttäuschung aber schlug Kissinger das Angebot einer Ordentlichen Professur der Universität von Chicago aus. Er blieb, vorwiegend mit Sonderprogrammen betraut, in Cambridge und steuerte unverändert eine Harvard-Professur an. "Sturheit", so sagte es einmal sein Entdecker Fritz Kraemer, "ist eine seiner wichtigsten Charaktereigenschaften. Er ist so stur wie drei sizilianische Maultiere, und mit dieser Sturheit schafft er alles."
Vielleicht aber war das Angebot aus Chicago auch nur deswegen nicht attraktiv, weil die Metropole des Mittleren Westens zu weit entfernt war von der Bundeshauptstadt Washington, zu weit entfernt auch von den Intellektuellen der Ostküste, deren Nähe Henry Kissinger suchte.
Um die Jahreswende 1954/55 hatte er sie endgültig gefunden, der unaufhaltsame Aufstieg des Henry Kissinger begann.
Zu jener Zeit suchte der "Council on Foreign Relations", eine Gruppe überaus einflußreicher Vertreter des Ostküsten-Establishments, die gelegentlich auch als "das wahre State Department" bezeichnet wurde, einen neuen Chefredakteur für ihre Zeitschrift "Foreign Affairs".
Automatisch wandte sich Herausgeber Hamilton Fish Armstrong an die Harvard University -- und dort nannte ihm der Historiker und Kissinger-Freund Arthur Schlesinger jr. den Namen des Deutsch-Amerikaners.
Kissinger bekam den Posten nicht: Armstrong hielt seine journalistischen Fähigkeiten nicht für ausreichend.
Gleichwohl hatte ihn der junge Mann tief beeindruckt -- und so erhielt Henry Kissinger wenig später das Angebot, Berichterstatter einer Studiengruppe des Councils zu werden, die sich gerade mit Fragen der Nuklearpolitik beschäftigte. Kissingers Antwort: "Weil, ich komme, aber Sie müssen mir freie Hand lassen."
Und man ließ ihm freie Hand, obwohl der Studiengruppe zahlreiche profilierte Persönlichkeiten -- wie etwa McGeorge Bundy oder der spätere stellvertretende Verteidigungsminister Paul Nitze -- angehörten, die über erheblich mehr Erfahrung in Fragen der Diplomatie, der Regierung und Verwaltung oder des Militärs verfügten als Henry Kissinger.
In einem Punkt waren sich die Experten einig: Amerika müsse die Sowjets durch ein Netz weltweiter Bündnisse eindämmen. Skepsis jedoch wurde laut gegenüber der damals von Eisenhower und Dulles vertretenen Politik der massiven Vergeltung. Ziel der Studiengruppe sollte es mithin sein, Alternativen zu erarbeiten -- und das war eine Aufgabe, die wie maßgeschneidert für Henry Kissinger war.
Schon einen Monat nach seiner Bestallung erschien in der April-Ausgabe von "Foreign Affairs" ein Kissinger-Artikel, in dem er die Politik der massiven Vergeltung vehement kritisierte. Zu diesem Zeitpunkt hielt Kissinger den Einsatz von Atomwaffen offensichtlich für absolut unmöglich: Er erwähnte sie nicht einmal.
"Henry treibt's mit den Rockefellers."
In den folgenden 18 Monaten konzentrierte sich Henry Kissinger einzig und allein darauf, einen Mittelweg zu finden zwischen atomarer Vernichtung und widerwilligem Appeasement.
18 Monate lang suchte er nach einem Ausweg aus dem "Dilemma, zwischen ... Armageddon und Niederlage ohne Krieg wählen zu müssen" (Kissinger).
18 Monate lang vertiefte er sich derart intensiv in den "Versuch, einen Weg zu finden, wie man lernt, mit der Bombe zu leben und zu überleben" (so die Kissinger-Biographen Bernard und Marvin Kalb), daß er zeitweilig sogar abends zu Hause seiner Frau Ann verbot, ihn anzusprechen, weil das seinen Gedankenfluß stören könne.
