13.05.1974

„Türkischer Honig - es kann auch Cyanid sein“

Unentdeckt lagern auf bundesdeutschen Müllhalden Tausende von Tonnen giftiger Industrieabfülle: Arsenschlamm, Pestizide, Cyanide. Der bayrische Landtagsabgeordnete Georg Weich: „Wir leben auf einer Müllbombe mit Zeitzündung.“ Denn die Frage ist, wann die Giftfässer durchgerostet sein werden -- Verseuchung des Grundwassers wäre die Folge. Schuld haben Industriebetriebe, Politiker, Behörden und professionelle Müllbeseitiger, die chemische Schadstoffe bedenkenlos in Gewässer schütten und übers Land verteilen.
In der hessischen Gemarkung Offheim bei Limburg erstreckt sich, kilometerlang am Waldrand, einer der größten Müllplätze der Bundesrepublik. Er birgt Bauschutt und Klärschlamm, Metallspäne wie Scherbenhaufen -- was so an Abfall anfällt. Irgendwo unterm Schutt aber liegt, längst nicht mehr sichtbar, Müll besonderer Art: hochgiftiges Härtesalz in rostigen Fässern.
Der Fall ist der Polizei bekannt. Die Art des Giftes (Cyanide) ist ebenso aktenkundig wie die Menge (170 Tonnen), und das Risiko läßt sich ermessen: Würde das Gift freigesetzt, wäre das Grundwasser verseucht. Die Fässer, so viel steht fest, wurden illegal abgekippt; die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen seit Anfang des Jahres.
In Großlappen bei München-Freimann türmt sich ein gewaltiger Müllberg, der in jedem Monat um rund 5000 Kubikmeter wächst -- obenauf ein Kratersee voller Giftstoffe. Die Chemikalien reagieren so heftig miteinander, daß "ein Autoreifen sich innerhalb von zwei Tagen völlig aufgelöst hat" -- wie der bayrische Landtagsabgeordnete Joachim Schmolcke zu berichten weiß.
Im Umkreis von drei Kilometern sind die Grundwasserbrunnen gesperrt worden. Der bayrische Landtag hat dem Gifttümpel eine mehrstündige Debatte gewidmet (SPD-MdL Georg Weich: "Wir leben auf einer Müllbombe mit Zeitzündung"), die Lokalzeitungen alterieren sich regelmäßig. Sonst geschieht nichts: keine polizeilichen Ermittlungen, keine wissenschaftlichen Untersuchungen über Art und Menge der Giftsubstanzen.
Im rheinland-pfälzischen Meudt bei Montabaur, mitten im Westerwald, ist Gras über das Gift gewachsen. Irgendwann sind Hunderte von Fässern mit flüssigen und festen Chemie-Abfällen in der ausgebeuteten Tongrube deponiert worden -- jetzt weiß niemand mehr, was und wieviel. Alles liegt in der Grube "wie Kraut und Rüben durcheinander" (Oberregierungsrat Hans-Jürgen Dünnes vom Landratsamt Westerburg). Kein Bagger der Gemeinde hat nach den Fässern gebuddelt, kein Staatsanwalt vor Ort ermittelt. Von Gift gäbe es keine Spur, wenn der SPIEGEL nicht von einer jetzt vorgenommenen chemischen Bodenprobe erfahren hätte: gefährlich hoher Cyanid-Gehalt.
Was da in Offheim, Großlappen und Meudt begraben ist oder zum Himmel stinkt, ist beispielhaft für einen nationalen Umwelt-Skandal, den Deutschlands Bürger und Behörden noch gar nicht wahrgenommen haben.
in jedem Bundesland, auf wilden Kippen und gewöhnlichen Hausmüll-Halden, aber auch auf behördlich erlaubten "geordneten" Deponien für Sondermüll, mal im Wald verborgen, mal aufgetürmt in sichtbarer Häßlichkeit" lagern lebensbedrohende Giftstoffe -- schlimmstenfalls genug, wie der niedersächsische Gewässerkundler Professor Fritz Wilhelm Fastenau sagt, für die "restlose Ruinierung weiter Teile des Grundwasserbestandes".
