24.06.1974

Gerhard Mauz über Tilmann Moser: „Lehrjahre auf der Couch“Humanität am abgeschirmten Einzelfall

Dr. Tilmann Moser, 35, ist Psychoanalytiker und Dozent für Psychoanalyse am Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Frankfurt am Main. Er veröffentlichte bisher unter anderem bei Suhrkamp den Band „Repressive Kriminalpsychiatrie.
Ein "Brief an den Autor" aus der Feder eines angesehenen Psychoanalytikers führt den Geleitzug an. In diesem Brief werden, so der Verlagsprospekt, die "Risiken dieses Buches" erörtert: "Denn es verstößt gegen ein streng gehütetes Tabu." Danach folgt ein "Vorwort", in dem sich nunmehr der Autor selbst mit den erwähnten Risiken und seinen Motiven dafür befaßt, sich diesen Risiken auszusetzen. Und den Beschluß bilden -- nach dem eigentlichen Buchtext -- noch einmal "Reflexionen (wiederum des Autors) über eine Psychoanalyse".
Es geschieht ein wenig viel um den Gegenstand des Buches, um Tilmann Mosers "Bruchstücke meiner Psychoanalyse" herum, zumal natürlich auch im Text, in den "Bruchstücken", das Für und Wider dieser Veröffentlichung zur Sprache kommt. Tilmann Mosers Kampf mit der Frage, ob er veröffentlichen soll oder nicht, macht sich arg breit. Schließlich ist inzwischen veröffentlicht worden. Ein Risiko geht jetzt nur noch einer ein: der Leser.
Natürlich riskieren die Leser dieses Buches, die Psychoanalytiker sind, einen Herzanfall. Man sollte nicht von einem "streng gehüteten Tabu" sprechen, gegen das Tilmann Moser verstößt, sondern von einer Kunstregel der Psychoanalyse, mit der er bricht: der Regel, daß die Person des Analytikers -- unter anderem um ihrer Neutralität willen -- im Dunkeln zu bleiben hat. Sigmund Freud lehrte (- er selbst ließ sich allerdings nie analysieren): "Der Arzt soll undurchsichtig sein für den Analysierten und wie eine Spiegelwand nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird."
Tilmann Moser jedoch ist inzwischen selbst als Psychoanalytiker behandelnd tätig. Und nun kann seine gegenwärtige und zukünftige Klientel nachlesen, welch schwer neurotischer Patient er gewesen ist. Das wird Auswirkungen tief in das Geflecht von Übertragung und Widerstand hinein mit sich bringen, nicht nur was Tilmann Mosers eigene analytische Arbeit angeht. Auch andere Psychoanalytiker müssen fortan mit Patienten rechnen, die Tilmann Moser gelesen haben: die gegen die Anonymität der Frau oder des Mannes hinter der Couch aufbegehren, auf der sie liegen. Die Frage, ob Tilmann Moser einen analytischen Rubikon zum Nutzen oder Schaden der Psychoanalyse überschritten hat, wird zu beantworten sein.
Sosehr in Tilmann Mosers "Lehrjahre auf der Couch" an die Adresse der Fachkollegen das Für und Wider der Veröffentlichung ausgebreitet wird: Dieses Buch gilt vor allem den Menschen, die seelisch an Verdrängtem, Unbewußtem leiden; die blockiert sind und in einem Teufelskreis gefangen, in einem zerrüttenden Hader mit ihrer Biographie. Für diese Menschen ist Tilmann Mosers Buch selbst dann bedeutsam, wenn es in ihnen keine Hoffnung auf die Psychoanalyse weckt.
Indem Tilmann Moser Einblick in seine kapitale, ihn fast zum Selbstmord treibende Neurose gibt, zu der er durch die psychoanalytische Behandlung und Lehranalyse in ein neues, fruchtbares Verhältnis gelangte, macht er dem Leser einen verzweifelten inneren Zustand zugänglich, in dem sich viele befinden, ohne daß sie es wagen könnten, sich ihren Zustand einzugestehen.
Der Mensch bleibt nicht zuletzt deshalb im wachsenden, ihn lähmenden und endlich nur zu oft erdrückenden Schatten der eigenen Problematik, weil er diese nicht einmal sich selbst bekennen kann. Zu abnorm, zu teuflisch, zu ungeheuerlich scheint, was sich da regt: Todeswünsche gegenüber den nächsten Angehörigen, Regungen für das eigene und Haß auf das andere Geschlecht, größenwahnsinnige und sadistische Phantasien.
Indem Tilmann Moser seine eigene Neurose und den Weg zu einem neuen, fruchtbaren Verhältnis zu ihr darstellt, bietet er vielen Lesern eine Möglichkeit zum Aufatmen, zur überraschenden, relativierenden Einordnung der eigenen Person; macht er sichtbar, daß nicht unmenschlich, sondern gerade eben menschlich ist, was als zu verbergender, zu verdrängender Schmutz empfunden wurde.