Das Ergebnis des Nachdenkens war eine Sensation: Kissingers 1957 veröfentlichtes Buch "Kernwaffen und Auswärtige Politik".
Kleine, taktische Atomwaffen, so verkündete Kissinger nun, seien das verläßlichste und wirksamste Mittel, um einen weltweiten sowjetischen Vormarsch zu stoppen. Amerika müsse seine gesamte Strategie um die taktischen Atomwaffen gruppieren.
Bis dahin hatte niemand für möglich gehalten, daß ein atomarer Krieg zu begrenzen sei. Nun kam Henry Kissinger, verwies mahnend -- mit dem vom ihm geprägten Begriff "overkill" -- auf die Fähigkeit der beiden Supermächte, mit ihren Waffenarsenalen den Gegner gleich mehrmals zu vernichten, und postulierte, für spezifische politische Ziele seien begrenzte Kriege die einzig denkbaren.
14 Wochen lang stand das Buch auf der Bestseller-Liste; Vizepräsident Richard Nixon sandte ein "Glückwunschschreiben"; für die "Washington Post" war Kissingers Buch "zweifellos das wichtigste Buch des Jahres 1957, vielleicht sogar das wichtigste der vergangenen Jahre".
Im Sommer 1957 kehrte Kissinger nach Harvard zurück, nun nicht mehr einfacher Doktor, sondern international renommierter Verteidigungsexperte. Professoren und Kommilitonen respektierten ihn, aber es gab auch den Vorwurf: "Henry treibt's mit den Rockefellers" sein Herz gehört nicht der akademischen Welt."
Tatsächlich hatte sich Kissinger auf eine zweigleisige Karriere eingerichtet: Er las in Harvard, zugleich aber arbeitete er an einer neuen politischen Aufgabe, für einen neuen politischen Herrn -- den New Yorker Multimillionär Nelson Rockefeller, den er zwei Jahre zuvor während einer Experten-Konferenz in der Marine-Basis von Quantico nahe Washington kennengelernt hatte.
Kissinger hatte dort einen Vortrag gehalten, Rockefeller, Leiter der Konferenz, hatte zugehört und "war tief beeindruckt. Rockefeliler: "Kissinger besaß die Fähigkeit, alle Fakten und Argumente vorzutragen und beide Seiten eines Problems darzustellen:"
Später befragt, ob ihn Kissingers deutscher Akzent nicht gestört habe, antwortete Rockefeller: "Ich lebe in New York. Warum soll ich mich da an einem Akzent stören? Ich achte nicht auf Akzente. Bevor ich Gouverneur wurde, wußte ich nicht einmal, wer katholisch, wer italienisch oder wer Jude war."
Noch während seiner Arbeit für den "Council on Foreign Relations" übernahm Kissinger die Leitung einer Reihe von Studien zu außen- und innenpolitischen Fragen, die vom "Rockefeller Brothers Fund" finanziert wurden. Und kaum hatte er sein Buch über "Kernwaffen und Auswärtige Politik" abgeschlossen, wurde er bei Rockefeller Direktor eines "Projekts für besondere Studien", einer Experten-Gruppe, die Amerikas innen- und außenpolitische Probleme auf die Zukunft der Nation projizieren sollte.
Wieder kam Kissinger mit der Elite des Ostküsten-Establishments zusammen, gelegentlich ließ ihn Rockefeller sogar in seiner Privatmaschine aus Harvard abholen.
Es ließen sich kaum gegensätzlichere Typen vorstellen als der eingewanderte Jude und der schwerreiche Amerikaner, als der aktive, impulsive Politiker und der scheue, zurückgezogene Denker. In der Sache jedoch waren sich Rockefeller und sein Berater einig.
John Kennedy konnte den Professor nicht leiden.