Keineswegs wird der Dreck immer dort abgeladen, wo er eigentlich hingehört -- so auf die behördlich zugelassenen Sondermüll-Deponien in Offheim, Lindenholzhausen und Großkrotzenburg (in Hessen), Münchehagen und Hoheneggelsen (in Niedersachsen), in Maisch (Baden-Württemberg) oder in den beiden Gruben bei Breitscheid (Nordrhein-Westfalen). Auf diesen acht westdeutschen Deponien wiederum landeten mitunter Stoffe, die nur unter Tage oder auf See hätten abgelagert werden dürfen.
Erste Indizien für die bundesweite Verseuchung lieferte im Herbst letzten Jahres die Affäre um den Hanauer Giftmüll-Transporteur Siegfried Plaumann, der rund 14 000 Tonnen gefährlicher Industrieabfälle auf Schutthalden und in Flußläufe oder einfach in den nächsten Gully geschüttet hatte. Nun steht fest: Es gab und gibt Dutzende von Plaumännern, die das Vielfache an "Problemmüll" heimlich über das Land verteilt haben -- vornehmlich in Hessen, wo Hochgiftiges auch aus süddeutschen Metallbetrieben und dem Ruhrgebiet landet.
Die Gefahr ist schier unermeßlich. Selbst wenn ab sofort sämtliche giftigen Industrieabfälle restlos vernichtet oder an sicherem Ort verwahrt würden, wäre der wilde Müll aus der Vergangenheit bedrohlich genug für die Zukunft. Denn "die Fässer", so ein hessischer Chemiker, "können in zehn Jahren durchgerostet sein oder auch schon im nächsten Monat" (siehe Kasten).
"Ohne weiteres ist ein Katastrophenfall denkbar, wenn etwa Arsenschlämme oder Cyanid in das Grundwasser geraten. Die Hauptgefahr liegt darin, daß die Sache so geheimnisvoll, so unberechenbar abläuft. Durch schwer übersehbare Faktoren, etwa die Grundwasserströme, kann der Giftstoff plötzlich ganz woanders in einem Trinkwasserstrom wieder auftauchen -- man kann dann nicht einmal feststellen, woher er kommt." Das sagt Polizeihauptkommissar Günter Hommel, Verfasser des "Handbuchs der gefährlichen Güter".
Undurchsichtig ist die Horror-Szenerie auch für Westdeutschlands Strafverfolger. Zwar ermitteln Staatsanwälte und Landeskriminalämter seit der Plaumann-Affäre mancherorts mit Nachdruck. Aber in dem "riesigen Mosaikspiel", wie der Erste Staatsanwalt Martin Stempel im pfälzischen Landau es sieht, fehlt es "der Polizei noch an Durchblick".
Noch kaum ist es, wie im hessischen Offheim, gelungen, Herkunft, Giftart und Giftmenge exakt auszumachen. Häufig können die Fahnder gar nicht tätig werden -- weil, wie im bayrischen Großlappen, das Gift mit behördlicher Erlaubnis abgeschüttet wird. Und zu einem erheblichen Teil sind, wie im rheinland-pfälzischen Meudt, die Giftdeponien den Kriminalbeamten noch gar nicht bekannt.
Genau Bescheid weiß man nur in einer Branche, die den Deutschen das Gift eingebrockt hat: in der Innung der "Müllentsorger", "Müllvernichter". "Mülltransporteure" -- eine weitgehend miteinander verfilzte Gruppe von bedenkenlosen Unternehmern, dubiosen Krautern und schlitzohrigen Alleshändlern. Der bayrische Landtagsabgeordnete Georg Weich spricht von einer "ganzen Müll-Mafia".
Mit unzulänglich deklarierten Frachtpapieren und gefälschten Wiegekarten wurden Deponiewächter und Industriebetriebe getäuscht, mit Schweigegeldern Mitwisser abgeblockt. mit bestellten Gefälligkeitsgutachten Millionengeschäfte getätigt.
Und nicht nur Fuhrleute à la Plaumann karrten Cyanide, Phenole und Arsenschlämme tonnenweise auf die privat betriebenen Industriemüll-Deponien, auch Großspediteure wie die Haniel GmbH und die Firma Stinnes waren dabei. Die Haniel-Spedition sagte der Degussa-Zweigniederlassung Wesseling noch 1970 die "ordnungsgemäße Deponierung" von Fässern mit Härtesalzen (in Offheim) zu und fügte einen Ertaubnisbescheid bei, der schon im Jahr zuvor eingeschränkt worden war. Das Landratsamt Limburg hatte das Ablagern solcher Stoffe längst für "unzulässig" erklärt.
