17.06.1974

ARBEITERFILMAuch schon mal nach vorn

Nach seinem vielbeachteten Spielfilm-Debüt „Liebe Mutter, mir geht es gut“ drehte der Berliner Christian Ziewer wieder ein Arbeiter-Drama um Lohnkampf und Solidarität.
Es ist noch ein weiter Weg, bis die Arbeiter den Klassenkampf richtig führen. Aber man kann den Weg abkürzen." So spricht "Opa Emil". Nebenfigur (und Vater eines regen IG-Metall-Vertrauensmanns) in dem neuen deutschen Spielfilm "Schneeglöckchen blüh'n im September", beim Bier seinen jüngeren Klassenbrüdern ins Gewissen.
Daß der Weg tatsächlich abzukürzen ist, zu diesem "Selbstbewußtsein" und "optimistischen Blick auf die Zukunft" will Regisseur Christian Ziewer ("Liebe Mutter, mir geht es gut", 1972) den Zuschauern seines zweiten Arbeiter-Lichtspiels verhelfen. Aufwendiger produziert und spektakulärer inszeniert als "Liebe Mutter, mir geht es gut" schildert auch "Schneeglöckchen blüh'n im September" -- Premiere Ende dieses Monats im "Internationalen Forum" bei den Berliner Filmfestspielen -- einen Arbeitskampf in einem Großbetrieb. Dabei steht wiederum -- diesmal weniger plakativ-didaktisch aufbereitet -- das Lob der Solidarität am Arbeitsplatz im Vordergrund.
Wie widerspruchsvoll und vertrackt der Weg zu diesem Lernziel ist und welch explosives menschliches und politisches Potential freigesetzt wird, wenn die Solidarität gelingt, das hat Ziewer, 33, mit einem differenzierten Realismus und einer spontanen Sinnlichkeit ins Bild gesetzt, wie sie sonst von keinem der in Berlin neuerdings ins Kraut schießenden Arbeiterfilme erreicht werden.
Schwer tut sich auch dieser Film noch, wie die meisten des Genres, bei dem Versuch, Privatleben zu schildern. Die kurzen Zwischenspiele, die die Helden bei Sport, Geselligkeit und häuslichen Konflikten zeigen, reproduzieren im Grunde nur Klischees vom Arbeiter-Milieu.
Im Mittelpunkt des halb mit Laien, halb mit Schauspielern gedrehten Farbfilms (mit Musik und Songs der Polit-Rockgruppe Lokomotive Kreuzberg) stehen zwei eigenwillige Arbeiter einer Akkordkolonne im Kesselbau: Hannes (Claus Eberth) setzt sich als -- ein bißchen arg edel gezeichneter -- Vertrauensmann unermüdlich für die Interessen seiner Kollegen ein, während der junge Ed (gespielt von dem Laien Wolfgang Liere) sich beim Kampf mit der Betriebsleitung eigennützige Extra-Touren leistet.
Zugleich erzählt der Film die weitverzweigte Krisen-Geschichte einer Fabrik und ihrer Belegschaft. Die Auseinandersetzungen beginnen damit, daß der Kesselbau-Kolonne für die Einsparung eines Mannes eine geringe Ausgleichsprämie angeboten wird. "Für 20 Pfennig", so die Arbeiter zum Betriebsratsvorsitzenden, "da wirst du uns recht geben, tragen wir unsere Haut nicht zum Markt." Erfolg ihres kollektiven Protests" den die Firma vergebens Zu sabotieren versuchte: Sie erhalten 35 Pfennig Zulage.
Überraschend kritisch wird die Lage, als Veränderungen im Werk -- es wurde an einen großen Konzern verkauft
Unsicherheit und Verwirrung unter den Arbeitern im Kesselbau, dessen Stillegung geplant ist, hervorrufen. Aus Angst um den Arbeitsplatz zerbricht die erreichte Solidarität, Lohnkürzungen werden hingenommen. IG-Mann Hannes bekommt von Ed zu hören: "Hier muß jeder selber sehen, daß er zu was kommt. Und solange man noch gebraucht wird."
Erst angesichts von neuen Aufträgen und Produktionssteigerungen in anderen Abteilungen lassen sich allmählich immer mehr Arbeiter und auch der lange Zeit unentschlossene und übervorsichtige Betriebsrat von Hannes und einer Unterschriftenaktion davon überzeugen, daß für die Leute im Kesselbau etwas getan werden muß: Ein akzeptabler Sozialplan wird gefordert.
Als die Direktoren sich weigern, Zugeständnisse zu machen, kommt es zum entscheidenden Eklat: Gleich einem Buschfeuer entwickelt sich aus einem kleinen Warnstreik eine spontane Arbeitsniederlegung aller. Die Forderungen worden akzeptiert; auf dem Hof unter den Fenstern der Fahriksleitung singen die Arbeiter zum operettenhaften Happy-End: "So ein Tag, so wunderschön wie heute ..."
Wie schon mit seinem Erstlingsfilm "Liebe Mutter. mir geht es gut" will Ziewer auch mit "Schneeglöckchen" -- die nach der Berlinale auch ins
Kino kommen -- zu Vorführungen und Diskussionen in die Betriebe ziehen. Nicht zuletzt, um auf diese Weise Anregungen für seine weiteren Arbeiterfilmprojekte -- das nächste soll sich auf Konflikte im Privatleben konzentrieren -- zu sammeln.
Erste Erfahrungen, was Arbeiter zu seinem "Schneeglöckchen"-Film zu sagen haben, hat Ziewer bereits gemacht. Bei den Äußerungen wird "wie auf geheime Verabredung das Wort Streik scheu gemieden" und lieber gesagt: "Wir sind auch schon öfters auf den Hof marschiert" oder "auch schon mal nach vorne gegangen". In einem Betrieb, in dem die Belegschaft exakt ihre Probleme mit dem Betriebsrat abgefilmt sah, mußte der Betriebsratsvorsitzende wahre Kunststücke bei der Interpretation des Films vollbringen und meinte: "Na ja. Kollegen, so mag das ja leider noch in manchen Betrieben laufen, aber Gott sei Dank bei uns seit zehn Jahren nicht mehr."
Darauf ein Arbeiter: "Aber, Helmut, denk doch mal an letztes Jahr!"

DER SPIEGEL 25/1974
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