01.07.1974

Bankenkrach: „Die Bilder sind bedrückend“

Die Kölner City wurde vergangene Woche durch Deutschlands größten Bankenkrach seit der Weltwirtschaftskrise erschüttert. Der Zusammenbruch der Privatbank 1. D. Herstatt droht Sparer und andere Geldhauser mitzuziehen In einer Blitzaktion versuchten Bundesbank und Großbanken, ein Finanzchaos in der Bundesrepublik abzublocken.
Halunken, Gauner, Betrüger", brüllte die Menge. Seit acht Uhr morgens drückte rheinisches Volk gegen das Portal der Kölner I. D. Herstatt-Bank (Werbespruch: "Geldanlegen darf kein Glücksspiel sein") und forderte sein Geld. Doch hinter der Glastür stand das Wort "geschlossen" und vor der Tür die Polizei: Westdeutschlands zweitgrößte Privatbank war mit mindestens 480 Millionen Mark Defizit aus Devisenspekulationen am vergangenen Donnerstag dichtgemacht worden.
In Bonn unterbrach Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs gegen Mittag die Sitzung der Konzertierten Aktion. Mit Bankenverbands-Präsident Alwin Münchmeyer, Notenbankchef Karl Klasen und Finanzstaatssekretär Karl Otto Pöhl verschwand Friderichs im Zimmer 230 des Ministeriums, um die Bankiers zu schneller Hilfe -- wenigstens für die kleinen Sparer -- anzuhalten.
Privatbankier Münchmeyer, vom Herstatt-Schock gezeichnet, zog sofort mit. Noch einen Tag zuvor, so gestand der Bankier, hatte sein Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. bei Herstatt fünf Millionen Mark Tagesgeld deponiert.
Iwan D. Herstatt, Chef des geschlossenen Hauses, sonst auf jeder Karnevalssitzung und Opernpremiere tönend dabei, Experte auch für Golf und Kölsch in Köln, blieb derweil stumm und unsichtbar. Herstatts Devisen-Spezialist Dany Dattel verharrte in voller Deckung. Um zehn Uhr erst, als Herstatt-Kunden die Bank schon zwei Stun-
* Aufläufe vor Herstatt- und Danatbank.
den lang belagerten, erschien mit rotem Megaphon Herstatt-Generalbevollmächtigter Bernhard Graf von der Goltz. Auch er, beteuerte der Graf dem Volk, sei von der Dany-Dattel-Devisen-Show überrollt worden.
Das Herstatt-Debakel ist die größte Bankenpleite in Deutschland seit dem denkwürdigen Einsturz der Darmstädter und Nationalbank ("Danatbank") vor 43 Jahren, mit dem in Deutschland die große Krise, der Weg in die Arbeitslosigkeit und zu Hitler begann. Von der Inflation verunsichert, durch Kurzarbeit in den Automobilkonzernen aufgeschreckt und wegen steter Mahnungen von Politikern und Ökonomen vor einer weltweiten Wirtschaftskrise verstört, sahen Laien und Profis den Herstatt-Krach als neuen Anfang eines Zusammenbruchs der Geld- und Kreditwirtschaft des Landes ähnlich dein großen Bankenkrach von 1931.
Zwar bestritt Bundesbank-Präsident Klasen vor dem Fernsehvolk sogleich geschichtliche Parallelen und schob die Schuld den Leichtfertigkeiten des Herstatt-Managements zu. Aber anderen. wie Bankier Münchmeyer, entfuhr es im vertrauten Kreis: "Das ist ja fast wie damals mit der Danatbank." Und selbst der besonnene Deutschbankier Franz Heinrich Ulrich fand "die äußeren Bilder etwas bedrückend".
Nie wieder seit dem Danat-Krach 1931 nämlich hatten sich so viele Sparer vor den Toren einer geschlossenen Bank zusammengerottet. Dennoch: Der Danat-Fall war Ausdruck des vernichteten Vertrauens in ein bereits marodes Weltwirtschaftsgefüge. Ausländer zogen ihre Gelder abrupt von der Bank ab, heimische Sparer stürmten die Schalter, die Bank -- leergefegt von Bargeld -- mußte kapitulieren. Herstatt dagegen fiel seiner eigenen Tollkühnheit zum Opfer -- und Karl Klasens Politik des knappen Geldes.