Statt etwa cyanidhaltige Härtesalzrückstände aus der Metallveredlung kostspielig, aber schadlos zu beseitigen, wurden die Stoffe -- harmlos als "Salzschlacke" oder "Härter" deklariert -- billig in der Erde vergraben, in 150 000 flott rostenden 200-Liter-Fässern. Und hin und wieder läuft das Gift offenbar schon aus -- so in der Deponie Offheim bei Limburg, wo im Sickerwasser Cyanid-Spuren festzustellen sind. Die Deponie wird von der "West-. deutschen Abfallbeseitigungs GmbH und Co. KG" (Westab) und der "Westdeutschen Deponie-Gesellschaft" (WDG) betrieben -- die der Haniel Spedition GmbH und dem Wiesbadener Kaufmann Erwin Prael zu je 50 Prozent gehören -- und vornehmlich mit Industriemüll der Farbwerke Hoechst gefüllt. Prael: "Wenn einer Koks auf den Zettel schreibt und Cyanid bringt, kann ich nichts machen."
Auch in der Nähe von Müllhalden. auf denen Prael in den Jahren 1967 bis 1971 mit seiner früheren "Erwin Prael KG" im Rheinhessischen und im Westerwald Frachtgut von Haniel-Lastern abladen ließ, bis ihm die Behörden-Auflagen zu streng wurden, finden sich heute im Wasser Spuren von Cyanid.
Zeugenaussagen von Branchenkennern, von der Kripo beschlagnahmte Haniel-Akten und Transportbelege zahlreicher kleinerer Speditionsunternehmen weisen auf etliche Deponien hin, in denen bis heute unentdeckt Hunderte von Tonnen cyanidhaltiger Härtesalze lagern. Nach Gerolsheim in der Pfalz, so ermittelten Beamte des Stuttgarter Landeskriminalamtes, rollten Haniel-Transporter mit mindestens 300 Tonnen Cyaniden, nach Offheim kamen 170 Tonnen und nach Großkrotzenburg bei Hanau 320 Tonnen. Bei Deponiebesitzer Richard Eisert in Großkrotzenburg fanden sich 102 Fässer mit Produktionsrückständen wie Natriumnitrid. Kaliumnitrat, Chloride und Karbonate -- allesamt giftige Stoffe, die dort nicht hätten gelagert werden dürfen.
Andere Spuren weisen zum Steinhuder Meer. Informierte Beamte in Hannover wissen, daß die Deponie der Firma Börstinghaus und Stenzel in Münchehagen der Lagerort von 80 Fässern mit Cyanid aus Mailand ist: Härtesalzrückstände des Autoproduzenten "Alfa Romeo", die 1972 nach einer Odyssee quer durch Deutschland schließlich auf einem Betriebshof in Melle bei Osnabrück aufgetaucht waren.
"Äußerst gefährlich, schlimmer als Nervengas. "
Ah die staatlichen Chemiker noch Überlegungen darüber anstellten, ob man die Fässer nicht in Asphalt eingießen könnte, erledigte sich das Problem von selbst: Eines Tages war die "Alfa"-Fracht verschwunden, der Verbleib nur noch über "Vertrauensleute" recherchierbar. Münchehagens Deponiechef Herbert Stenzel spöttisch: "Meines Wissens sucht man das Zeug immer noch."
Das große Geschäft mit dem Gift hatte 1968 begonnen, bei einem Müll-Kolloquium im Gasthaus "Zum Rössl" zu Waldhilsbach bei Heidelberg. Gastgeber Ernst Lohrum, einst Reißverschlußfabrikant, klärte zwei Dutzend Spediteure und Deponie-Eigner darüber auf, wie die private Müllbranche im Kartell besser verdienen könne. Zuhörer von der Gewerbeaufsicht sowie den Wasserbehörden nickten beifällig, als sich Lohrum als "Chef einer Leitstelle für Übernahme, Transport und Deponierung von Industriemüll" vorstellte.