Beide teilten die Furcht vor einer Revolution, beide waren entschlossen, die Stärke und Vormachtstellung der Vereinigten Staaten zu erhalten. Kissinger übernahm sogar Rockefellers Slogan "Ein Luftschutzkeller für jedes Haus", mit dem der Bevölkerung klargemacht werden sollte, daß Amerikas Militärhaushalt jährlich um drei Milliarden Dollar zu wachsen habe.
Als Kissingers Studiengruppe ihren Report im Januar 1958 als "Antwort auf Sputnik" vorlegte, hatte Amerika einen neuen Bestseller. Die Fernsehgesellschaft NBC, die ihren Zuschauern beiläufig mitgeteilt hatte, sie könnten den Text abfordern, erhielt innerhalb eines einzigen Tages 45 000 Zuschriften, am zweiten Tag folgten weitere 200 000. Der Name Kissinger war nunmehr endgültig ein Markenzeichen geworden.
Die Harvard University hatte Kissinger währenddessen zum stellvertretenden Direktor eines neuen Harvard"Zentrums für internationale Angelegenheiten" berufen -- auf Empfehlung seines alten Freundes und Doktorvaters McGeorge Bundy und sehr zum Verdruß des Direktors Robert Bowie: "Das war der größte Fehler, den ich je gemacht habe."
Pausenlos kam es zu persönlichen und politischen Differenzen zwischen dem Direktor und seinem Stellvertreter. Der eine, Bowie, wollte nur forschen, der andere, Kissinger, auch lehren. Der eine unterstützte das Projekt einer multilateralen Atomstreitmacht (MLF), der andere sah darin eine Entwürdigung der europäischen Verbündeten. Die Konfrontation endete erst, als Kissinger 1960 zurücktrat -- er war inzwischen selbst Direktor (des "Defense Studies Program") und obendrein außerordentlicher Professor geworden.
Ein Journalist, der damals bei Kissinger studierte, erinnert sich: "Er war einer der arrogantesten Lehrer in Harvard, und das will schon was heißen. Ich erinnere mich, wie er am ersten Tag in "die Vorlesung kam und gleich anfing: "Wie ich Monsieur de Gaulle im Sommer erklärt habe Andere Studenten hingegen waren fasziniert, und die Campus-Zeitschrift "Harvard-Crimsan" stellte fest: "Seine Vorlesungen waren voller Saft, immer interessant, zuweilen sogar witzig."
Doch Kissinger las nicht nur selbst, er holte auch eine Fülle prominenter Politiker aus State Department und Pentagon als Referenten, an die Universität -- und festigte so zugleich seine guten Beziehungen zu den Männern an den Schalthebeln der Macht.
Und die traten nun von selbst an ihn heran, baten um Rat und Hilfe. So auch 1959 der Senator John F. Kennedy, der sich auf die Präsidentschaftskandidatur vorbereitete. Ihm arbeitete Kissinger einen Plan für den Wahlkampf an Amerikas Universitäten aus.
Da"s Honorar kam Anfang 1961. Kennedy, inzwischen zum Präsidenten gewählt, rief Kissinger -- auf Empfehlung Bundys -- nach Washington. Einmal pro Woche reiste der neue Berater des Präsidenten für Militär- und Sicherheitspolitik in die Hauptstadt, wo für ihn im Executive Office Building gleich neben dem Weißen Haus ein Büro eingerichtet worden war.
Persönlich konnte Kennedy den Professor nicht leiden, aber er respektierte ihn als Fachmann. Sie vertraten verschiedene Auffassungen über de Gaulle, über Deutschland und vieles andere, aber Kennedy hatte keineswegs den Ehrgeiz, sich nur mit Ja-Sagern zu umgeben.
Einen Sieg in Vietnam hielt Kissinger für unmöglich.
Auf die Dauer jedoch paßten der swingende Kennedy-Set und der damals noch keineswegs swingende Kissinger nicht zusammen. Der Professor beklagte sich über die Vorliebe der "reichen Jungs" für das Segeln und über ihre nächtlichen Eskapaden an den Swimming-Pools ihrer Luxushäuser in Georgetown, über das mangelnde Gefühl für Ritterlichkeit oder Ehre. Nur selten bekam er den Präsidenten zu sehen, seine außenpolitischen Vorstellungen fanden keinen Widerhall.
