DER SPIEGEL



MEDITATION

Donnerndes Schweigen

Zum ersten Male stellten sich Zen-Mönche einer ärztlichen Befragung. Sie gaben verblüffende Auskünfte über physische Begleitumstände von Meditations-Exerzitien.

Mit bislang unbekanntem Freimut plauderten jetzt renommierte Zen-Mönche in Japan über ihre "Erleuchtungen". Interviewer war Dr. Günter Schuttler von der Universitäts-Nervenklinik in Bonn*.

Schüttler, 44, hatte bereits 1971 internationales Aufsehen erregt. Seit 1969 wissenschaftlicher Leiter der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung ekstatischer Phänomene, hatte er mit einem Forschungsteam die in Indien lebenden letzten Orakelpriester Tibets aufgesucht und neurologisch-psychopathologisch analysiert**.

Erstmals ließen sich jetzt vom Arzt aus Bonn in Japan auch die wegen ihres "donnernden Schweigens" bisher kaum ansprechbaren Mitglieder der Zen-Sekte penibel befragen. Zen. japanische Spielart buddhistischer Meditationspraxis, will mittels ausgeklügelter Sitz- und Versenkungstechnik (Zazen) "Erleuchtung" (Satori) bewirken. Auch in Deutschland haben Zen-Exerzierer wachsenden Zulauf. Erleuchtung im Lotossitz ist gefragt. Sogar Carl Friedrich von Weizsäcker, einer der namhaftesten deutschen Philosophen, empfiehlt Meditation als Lebenshilfe.

Die Ziele der Analysen Schüttlers lagen dabei ausschließlich im Medizinisch-Neurologischen. Gefragt wurde, welcher Personenkreis wann, wie und

* Gunter Schüttler: "Die Erleuchtung im zen-Buddhismus". Verlag Karl Alber, Freiburg; 152 Seiten; 28 Mark.

** Günter Schüttler: "Die letzten tibetanischen Orakelpriester". Franz Steiner verlag, wiesbaden; 176 Seiten; 26 Mark.

warum zum extraordinären psychischen Erlebnis der "Erleuchtung" (Satori) gelangt und wie diese psychopathologisch einzuordnen sei.

Hierbei kam es zu verblüffenden Resultaten: Erleuchtungsprädisponiert ist nicht, wie oft geglaubt, die Altersgruppe von 40 an, sondern vielmehr das Twen-Alter der 24- bis 30jährigen. Hingegen nimmt die Satori-Chance mit zunehmendem Alter ständig ab, ja erlischt von 70 an fast gänzlich.

Bei den Berufen stellten sich, überraschenderweise, drillgewohnte Militärpersonen als besonders geeignet heraus, so vor allem von der Kriegsmarine, hingegen weniger Intellektuelle. Schüttler deutete, daß sich dadurch erkennen ließe, "wie bedeutsam das Einschleifen der Umschaltungsvorgänge bzw. die Ausschaltung übergeordneter geistiger Instanzen für die Meditation ist".

Schon immer war bekannt, daß sich im Zen die "Erleuchtung" plötzlich, ja blitzartig einstellte. Die Zeugnisse darüber sind zahlreich. Noch nie aber wurde zu Protokoll gegeben, was jetzt Zen-Meister Omori Sogen in Tokio dem Dr. Schüttler bekannte.

Nach achtjähriger Erleuchtungsanstrengung widerfuhr dem 27jährigen Japaner das rauschhafte kosmische Einsgefühl während eines verschärften Zen-Trainings (Sesshin) bei der Harnblasenentleerung. Omori Sogen: "Im Zustand letzter Konzentration gelangte ich zum Fallklosett. Durch das Geräusch beim Urinlassen wurde das Satori-Erlebnis ausgelöst. Während des Wasserlassens habe ich plötzlich alles erkannt. Ich war vollkommen ausgebreitet, eins mit dem All."

Der ungewöhnliche Erleuchtungsauslöser wird vom medizinischen Experten des Westens so kommentiert: "Der Entleerungsdrang einer gefüllten Harnblase wird entspannend befriedigt, als lustbetontes Leibgefühl" wobei gleichzeitig das Rauschen des Harnstrahls als akustischer Schlüsselreiz zum Erlebnis der Erleuchtung, zur intuitiven Erkenntnis führt."

So überraschend diese Erklärung Schüttlers klingt -- einzigartig ist sie keineswegs. Erik H. Erikson, der weltberühmte Jugend-Psychologe, vermutet, daß Luthers Erleuchtung -- sein revolutionärer theologischer Durchbruch -- sich auf der Latrine ereignete. Luther selbst bekannte: "Dise Kunst hatt mir der Spiritus Sanctus auff diss Cl. eingeben", wobei Erikson (mit anderen Luther-Forschern) die Kürzung "CI." als "cloaca" deutet. Erikson verteidigt seine Auffassung mit der Aussage, "daß in diesem schöpferischen Augenblick die Spannung tage- und nächtelanger Meditation in eine Erleichterung umschlug, die sein ganzes Sein erfaßte" -- auch Luthers Eingeweide.

"Eine Erleuchtung", fährt Erikson fort, "das heißt ein plötzlicher innerer Lichtstrom" ist stets mit den Begriffen der Reinigung, des Von-sich-Abwerfens, des Abstoßens verbunden."

Die "möglicherweise unreinen Umstände" bei der Erleuchtung beeinträchtigen keineswegs, meint Erikson, ihre Kraft und historische Bedeutung. Das ist auch Schüttlers Ansicht: "Die Zersprengung der Ich-Grenzen mit Umfassung des Unendlichen, dieses erschütternde Inspirationserlebnis kann zum Ausgangspunkt weltgeschichtlicher Wirkungen und monumentaler Religionsneubildung werden."


DER SPIEGEL 25/1974
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