Iwan Herstatt, der, ähnlich anderen Bankiers, im traditionellen Bankgeschäft, dem Geldverleih, nichts mehr verdienen konnte, hatte sich mehr als die Konkurrenz -- und mehr als seriöse Banker für vertretbar halten -- auf den heißen Devisenhandel verlegt, der schnelles Geld versprach. Kurt Richebächer, Generalbevollmächtigter der Dresdner Bank, über die neue Bankregel: "Wenn die normalen Erträge zerdeppert sind, flieht man in die außerordentlichen." Aber die Spekulation mit dem Auf und Ab von Währungen ging daneben.
Von den goldenen Erträgen aus dem Spekulationsrausch profitierten außer Iwan Herstatt auch noch zwei Große unter den deutschen Wirtschaftsdynasten: Herbert Quandt (BMW, Varta), der mit fünf, und der Versicherungsfürst Hans Gerling, der mit 81,4 Prozent am Bank-Kapital beteiligt ist.
Der königlich-schwedische Generalkonsul Gerling, dem außer seiner Global Bank vor allem I. D. Herstatt als Hausbank der Versicherungsgruppe diente, gilt den Rheinländern als Symbol ungebrochener Finanzkraft. Der Herstatt-Bank diente der Assekuranz-Krösus als Nachweis eigener Solidität.
Dem Iwan Herstatt, in Kölner Klüngel und rheinische Folklore integriert, könne man getrost sein Geld anvertrauen, hieß es in der Domstadt. Immerhin hatte der tüchtige Mann das 1956 wiedereröffnete Bankhaus seiner Väter auf Platz zwei unter Deutschlands Privatbanken geliftet.
In dem Mitte März veröffentlichten Geschäftsbericht noch hatte die Bank ihrem Devisenhandel ein "ausgezeichnetes Ergebnis" bescheinigt.
Vergangene Woche aber registrierten die Beamten des Berliner Aufsichtsamtes für das Kreditwesen bei einem haftenden Herstatt-Kapital von 77 Millionen Mark Verluste von fast 500 Millionen Mark -- vorwiegend aus dem Devisengeschäft. Mit rund 30 Milliarden Mark, so mutmaßten Fachleute im Kölner Bankenverband, müssen Iwan Herstatts Börsenjobber im Laufe des letzten Jahres am Devisenmarkt jongliert haben, um eine halbe Milliarde Verlust einzuspielen.
Als die Herstatt-Bank ihr "Rien ne va plus" ansagte, hatten nicht nur jene Kunden verloren, die sich vor dem Herstatt-Palast in der Kölner City und den 31 Filialen in der Stadt, im benachbarten Bonn bis hin nach Königswinter zum Protest versammelt hatten. In Bonn setzte der Präsident des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands, Horst Baumann, zwischen 170 und 230 Millionen, die von den Volksbanken und ländlichen Kas-
* Mit Schlagerstar Katja Ebstein.
sen bei Herstatt angelegt waren, auf die Verlustliste. Kölns Stadtkämmerer kam auf 198 Millionen Miese. Sein Bonner Kämmerer-Kollege schrieb gut zwölf Millionen ab. Selbst die Kölner Zoo AG bangt um 25 000 Mark Festgeld.
Der Restaurationskonzern Blatzheim AG, schon länger in Schieflage. meldete am Freitag Konkurs an. Die Redakteure der in Köln ansässigen Deutschen Welle warteten vergeblich auf ihren Lohn von Herstatt-Konten. Bei WDR-Frühschöppner Werner Höfer ("Ich kann das nicht bestreiten") schlug die Herstatt-Pleite ebenso ein wie bei Susi von Wechmar, Ehefrau des früheren Bonner Regierungssprechers Rüdiger von Wechmar, die gerade den Umzug in die Bonner Uno-Botschaft in New York ausrichtete.
Kölner Kneipiers sind ihre Guthaben los und auch die Geldverweser rheinischer Kirchenkassen, die "Iwan" (Kölner Kurzformel für I. D. Herstatt) reichlich Kollektengroschen anvertraut hatten: Rund die Hälfte der Kölner Diözesen-Gelder hatte Erzbischof Joseph Höffner bei Herstatt deponieren lassen.