Während der Referent noch hehre Worte sprach ("... daß unsere Urenkel eines Tages die Flüsse einmal wieder so kennen werden wie einst unsere Urväter"), machte sich manch ein Zuhörer schon einen profanen Reim darauf: Im Verein müßten sich die Lücken der unzureichenden Umweltkontrollen besser aufspüren lassen. Dirigiert von Lohrums Leitstelle, einem Ein-Mann-Büro mit Telex und Telephon, rollten alsbald Tank- und Container-Züge auf Straße und Schiene mit gefährlicher Fracht. Was abgekippt wurde im Wald und auf der Weide, in Bäche verschüttet und unter Abraum versteckt, liest sich in Lohrums Leitkartei wie das Treatment eines Umwelt-Schockers: "Äußerst gefährlich", "... gefährl. Chemikalien", schlimmer als Nervengas". Das Geschäftsbuch des Giftmaklers vom Neckar verzeichnet, wenn auch nur fragmentarisch, den Massentransport von "Salzsäurerückständen", "galvanischen Eisenschlämmen" oder "cyanidhaltigen Härte- und Anlaß-Salzen" auf westdeutsche Müllplätze. Arglos ließen Dorfbürgermeister, Landräte und Regierungspräsidenten die Mülltransporteure gewähren.
Der erste Müllbeseitiger aus dem Lohrum-Kartell, der ertappt und eingesperrt wurde, war Siegfried Plaumann, der von 1971 bis 1973 vor allem flüssige Abfallstoffe an dreißig verschiedenen Müllplätzen in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland einsickern ließ.
Wie unverfroren die Giftfahrer dabei vorgingen, dafür lieferten sie ein Beispiel ausgerechnet auf dem Werksgelände der unmittelbar am Main gelegenen Farbwerke Hoechst: Plaumanns Transporter saugten, so die Ermittlungen, zwar die Giftstoffe in ihre Tanks. pumpten sie aber noch auf Hoechst-Ge lände wieder ab -- in den Fluß, Dann tankten sie Leitungswasser aus Löschhydranten und konnten so. wenn sie die Waage am Werkstor überfuhren, entsprechend Gewicht vorweisen.
Bei den Inhabern von Deponien, so Richard Eisert in Großkrotzenburg, ließen Plaumanns Chauffeure Lieferscheine über ordnungsgemäß beseitigte Marmorschlämme abzeichnen -- Abfälle. die in Wirklichkeit nicht auf dem Müllplatz, sondern ins öffentliche Siel abgelassen worden waren.
Fingierte Belege werden serienweise ausgestellt.
Verlangten Industriebetriebe hinterher Verbrennungsnachweise, legten die Spediteure fingierte Belege vor, wie sie etwa der Betriebsleiter Herbert Rihak bei der Verbrennungsanlage Biebesheim in Südhessen serienweise für Bargeld ausgestellt haben soll; gegen ihn ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft Hanau.
Solchen Praktiken leisteten nicht nur sorglose Industrie-Firmen Vorschub, die sich einen Dreck um ihren Abfall scherten, sondern auch nachlässige Behörden. Ein Fall im hessischen Offheim macht das deutlich: Schon im Herbst 1970 hatten dort Chemiker des staatlichen Untersuchungsamts Wiesbaden in Erdproben Natriumcyanid entdeckt. Bei Deponiebränden zogen pechschwarze Rauchwolken mit Kohlenmonoxiden, schwefelhaltigen Gasen und Salzsäure über das Limburger Land. Trübes, öliges Sickerwasser, das im benachbarten Wald verrieselt wurde, entlaubte Hainbuchen, Birken und Eichen.
"Wenn wir hier Gift finden", drohte damals der Limburger Landrat Heinz Wolf (CDU), "wird der Deponie-Gesellschaft sofort die Konzession entzogen." Der Konzessionär aber, der Camberger Steinbruchbesitzer und sozialdemokratische Kommunalpolitiker Karl-Heinz Engel, beschwichtigte im Kreistag, auf der Deponie würden zwar "Säuren und Gifte frei, die natürlich auch zum Tode führen können", aber das seien "reine Mißstände, die nicht vergleichbar sind mit den Vorfällen in Nordrhein-Westfalen oder in der Südpfalz". Solch "ein Rowdytum" habe es in Offheim "noch nie gegeben".