Der Preis, den Tilmann Moser dafür zahlt, ist freilich hoch, ist eine totale Preisgabe des Persönlichsten. Es wird schlimme Leser dieses Buches geben, denen etwa der "Zipfel" genug ist, den eine Prostituierte "streichelte und drückte" und der dann gottlob "den kommenden Dingen immer zuversichtlicher entgegenstand". Ist der Preis zu hoch? Sollte Tilmann Moser die Veröffentlichung dieses Buches denn doch nur ein Gramm zu leicht geworden sein, so wird er an ihr noch zu tragen haben. Wer schreibt, lebt mit dem, was er einmal geschrieben hat, je älter er wird, immer schwerer zusammen.
Eine Gruppe von Lesern überantwortet Tilmann Moser einem zu großen Risiko, der Ratlosigkeit, wenn nicht gar der Erbitterung: jene Leser, denen es nicht genügen kann, sich durch die "Lehrjahre auf der Couch" gelassener einzuordnen -- jene Leser, die nach der Lektüre auf die Psychoanalyse hoffen und einer psychoanalytischen Behandlung teilhaftig werden möchten. Die Psychoanalyse gleicht weiterhin einem Verfahren zur Rettung aus Seenot, das weniger als einem Prozent der Schiffbrüchigen zuteil werden kann.
Es gibt in der Bundesrepublik nur ein paar hundert praktizierende Psychoanalytiker von zudem höchst unterschiedlicher Qualität. Die Psychoanalytiker sind auf Jahre ausgebucht. "Die Arbeit, durch welche wir dem Kranken das verdrängte Seelische in ihm zum Bewußtsein bringen" (Sigmund Freud), wird einigen Auserwählten zuteil. Das Arbeitsverfahren ist aufwendig: Tumann Mosers Analyse dauerte siebenhundert Stunden in vier Jahren und kostete ihn 30 000 Mark.
Tilmann Moser ist das bewußt, im Nachwort, den "Reflexione" über eine Psychoanalyse", macht er das deutlich. Er spricht von der "Humanität am wohlabgeschirmten Einzelfall", vom Gefühl, "etwas ungewöhnlich Hilfreiches, aber nicht allgemein Zugängliches erlebt zu haben", das er "auch als ein leicht drückendes Vermächtnis empfinde". Doch wer eine Brücke zwischen Tilman Mosers eigener Psychoanalyse, einer "psychischen Lebensrettung", wie er dankbar feststellt, und denen sucht, die nicht gerettet werden können, der sucht vergebens.
Vielleicht hätte er dieses Buch erst später veröffentlichen sollen, etwa dann; wenn sein Schritt über den analytischen Rubikon (sein Bruch mit der Lehre von der notwendigen Anonymität des Analytikers) produktiv geworden ist; oder wenn er -- in eigener Praxis -- therapeutische Möglichkeiten über die Einzelanalyse hinaus weiterentwickelt hat.
Tilmann Moser sieht, daß die Psychoanalyse, so sie dabei bleibt, "einzelne aus ihrem psychischen Elend zu befreien", das "Prinzip der Privilegierung zum Prinzip einer ganzen Wissenschaft und Behandlungslehre" macht. Und er fragt: "Kann dies das Ziel sein?" Das kann nicht das Ziel sein, daran läßt Tilmann Moser keinen Zweifel. Doch über ein anderes Ziel und Wege zu ihm äußert er sich nicht.
Es gibt indessen Versuche, die Psychoanalyse "neuzubegründen", beispielsweise Michael Schneiders "Neurose und Klassenkampf" (Rowohlt; 368 Seiten; 12 Mark). Es gibt das "Kursbuch" Nummer 29 und in diesem einen bedeutenden Versuch von Erich Wulff ("Psychoanalyse als Herrschaftswissenschaft?"). Und schließlich hat gerade Horst E. Richter in "Lernziel Solidarität" einen Vorstoß über die Grenzen der Psychoanalyse hinaus geleistet, der Tilmann Moser -- wie seine Rezension dieses Buches im SPIEGEL zeigte -- tief beeindruckt hat.
An all das schließt Tilmann Moser, in diesem Buch jedenfalls, nicht an, dem allem stellt er sich nicht. Manchmal kam er sich, auf der Couch seines Analytikers liegend, "wie ein Überlebender auf einem kleinen Boot" vor, "wahrend ringsum zahllose Schiffbrüchige im Wasser trieben". Er ist dankbar für seine Rettung -- und beklagt zugleich, daß nur er gerettet wurde.,
Vielleicht hätte er die "Lehrjahre" wirklich erst später veröffentlichen sollen, zusammen mit "Wanderjahren".
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 26/1974
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