Glimpflich davon kam Links-Schriftsteller Günter Wallraff, Kritiker der Beletage des Kölner Versicherungskonzerns Gerling. Wallraffs Herstatt-Konto wies letzte Woche nur ein Guthaben von 50 Mark aus.
Schlimmer traf es den Kölner Böll-Verlag Kiepenheuer & Witsch, der um die Finanzierung seiner Herbstauflage bangen muß. Klagte Carsten P. Claussen vom Vorstand der Gerling-eigenen Global Bank: "Alles und alles ist dabei, ein breitgestreutes Einlagevolumen über die gesamte Bundesrepublik."
Der Einbruch bei Herstatt kam für das westdeutsche Bankwesen zu einer gefährlichen Zeit. Seit vergangenen Sommer die Düsseldorfer Bau-Kredit-Bank zusammenbrach, an der Versicherungsgesellschaften und renommierte Privatbankhäuser wie Trinkaus beteiligt waren, gelten deutsche Geldinstitute nicht mehr uneingeschränkt als erste Adressen.
Tiefer in Verruf kamen die westdeutschen Finanziers, als die Hessische Landesbank mit riskanten Engagements bei nicht mehr sattelfesten Unternehmen auffiel. Bankchef Wilhelm Hankel, unter Karl Schiller in Bonn einst als Währungsexperte gefeiert, wurde abgeschossen: 800 Millionen Mark Verluste hatte die Hessenbank, verflochten mit dem Sparkassensystem des Landes, zu verkraften.
Mit einer Viertelmilliarde Miesen lieferte die Westdeutsche Landesbank des einstigen Sparkassendirektors Ludwig Poullain den nächsten Skandal. Poullain, der gerne wider den feinen Strich des westdeutschen Bank-Adels bürstete, hatte, ebenso wie Iwan Herstatt, am falschen Tisch gepokert: Auch ihm fehlten plötzlich 270 Millionen Mark im Devisenhandel. Der öffentlich-rechtliche Banker füllte das Loch durch Rückgriff auf Reserven und schaßte den zuständigen Vorstand, den Erfolgsschriftsteller in Sachen Währungspolitik Helmut Lipfert.
Durch den Herstatt-Krach beschleunigte sich der Imageverfall der deutschen Banken. Gleich am Tag, als in Köln die Pleite kam, zogen in Hamburg Ausländer ihre Einlagen selbst bei renommierten Privatbanken bis auf 5000 Mark je Konto ab. Hans Gerlings Global Bank schloß sogar am Donnerstag und Freitag die Pforten. In Zürich füllten die Finanzleute ihre schwarzen Listen über Banken, mit denen man keine Geschäfte betreibt, mit deutschen Adressen auf.
Überdies befiel in der vorigen Woche Westdeutschlands Bankiers die Furcht vor roten Listen, vor jenen Papieren, in denen linke Flügelleute der SPD -- bislang noch gegen den Widerstand von Bundeskanzler Schmidt und Finanzminister Apel -- immer wieder nach Verstaatlichung der Banken rufen.
Energisch plädierten daher die Funktionäre des Kölner Bankenverbandes an ihre Mitglieder, die Folgen des Herstatt-Skandals so schnell wie möglich zu bereinigen. Ein Verbandsgeschäftsführer: "Wir müssen alles tun, damit die Ideologen nicht aufs Tableau kommen."
Zur Debatte freilich steht auch das vom Chef der Deutschen Bank Ulrich stets wortreich verteidigte Universalbankensystem, das alle Arten von Kredit- und Börsengeschäften in einem Haus vereint. In den USA, wo sich die Geldhäuser seit Roosevelts Zeiten in Broker und Banker teilen, können Bank-Verluste aus Spekulationsgeschäften nicht Sparkonteninhaber treffen.
Daß es die Herstatt-Sparer traf, hatte ausgerechnet ein Top-Angestellter des Hans Gerling aufgedeckt: der Finanz-Vorstand des Versicherungskonzerns Anton Weiler. Im Auftrag seines obersten Dienstherren hatte Weiler 14 Tage lang die Bücher der Kölner Privatbank durchforstet und schließlich Ende vorletzter Woche Rapport erstattet.