Freilich, als Grubennachbar Landwirt Johann Sehr unterhalb der Deponie Speisekartoffeln setzen wollte, griff Engel ein: "Um Gottes willen, lassen Sie das." Bauer Sehr heute: "Wenn die Kühe hier fressen sollten, haben sie nur geblasen."
Deponiemitbesitzer Engel sanierte derweil den Kommunaletat mit jährlich rund 200 000 Mark ("Die wirtschaftlichen Gesichtspunkte der Gemeinde stehen hier doch im Vordergrund"). Vom Konzessionsentzug, den der Landrat angedroht hatte, war bald nicht mal mehr die Rede -- auch dann noch nicht, als Gutachter des Wasserwirtschaftsamtes letzten Herbst Rückstände von Arsen, Zink und Cyaniden aus dem Sickerwasser destillierten.
Heute hält der Bergingenieur Engel an der Technischen Hochschule Darmstadt Vorlesungen über Umweltschutz, lehrt am Institut für Umweltplanung in Basel und trägt das Bundesverdienstkreuz. Engel räumt ein: "Müll ist mein dunkler Punkt in der Vergangenheit."
Bei seinem Nachfolger Erwin Prael -- an ihn verkaufte Engel 1970 die Deponie -- ging es nicht weniger finster zu. Kippenwärter Otto Ginolas, der "das mit der Flüssigkeit nicht verantworten" mochte und schließlich bei Prael rausflog, beschreibt das so:
wie ich dann abgelehnt habe, die Flüssigkeit anzunehmen, dann hat er gesagt, er ist der Chef, er bestimmt ... In einem Sattelschlepper, der getarnt war ... eine Trennwand drin war, wo acht Kubikmeter reingegangen sind, vorn und hinten Feststoffe. Da wurde der Schieber aufgemacht und hochgekippt, und dann war's bei den Feststoffen mit dabei, das war alles ein Matsch. Ich kann einen Ort mit 7000 Einwohnern nicht vergiften, wo auch meine Familie wohnt und ich auch ... Ich bin dann anschließend fort ... Das war von oben runter, von Wiesbaden aus, verboten. Prael wußte das auch.
Und Prael wußte auch von der Pumpe, die bis Ende Februar 1973 unterhalb der Grube Offheim eine "graubraune Brühe" (so der Limburger Staatsanwalt Manfred Riebeling) in den Urselbach drückte. Als eine Behördenkommission den Sachverhalt letzthin am Tatort recherchierte, stellte sich Prael ahnungslos; Deponieleiter Erich Hummer weigerte sich, "da mal zwei Kabel zusammenzustecken" (Riebeling) und Sickerwasser in den Bach zu pumpen: "Ich laß" mich doch nicht ins Zuchthaus bringen."
Kaufmann Prael, der in der Wiesbadener Adelheidstraße 23 als geschäftsführender Gesellschafter von "Westab" und "WDG" residiert und für Umweltprobleme die Diplom-Chemikerin Rosemarie von Felgel-Farnholz beschäftigt, hatte mit Problemmüll zuvor schon in Rheinland-Pfalz Geschäfte gemacht. "Tag und Nacht", berichtet der Weinhändler Jakob Demmer aus Sprendlingen bei Bad Kreuznach, "rollten hier Wagen aus ganz Deutschland an."
Es waren zumeist Lastzüge der Haniel Spedition GmbH, von denen Cyanidfässer in die Grube polterten. Die Mülltransporter kippten Arsenschlämme und Lösungsmittel ab, und "beim Abladen", weiß Müllfahrer Dieter Schnell noch heute, "mußten wir immer kotzen". Sprendlinger Anwohner legten sich nachts mit Kölnisch Wasser getränkte Tücher aufs Gesicht.
In der Bahnhofstraße, knapp 300 Meter von Praels Grube entfernt, fielen mitten im Sommer "schwarze Blätter von den Linden" (Demmer), beschwerten sich Gäste des Hotels "Deutsches Haus" bei Besitzerin Ella Heiss, daß "aus den Wasserhähnen gelbe, übelriechende Brühe" kam. Als das Wasser aus dem hoteleigenen Brunnen, mit dem "mein Onkel noch Limonade gemacht hat" (Heiss), die Leitungsschläuche der Waschmaschine zerfraß, ließ die Wirtin einen Lebensmittelchemiker kommen. Befund: "Nicht genußtauglich."
