01.07.1974

Engels: Volkswut mit Liebe

Ein fragmentarisches Drama -- Titel: „Cola di Rienzi“ -- von Friedrich Engels hat der Historiker Michael Knieriem in Wuppertal ausgegraben. In der melodramatischen Laiendichtung, die möglicherweise als Opernlibretto gedacht war, fahnden Engels-Experten nach Aufschlüssen über die Gesinnung des späteren Sozialrevolutionärs. Ost-Berliner Emissäre versuchten vergeblich, dem Wuppertaler Finder die Erstdruckrechte an dem Bruchstück abzuhandeln.
Seit fast vier Jahren gräbt der Historiker Michael Knieriem, 31, unermüdlich die Sozialgeschichte der Stadt Wuppertal um. Sein prominentester Forschungsgegenstand: der bergische Fabrikantensohn und Mitverfasser des Kommunistischen Manifests, Friedrich Engels.
Mitte März war Knieriem. der im Stadtteil Barmen das Friedrich-Engels-Haus leitet und dort monatlich rund 800 Gästen, zur Hälfte aus dem Ostblock, den Nachlaß des Ur-Sozialisten vorzeigt. wieder mal dabei, die Hinterlassenschaft des regionalen Soziallyrikers Adolf Schults, eines Zeitgenossen von Engels, zu durchforsten. Da stieß er in einem verstaubten Waschmittelkarton, zwischen gebündelten Briefen, Gedichten und Manuskripten, auf drei hellbeige Doppelseiten, knapp DIN-A4-groß, auf denen mit brauner Tinte Gereimtes geschrieben stand.
"Fort, verwegne Pöbelschaar!" entzifferte Knieriem die enggeschriebenen Sütterlin-Zeilen. "Kennt Ihr dieses Fußes Tritt, der auf Euren Häuptern schritt?" Aber er las auch: "0 süßes Weib! Gedenkst Du nimmer der Liebe, die uns sonst vereint, der Schwüre all bei Sternenschimmer, der Thränen, die Du mir geweint?"
"Mir war direkt klar", entsinnt sich Knieriem,"daß es sich um etwas Dramatisches handeln mußte." Und obwohl die drei Blätter weder einen Titel noch einen Autorenvermerk trugen, hatte der Finder auch "von Anfang an keinen Zweifel, wer sich hier ans Dichten begehen hatte": Friedrich Engels.
Von dem unerwarteten Fund "völlig überrascht", schnürte Knieriem noch am selben Tag "ganz nervös" alle übrigen Bündel des Schults-Nachlasses auf und stieß in der Schults-Korrespondenz mit einer Adligen tatsächlich auf das Erhoffte: weitere vier Doppelblätter, von denen eines auch den Titel des Werkes offenbarte: "Cola di Rienzi".
Daß Engels den römischen Gastwirtssohn und Volkstribunen Cola di Rienzi (1313 bis 1354), den Helden der gleichnamigen Richard-Wagner-Oper, zur Titelfigur eines Dramas ausgewählt hatte, war bis dato der weltweiten Engels-Forschung unbekannt gewesen. Nirgendwo waren stichhaltige Hinweise auf ein solches Engels-Stück entdeckt worden.
Um trotzdem ganz sicher zu gehen, schickte Knieriem sofort Photokopien von einer Doppelseite seiner Fundsache zur Schrift-Probe an das Institut für Marxismus/Leninismus in Ost-Berlin und an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Knieriem: "Beide bestätigten postwendend."
Sodann setzte sich Knieriem mit seinem Kollegen Hans Pelger. dem Leiter des Trierer Karl-Marx-Hauses, in Verbindung und entschlüsselte mit ihm systematisch die Manuskriptblätter.
Dabei waren "echte kriminalistische Aufgaben" (Knieriem) zu lösen. Engels' unvollständige Zahlenangabe "ein und" beispielsweise dechiffrierten die Forscher als Hinweis auf 21 Jahrhunderte römischer Geschichte zwischen der sagenhaften Stadtgründung (753 vor Christus) und dem Beginn von Rienzis Tribunat im Jahre 1347. Hinter der Abkürzung "tr." enthüllten sie das Wort "treu". Schlangenlinien am Manuskriptrand deuteten sie als "Regieanweisung für Durcheinandersprechen". Bei der wissenschaftlichen Durchsicht hatte Knieriem inzwischen auch Indizien für die Entstehungszeit ausfindig gemacht. Auf dem vom Autor mit allerlei Figürchen und Emblemen verzierten Blättern sah er die Zeichnung zweier fechtender Männer und den -- quer zur Dichtung in hebräischen Buchstaben geschriebenen -- Bibelauftakt ("Am Anfang schuf Gott") wieder, die ihm aus Engels-Briefen der Jahre 1840/41 bekannt waren. Demnach, so folgert Knieriem. mußte "Rienzi" das Werk des knapp 20jährigen gewesen sein.