Nach am Sonntag reiste der Aufsichtsratsvorsitzende des Gerling-Konzerns, der Kölner Stahlhändler und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages Otto Wolff von Amerongen, mit Gerlings Weiler nach Hamburg-Alsterdorf, um. den dort beheimateten Bundesbank-Präsidenten Karl Klasen über den unabwendbaren Banken-Krach zu informieren. Klasen scheuchte unverzüglich per Telephon den Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen in Berlin, Günter Dürre, aus der Sonntagsruhe.
Das Krisenmanagement von staatlichen und privaten Geldhütern arbeitete präzise: Am Montagmorgen unterrichtete Finanzstaatssekretär Karl Otto Pöhl den Bundeskanzler Helmut Schmidt. Eine staatliche Hilfe für das sieche Bankhaus schlossen die Regierenden nach kurzer Beratung aus. Pöhl: "Es ist völlig undenkbar, daß wir bei so miesen Geschäften über Steuermittel die Verluste sozialisieren."
Auch die drei Großbanken -- die Deutsche, Dresdner und die Commerzbank -- konnten sich bei einem Treffen am Dienstagmittag in der Frankfurter Bundesbankzentrale nicht auf eine Hilfsaktion verständigen. Beim Abwägen, was höher stehe, der Ruf des Gewerbes oder eine halbe Milliarde, entschieden sich die Geldfürsten für das Bare.
Den vorsichtigen Rechnern war klar, daß die Kölner Pleitiers das für ihre Sanierung nötige Geld auf absehbare Zeit nicht wieder einspielen würden. Herstatt-Gesellschafter Hans Gerling andererseits lehnte es ab, die Bankiers zwecks Absicherung an seinen Versicherungskonzern heranzulassen. Nach einer neuerlichen Sitzung am Mittwochvormittag bekannte Bundesbankpräsident Karl Klasen: "Wir waren uns alle einig, daß es im Interesse des deutschen Kreditwesens gelegen hätte, das Institut am Leben zu erhalten. Aber es ging nicht."
Zu dem Millionen-Desaster hatten Transaktionen geführt, die im westdeutschen Bankgeschäft noch nicht Tradition sind: sogenannte Devisentermingeschäfte, bei denen ausländische Gelder -- Dollar, Pfund oder Franc -, die erst in drei, sechs oder zwölf Monaten fällig sind, schon gleich zu einem festen Kurs ver- oder gekauft werden.
Der Verkäufer der Auslandsvaluta hofft bei solchem Handel, daß er am Tag der Lieferung die Devisen am Markt billiger einkaufen kann als zu dem vorher vereinbarten Kurs. Doch nicht immer gehen die Vermutungen über den künftigen Geldwert auf. Ein Düsseldorfer Devisenhändler etwa, der vor drei Monaten 100 Millionen englische Pfund zum Termin-Kurs von 5,969 Mark (dem damals geschätzten Gegen das Risiko, daß die Spekulationen über die Kursentwicklungen falsch sind, pflegen sich vorsichtige Bankiers daher auch abzusichern. Devisenhändler, die beispielsweise Dollar zwecks dreimonatiger Geldanlage in den USA erwerben, verkaufen gleichzeitig mit dem Kauf der Dollar den in drei Monaten von dem US-Geldnehmer zurückzuzahlenden Dollar-Betrag per Termin -- das Risiko, bei sinkendem Dollarkurs durch einen Rücktausch der Dollar in drei Monaten einen Verlust zu erleiden, ist durch das doppelte Devisengeschäft ausgeschaltet.
Auch Exporteure etwa, die ihre Dollar-Erlöse bei den Banken Monate vor Fälligkeit gegen Mark verkaufen, haben ihren Nutzen. Sie können mit vorher feststehenden, von den schwankenden Wechselkursen nicht beeinträchtigten Mark-Einnahmen rechnen.
Derlei Geschäfte waren nach dem Krieg 20 Jahre lang nahezu unbedeutend gewesen. Denn die westlichen Industriestaaten hatten die Kurse ihrer Währungen fest miteinander verkettet, die Absicherung gegen Kursschwankungen war daher kaum nötig. Erst seit 1968, als das Währungssystem zu bröckeln begann, und erst recht seit 1973, als die festen Wechselkurse durch flexible ersetzt wurden, kam der alte, aus der Vorkriegszeit stammende Geschäftszweig des Devisenterminhandels wieder zu voller Blüte.