Zu einem ersten ernsthaften Zerwürfnis kam es beim Bau der Berliner Mauer im August 1961. Kissinger sah darin eine Aggression der Sowjets, die beantwortet werden müsse, Kennedy hingegen hielt die Mauer für ein Mittel zur Stabilisierung der Situation in Osteuropa. Ihre Wege trennten sich -- Henry Kissinger ging zurück nach Harvard.
Dort wurde er 1962, endlich, ordentlicher Professor und teilte sich seine Zeit fortan auf: Er pendelte zwischen Politik und Projekten.
Politisch gewiß irgendwie in der Mitte anzusiedeln, kein Konservativer, kein Liberaler, weder Republikaner noch Demokrat, ein Mann, der eher Persönlichkeiten als politischen Etikettierungen folgte, schrieb Kissinger ein Buch und zahllose Artikel, die in aller Welt zitiert wurden und vorwiegend Kritik an der amerikanischen Außenpolitik enthielten.
Sowohl Kennedys wie auch Johnsons Regierung benahm sich nach Kissingers Meinung arrogant gegenüber ihren europäischen Verbündeten -- ein Vorwurf, der ihn heute selbst trifft -, Amerika, so forderte er, dürfe nicht versuchen, amerikanische Lösungen für europäische Probleme durchzusetzen.
Trotz solcher Kritik machte sich auch Johnson die Dienste des denkenden Deutschen zunutze. Auf Anraten seines (republikanischen) Saigon-Botschafters Henry Cabot Lodge entsandte er Kissinger dreimal zur Bestandsaufnahme nach Vietnam. Und dreimal kehrte Kissinger entsetzt zurück.
Seine Detail-Beobachtungen gab er nicht öffentlich preis, wohl aber summierte er seine Erfahrungen 1966 in einem Artikel für die Illustrierte "Look": "Der Krieg in Vietnam wird von zwei Faktoren beherrscht: ein Abzug wäre entsetzlich, Verhandlungen sind unausweichlich."
Kissingers Ansichten über einen amerikanischen Truppenabzug reflektierten, bemerkenswert unkritisch, den Standpunkt der Regierung. Nur in einem Punkt ging er nicht so weit wie Johnson und dessen Minister: Er hielt einen militärischen Sieg für unmöglich. Kissinger: "Das Hauptproblem in Vietnam ist politischer und psychologischer, nicht militärischer Natur." Das Watergate-Tief holte ihn in Salzburg ein.
Vietnam war auch das Hauptthema der Arbeiten, die Kissinger in den folgenden Jahren für seinen Freund und Gönner Nelson Rockefeller anfertigte. der sich anschickte, 1968 noch einmal nach der Präsidentschaft zu greifen.
Unbestrittener Favorit für die Nominierung als republikanischer Kandidat jedoch war Richard Nixon, ihn galt es zunächst einmal zu stoppen.
Doch auf dem Parteikonvent in Miami Beach mußte Rockefellers Mannschaft ausgerechnet mit dem schärfsten Rivalen gemeinsame Sache machen, um zu verhindern, daß sich die Ultras um den kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan im Parteiprogramm mit einem radikalen Vietnam-Kapitel durchsetzten, das nach einer ausschließlich militärischen Lösung verlangte.
Das Kapitel wurde abgemildert, vor allem dank Kissinger. Doch damit hatte Rockefellers Mannschaft auch ihren letzten und einzigen Trumpf ausgespielt.
Als das Rennen längst gelaufen war, vertraute der im innerparteilichen Gezänk gänzlich unerfahrene Kissinger zwar immer noch einem Harvard-Freund an, er habe das Gefühl, Nixon sei gestoppt worden und Rockefeller werde die Nominierung erhalten. Wenige Stunden später aber, am Abend des 8. August 1968, war Rockefeller besiegt, und damit schien auch Henry Kissingers politische Karriere am Ende; denn daß er auch von einem Präsidenten Richard Nixon konsultiert werden könnte, mußte Kissinger nach dem harten Wahlkampf innerhalb der Republikanischen Partei beinahe für ausgeschlossen halten.