"Die Regenwürmer zerflossen zu Brei."
Und der Rentner August Menges legte eines Tages Regenwürmer auf eine Müllprobe. die er von einem parkenden Prael-Laster geklaubt hatte: "Die Würmer wurden an beiden Enden sofort ganz rot, dann zerflossen sie zu Brei."
Ende 1970 tat Prael, vertrieben vom Zorn der Sprendlinger, bei Meudt im Westerwald eine leere Tongrube des Grafen Emanuel von Walderdorff auf -- ein neues Areal, wo gut zwei Monate lang täglich bis zu 20 Laster vorführen. Raupenfahrer Toni Kloft erinnert sich: "Wir haben da insgesamt so um die 12 000 Fässer schwarz-stinkiges Zeugs abgekippt."
Wenn Kloft seinen Arbeitgeber fragte ("Chef, Mensch; das stinkt aber so"), beruhigte Prael: "Gift kommt hier keines hin." Später mochte Kloft, inzwischen als Leiter in Praels neuer Grube Offheim eingesetzt, "die Verantwortung nicht mehr tragen" und suchte sich einen neuen Job.
Heute weist das Gelände bei Meudt hochgradige Cyanid-Verseuchung auf. Chemische Analysen ergaben 0,87 gegenüber der zumutbaren Höchstmenge von 0,01 Milligramm pro Liter Trinkwasser -- was dem zuständigen Wasserwirtschaftsamt in Montabaur bislang entgangen ist. Amtsleiter Joachim Klippel: "Cyanid in Meudt -- das höre ich jetzt zum erstenmal."
"Wenn das alles wieder rausgeholt werden müßte", prophezeit Raupenfahrer Kloft, "dann kann der Herr Prael aber gleich Bankrott anmelden." Prael selber will von abgelagerten Giften und verseuchten Gewässern nichts wissen: "Alles nur Karl May." Allenfalls: "Ob uns da etwas untergejodelt worden ist, weiß ich nicht."
"Man muß die Beamten kennen oder sie bestechen."
Den Staatsanwälten, die in Mainz und Limburg derweil gegen ihn ermitteln, sieht er "ruhig" entgegen: "Wir werden nichts weiter als ein nettes Gespräch führen." Und seit er als Müllspediteur und vierfacher Deponiebetreiber den westdeutschen Giftmüll-Markt beherrscht, fällt ihm über den Rest der Branche nur noch Abfälliges ein: Der eine "quatscht soviel, ist ein Spinner und spielt eine unheilvolle dumme Rolle" -- über Lohrum; der andere "ist pleite und macht üble Geschäfte in Wildwestmanier" -- über den Pfälzer Kollegen Fritz Gebbert.
Auch Gebbert, dem ungenehmigte Gifttransporte nach Venningen-Kirrweiler und Jockgrim in der Südpfalz vorgeworfen werden, beschäftigt die Strafermittler seit einem Jahr -- wie Deponiebetreiber Eisert in Großkrotzenburg" der eine Ablagerungsgrube im Mainbogen östlich von Frankfurt übernommen hatte.
Immer neue Namen, immer neue Tatbestände -- eine Verfilzung sondergleichen tat sich auf. Zeitweiliger Pächter der Eisert-Deponie war der südbadische Wirtschaftsberater Fritz von Dosky aus Achern. Er wiederum war zuvor stiller Gesellschafter in Gebberts Firma "Südpfälzische Gesellschaft für Verbrennung und fachgerechte Beseitigung von Industrie-Müll". Von Dosky mischte, sagen Branchenkenner, auch bei der "Mittelbadischen Verbrennungs-GmbH" des Rastatter Kaufmanns Franz Moritz Hindemith mit, wo längst nicht alles -- wie der Industrie versprochen -- verbrannt wurde.