Zum Vorschein kamen damit aber auch wieder jene Geld-Hasardeure, die das Devisentermingeschäft nicht zur Sicherung des Außenhandels oder internationaler Kredite betreiben, sondern im Auf und Ab der Kurse leichte Gewinne suchen. Sie spekulieren ohne Netz und verkaufen Millionen, die sie gar nicht haben, ohne sich durch gleichzeitige Terminkäufe abzusichern. In der Branche heißen diese äußerst riskanten Geschäfte "Leerverkäufe".
Oft wissen die Bankvorstände gar nicht, daß ihre Devisenhändler Hunderte von Millionen in das große Spiel stecken. Denn keine Abteilung innerhalb der Banken arbeitet so unabhängig, keine ist so wenig kontrollierbar wie der Klub der Geldhändler, der seine Geschäfte nur über das Telephon abwickelt. Ein Bundesbeamter: "Wie soll man edle Rennpferde kontrollieren -- und Devisenhändler sind nun mal Vollblüter."
Ohne Wissen des gesamten Vorstands verspielte auf diese Weise der Devisenhändler der Westdeutschen Landesbank im vergangenen Herbst 270 Millionen Mark. Durch immer gewagtere Transaktionen hatte er versucht, einen ursprünglich viel kleineren Anfangsverlust wieder aufzuholen. Mit Devisenspekulation fingen auch die
* V. r. Lodermeier (Bayern Hypo), Ulrich (Deutsche Bank), Lichtenberg (Commerzbank), Münchmeyer, Ponto (Dresdner Bank), Premauer (Bayerische Vereinsbank), Kuhnen (S. Oppenheimer). Hoose (Westbank Hamburg), Frese (Bankhaus Delbrück).
Schweizerische Bankgesellschaft und die New Yorker Franklin National Bank Millionenverluste ein.
Bei der Kölner Herstatt-Bank jedoch, so vermuten Branchenkenner, muß das Management wegen der Größe der Devisen-Transaktionen und der Art, wie die Verluste verschleiert wurden, von den riskanten Aktivitäten der Devisenhandelsabteilung des Dany Dattel gewußt haben. Bankier Ulrich: "Mir kann keiner erzählen, daß man ein Viertel der Bilanzsumme vor der Bankleitung verstecken kann." Immerhin schob Dattel Tagesumsätze von 500 Millionen Mark, oft Einzelpositionen von über 50 Millionen, über den Devisenmarkt. Einen größeren Dollarspekulanten dürfte es danach in Europa nicht gegeben haben,
Über die Seilakte der Kölner Privatbank munkelte die Branche rund um die Welt. Alwin Münchmeyer nennt das Engagement von Herstatt im Devisentermingeschäft "einen exzeptionellen Fall, über den seit Monaten gesprochen wird". Der Frankfurter Bundesbank waren aus dem Ausland immer häufiger Meldungen zugegangen, daß Herstatt im Devisengeschäft "ein ungewöhnlich großes Rad dreht" (so Bundesbankpräsident Karl Klasen).
Die Notenbank leitete die Hinweise an das Berliner Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen weiter, das schließlich Anfang Februar eine Sonderprüfung des ihnen verdächtigen Kölner Instituts anordnete. Doch die Experten fanden genausowenig Anrüchiges wie die Bilanzexperten der Essener Karoli-Wirtschaftsprüfung, die zu den renommiertesten westdeutschen Bilanznachrechnern zählt und der Herstatt-Bank noch am 11. März dieses Jahres testiert hatte, daß "die Buchführung, der Jahresabschluß und der Geschäftsbericht nach unserer pflichtmäßigen Prüfung Gesetz und Satzung" entsprächen. Die Berliner blieben untätig.
Verzweifelt rechtfertigen sich heute die Bankenkontrolleure gegen den Vorwurf, versagt zu haben. Ein Abteilungsleiter der Berliner Behörde: "Was wollen sie Großes denn machen, wenn die nur saubere Bilanzen vorlegen, auf denen sogar noch ein Gewinn ausgewiesen wird."