Sehr viel später einmal fragte ihn ein Reporter, wie er Rockefellers Intelligenz einschätze. "ZweitkLassig", antwortete Kissinger ohne Zögern. "Aber er ist erstklassig, was seine Menschenkenntnis anlangt."
"Und wie würden Sie sich selbst einstufen?" wollte der Reporter wissen.
"Erstklassig, aber drittklassig in bezug auf die Menschenkenntnis."
Die Selbsteinschätzung mußte wohl stimmen: Wider alles Erwarten rief ausgerechnet Richard Nixon gleich nach seinem Wahlsieg den Harvard-Professor zu sich ins New Yorker Nobel-Hotel "Pierre" und bot ihm den Posten des Nationalen Sicherheitsberaters an. Kissinger, der sich amerikanische Politik ohne Kissinger kaum noch vorstellen konnte, konsultierte Rockefeller und nahm an.
Wenige Wochen später erläuterte Kissinger in einem SPIEGEL-Gespräch, warum er Nixons Ruf gefolgt sei und wie er sich die Arbeit im Weißen Haus vorstelle. Kissinger:
* "Ich habe diese Stellung nicht als Vertreter Nelson Rockefellers angenommen, und ich spreche nicht als sein Vertreter. Ich bin mein eigener Mann.
* "Ich bin in dieser Stellung, weil ich glaube, mit gutem Gewissen die Politik von Mr. Nixon vertreten zu können.
* "Ob ich gut oder schlecht funktioniere, hängt ganz davon ab, wie schnell ich auf die konkreten Situationen reagieren kann.
* "Ich halte es auch in der Außenpolitik für möglich, erst zu denken und dann zu handeln."
Doch schon bald nach seinem Amtsantritt sah sich Kissinger gefangen im Strudel der Vietnam-Politik und einer Flut außenpolitischer Probleme, die oft von einem Tag zum anderen zu lösen waren und keine langen Denkpausen erlaubten.
Er meisterte sie am Ende alle -- mal, wie im Falle Sowjet-Union und China, angeleitet von seinem Präsidenten, mal, wie im Falle Vietnam, am Rande des Abgrunds, scheinbar am Ende seiner Karriere (SPIEGEL 24/1974).
Von Monat zu Monat wurde der einstige Emigrant aus Franken zum unentbehrlichen Gehilfen Richard Nixons, Und je stärker der Präsident in den Watergate-Skandal verwickelt wurde, desto unanfechtbarer wurde Kissingers Position -- bis ihn Nixon schließlich im September vorigen Jahres zum Außenminister machte, zum alertesten und beweglichsten Secretary of State der amerikanischen Geschichte.
Als Nixon und Kissinger am vorigen Montag mit einer ganzen Luftflotte aus Washington starteten, um -- nach einer Zwischenlandung in Österreich -- die Früchte Kissingerscher Außenpolitik zu ernten, schien die Karriere des Wissenschaftlers im Außenamt auf ihrem Höhepunkt angelangt.
In Salzburg jedoch, wo eigentlich nur der Zeitunterschied zwischen Amerika und Europa überbrückt werden sollte, holten auch ihn die Ausläufer des Watergate-Tiefs ein.
"Ich berate, solange ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann", hatte Kissinger 1969 dem SPIEGEL erklärt. "Wenn ich das nicht kann, gehe ich, ohne großen Skandal zu machen."
Im nächsten Heft
Fortsetzung der Serie "Henry Kissinger Superstar":
Die Beziehungen Nixon/Kissinger -- Die Ex-Botschafterin Clare Booth Luce vermittelt die erste Zusammenkunft -- Kissinger über Nixon: "Der gefährlichste Mann."

DER SPIEGEL 25/1974
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Kissinger: „Wenn ich gehe, dann ohne Skandal“

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