Und inzwischen gräbt jeder Müller dem anderen eine Grube: Als Geschäftsführer einer Deponie in Breitscheid, Kreis Mettmann, wird Dosky heute vom ehemaligen Kompagnon Gebbert belastet: "Unter seiner Regie sind Cyanide unerlaubt nach Breitscheid und Sprendlingen gebracht worden."
"Irgendwo abgekippt", weiß Gastwirt Manfred Speeka, der "für 900 Mark netto" bei Entsorger Gebbert das Telephon bediente, "hat jeder? Die Marktmechanismen in der Müllbranche sind simpel: "Wenn man ins Sondermullgeschäft heutzutage einsteigen will", sagt Specka, "dann muß man entweder die Leute kennen, Beamte, die Einkaufsleiter, oder wenn man sie nicht kennt, dann versucht man sie zu bestechen."
Millionen aus der Staatskasse für die Sanierung.
Viele Deponiehalter kennen Hans-Erich Klotter, Ministerialbeamter im Mainzer Umweltministerium und zugleich Chemie-Professor an der Universität. Er gutachtete mal -- als Beamter -- für das Ministerium, mal -- als Privatmann -- für Firmen. Für Hoechst
* Bei Freimann (l.), Langenseibold (r.).
und Prael tat er die Deponie Sprendlingen auf und holte hessischen Dreck nach Rheinland-Pfalz. "Und in Gerolsheim", behauptet Gutachter-Kollege Lohrum, "werden sich alle, die jetzt dran sind, auf Klotter berufen." Lohrum: "Bei dem sollte die Kripo mal eine Hausdurchsuchung machen."
Klotter, der als Amtsperson auch von Grubenbesitzern vorgelegte Gutachten genehmigt, ahnt schon Verwicklungen: "Da hat mich ein Herr Beyer beim Landeskriminalamt in die Pfanne gehauen."
Ruckstandsbeseitiger Victor Beyer aus Mannheim, dessen Cyanid-Transporte als früherer Stinnes-Niederlassungsleiter ebenfalls branchengeläufig sind, spielt heute, so wundert sich Lohrum, den "Saubermann Nummer eins Beyer, gelegentlicher Zechpartner des neuen hessischen Umweltministers Hans Krollmann, wirbt jetzt zur Verhinderung "der Müllskandale" für eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit" von "Industrie, Beseitiger, Behörden und Presse" und kassiert Steuergelder: Verseuchte Deponien wie in Langenselbold" an denen viele verdient haben, werden von Beyers "Badischer Rückstandsbeseitigungs-GmbH" (Sitz Mannheim) auf Staatskosten für Millionen saniert.
Welches Ausmaß die groteske Kumpanei zwischen Müll-Beseitigern und arglosen Umwelt-Beamten hat, zeigt die Vorplanung für eine sogenannte geplante Musterdeponie im hessischen Mainflingen. Dort soll "unter entscheidender Beteiligung des Landes Hessen", wie Oberregierungsrat Leonhard von der Wiesbadener Landesanstalt für Umwelt sagt, künftig Giftmüll unter staatlicher Aufsicht nach strengem Reglement gelagert werden. Und ausgerechnet dafür haben sich die Hessen einen Partner gesucht, gegen den das Landeskriminalamt wegen Vergehen gegen das Wasserhaushaltsgesetz ermittelt: Erwin Prael und seine Westdeutsche Deponie GmbH und Co. KG aus Wiesbaden.
Für Branchenkenner Fastenau geht es im Müll-Milieu zu "wie in Schwarzmarktzeiten". Die Entsorgungsfirmen "kennen sich fast alle, hängen zusammen". Und: "Ganz gleichgültig, mit welcher Firma man es zu tun hat, es spielt sich in jedem Fall dasselbe ab." Das sieht -- im Fall Fastenau -- so aus:
Im Wasser das Tausendfache des Cyanid-Höchstwertes.
Westab-Geschäftsführer Prael hatte mit dem Oldenburger Professor einen Beratungsvertrag geschlossen, um für "DM 60,00 je Stunde" eine Untersuchung "über das Wasserproblem" in der Deponie off heim durchzuführen. Als Fastenau wissen wollte, "welche Stoffe die Deponie enthält" und künftig vom Hauptlieferanten Farbwerke Hoechst aufnehmen werde, teilte Prael ihm bald darauf mit, "daß wir Ihre Beratung nicht mehr benötigen". Auf eine Schlußrechnung, die der Westab-Kaufmann begleichen wollte, verzichtete Fastenau: "Es hätte wie ein Schweigegeld aussehen können."