Durch Bilanz-Tricks hatten die Kölner Geldhändler die Wirtschaftsprüfer getäuscht. Sie stellten den Verlusten von 480 Millionen Mark Vermögenswerte gegenüber, die gar nicht existierten: Sie gaben an, noch Guthaben bei einer Tochtergesellschaft und bei einer Schweizer Bank namens Econ in Höhe von mehreren Millionen Mark zu besitzen. Doch der Reichtum stand nur auf dem Papier, eine Econ-Bank ist in der Schweiz unbekannt. Nun ermittelt Kölns Oberstaatsanwalt Franzbruno Eulencamp gegen die Bank.
Was auch immer die Kölner Justiz recherchiert, den Herstatt-Geschädigten wird es kaum weiterhelfen. Konnte sich Iwan D. Herstatt stets in schwierigen Situationen auf Renommee und Bonität seines im Kölner City-Palast residierenden Großaktionärs Gerling verlassen, so trog fürs erste die Hoffnung der Sparer, der Versicherungsmagnat werde auch ihnen den Schaden vollständig ersetzen.
Der Konzern-Herr hatte zwar während der Sanierungsverhandlungen mit Groß- und Bundesbankern zunächst beträchtliche Summen zur Rettung des Instituts angeboten -- Insider sprechen von 250 Millionen -, doch seinen geneppten Bankkunden bot er am Ende nur magere 30 Millionen Mark aus dem eigenen Besitz an.
Außer dieser Spende steht den Herstatt-Anlegern noch der rasch von 30 auf 123 Millionen Mark aufgestockte Feuerwehr-Fonds von Münchmeyers Bankenverband an barem Geld zur Verfügung. Doch davon können lediglich jene rund 15 000 Herstatt-Anleger profitieren, die dem Institut unter 20 000 Mark anvertrauten.
Gerlings Wirtschaftsprüfungsgesellschaft freilich schätzt optimistisch, daß rund 70 Prozent aller Kundenansprüche abgegolten werden können -- was jedoch mindestens noch ein halbes Jahr dauert. Herstatt selber schätzt die Vergleichsquote seines Bankhauses gar auf 80 Prozent.
Bis es Geld gibt aber könnten noch weitere Unternehmen und vor allem Kreditinstitute in Not geraten. Denn allein bei anderen Geldinstituten steht Herstatt mit fast 800 Millionen in Kreide.
So schuldet die Bank Herstatt neben den mindestens 170 Millionen Mark für die Genossenschaftsbanken auch den Girozentralen und Landesbanken 170 Millionen, davon 20 Millionen der gerade sanierten Hessischen Landesbank. Alle diese Gelder sind täglich fällig -- bleiben sie aus, kann der Pleite-Kreisel sich weiter drehen.
"Wir werden sehr unbürokratisch helfen", beteuerte Bundesbankpräsident Karl Klasen, der am vergangenen Freitagabend froh war, "daß bis jetzt noch keine akuten Fälle sichtbar sind".
In Bonn überlegen derweil die Bankenspezis, wie die Wiederholung ähnlichen Unheils künftig verhindert werden kann. Neben der Meldepflicht für heikle Devisengeschäfte, die nun in Kraft treten soll, werden durch eine Novellierung des Kreditwesengesetzes künftig die Devisen-Spielereien eingeengt werden. Der Bonner Plan: Den Banken soll eine Höchstgrenze für Devisentermingeschäfte gesetzt werden. Nur einen bestimmten Teil des Grundkapitals könnten die Banker dann verspekulieren.
Ist dieses Gesetz erst einmal in Kraft, wäre es nicht mehr möglich, daß eine Bank wie Herstatt mit 77 Millionen Mark haftenden Kapital das Sechsfache davon bei Spekulationen in den Sand setzt.
In dem ganzen Wirrwarr um Herstatt, die Privatbanken und die Millionen blieb jene Zunft unberührt, der Privatbankiers hinter der Hand vorhalten, sie wollte die kleinen Bankhäuser vom Markt fegen: die Zunft der Großbanken, seit kurzem nicht mehr bereit, jede Pleite aufzufangen.
"Es muß wieder mehr an das Risiko gedacht werden", verkündete Franz Heinrich Ulrich, Chef der mächtigen Deutschen Bank. Der Fall des Iwan Herstatt, so Ulrich, habe in diesem Sinne "durchaus auch etwas Positives".

DER SPIEGEL 27/1974
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