Seit letzter Woche ist das unbekannte Werk, auf Büttenpapier gedruckt, mit erläuternden Anmerkungen, Dokumenten und Faksimiles der Handschrift angereichert, als Buch auf dem Markt*. Der "dramatische Entwurf" selbst beansprucht davon gerade 45 großbedruckte Seiten; denn im dritten Akt hat der junge Autor sein Werk offenbar abgebrochen.
Das Fragment verknüpft, in flotten Versen und salopper Schreibart ("Mein Busen drängt sich auf + nieder"), historische Staatsaktionen mit glutvollen Liebesszenen. So duettiert der Titelheld, dem das römische Volk den "Purpur gelegt um die Schultern", emphatisch mit seiner Gemahlin Nina. Ein
* Friedrich Engels: "Cola di Rienzi. Peter Hammer Verlag. Wuppertal: 98 Seiten und 26 Faksimile-Blätter: 20 Mark.
von Rienzi aus dem Weg geräumter Gegenspieler, der zwielichtige Ritter Montreal, hinterläßt eine Geliebte namens Camilla, die dann die Menge anstiftet, die Bluttat und -- siehe da -- "unsrer Freiheit Raub zu rächen". Drohend schließt das Bruchstück: "Unserem Zorn entgehst Du nicht."
Das Drama um den römischen Volkstribun ist -- soviel steht fest -- nicht Engels' literatisches Debüt gewesen. Schon als Gymnasiast versuchte er sich im Dichten, machte sich dann unter dem -- zum Schutz seiner konservativen Familie gewählten -- Pseudonym Friedrich Oswald sogar einen gewissen Namen und war zunächst in Wuppertal, später in Berlin häufig Gast und Mitarbeiter der damals modischen Literaturkränzchen.
Die dort versammelten Laiendichter lasen einander eigene Werke vor, schrieben Rezensionen darüber und reichten beides im kleinen Kreis reihum. In einer solchen Runde, vermutet Knieriem, könnte auch Engels' Entwurf zirkuliert haben und von dort in den Nachlaß des Elberfelder Handlungskommis und späteren Familienpoeten Adolf Schults gelangt sein.
Für den Entdecker Knieriem ist das Gemisch aus politischer Kraftmeierei und Herzensergüssen "mehr als eine Posse". Zwar hat auch er sich "beim Transkribieren oft totgelacht" und ist überzeugt, "daß Engels das so hingeschmiert hat. Dennoch wirft das Fragment nach seiner Meinung "ein paar neue Streiflichter auf den jungen Engels".
Der Hobby-Dramatiker, so liest Knieriem aus der unvollendeten Dichtung heraus, "hat zumindest zeigen wollen, daß das Volk eine Rolle spielen muß und Souveränität beanspruchen kann". Des "rasenden Pöbels Wuth" (Dialog) findet denn auch in schönen Stellen wie dem Volkshohn auf die Patrizier ihren Niederschlag: Wollen kindlich Euch verpflegen, Wollen nimmer revoltiren, Keine freien Reden führen, Weib und Kind Euch überlassen, Hab und Gut -- Ihr mogts verprassen, Mogt uns placken, quälen, schinden, Drücken, martern, fesseln, binden, Peinigen für unsre Sünden, Bleibt nur bei uns, bitten wir!
Auch hinter der Figur der Camilla, die Engels auf dem Manuskript als schwertbewaffnete Megäre mit wallendem Haar skizziert hat, wittert Knieriem revolutionäre Gedanken: "Sie ist der Prototyp einer emanzipierten Frau, die aktiv die Handlung übernimmt und die Ansprüche des Individuums über die politischen Zwänge stellt" -- aber das kommt auch in vielen Großen Opern vor,
Tatsächlich vermutet Engels-Experte Knieriem einleuchtend, daß der gefühlvolle Erguß "eher für die Opernbühne als für das Sprechtheater gedacht" war. Dem Trierer Marx-Forscher Pelger beweist der Text vor allem, "daß dieser Engels kapriziös gewesen ist". Pelger: "Natürlich wackelt nach diesem Fund nicht der Stern auf dem Kreml."
Immerhin trieben Neugier und Ehrfurcht, kaum daß die Wuppertaler Ausgrabung publik geworden war, Emissäre aus dem Ostblock ins Bergische. "In Moskau und Ost-Berlin", behauptet Knieriem, "hat das eingeschlagen wie eine Bombe."
Die Kuriere aus dem Osten versuchten indessen vergebens, den glücklichen Findern die Erstdruckrechte an Engels' Früh-Stück abzuhandeln. Knieriem: "Das konnten wir uns nicht entgehen lassen."
Fest steht inzwischen: Die melodramatische Unvollendete wird auf jeden Fall in die auf 100 Bände projektierte Marx-Engels-Gesamtausgabe aufgenommen werden.

DER SPIEGEL 27/1974
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