In einer Sickerwasserprobe hatte der Professor chlorierte Kohlenwasserstoffe, Phenole und, "als Krönung", stark überhöhte Cyanid-Konzentrationen (11,169 Milligramm pro Liter) festgestellt -. mehr als das Tausendfache des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgeschlagenen Höchstwertes.
Erst jüngst untersuchte der Professor Sickerwasserproben aus einem halben Dutzend Industriemüll-Deponien verschiedener Bundesländer. Sämtliche Befunde waren -- wie der Wissenschaftler letzte Woche mitteilte -- "so, daß ein Staatsanwalt, wenn er sie kennt, Anklage erheben muß". So ermittelte der Gewässerkundler in Proben der Deponien
* Maisch bei Heidelberg, wo Sickerwasser letzthin noch mit Wissen des Wasserwirtschaftsamts in den angrenzenden Wald gepumpt wurde, 2,832 Milligramm pro Liter,
* Offheim bei Limburg, wo unterhalb der Grube neben Gifttümpeln im Tal der Urselbach fließt, 2,004 Milligramm pro Liter,
* Meudt bei Montabaur, der ausgebeuteten Tongrube des Grafen Emanuel von Walderdorff, 0,87 Milligramm pro Liter,
* Sprendlingen bei Bad Kreuznach, unmittelbar am Ortsrand, 0,512 Milligramm pro Liter.
Cyanid in unzulässig hoher Konzentration fand der Oldenburger Professor auch in Bodenproben nahe der Deponie Jockgrim in der Pfalz (0,309), starke Mengen Kohlenwasserstoffe und Benzin in Verbindung mit Cyanid in Landsweiler an der Saar und in Breitscheid bei Düsseldorf.
"30 000 Tonnen Cyanid seit 1988 verschwunden."
"Mindestens 30000 Tonnen Cyanid", so eine Rechnung des Sicherheitsingenieurs Lohrum, der jahrelang selbst das Mullgeschäft makelte, "sind seit 1968 irgendwo verschwunden." Und der Camberger Bergbauingenieur Karl-Heinz Engel, der vor Prael die Deponie in Offheim leitete, ist sich sicher: "70 bis 80 Prozent der Cyanide in der Bundesrepublik werden auch heute noch unkontrolliert abgelagert."
Haniel-Prokurist Hans Decu aus Mannheim, dessen Firma den Deponie- und Transportmarkt beherrscht, sieht ein "großes Dunkelfeld". Seine Kalkulation: "In dreieinhalbtausend Betrieben fallen bei der Produktion cyanidhaltige Härtesalzrückstände an, und das meiste Zeug davon landet noch immer auf Hausmüllplätzen."
Trotz unterirdischer Deponie: Noch immer wilde Giftmüllkippen.
Und diese Mißstände, die während der sechziger Jahre einrissen, dauern fort. Ein Ende der nationalen Brunnenvergiftung ist nicht abzusehen -- obwohl seit dem Hessen-Skandal um Plaumann die Staatsanwaltschaften vielerorts Umweltdezernate eingerichtet haben, obwohl die Kontrollämter bald, wenn die Ausführungsbestimmungen in Kraft treten, die Paragraphen des Abfallbeseitigungsgesetzes von 1972 voll nutzen können, obwohl die Bundesländer sich in konzertierten Aktionen um geordnete "Beseitigung von Sonderabfällen" bemühen und auch in den Behörden Umweltbewußtsein wach geworden ist.
Selbst die Errichtung einer Zentraldeponie für Cyanide in dem ehemaligen hessischen Kalibergwerk Herfa Ende vergangenen Jahres hat die schlechte Sitte nicht beendet, die blausäurebildenden Abfälle auf nicht dafür geeignete Kippen zu schaffen. In Herfa lagerten Ende Februar 9133 Tonnen Härtesalz-Rückstände -- mehr als doppelt soviel freilich hätten es bis dahin schon sein müssen: rund 19 000 Tonnen.

DER SPIEGEL 20/1974
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DER SPIEGEL 20/1974
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